»Sie ist«, so schildern sie in jener Zeit die Freunde, »ein
einzigfrommes, reines, tiefes Mädchen; in ihren Augen ist ein
balsamischer Friedensglanz. Sie ist ein frischer sprudelnder
Gesundbrunnen, eine schöne pikante Blume, über die noch nie ein
Gifthauch gegangen ist, obwohl sie zwanzig Jahre alt ist. Sie hat
nichts Schönes im Äußeren, als Augen und lange schwarze Locken,
sieht sonst alt aus, spricht viel, witzig und munter mit jedem
Menschen, Mann oder Weib.« »Sie ist äußerst gescheit«, so schreibt
ein anderer Freund, »durch und durch musikalisch, die Züge haben
nichts hervorstechend Antikes, sind aber äußerst lieblich; sie ist
durch und durch ein geistreicher Student, höchst originell mit
einem tiefen frommen Herzen, dem alle Pietisterei fremd ist, das
mit der allerholdesten Kindereinfalt Walzer spielt, wie ich es noch
nie gehört habe.« Und ein Dritter schildert sie: »Ein einzig tiefes
Gemüt zum Glücklichmachen hat das schwarze Mädchen, eine warme,
tiefe, starke, unentweihte Kraft der Liebe.«
Die Harzreise mit der Geliebten und den Freunden, die zwanglos
fröhlichen Wandertage durch die Täler und über die Berge, die
gemeinsame »grenzenlose Mondscheinhuldigung und Schwärmerei«, die
entzückten Gespräche — niemals vielleicht hat das junge Paar solche
reizvollen Tage voll Poesie erlebt, wie hier.
Mit der Verlobung steigerte sich Bismarcks Willen zu einem Leben der
Tat, wuchs die Sehnsucht nach der Rückkehr in die Welt. In denselben
Wochen, die jetzt mit den wundervollen Briefen des jungen Bräutigams
an die Braut erfüllt sind, mit Briefen, die uns die ganze poetische
Kraft, das ganze feine und tiefe Künstlerempfinden des großen Mannes
enthüllen, leistet er unermüdliche Arbeit nicht nur als Deichhauptmann,
sondern auch auf dem Kreistage, im Patrimonium, auf allen Gebieten der
Selbstverwaltung, die sich ihm erschließen. Hier atmet er auf, wenn die
Elbe zu tosen beginnt: »Wenn sie alle Jahre so langweilig sanftmütig
sein will, so würde ich das Kommando über ihre Fluten niederlegen.
Ehe ich träge Pferde reite, gehe ich lieber zu Fuß. ... In ergebenem
Gottvertrauen setz’ die Sporen ein und laß das wilde Roß des Lebens mit
Dir fliegen über Stock und Block, gefaßt darauf, den Hals zu brechen,
aber furchtlos, da Du doch einmal scheiden mußt von allem, was Dir auf
Erden teuer ist, und doch nicht auf ewig.« Bald aber naht die Stunde,
da er aus der Enge des Kreises heraustritt in das große politische
Leben: Friedrich Wilhelm hatte den Vereinigten Landtag nach Berlin
berufen; an Stelle des erkrankten Herrn von Brauchitsch zog Bismarck
dorthin. Am 11. April hatte sich der Landtag versammelt, am 17. Mai
ergriff dort bereits der junge Deichhauptmann von Bismarck das Wort.
Seine Rede war kurz, aber sie war ein Glaubensbekenntnis für alle
Zeiten. Sie war der mutige Ausdruck einer starken Persönlichkeit, die
sich bewußt und rücksichtslos gegen die allgemein gültige Auffassung
stemmte.