Das Duell mit Vincke

Der bekannte Abgeordnete von Vincke hatte die Herabsetzung des

Militäretats beantragt, die preußischen Rüstungen scharf verurteilt

und ausgerufen, man solle nicht daran denken, die Landwehr etwa

dazu zu benutzen, bei einem diplomatischen Rückzug, wie den

von Olmütz, Parade zu machen; Ereignisse wie die Schlacht von

Bronzell könnten ohne Benachteiligung nicht vorübergehen. In

seiner Erbitterung sagte Bismarck: »Es kommt vor, daß militärische

Talente angeboren werden, es ist auch möglich, daß einzelne

Kammermitglieder in der Eigenschaft als Landwehroffiziere sich

hohe kriegswissenschaftliche Kenntnisse erwerben. Ich würde aber,

ehe wir darauf Kammerbeschlüsse gründen, doch wohl bitten, eine

Probe davon abzuwarten.« Er fügte hinzu: »Es ist möglich, daß trotz

der friedlichen Disposition aller Staaten Europas wir vielleicht

innerhalb sechs Monaten in Verhältnisse kommen, in welchen die

Herren Gelegenheit haben könnten, ihre militärischen Talente auf

einem anderen Feld als hier darzutun!« Die Anspielung Bismarcks

auf den Charakter Vinckes als Landwehroffizier führte diesen

wieder auf die Tribüne. Er ersuchte Herrn von Bismarck, dessen

witzige Talente ja hinreichend bekannt seien, nicht immer die alten

Kammerwitze vorzutragen, und rief: »Denkt man etwa, die Landwehr

dazu zu benutzen, bei einem diplomatischen Rückzuge, wie den von

Olmütz, Parade zu machen, oder mutet man ihr Schlachten zu, wie

die bei Bronzell?« Bismarck entgegnete, es sei nicht seine Absicht

gewesen, Witze zu machen, denn er halte Vinckes Situation, wenn

er ihn im Felde sehen sollte, gar nicht für witzig, sondern für

sehr ernst; wer übrigens zum neunzehnten Male den müdegerittenen

Trompeterschimmel von Bronzell tummelt, der dürfe sich nicht über

alte abgetragene Witze beklagen. Zwei Tage darauf erneuerte Herr

von Vincke den persönlichen Kampf. Er bekämpfte eine Etatforderung

für die Burg Hohenzollern mit der Begründung, daß man dieses Geld

für Kriegszwecke in nächster Zeit jedenfalls nötiger brauche, seit

ein »namhafter Diplomat« es ausgesprochen habe, daß man vielleicht

schon in sechs Monaten Krieg haben werde. Wenn dies von einem

Diplomaten, bei dem doch eine diskrete Zurückhaltung notwendig sei,

gesagt werde, so müsse die Besorgnis eines europäischen Krieges

doch weit näher liegen, als man bisher angenommen habe. Bismarck

verwahrte sich gegen die Bosheiten Vinckes und schloß seine

Erwiderung mit der Bemerkung, daß er nicht den Krieg angekündigt,

sondern nur die Möglichkeit eines Krieges behauptet habe: »Ich

glaube, durch diese Äußerung die Diskretion, welche mein Amt mir

auferlegt, nicht verletzt zu haben, ebensowenig als dadurch, daß

ich hinzufüge, daß es meine feste Überzeugung ist, daß wir in sechs

Monaten Krieg haben oder Frieden.« Der Abgeordnete von Vincke

bemerkt hierauf ungefähr: Ich kann nur annehmen, daß der persönlich

gereizte Ton, wozu der Herr Abgeordnete keine Veranlassung hatte,

da ich seine Leistungen dankbar anerkannt habe, nur aus verletzter

Bescheidenheit herrührt, weil ich ihn einen namhaften Diplomaten

genannt habe. Ich will daher, um ihn zu befriedigen, diese Äußerung

hiermit förmlich zurücknehmen, da allerdings alles, was ich von

seinen diplomatischen Leistungen weiß, sich nur auf die bekannte

brennende Zigarre beschränkt. Die Folge dieses Zwistes war das

Duell zwischen Bismarck und Vincke, über das General von Gerlach

in seinem Tagebuch verzeichnete: »23. März. Es kommt nun doch zum

Duell von Vincke und Bismarck. Gestern abend war Bismarck bei

mir, sehr liebenswürdig über sein Duell; vorher Stollberg, der

davon sehr bewegt, es dennoch für notwendig erklärte. Büchsel (der

Hofprediger) hatte Bismarck das heilige Abendmahl verweigert — er

(Bismarck) war mit Hans Kleist bei ihm gewesen; ich kann das nicht

richtig finden; er ist im Stande der Notwehr und gerechten Krieges.

Kleist hat Büchsel vergebens zugeredet. Heut morgen schrieb ich an

Alvensleben, um auf Schulenburg-Wolfsburg (Vinckes Schwiegervater)

zu wirken, und an Eberhard Stollberg, Bismarcks Sekundant,

um dem, was von dort kommen könnte, eine günstige Aufnahme zu

verschaffen. — 28. März. Seitdem ist Bismarcks Duell, ohne daß

etwas herausgekommen, vorübergegangen, und zwar am 25. März.

Büchsel hat ihm das heilige Abendmahl am Tage vorher gereicht,

und er hat vor dem ersten Schuß ein Gebet gesprochen. Auf Vincke

soll dies doch Eindruck gemacht haben.« Als Vincke seinen Gegner

beten sah, mochten die Vorstellungen seines Schwiegervaters von

der Schulenburg, daß dieser Ehrenhandel nicht blutig verlaufen

dürfe, in seiner Seele Wurzel fassen, und da er als Geforderter den

ersten Schuß hatte, ließ er an der Ziellosigkeit dieses Schusses

seine Versöhnung erkennen. Darauf schoß auch Bismarck in die Luft.

Bei dem Leibesumfang des Herrn von Vincke und Bismarcks Geübtheit

im Schießen würde er den Gegner bei ernstlichem Willen schwerlich

gefehlt haben.«

Bismarck hielt es zwar für notwendig, bei den nächsten Wahlen auf

ein Mandat zu verzichten, doch präsentierte ihn alsbald der alte und

befestigte Grundbesitz im Herzogtum Stettin für das Herrenhaus, wo

er jedoch bis zu seinem Eintritt in das Ministerium niemals das Wort

ergriff.

Wieder führte ihn eine Fülle von Reisen in das Ausland, nach Holland,

Norderney, den Genfer See und Oberitalien. Und immer findet er Zeit, in

überaus plastischen Bildern das, was er sieht und erlebt, den Freunden

und den Seinen darzustellen. Als er von Norderney heimgekehrt war, da

traf ihn ein seltsames Angebot: er sollte Minister des Königs Georg von

Hannover werden. Aber »er konnte sein Preußentum nicht ausziehen wie

einen Rock« — welche Wendung hätte wohl die Geschichte genommen, wenn

er damals den Antrag angenommen hätte!

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 99 / 334 题