Der erste Orden

1842. Freitag, den 24. Juni (Johannistag), gegen fünf bis sechs

Uhr nachmittags, ließ der zur Übung hier anwesende Leutnant von

Bismarck, zweiter Sohn des Rittmeisters a. D. von Bismarck,

Gutsbesitzer auf Kniephof bei Naugard, in Begleitung des Herrn

Leutnants von Klitzing, von Schneuden usw., seine Pferde im

hiesigen Wendelsee, zwischen der Brücke und der rechts derselben

von der Stadt aus gelegenen Gotthardtschen Gerberbank durch

seinen Bedienten Johann August Ferdinand Hildebrandt und den

Ulanen Wilhelm Kühl, beide aus Jarchelin bei Naugard, schwemmen.

Die Herren Leutnants standen auf der Brücke. Hildebrandt ritt

mit seinem Pferde zuerst in den See. Unstreitig dadurch, daß der

Reiter die Zügel ungleich gefaßt, fing das Pferd an, im Kreise zu

gehen. Indem der Reiter es herumreißen wollte, bäumte es auf und

warf ihn in die Tiefe. Der Ulan Kühl sah dies und ritt schnell

hinzu. Da aber das Vorland unter dem Wasser hier steil endet, so

stürzte er über den Kopf des schnell heruntersinkenden Pferdes.

Nun zog der Herr Leutnant von Bismarck schnell seinen Uniformrock

aus, sprang von dem mindestens fünfzehn Fuß über dem Wasserspiegel

hohen Brückengeländer in den See, riß zuerst den Kühl auf das

Vorland zurück und brachte, im übrigen vollständig bekleidet

und mit Glacéhandschuhen versehen, den Hildebrandt, der schon

Wasser geschöpft hatte, aus der Tiefe wassertretend glücklich auf

das Vorland, stellte, von ihm umfaßt, diesen, sobald er auf dem

Vorland Grund erhalten hatte, auf, brachte ihn, nachdem er stehend

zum Bewußtsein gekommen war, glücklich an das Ufer und bemühte

sich, das eine noch im See schwimmende Pferd um die Gerberbank

nach dem Gotthardtschen Garten zu treiben, was glücklich gelang.

An derselben Stelle des Sees, wo schon mancher beim Schwemmen

der Pferde seinen Tod fand, rettete der edle Otto von Bismarck

mit völliger Verleugnung aller Gefahr des eigenen Lebens, mit

seltenem Mut und ausgezeichneter Kraftanstrengung das Leben zweier

Menschen. — Tatsächlich befinden sich in diesem Bericht einige

Irrtümer, insofern, als Bismarck nicht zwei Menschen, sondern

nur einen, seinen späteren langjährigen Reitknecht Hildebrandt,

rettete, ohne auch vorher seinen Rock abzulegen. — Im Jahre 1866

schrieb der Pfarrer Stöhr auf das vergilbte Blatt der Chronik noch

folgende Randbemerkung: Was hätte man geurteilt, als ich vor dem

Herrn Leutnant von Bismarck im Hause Nr. 206 in der Stube links

der Eingangstüre saß und ihn nach seinem werten Stand und Namen

fragte, um die nachstehende Tat hier niederschreiben zu können,

wenn ich ihm hätte sagen können: »Wie Sie heute Ihren Reitknecht

aus dem hiesigen Wendelsee gezogen haben, so werden Sie einst

Deutschland aus den trüben Wassern des alle geistige Entwicklung

niederhaltenden Katholizismus und der österreichisch-habsburgischen

Hauspolitik reißen und retten?«

Am Ufer des Wendelsees ist ein Denkmal errichtet, das Otto von

Bismarcks kühne Tat verherrlicht. Ihm selbst wurde nach dieser Tat

die Rettungsmedaille am Bande verliehen, die später Anlaß zu jener

bekannten Szene in Frankfurt gab. Dort fragte ihn ein mit vielen

Ordenssternen geschmückter österreichischer Staatsmann in spöttischem

Tone, was die seltsame Gestalt der Denkmünze eigentlich bedeute,

worauf Bismarck ihn mit den Worten abfertigte: »Je nun, ich habe die

Gewohnheit, mitunter einem Menschen das Leben zu retten.«

Am 16. April 1847 konnte Bismarck der Schwester die Verlobung anzeigen.

Er tat dies in der gewohnten humoristischen Form:

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 62 / 334 题