Die Nelke

Ein gewisser zorniger Humor verließ Bismarck nicht. Dafür spricht

eine Anekdote von seiner Fahrt nach Potsdam, wohin er eilte,

entschlossen, sich vor der Brust seines Königs niedermetzeln zu

lassen. Er fuhr in einem Coupé zweiter Klasse, in dem sich auch

ein Handlungsreisender, ein frecher und lästiger Mensch, befand,

der fortwährend räsonierte und auf die Regierung und alles

mögliche schimpfte. Als sie angekommen und ausgestiegen waren,

behielt Bismarck den Sohn Merkurs im Auge und trat diesem auf dem

Perron mit vernichtenden Blicken unerwartet nahe, so daß derselbe

erschrocken zurückwich, doch Bismarck folgte ihm mit unheimlichem

Blick, und der geängstigte Kommis fand sich im Zurücktreten

plötzlich mit dem Rücken an einer Wand, seinen Verfolger mit

entsetzten Blicken anstarrend. »Wie heißen Sie?« wetterte Bismarck

ihn an. »Nelke heiße ich.« »Nehmen Sie sich in acht, Sie Nelke Sie!

oder ich werde Sie pflücken, daß es nur so knacken soll.« Sprach’s

und wendete dem Gestraften verächtlich den Rücken.

Es war Bismarck nicht beschieden, sich für den König zu opfern.

Vergebens bemühte er sich auch, dem König und seinen nächsten

Verwandten etwas von dem Mute zu übertragen, der ihn selbst entflammte.

Er fand keine Stätte für seine Wirksamkeit, keine Neigung zu

energischem Verhalten. Und so kehrte er resultatlos nach seinem Gute

zurück, sein preußisches Herz von Zorn und Empörung erfüllt, aber doch

nicht an der Zukunft verzweifelnd. Der Schmerz, der ihn erschütterte,

brach aus, als er am 2. April im Landtag das Wort ergriff, um mit

wenigen Freunden gegen die Adresse zu stimmen, in der die Abgeordneten

dem König den Dank des Landes für die Märzerrungenschaften aussprechen

wollten. Er konnte seine Erklärung nicht zu Ende bringen; ein

Weinkrampf überfiel ihn und zwang ihn, von der Tribüne herabzusteigen.

Bei dem Satze: »Wenn es wirklich gelingt, auf diesem neuen Weg

ein einiges deutsches Vaterland, einen glücklichen oder auch nur

gesetzmäßigen Zustand zu erlangen, dann wird der Augenblick gekommen

sein, wo ich dem Urheber der neuen Ordnung meinen Dank aussprechen

kann; jetzt aber ist es mir nicht möglich«, brach ihm die Stimme. Die

Adresse wurde fast einstimmig angenommen. Und die Vorgänge verwundeten

das Gefühl des jungen Politikers so stark, daß er sich weder in

den verfassunggebenden preußischen Landtag noch in das Frankfurter

Parlament wählen ließ. Denn er erwartete weder hier noch dort die

Lösung der großen Fragen, die in der Tat erst durch ihn ihre Antwort

finden sollten. Seine politische Tätigkeit beschränkte sich in der

nächsten Zeit auf eine Reihe von Versammlungen und Zeitungsartikeln,

in denen er im monarchischen Sinn Einfluß zu gewinnen suchte. Aber

auch am Königshofe trug sein entschlossenes Auftreten seine Früchte.

Er wurde wiederholt nach Sanssouci berufen, und er durfte als einer

der ersten den aus England heimkehrenden Prinzen von Preußen auf der

Wildparkstation bei Potsdam begrüßen. Und schon jetzt wird er der

Ratgeber der Mächtigen, holt ihn der König herbei, ihn um seine Meinung

zu fragen. Daß er aber kein Schmeichler war, sondern auch dem König

offen und ehrlich seine Meinung sagte, auch wenn sie wenig erfreulich

klang, das bezeugt sein Bericht von einer Audienz im Juni.

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 70 / 334 题