Er sagt dem König die Wahrheit

»Nach der Tafel führte mich der König auf die Terrasse und fragte

freundlich: ›Wie geht es bei Ihnen?‹ In der Gereiztheit, die

ich seit den Märztagen in mir trug, antwortete ich: ›Schlecht.‹

Darauf der König: ›Ich denke, die Stimmung ist gut bei Ihnen.‹

Darauf ich, unter dem Eindrucke von Anordnungen, deren Inhalt mir

nicht erinnerlich ist: ›Die Stimmung war sehr gut, aber seit die

Revolution uns von den königlichen Behörden unter königlichem

Stempel eingeimpft worden, ist sie schlecht geworden. Das Vertrauen

zu dem Beistande des Königs fehlt.‹ In dem Augenblicke trat die

Königin hinter einem Gebüsche hervor und sagte: ›Wie können Sie so

zu dem Könige sprechen?‹ — ›Laß mich nur, Elise,‹ versetzte der

König, ›ich werde schon mit ihm fertig werden‹; und dann zu mir

gewandt: ›Was werfen Sie mir denn eigentlich vor?‹ — ›Die Räumung

Berlins.‹ — ›Die habe ich nicht gewollt‹, erwiderte der König. Und

die Königin, die noch in Gehörweite geblieben war, setzte hinzu:

›Daran ist der König ganz unschuldig; er hatte seit drei Tagen

nicht geschlafen.‹ — ›Ein König muß schlafen können‹, versetzte

ich. Unbeirrt durch diese schroffe Äußerung sagte der König: ›Man

ist immer klüger, wenn man von dem Rathause kommt, was wäre denn

damit gewonnen, daß ich zugäbe, ›wie ein Esel‹ gehandelt zu haben?

Vorwürfe sind nicht das Mittel, einen umgestürzten Thron wieder

aufzurichten, dazu bedarf ich des Beistandes und tätiger Hingebung,

nicht der Kritik.‹ Die Güte, mit der er dies und Ähnliches

sagte, überwältigte mich. Ich war gekommen in der Stimmung eines

Frondeurs, dem es ganz recht sein würde, ungnädig weggeschickt zu

werden, und ging vollständig entwaffnet und gewonnen.«

Auf Bismarcks Rat ist dann der tüchtige Graf Brandenburg an die

Spitze der Regierung berufen worden; seinem Einfluß war auch wohl in

erster Linie der Entschluß des Königs zu verdanken, die Truppen unter

Wrangel in Berlin einrücken zu lassen und so der Revolution ein wenig

rühmliches Ende zu bereiten. Von der Stimmung Bismarcks aber in jener

Zeit zeugt ein Wort, das er damals zu seinem späteren Gegner Beust

gesprochen hat und das dieser uns in seinen Erinnerungen bewahrte:

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 71 / 334 题