Das Gardemaß

»Meine erste Begegnung mit ihm war im Winter 1834/35 auf einem

Hofballe gewesen. Ich stand neben einem Herrn von Schack

aus Mecklenburg, der, wie ich, lang gewachsen und auch in

Justizreferendarien-Uniform war, was den Prinzen zu dem Scherz

veranlaßte, die Justiz suche sich jetzt die Leute wohl nach dem

Gardemaß aus. Dann, zu mir gewandt, fragte er mich, weshalb ich

nicht Soldat geworden sei. ›Ich hatte den Wunsch,‹ erwiderte ich,

›aber die Eltern waren dagegen, weil die Aussichten zu ungünstig

seien.‹ Worauf der Prinz sagte: ›Brillant ist die Karriere

allerdings nicht, aber bei der Justiz auch nicht.‹ Während des

ersten Vereinigten Landtages, dem er als Mitglied der Herrenkurie

angehörte, redete er mich in den vereinigten Sitzungen wiederholt

in einer Weise an, die sein Wohlgefallen an der damals von mir

angenommenen politischen Haltung bezeugte.«

In Aachen blieb Otto von Bismarck ein Jahr; hier lernte er zuerst die

preußische Verwaltung kennen; hier traf er aber auch einen ihm fremden,

lebhaften und beweglichen Menschenschlag; hier warf er den ersten Blick

in die Organisation von Industrie und Handel; hier traf der Sohn des

märkischen Adels auf ein selbstbewußtes freies Bürgertum, und zugleich

mußte die Heiterkeit des rheinischen Lebens einen starken Einfluß üben.

Den engsten Anschluß aber suchte er bei der englischen Gesellschaft,

und bald erfaßte ihn eine heiße Leidenschaft zu einer der schönen

Töchter dieses Volkes. Nur in schwerem Kampf überwand er diese erste

große Liebe: »Wer weiß, ob ich nicht künftig das bereue, was ich jetzt

für vernünftig halte!« Noch einmal packte ihn die Liebe. Ihr Ziel ist

die Tochter eines englischen Geistlichen. Sein »armes, entzündliches

Blut brannte wie Dampf«. Die Geliebte aber reiste ab. Auch Bismarck

nahm einen Urlaub nach Frankfurt und Wiesbaden. Dort traf er beide

Mädchen wieder. Der Erinnerung an sie ist der schönste Brief des jungen

Ehegatten Bismarck vom 3. Juli 1851 geweiht:

»Vorgestern«, so schreibt er der Gattin, »war ich zu Mittag in

Wiesbaden bei Dewitz und habe mir mit einem Gemisch von Wehmut und

altkluger Weisheit die Stätten früherer Torheit angesehen. Möchte

es Gott gefallen, mit seinem klaren und starken Weine dies Gefäß

zu füllen, in dem damals der Champagner zweiundzwanzigjähriger

Jugend nutzlos verbrauste und schale Neigen zurückließ. Wo und wie

mögen Isabella Loraine und Miß Russel jetzt leben? Wie viele sind

begraben, mit denen ich damals liebelte, becherte und würfelte! Wie

hat meine Weltanschauung doch in den vierzehn Jahren seitdem so

viele Verwandlungen durchgemacht, von denen ich immer gleich die

gerade gegenwärtige für die rechte Gestaltung hielt, und wie vieles

ist mir jetzt klar, was damals groß erschien, wie vieles jetzt

ehrwürdig, was ich damals verspottete! Wie manches Laub mag noch an

unserem inneren Menschen ausgrünen, schatten, rauschen und wertlos

welken, bis wieder vierzehn Jahre vorüber sind! Ich begreife nicht,

wie ein Mensch, der über sich nachdenkt und doch von Gott nichts

weiß oder wissen will, sein Leben vor Verachtung und Langeweile

tragen kann, ein Leben, das dahinfährt wie ein Strom, wie ein

Schlaf, gleich wie ein Gras, das bald welk wird; wir bringen unsere

Jahre zu wie ein Geschwätz. Ich weiß nicht, wie ich das früher

ausgehalten habe; sollte ich jetzt leben wie damals, ohne Gott,

ohne Dich, ohne Kinder — ich wüßte doch in der Tat nicht, warum ich

dies Leben nicht ablegen sollte wie ein schmutziges Hemd.«

Bismarck folgte seiner Leidenschaft nach Straßburg. Von dort meldet er

sich seinem Freunde Scharlach als den Verlobten »einer jungen Britin

von blondem Haar und seltener Schönheit«. Von dort berichtet er, daß

er die Braut und ihre Familie nach Mailand begleiten und im nächsten

Jahr in England heiraten wolle. Aber die Verlobung wurde gelöst, die

Reisepläne zerfielen; von Bern fuhr der junge Verliebte direkt nach

Hause.

»Ich nötigte sie endlich zum Beilegen«, so schreibt er später dem

Freunde. »Sie strich die Flagge, doch nach zweimonatigem Besitz

ward mir die Prise von einem einarmigen Obristen mit fünfzig

Jahren, vier Pferden und 15000 rl. Revenuen wieder abgejagt. Arm im

Beutel, krank am Herzen kehrte ich nach Pommern heim.«

Die selbstherrliche Überschreitung aber seines Urlaubs bot den Anlaß

zum Abschied von Aachen. Der junge Referendar kehrte an die alte Stelle

zurück, mit Schulden reich beladen, und als Referendar in Potsdam

setzte er nun seine Tätigkeit fort. Nur dreieinhalb Monate lang blieb

er jedoch in den Sielen. Er ist von »Ekel« für die ganze Beschäftigung

bei der Regierung erfüllt; er will sich nicht sein ganzes Leben lang

abquälen, um vielleicht zuletzt als Präsident mit zweitausend Taler

Einkommen zu enden. Die Freude an der Landwirtschaft packt ihn von

neuem; Zopf und Perücke schrecken ihn ab; die Vielgeschäftigkeit und

die unpraktischen Pedanterien, die überflüssige Schreiberei und die

vielen »kleinlichen und langweiligen Geschäfte« erwecken ihm Grauen:

»Meine Arbeiten auf dem Gebiete der Wahlsteuerprozesse und der

Beitragspflicht zum Bau des Dammes in Rotzis bei Wusterhausen haben

mir kein Heimweh nach meiner damaligen Tätigkeit hinterlassen.« Schon

erwacht in ihm der Haß gegen die Bureaukratie, der ihn durch sein

ganzes Leben geleitet. Andere Gründe kamen hinzu: Geldsorgen vor allem,

die ihn jetzt bedrücken und die durch lange Jahrzehnte seines Lebens

seine treuen Begleiter sind. Die Lasten, die auf den elterlichen Gütern

aus den Zeiten der Freiheitskriege stammten, die Erziehung der Kinder,

langwierige und schwere Krankheiten der Gattin hatten die Verhältnisse

des alten Herrn von Bismarck so tief zerrüttet, daß die Gefahr, den

Familienbesitz zu verlieren, ernstlich heraufzog. Schon war von einer

Verteilung der Güter an die beiden Söhne die Rede.

Aber noch ehe die neuen Pläne zur Reife gediehen, mußte Otto von

Bismarck seiner Militärpflicht genügen. Er trat bei den Gardejägern in

Potsdam ein, diente jedoch die zweite Hälfte seiner Militärzeit bei dem

zweiten pommerschen Jägerbataillon in Greifswald ab. Aus dieser Zeit

berichtet ein Studien- und Waffengenosse:

»Herr von Bismarck schien seine Gründe zu haben, eine etwas

reservierte Haltung zu bewahren, die nur hin und wieder

durch den Verkehr mit älteren Korpsstudenten, seltener durch

gesellschaftliche Berührung mit einer oder der anderen der

geachtetsten Familien in Greifswald unterbrochen wurde. Die vom

Scheitel bis zur Sohle vornehme Erscheinung war gleichsam von einem

unsichtbaren Kreise, einer schwer zu beschreibenden geistigen

Atmosphäre umgeben, welche alle Elemente, die Herr von Bismarck

nicht selbst heranzog oder denen er sich nicht selbst freiwillig

hingab, ohne einen erkennbaren Zwang von sich fern hielt und alles,

was mit niedriger Denkart oder hohler Selbstüberschätzung auch nur

einen entfernten Grad von Verwandtschaft verriet, mit unverhohlenem

Widerwillen und mit Verachtung von sich wies.«

Hier in Greifswald hatte Bismarck seinen letzten Zweikampf. Wie wenig

blutgierig er aber dabei war, zeigte die Art seines Angriffes.

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 58 / 334 题