»Mein Gegner«, erzählte er, »hatte eine sonderbare Mütze auf dem
Kopf, obendrauf ein loser, baumelnder Tüpfel. Das Ding reizte mich;
eine lange Zeit kaprizierte ich mich darauf, ihm diesen Tüpfel von
der Mütze zu schlagen. Ich kam aber nicht dazu; es wollte nicht
glücken. Zuletzt sah ich ein, daß ich bei diesem Unternehmen selber
tüchtig in Gefahr kam — und ich machte der Sache auf andere Weise
ein Ende.«
Auf die Zeit des Aufenthaltes zu Greifswald warf die Nachricht von dem
Tode der Mutter einen tiefen Schatten. Sie hatte schon lange vorher
gekränkelt, bis endlich ihre Kräfte erloschen. Am 1. Januar 1839 ist
sie, noch nicht fünfzigjährig, in Berlin gestorben. Und die erste große
Trauer des Lebens zog in das Herz der Söhne.
Noch war Bismarck im Staatsdienst. Nur ein Urlaub war ihm bewilligt
worden. So reichte er am 22. Oktober 1839 endgültig den Antrag auf
Entlassung ein. Das Assessorexamen hat Otto von Bismarck niemals
bestanden; er blieb auch als Staatsmann Autodidakt. Jetzt aber hat
er die Arme frei, jetzt kann er kämpfen, mitspielen bei energischen
politischen Bewegungen, sich selbst durchsetzen, jetzt kann er das
Recht der Individualität, der Meinung und Handlung bewahren, das Recht,
nicht zu gehorchen, sondern zu befehlen. Wird das Land ihm Genüge
geben? Wird der wilde Student in der Einsamkeit des pommerschen Gutes
ausharren können? Die Geschichte hat die Antwort gegeben. Aber noch
sollten Jahre vergehen, ehe er auch nur am bescheidensten Platze auf
der Bühne der Welt erscheint. Es sind die Jahre des »wilden Junkers«
von Kniephof, die umrankt sind von der ganzen Romantik der genialen
Kraftzeit, und die doch für die innere Entwicklung und für das geistige
Ausreifen dieser starken Persönlichkeit von so unendlicher Bedeutung
sind.
Aber sind die Taten des wilden Junkers nicht in Wahrheit nur
Explosionen eines zurückgedrängten Temperamentes? Steht nicht neben den
tollen Streichen das Bild des ernsthaften Grüblers, der sich in Strauß
und Feuerbach versenkt und immer tiefer »in die Sackgasse des Zweifels«
gerät, der sich in Macchiavelli und Spinoza vertieft und in »trostloser
Niedergeschlagenheit« zu der melancholischen Erkenntnis gelangt, daß
sein und anderer Menschen Dasein zwecklos und unersprießlich sei? Hier
schwärmt Bismarck für Byron, Lenau, Anastasius Grün. Er schreibt sich
ihre Gedichte ab; er wird Pantheist und denkt sich Gott als einen,
»der sich um ein solches Stäubchen nicht bekümmern kann«. Und bei
allem bleibt er der Landedelmann, der auf Entenjagd geht, im Boote
liegt, die Büchse zur Rechten, die Flasche Champagner zur Linken.
Auch in die Fremde treibt es ihn, nach London, nach Norderney, auf
die Seehundsjagd. Sein Augenmaß weitet sich immer mehr; sein Wissen
vertieft sich.
Und dennoch bleibt er ein sorgsamer Landwirt. Noch ist ein Teil der
von ihm geführten Rechnungsbücher erhalten; Spiritus, Korn, Wolle,
Maschinen und Löhne, Steuern und Kreiskosten lösen einander ab. Aber
das Glücksgefühl, im engen Kreise zu schaffen, sein eigener Herr zu
sein, zu befehlen, wird doch seiner Stimmung nicht Herr. Das Gefühl,
seine schäumende Kraft nicht am rechten Orte zu großen Aufgaben
verwenden zu können, stimmt ihn immer wieder bitter. Und oft genug
mochte es nur ein Versuch sein, sich gegen diese Schwermut, gegen
die aus der Langeweile erwachsende Melancholie zu schützen, wenn er
so recht zum tollen Junker wird, wenn er auf seinem treuen Kaleb
weithin durch das pommersche Land jagt ȟber manche Meile weg, froh
und traurig, wild und träge, an Heiden und Feldern, Seen und Häusern
und Menschen vorbei«. Das Bedürfnis, sich zu bewegen, sich in tollen
Ritten, in starken Exzessen auszuleben, wo das eigentliche Ziel seiner
Kraft ihm versagt schien, mochte ihn dazu treiben, die Einsamkeit,
die ihn umwob, möglichst oft in Gesellschaft derber Gesellen zu
durchbrechen, zu trinken, zu rauchen und zuweilen auch zu spielen oder
durch Pistolenschüsse die Stille zu zerreißen.
Herr von Marwitz, ein Gutsnachbar, hat eine anschauliche Schilderung
gegeben: