Pariser Leben

»Es ist wahr,« so schreibt er aus der französischen Hauptstadt an

Gerlach, »wenn ich an meinen letzten Besuch in Paris unter Louis

Philipp denke, so finde ich die Pariser wunderbar fortgeschritten

in der Disziplin und dem äußeren Anstande. Der einzige Mensch,

der mit Selbstbewußtsein über die Straße geht, ist der Soldat,

vom General bis zum Trainknecht, und wer gar nichts von der

neuesten Geschichte wüßte, würde doch aus einem Vergleich

der Physiognomie des Straßenlebens entnehmen können, daß die

Herrschaft von der Juli-Bourgeoisie auf die Armee übergegangen

ist. Die Beleuchtung ist glänzend, aber doch sieht man noch mehr

Polizisten als Laternen; es gibt keinen Winkel in allen Straßen,

wo man nicht sicher wäre, in irgendeiner Richtung wenigstens,

dem beobachtenden Blick eines uniformierten =agent de police=,

=gendarmes=, =municipal=, und wie sie alle heißen, zu begegnen;

man kann nicht stillstehen, ohne neben sich zu hören: =circulez,

s’il vous plaît=. Ich würde mich gar nicht gewundert haben, beim

Aufwachen des Morgens in ein Gesicht mit drei Bärten und schiefem

Hut zu blicken, welches mir mit der gelangweilten Höflichkeit eines

Gefängnisschließers sagte: =Pissez, s’il vous plaît, changez de

chemise, s. v. pl.= Man hört auf, nach eigenem Willen zu niesen

oder zu schnauben, wenn man den Fuß in diese Tretmühle gesetzt

hat. Der Franzose sagt: =c’est précisément ce qu’il nous faut;

le despotisme est la seule forme de gouvernement compatible avec

l’esprit français=. Das mag richtig sein, ist aber eine scharfe

Selbstkritik. Merkwürdig war die Gleichgültigkeit gegen den Krieg

und die Nachrichten aus der Krim. Die Aufnahme der Königin von

England im Publikum war unzweifelhaft kalt; man sah das an, wie man

eine Menagerie oder eine Parade sieht, machte seine Witze, und der

Enthusiasmus war allein auf seiten der Engländer.«

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 101 / 334 题