In den Tuilerien

»Bei dem Souper«, so erzählt Bismarck in seinen Erinnerungen,

»war mir im Vergleich mit Berlin die Einrichtung merkwürdig, daß

die Gesellschaft in drei Klassen mit Abstufungen in dem Menü

speiste und denjenigen Gästen, die überhaupt speisen sollten, die

Zusicherung durch Überreichung einer Karte mit der Nummer beim

Eintreten gegeben wurde. Die Karten der ersten Klasse enthielten

auch den Namen der an dem betreffenden Tische vorsitzenden Dame.

Diese Tische waren auf fünfzehn bis zwanzig Personen eingerichtet.

Ich erhielt beim Eintreten eine solche Karte zu dem Tische der

Gräfin Walewska und später im Saale noch zwei von zwei anderen

=Patronesses=-Damen der Diplomatie und des Hofes. Es war also kein

genauer Plan für die Placierung der Gäste gemacht worden. Ich

wählte den Tisch der Gräfin Walewska, zu deren Departement ich als

auswärtiger Diplomat gehörte. Auf dem Wege zu dem betreffenden

Saale stieß ich auf einen preußischen Offizier in der Uniform eines

Garde-Infanterie-Regiments, der eine französische Dame führte und

sich in lebhaftem Streit mit einem der kaiserlichen Haushofmeister

befand, der beide, weil sie mit Karten nicht versehen waren,

nicht passieren lassen wollte. Nachdem mir der Offizier auf mein

Befragen die Sachlage erklärt und mir die Dame als eine Herzogin

mit italienischem Titel aus dem ersten =Empire= bezeichnet hatte,

sagte ich dem Hofbeamten, ich hätte die Karte des Herrn, und gab

ihm eine der meinigen. Der Beamte wollte nun aber die Dame nicht

passieren lassen, ich gab daher dem Offizier meine zweite Karte

für seine Herzogin. Der Beamte bedeutete mich, »=mais vous ne

passerez pas sans carte=«; als ich ihm die dritte vorgezeigt hatte,

machte er ein verwundertes Gesicht und ließ uns alle drei durch.

Ich empfahl meinen beiden Schützlingen, sich nicht an die Tische

zu setzen, die auf den Karten angegeben waren, sondern zu sehen,

wo sie sonst unterkämen, habe auch keine Reklamation über meine

Kartenverteilung zu hören bekommen. Die Unregelmäßigkeit war so

groß, daß unser Tisch nicht voll besetzt wurde, was sich aus dem

Mangel einer Verabredung der =dames patronesses= erklärt. Der alte

Fürst Pückler hatte entweder keine Karte erhalten oder seinen Tisch

nicht finden können; nachdem er sich an mein ihm bekanntes Gesicht

gewandt hatte, wurde er von der Gräfin Walewska auf einen der leer

gebliebenen Plätze eingeladen. Das Souper war trotz der Dreiteilung

weder nach dem Material noch nach der Zubereitung auf der Höhe

dessen, was in Berlin bei ähnlichen Massenfesten geleistet wird;

nur die Bedienung war ausreichend und prompt. Am auffallendsten

war mir der Unterschied in den Anordnungen für die Zirkulation.

Das Versailler Schloß bietet dafür eine viel größere Leichtigkeit

als das Berliner vermöge der größeren Zahl und, abgesehen von dem

Weißen Saale, der größeren Ausdehnung der Räume. Hier war den

Soupierenden Nr. 1 für ihren Rückzug derselbe Weg angewiesen wie

den Hungrigen Nr. 2, deren stürmischer Anmarsch schon eine weniger

höfische gesellschaftliche Gewöhnung verriet. Es kamen körperliche

Zusammenstöße der gestickten und bebänderten Herren und reich

eleganten Damen vor, die in Handgreiflichkeiten und Verbalinjurien

übergingen, wie sie bei uns im Schlosse unmöglich wären. Ich zog

mich mit dem befriedigenden Eindruck zurück, daß trotz alles

Glanzes des Kaiserlichen Hofes der Hofdienst, die Erziehung und die

Manieren der Hofgesellschaft bei uns wie in Petersburg und Wien

höher standen als in Paris, und daß die Zeiten hinter uns lagen, da

man in Frankreich und am Pariser Hof eine Schule der Höflichkeit

und des guten Benehmens durchmachen konnte.«

Aber die Reise nach Paris machte Bismarck nicht nur den

Altkonservativen doppelt verdächtig, sondern erregte auch das Mißtrauen

des Königs.

Aber dumm, dumm!

»Der König«, so erzählt Bismarck, »fragte mich einmal bei Tafel

quer über den Tisch nach meiner Meinung über Louis Napoleon;

sein Ton war ironisch. Ich antwortete: ›Ich habe den Eindruck,

daß der Kaiser Napoleon ein gescheiter und liebenswürdiger Mann,

aber so klug nicht ist, wie die Welt ihn schätzt, die alles, was

vorgeht, auf seine Rechnung schreibt, und wenn es in Ostasien zur

unrechten Zeit regnet, das aus einer übelwollenden Machination

des Kaisers erklären will. Man hat sich besonders bei uns daran

gewöhnt, ihn als eine Art =génie du mal= zu betrachten, das immer

nur darüber nachdenke, wie es in der Welt Unfug anrichten könne.

Ich glaube, daß er froh ist, wenn er etwas Gutes in Ruhe genießen

kann; sein Verstand wird auf Kosten seines Herzens überschätzt; er

ist im Grunde gutmütig, und es ist ihm ein ungewöhnliches Maß von

Dankbarkeit für jeden geleisteten Dienst eigen.‹ Der König lachte

dazu in einer Weise, die mich verdroß und zu der Frage veranlaßte,

ob ich mir gestatten dürfe, die augenblicklichen Gedanken Sr.

Majestät zu erraten. Der König bejahte und ich sagte: ›General

von Canitz hielt den jungen Offizieren in der Kriegsakademie

Vorträge über Napoleons Feldzüge. Ein strebsamer Zuhörer fragte

ihn, warum Napoleon diese oder jene Bewegung unterlassen haben

könne. Canitz antwortete: ›Ja, sehen Sie, wie dieser Napoleon eben

war, ein seelensguter Kerl, aber dumm, dumm‹ — was natürlich die

große Heiterkeit der Kriegsschüler erregte. Ich fürchte, daß Eurer

Majestät Gedanken über mich denen des Generals von Canitz über

Napoleon ähnlich sind.‹ Der König sagte lachend: ›Sie mögen recht

haben; aber ich kenne den jetzigen Napoleon nicht hinreichend, um

Ihren Eindruck bestreiten zu können, daß sein Herz besser sei als

sein Kopf.‹«

Schon in den nächsten Jahren traten an Bismarck sowohl durch den

König selbst wie durch Manteuffel wiederholte Anträge heran, in das

Ministerium einzutreten. Friedrich Wilhelm gebrauchte sogar einmal die

Wendung ihm gegenüber: »Wenn Sie sich an der Erde winden, es hilft

Ihnen nichts, Sie müssen Minister werden.« Aber zu einem entscheidenden

Schritt ist es unter dem ältesten Sohne der Königin Luise nicht mehr

gekommen. Noch stand dem jungen Staatsmann eine ernste Lehrzeit in

Petersburg und Paris bevor, noch sollte es ihm vergönnt sein, all die

Schauplätze der großen Politik, in der er selbst einst der Meister

werden sollte, mit eigenen Augen kennen zu lernen und so über Völker

und Menschen ein eigenes Urteil zu gewinnen. Daß er noch einmal nach

Paris ging, daß er nicht einseitig sich für Österreich erklären wollte,

entfernte ihn immer weiter von den alten Freunden. Er war eben auch

damals nicht Doktrinär. Das sprach er in geradezu klassischer Weise in

einem der letzten vertraulichen Briefe aus, die er mit seinem alten

Freunde Gerlach wechselte:

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 102 / 334 题