»Der hiesige Verkehr ist im Grunde nichts als ein gegenseitiges
mißtrauisches Ausspionieren, und wenn man noch etwas
auszuspionieren und zu verbergen hätte! Es sind lauter Lappalien,
mit denen sich die Leute quälen, und diese Diplomaten sind mir
schon jetzt mit ihrer wichtigtuenden Kleinigkeitskrämerei viel
lächerlicher als der Abgeordnete der Zweiten Kammer im Gefühl
seiner Würde. Wenn nicht äußere Ereignisse zutreten, und die
können wir superklugen Bundestagsmenschen weder leiten noch
vorherbestimmen, so weiß ich jetzt ganz genau, was wir in ein, zwei
oder fünf Jahren zustande gebracht haben werden, und will es in
vierundzwanzig Stunden zustande bringen, wenn die anderen nur einen
Tag lang wahrheitsliebend und vernünftig sein wollen. Ich habe nie
daran gezweifelt, daß sie alle mit Wasser kochen; aber eine solche
nüchterne, einfältige Wassersuppe, in der auch nicht ein einziges
Fettauge zu spüren ist, überrascht mich. Schickt den Schulzen X
oder Herrn von ?arsky aus dem Chausseehause her, wenn sie gewaschen
und gekämmt sind, so will ich in der Diplomatie Staat mit ihnen
machen. In der Kunst, mit vielen Worten gar nichts zu sagen, mache
ich reißende Fortschritte, schreibe Berichte von vielen Bogen, die
sich nett und rund wie Leitartikel lesen, und wenn Manteuffel,
nachdem er sie gelesen hat, sagen kann, was drin steht, so kann
er mehr wie ich. Jeder von uns stellt sich, als glaube er vom
anderen, daß er voller Gedanken und Entwürfe stecke, wenn er’s nur
aussprechen wollte, und dabei wissen wir alle zusammen nicht um ein
Haar besser, was aus Deutschland werden wird, als Dutken Sommer.
Kein Mensch, selbst der böswilligste Zweifler von Demokrat, glaubt,
was für Charlatanerie und Wichtigtuerei in dieser Diplomatie hier
steckt.«
An Hermann Wagner schreibt Bismarck schon wenige Tage später:
»Die Österreicher (am Bundestage) sind intrigant unter der Maske
burschikoser Bonhomie ... und suchen uns bei kleineren Formalien zu
übertölpeln, worin bis jetzt unsere einzige Beschäftigung besteht.
Die von den kleinen Staaten sind meist karikierte Zopfdiplomaten,
die sofort die Berichtphysiognomie aufstecken, wenn ich sie nur
um Feuer zur Zigarre bitte, und Blick und Wort mit Regensburger
Sorgfalt wählen, wenn sie den Schlüssel zum A.... fordern.«
[Illustration: ~Auftreten im Bundestagstheater zu Frankfurt am Main~
1851 ~als Mephistopheles in der Hexenküche~:
»Erkennst du deinen Herrn und Meister?« (»Kladderadatsch«, 1895)]
Was Bismarck in Frankfurt geleistet hat, das liegt in einer unendlichen
Fülle von Dokumenten vor unseren Augen. Und auch sein inneres Leben
findet durch die köstlichen Briefe an seine Gattin, seine politische
Entwicklung durch seine Briefe an die Brüder von Gerlach und an Herrn
von Manteuffel reiche Beleuchtung. Immer wieder aber begegnen wir den
schärfsten Sarkasmen über die superklugen Bundestagsmenschen, unter
denen er sofort um Haupteslänge hervorragt. Mit Energie nahm er schon
zu Anfang die Aufgabe in die Hand, die untergeordnete Stellung, in die
Preußen nach Olmütz geraten war, und die in den Tagen seines Vorgängers
ihren Ausdruck auch in einer gewissen Gegnerschaft für die Unterordnung
des preußischen Vertreters unter den Grafen Thun, Österreichs
Gesandten, gefunden hatte, zur Gleichberechtigung zu erheben. Insofern
sind jene scheinbar so unbedeutenden Anekdoten, die seinen Eintritt
umschließen, doch von einer gewissen Bedeutung. So auch die kleine
Geschichte aus der Militärkommission: