»Wenn ich nach langer Fahrt auf schlechten Wegen bei ihm in
Kniephof ankam, wurde ein einfacher Imbiß aufgetragen; er nahm
Porter und Sekt aus dem Wandschrank, setzte die Flaschen vor
mich hin und sagte: ›=Help yourself=‹. Während ich mich stärkte,
sprach er viel und anregend. Er hatte Reisen in Deutschland,
Frankreich und England gemacht und las gewaltig viel, meistens
Geschichtswerke. Er vertiefte sich auch gern in Spezialkarten,
namentlich von Deutschland und die alte zwanzigbändige
›Erdbeschreibung‹ von Büsching, welche ausführliche Angaben über
die meisten deutschen Landschaften enthält. Von sehr vielen Gütern
in Pommern, in der Mark und im Magdeburgischen kannte er die
Bodenverhältnisse, die Größen und sogar die zu verschiedenen Zeiten
dafür gezahlten Kaufwerte. Auch über Politik sprach er gern, und
was er sagte, klang manchmal ziemlich oppositionell, weil ihm die
schleppende Geschäftsbehandlung bei den Regierungskollegien in
Aachen und Potsdam mißfallen hatte. Er freute sich immer sehr,
wenn man ihn besuchte; und wenn man fortfuhr, pflegte er die Gäste
zu Pferde bis über seine Gutsgrenzen zu begleiten. Er war der
verwegenste Reiter und stürzte öfters, einmal so gefährlich, daß
ein anderer wohl nicht lebendig davongekommen wäre. Aber seine
Riesennatur trotzte jeder Störung. Die meisten Besuche, auch auf
weite Entfernungen, machte er zu Pferde und brachte lebendigen
Verkehr in die ganze Gegend. Er war ein vorzüglicher Jäger und
oft König der Jagd. In Kniephof war das Jagddiner immer einfach,
doch saßen wir trinkend und rauchend gewöhnlich bis in die tiefe
Nacht. Bismarck war ein starker Zecher, aber niemals hat ihn jemand
berauscht gesehen. Eines Abends wollte ich mit einem Freunde von
Regenwalde nach Naugard fahren. Es war schon spät, als wir durch
Kniephof kamen, und wir beschlossen, dort die Nacht zu bleiben.
Bismarck empfing uns sehr freundlich, sagte aber sogleich, er könne
uns am anderen Morgen keine Gesellschaft leisten, da er schon um
sieben Uhr nach Naugard fahren müßte. Das wollten auch wir. Er
empfahl uns wiederholt, nicht so früh aufzubrechen, sagte aber
endlich: ›Wenn ihr es denn nicht anders wollt, so werde ich euch
um halb sieben wecken.‹ Es war ziemlich spät, als er uns die Treppe
hinauf zum Schlafzimmer geleitete. Vor dem Einschlafen sagte mein
Gefährte: ›Ich habe mehr getrunken, als ich gewohnt bin, und möchte
morgen ausschlafen.‹ ›Das wird nicht gehen,‹ sagte ich, ›denn nach
dem, was wir abgemacht haben, wird Bismarck uns um halb sieben
mobil machen.‹ ›Abwarten‹, sagte der andere, verschloß die Tür
und schob mit äußerster Kraftanstrengung einen schweren Schrank
davor. Um halb sieben, es war schon hell, ruft Bismarck vor der
Tür: ›Seid ihr fertig?‹ Keine Antwort. Er drückt vergebens auf
die Klinke und stößt mit dem Fuße die alte Tür ein, kann aber des
Schrankes wegen nicht weiter. Bald darauf ruft er im Hofe: ›Seid
ihr fertig?‹ Kein Laut. Sogleich krachen zwei Pistolenschüsse, die
Fenster klirren und Kalk von der angeschossenen Decke fällt auf das
Bett meines Gefährten. Da gibt dieser das Spiel verloren, bindet
ein Handtuch an seinen Stock und steckt es als Friedensfahne zum
Fenster hinaus. Bald darauf waren wir unten. Bismarck empfing uns
beim Frühstück mit gewohnter Liebenswürdigkeit, ohne seines kleinen
Sieges zu erwähnen. — Später war ich einmal mit mehreren Bekannten
zur Jagd in Kniephof. Die nach der Jagd erforderliche Reinigung
dauerte bei uns ziemlich lange. Da fielen in kurzen Pausen fünf
Pistolenschüsse; wir hörten, wie die Kugeln in die Fensterkreuze
einschlugen. Otto amüsierte sich, uns zu necken. Niemanden fiel
es ein, daß er hätte vorbeischießen und einen von uns treffen
können, denn wir kannten seine Pistole als unfehlbar sicher; aber
der Effekt der Schüsse war doch eine merkliche Beschleunigung
unserer Vorbereitungen zum Diner. Dann gab es eine scharfe Sitzung.
Am anderen Morgen fanden wir unseren Wirt nicht beim Frühstück,
vermuteten ihn noch schlafend und fuhren ziemlich geräuschlos
fort, um uns zur Jagd bei einem ziemlich entfernt wohnenden
Nachbarn nicht zu verspäten. Dort kam Otto uns lachend entgegen;
er war auf seinem Lieblingspferde Kaleb, einem großen schnellen
Braunen, vorangeritten, um uns zu überraschen. Wegen solcher
lustiger Streiche nannte man ihn damals den ›tollen Bismarck‹; wir
wußten aber genau, daß er viel klüger war als wir alle zusammen.
— Vor längerer Zeit ritt er eines Tages auf Kaleb neun Meilen (63
=km=), um in dem Badeorte Polzin den Abend zu tanzen und dabei
eine vielumworbene junge Dame kennen zu lernen. Er machte ihr den
Hof, schien ihr zu gefallen und dachte an Verlobung. Am folgenden
Tage aber gab er diesen Gedanken auf, weil er erkannte, daß ihr
Charakter nicht zu dem seinigen paßte. Tief verstimmt ritt er in
der Nacht nach Hause. Quer durch einen Wald galoppierend, stürzte
Kaleb in einen breiten Graben. Bismarck wurde mit dem Kopf gegen
einen Hügel geschleudert und blieb einige Zeit bewußtlos liegen.
Als er erwachte, sah er beim Mondschein den treuen Kaleb neben sich
stehen, stieg auf und ritt ganz langsam nach Hause. Nach dieser
Begebenheit, die ihn, wie er erzählte, einigermaßen erschüttert
hatte, war eine Zeitlang wenig von ihm zu hören.«
[Illustration: ~Bismarck und die Jakobinermütze~
»=C’est un peu haut!=« (Flugblatt 1870)]
Noch einmal erfaßte den jungen Bismarck, ehe er in den ruhigen Hafen
der Ehe einlaufen konnte, eine heftige Neigung. Ottilie von Puttkamer,
die Tochter der Gutsherrin von Pansin, war ihr Ziel. Auch hier hat er
viel gelitten, aber auch hier hat er die Stimmung besiegt. Lakonisch
schreibt er nach Jahr und Tag an seinen Freund Scharlach:
»Ich verliebte und verlobte mich abermals, erzürnte mich vierzehn
Tage nachher mit der Mutter meiner Braut, einer Frau, die, um
ihr Gerechtigkeit zu tun, eine der bösesten ist, die ich kenne,
und die das Bedürfnis hat, noch selbst der Gegenstand zärtlicher
Blicke zu sein. Nach fast jahrelangen Intrigen gelang es ihr,
meiner Braut einen höchst lakonischen Absagebrief an mich in die
Feder zu geben. Ich hielt es meiner Würde nicht für angemessen,
die beleidigte Aufgeregtheit eines Gemüts zu zeigen und ihr mit
einigen Schüssen auf Brüder u. dgl. der Ungetreuen Luft zu machen;
ich trat in meiner Eigenschaft als Landwehroffizier auf einige
Monate zur Dienstleistung in ein Ulanenregiment, focht tapfer
gegen Staub und markierte Feinde, und da ich auch im Drange dieser
Taten meine Ruhe nicht fand, so brauchte ich das Universalmittel
für Verliebte, ich ging auf Reisen und wurde wieder liederlich.
Von Edinburg durch England und Frankreich trug ich meinen Kummer
über die Alpen, und war im Begriff über Triest nach dem Orient
zu gehen, eventualiter die Afghanen durch die Lupe zu besehen,
wozu ich mit Empfehlungen ausgerüstet war, als mir mein Vater in
einem tränenfeuchten Brief, der von einsamem Alter (dreiundsiebzig
Jahre, Witwer, taub), Sterben und Wiedersehen sprach, die Heimkehr
anbefahl. Ich kam zurück — er starb nicht — und ich suchte in
diesem Sommer einem Leiden durch Dieffenbach und Norderney
abzuhelfen. Vorher, im Frühjahr, machte ich einen sechswöchigen
Versuch, eine andere Krankheit, eine an Lebensüberdruß grenzende
Gelangweiltheit durch alles, was mich umgibt, zu heilen, indem ich
mich durch besondere Vergünstigung eines unserer Minister wieder
im Staatsdienst beschäftigen ließ und die angestrengte Arbeit in
der insipiden und leeres Stroh dreschenden Schreiberei unserer
Verwaltung als eine Art von geistigem Holzhauen betrachtete, um
meinem teilnahmlos erschlafften Geist wieder etwas von dem gesunden
Zustande zu geben, den einförmige und regelmäßige Tätigkeit für den
Körper herbeizuführen pflegt. Aber teils war mir die krähwinklige
Anmaßung oder lächerliche Herablassung der Vorgesetzten nach langer
Entwöhnung noch fataler als sonst, teils nötigten mich häusliche
Vorfälle, Unordnungen in meiner Verwaltung usw., die Verwaltung
meiner Güter wieder selbst zu übernehmen. Seitdem sitze ich hier,
unverheiratet, sehr einsam, neunundzwanzig Jahre alt, körperlich
wieder gesund, aber geistig ziemlich unempfänglich, treibe meine
Geschäfte mit Pünktlichkeit, aber ohne besondere Teilnahme, suche
meinen Untergebenen das Leben in ihrer Art behaglich zu machen und
sehe ohne Ärger an, wie sie mich dafür betrügen. Des Vormittags bin
ich verdrießlich, nach Tische allen milden Gefühlen zugänglich.
Mein Umgang besteht in Hunden, Pferden und Landjunkern, und bei
letzteren erfreue ich mich einigen Ansehens, weil ich Geschriebenes
mit Leichtigkeit lesen kann, mich zu jeder Zeit wie ein Mensch
kleide und dabei ein Stück Wild mit der Akkuratesse eines Metzgers
zerwirke, ruhig und dreist reite, ganz schwere Zigarren rauche und
meine Gäste mit freundlicher Kaltblütigkeit unter den Tisch trinke.
So vegetiere ich fast wie ein Uhrwerk, ohne besondere Wünsche oder
Befürchtungen zu haben; ein sehr harmonischer und sehr langweiliger
Zustand.«
Die Enttäuschung in seiner Liebe war zweifellos der stärkste Antrieb
zu Bismarcks großer Reise vom Jahre 1842. Von ihr erzählen uns seine
Briefe aus London, Edinburg, York, Bern und Luzern. Mit seinem späteren
Schwager Oskar von Arnim, den er unterwegs traf, gedachte er sogar nach
Indien zu gehen, »einige Jahre Asiat zu spielen, um etwas Veränderung
in die Dekoration der Komödie zu bringen« und seine Zigarren »am
Ganges statt an der Rega zu rauchen«. Er wollte sogar in Indien unter
englischer Fahne Dienst nehmen. »Indessen,« so schrieb er damals, »was
haben mir die Indier zuleide getan? dachte ich mir.« In Norderney
umgab ihn die große Welt; hier lernte er die Reize der Nordsee kennen;
hier schrieb er die wundervollen Briefe an seine Schwester, in denen
eine rein künstlerische Naturbetrachtung mit lachender Ironie und
Selbstverspottung wechselt.
Köstlich ist auch ein Brief, in dem er eine phantastische Fuchsjagd mit
seinem Vater schildert.