Der Abgeordnete von Saucken hatte behauptet, daß die preußische
Volkserhebung nicht nur aus dem Hasse gegen die napoleonische
Fremdherrschaft hervorgegangen, sondern zum gleichen Teile auf die
Hoffnung zurückzuführen sei, eine Verfassung zu erlangen. Da betrat
der zweiunddreißigjährige Bismarck die Tribüne und rief aus: »Ich
fühle mich gedrungen, dem zu widersprechen, was auf der Tribüne
sowohl als außerhalb dieses Saales so oft laut geworden ist, als
von Ansprüchen auf Verfassung die Rede war: als ob die Bewegung des
Volkes von 1813 anderen Gründen zugeschrieben werden müßte, und es
eines anderen Motivs bedurft hätte, als der Schmach, daß Fremde in
unserem Lande geboten. (Lautes Murren.) Es heißt meines Erachtens
der Nationalehre einen schlechten Dienst erweisen (wiederholtes
Murren), wenn man annimmt, daß die Mißhandlung und Erniedrigung,
die die Preußen durch einen fremden Gewalthaber erlitten, nicht
hinreichend gewesen seien, ihr Blut in Wallung zu bringen und
durch den Haß gegen die Fremdlinge alle anderen Gefühle übertäubt
werden zu lassen.« (Großer Lärm.) — Als die Abgeordneten Krause und
Gier dagegen Verwahrung einlegten, daß jemand, der die Zeit von
1813 nicht mit durchgekämpft habe, ein derartiges Urteil fälle,
bestieg Abgeordneter von Bismarck unter großem Lärm nochmals die
Tribüne. Als der Lärm aber nicht nachließ, zog er eine Zeitung
aus der Tasche, wandte der Versammlung den Rücken und las dann.
Erst als der Lärm sich legte, nahm er wieder das Wort: »Ich kann
allerdings nicht in Abrede stellen, daß ich zu jener Zeit nicht
gelebt habe, und es tat mir stets aufrichtig leid, daß es mir nicht
vergönnt gewesen, an dieser Bewegung teilzunehmen; ein Bedauern,
das vermindert wird durch die Aufklärung, die ich soeben über die
damalige Bewegung empfangen habe. Ich habe immer geglaubt, daß die
Knechtschaft, gegen die damals gekämpft wurde, im Auslande gelegen
habe; soeben bin ich aber belehrt, daß sie im Inlande gelegen hat,
und ich bin nicht sehr dankbar für diese Aufklärung!« (Einige
Stimmen: Bravo!)
[Illustration: ~Parlamentarisches Debüt~
Am 17. Mai 1847 als jugendlicher Liebhaber in der Rolle des Percy
Heißsporn: »Ich kann nicht schmeicheln, glatte Zungen verschmäh’ ich!«
(Aus einer humorist. Biographie des »Kladderadatsch« zum 80. Geburtstag
Bismarcks)]
Bismarck selbst schrieb über diesen Vorgang nach Reinfeld: »Ich erregte
gestern einen unerhörten Sturm des Mißfallens, indem ich durch eine
nicht deutlich genug gefaßte Äußerung über die Natur der Volksbewegung
von 1813 die mißverstandene Eitelkeit vieler von der eigenen Partei
verletzte und natürlich das ganze Hallo der Opposition gegen mich
hatte. Die Erbitterung war groß, vielleicht gerade, weil ich die
Wahrheit sagte. ... Man warf mir meine Jugend und was sonst noch alles
vor.« Und weiter: »Der Vater wird Dir erzählen, wie ich neulich hier
in das Wespennest der Freiwilligen stach und die entrüsteten Hornissen
auf mich her summten.« Ihn ergriff die Aufgabe, die ihm gestellt war.
Aber rasch genug erkannte er doch auch die Schwächen all der Leute,
die ihn umgaben, ihre Eitelkeit, ihre Wichtigtuerei. So schreibt er
kurz vor seinem Debüt: »Die heutige Sitzung war recht langweilig,
unendliches Schwatzen, Wiederholen, Breittreten, Zeittotschlagen.
Es ist merkwürdig, wieviel Dreistigkeit im Auftreten die Redner im
Verhältnis zu ihren Fähigkeiten zeigen, und mit welcher schamlosen
Selbstgefälligkeit sie ihre nichtssagenden Redensarten einer so großen
Versammlung aufzudrängen wagen.« Es ist der Protest des Tatenmenschen
gegen die Männer des Wortes; es ist der Protest eines Mannes, der
die Urgebote des politischen Daseins, die Gebote der Macht, des
Staates, der Volksgesamtheit erkennt und mit selbstverständlicher
Naturgewalt lehrt. Schon hier entdeckt Erich Marcks mit Recht, hier
in dieser harten Ausschließlichkeit und unvermischten, unverbildeten
leidenschaftlichen Kraft den Granit zu Bismarcks historischer Größe.
Noch dreimal ergriff Otto von Bismarck in dieser ersten Tagung das
Wort, immer im scharfen Gegensatz sich abhebend von der »importierten
Phrasenschablone« des damaligen Liberalismus. Und jene wenigen Reden
genügten, um ihn zur Hoffnung seiner Freunde, zum Grauen seiner Gegner
zu machen. Man sieht in ihm den begabtesten Wortführer der Ultras, den
schamlosen Junker. In Wahrheit aber war er in dieser kurzen Zeit zu
einem Politiker geworden, mit dem die Zukunft rechnen mußte und auch
bald genug gerechnet hat.
[Illustration: ~Der Junker~
Die erste Karikatur des gewalttätigen, nach Blut riechenden Junkers.
(Pausebild aus einer Zeitung 1848)]