Die Frankfurter

Sehr ergötzlich schildert Bismarck die revolutionäre Gefährlichkeit

der Frankfurter: »Die hiesige Bevölkerung wäre ein politischer

Vulkan, wenn sich Revolutionen mit dem Munde machen ließen. Wenn

ich hier auf einem Feldweg im Trabe reite, so springen erwachsene

Männer schon auf dreißig Schritte von mir eine Rute weit ins Korn,

um jedenfalls außer Bereich des Pferdes zu sein. — Ich habe hier

in zwei Jahren noch nie zwei Leute sich prügeln sehen, wohl aber

auf Steinwurfsentfernung sich gründlich schimpfen. — Jeder Schuh,

der sie drückt, wird natürlich ›dene Ferschte‹ (den Fürsten) zur

Last geschrieben, und wenn man die erst los wäre, so würde Milch

und Honig fließen. Nur müßten andere das Fortjagen besorgen und

die etwaigen Kopfnüsse dabei aushalten.« — Ihm war auch sonst das

Wesen der Frankfurter nicht gerade sympathisch, und der maßlose

Geselligkeitstrieb des Völkchens der Bundesphäaken erweckte seinen

Spott. Ein Frankfurter Diner schildert er mal mit den drastischen

Worten: »Ich habe gestern dem neuen Russen zu Ehren ein offizielles

Diner in echt Frankfurter Stile gegeben: über zwanzig Nummern auf

dem Menü und ein Dutzend der sonderbarsten Weine. Ich verabscheue

eigentlich diese Stoff- und Geldverwüstungen, aber ob Christian

oder Itzig, ’s Geschäft bringt’s halt so mit sich.«

Bismarcks Tätigkeit war namentlich zu Anfang nicht anstrengend

genug, um ihn von Ausflügen in die Umgebung abzuhalten. Er reiste

nach Wiesbaden und vielfach an den Rhein, schwelgte in der frischen

Bergluft des Taunus, fuhr nach Mainz und an die kleinen Höfe von

Darmstadt und Nassau, wurde von Gerlach nach Heidelberg entführt und

verlebte mit ihm reizende Stunden in Wolfsbrunn und Neckar-Steinach.

Von überallher sendet er stimmungsvolle Briefe an die Lieben daheim,

bis es ihm endlich möglich wurde, die Seinen nach Frankfurt zu holen

und mit ihnen »unter erschwerten Umständen und mit dem Intermezzo

langer Ausschußsitzungen« sich in der Bockenheimer Allee häuslich

niederzulassen. »Sie würden«, schreibt er an Gerlach, »mich nachsichtig

beurteilen, wenn Sie wüßten, wie jemand zumute ist, der, nachdem er

zwölf Jahre lang ein unabhängiger Landjunker, das heißt bodenlos faul

gewesen ist, nun plötzlich vom Aufstehen bis zum Niederlegen Galérien

des Dienstes ist. Eine Viertelstunde bei meiner Frau zu sitzen und mit

väterlichem Wohlgefallen dem Gebrüll der unnützesten beiden Kinder

auf der Welt zuzuhören, ist mir ein seltener Genuß, wenn ›aus dem

schrecklichen Gewühle ein süßbekannter Ton mich zieht‹.«

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 91 / 334 题