Aus Tomsjonäs, am 16. August 1857, schreibt Bismarck: »Etwa
fünfzehn Meilen bin ich ununterbrochen im wüstesten Walde gefahren,
um hierher zu gelangen, und vor mir liegen noch fünfundzwanzig
Meilen, ehe man wieder in ackerbauende Provinzen gelangt. Keine
Stadt, kein Dorf weit und breit, nur einzelne Ansiedler und
bretterne Hütten mit wenig Gerste und Kartoffeln, die unregelmäßig
zwischen abgestorbenen Bäumen, Felsstücken und Buschwerk einige
Ruten angebautes Land finden. Denke Dir von der wüstesten Gegend
bei Viartlum etwa hundert Quadratmeilen aneinander, hohes
Heidekraut mit kurzem Gras und Moor wechselnd, und mit Birken,
Wacholder, Tannen, Buchen, Eichen, Ellern, bald undurchdringlich
dick, bald öde und dünn besetzt, das Ganze mit zahllosen Steinen,
bis zur Größe von hausdicken Felsblöcken besät, nach wildem
Rosmarin und Harz riechend; dazwischen wunderlich gestaltete
Seen, von Heidehügeln und Wald umgeben, so hast Du Småland, wo
ich mich dermalen befinde. Eigentlich das Land meiner Träume,
unerreichbar für Depeschen, Kollegen und (Manteuffel), leider
aber auch für Dich. Ich möchte wohl an einem dieser stillen Seen
ein Jagdschlößchen haben und es mit allen Lieben, die ich mir
jetzt in Reinfeld versammelt denke, auf einige Monate bevölkern.
Der Winter wäre allerdings hier nicht auszudauern, besonders
im Regenschmutz. Gestern rückten wir um fünf aus, suchten in
brennender Hitze, bergauf, bergab, durch Sumpf und Busch bis elf
und fanden gar nichts; das Gehen in Mooren und undurchdringlichen
Wacholderdickungen, auf großen Steinen und Lagerholz ist sehr
ermüdend. Dann schliefen wir in einem Heuschuppen bis zwei Uhr,
tranken viel Milch und jagten bis Sonnenuntergang, wobei wir
fünfundzwanzig Birkhühner und zwei Auer erlegten. Dann dinierten
wir auf dem Jagdhaus, einem wunderlichen Gebäude von Holz, auf
einer Halbinsel im See. Meine Kammer und deren drei Stühle, zwei
Tische und Bettstelle bieten keine andere Farbe als die roher
Fichtenbretter, wie das ganze Haus, dessen Wände daraus bestehen.
Bett sehr hart, aber nach diesen Strapazen schläft man ungewiegt.
Aus meinem Fenster sehe ich einen blühenden Heidehügel, darauf
Birken, die sich im Winde schaukeln, zwischen ihnen durch den
Seespiegel, jenseits Tannenwald. Neben dem Haus ist ein Zeltlager
für Jäger, Kutscher, Diener und Bauern aufgeschlagen, dann die
Wagenburg und eine kleine Hundestadt, achtzehn oder zwanzig Hütten
zu beiden Seiten einer Gasse, die sie bilden, aus jeder schaut ein
Gischperl müde von der gestrigen Jagd. In dieser Wüstenei denke
ich bis Mittwoch oder Donnerstag zu weilen, dann zu einer anderen
Jagd nach dem Strande zu gehen, heute über acht Tage wieder in
Kopenhagen zu sein, um der leidigen Politik willen. Was dann wird,
weiß ich noch nicht.«
Die Zeit aber, die Bismarck in Frankfurt verleben sollte, nahte ihrem
Ende. Langsam begannen in König Friedrich Wilhelm =IV.= sich die
ersten Spuren der Geisteskrankheit zu zeigen, in der er bald völlig
versinken sollte. Ein anderer trat, zuerst als Prinzregent, an seine
Stelle: Der Mann, der alsbald Otto von Bismarck als Steuermann des
preußischen Staatsschiffes berufen und mit dem er die Fahrt antreten
sollte in Glanz und Ewigkeit. Von ihm hat später, rückblickend auf
zwei Jahrzehnte gemeinsamer Arbeit, Fürst Bismarck geurteilt: »Er
unterscheidet sich ganz und gar von den in so hoher Stellung geborenen
Menschen oder doch von den meisten derselben. Sie legen wenig Gewicht
auf die Empfindungen und Wünsche anderer; sie meinen, Menschen ihrer
Abstammung sei vieles erlaubt, ihre ganze Erziehung scheint dahin zu
zielen, in ihnen die menschliche Stimme zu ersticken; mein alter Herr
hält sich nicht für einen solchen Olympier, im Gegenteil, er ist in
jeder Beziehung Mensch und unterzieht sich jeder menschlichen Pflicht.
Er hat nie in seinem Leben jemand unrecht getan, nie das Gefühl eines
anderen verletzt, nie sich einer Härte schuldig gemacht. Er ist einer
jener Menschen, deren gütiges Naturell die Herzen gewinnt, der sich
fort und fort mit dem Wohle seiner Umgebung und seiner Untertanen
beschäftigt, geschmückt mit allen hohen Eigenschaften eines Fürsten,
mit allen Tugenden eines Menschen. Es ist unmöglich, sich einen
schöneren und wohltuenderen Typus eines Edelmannes zu denken.« Schon
seine Mutter hatte von dem Knaben geurteilt, er sei »einfach, bieder
und verständig«. Frühzeitig war ihm Bismarck nahegetreten, seiner
Bemühung und seiner steten Arbeit war es wohl zu verdanken, daß
die langen Jahre der Verbannung des Prinzen nach Koblenz ein Ende
nahmen, und wenn auch in einzelnen Fragen zwischen den beiden Männern
Gegensätze der Meinung bestanden, und wenn auch die leidenschaftliche
Art Bismarcks zuweilen die ruhige Art des Prinzen Wilhelm verletzen
oder gar abstoßen mochte, so blieb doch die Grundlage ihrer Beziehungen
schon aus den Frankfurter Zeiten her ein tiefes Vertrauen.
[Illustration: ~Kreuzigung.~ (Französisches Flugblatt 1870)]