In der schwedischen Zeitung »Göteborgpost« veröffentlichte eine
schwedische Dame folgende Erinnerung: »Als ich noch ein blutjunges
Mädchen war, sollte ich einige Monate in Rom verbringen. Von
einer älteren Gesellschafterin und zwei Kammerjungfern begleitet
reiste ich ab. Es war bestimmt, daß ich in Berlin einen kürzeren
Aufenthalt nehmen sollte. Eine Schwester meines Vaters hatte
einen Deutschen geheiratet, und der Sohn aus dieser Ehe, ›der
deutsche Vetter‹, wie wir ihn bei uns nannten, studierte damals
in Berlin; ich hatte ihn nie gesehen. Mein Vater schickte ihm
einige Tage vor meiner Abreise einen Brief, in welchem er ihn
ersuchte, sich meiner freundlichst anzunehmen. Ich kam glücklich
in Berlin an und wurde bei meiner Ankunft vom deutschen Vetter
herzlichst empfangen. Er war ein hochgewachsener Jüngling mit
großem Schnurrbart und eigentümlich blitzenden Augen. Drei Tage
hindurch war er mein treuer Begleiter. Freilich konnte er kein
Wort Schwedisch sprechen, wohl aber ein elegantes Französisch.
Nie habe ich einen so angenehmen Kavalier gehabt; ich war auf
meinen deutschen Vetter ganz stolz. Gar zu schnell kam die Stunde,
wo ich weiterreisen mußte. ›Cousine,‹ sagte er, als ich eben
wegfahren sollte, ›ich habe Ihnen ein Wort zu sagen. Sehen Sie,
Cousine, ich — ich möchte Ihnen nur mitteilen, daß ich — nicht Ihr
Vetter bin. Mein Freund, Ihr ›deutscher Vetter‹, der richtige,
ist nämlich von den Vorbereitungen zu seinem Examen so stark in
Anspruch genommen, daß er mich bat, an seiner Stelle den von
ihrem Herrn Vater ausgesprochenen Wunsch zu erfüllen. Mein Name
ist Otto von Bismarck.‹ Ich sah ihn erstaunt an, der Wagen setzte
sich in Bewegung, und das Abenteuer war aus. Jahrzehnte vergingen.
Der unbekannte Bismarck war Reichskanzler und Fürst geworden.
Da kam ich, eine alte, seit 40 Jahren verheiratete Frau, wieder
einmal nach Berlin. Ich schrieb einige Worte auf meine Karte und
schickte sie an den Fürsten. Eine Stunde später erhielt ich eine
Einladung, begab mich ins Reichskanzlerpalais, und bald waren wir
im lebhaftesten Gespräch. Bismarck war bei bester Laune. ›Ihnen
habe ich es zu danken‹, sagte er u. a., ›daß ich dazu gekommen bin,
die Berliner Museen zu besuchen; seitdem ist es mir nicht wieder
gelungen.‹«
[Illustration: ~Bismarck im Kolleg: Man sieht ihn nicht~ (Aus einer
humoristischen Biographie des »Kladderadatsch« zum 80. Geburtstag
Bismarcks)]
Bismarcks Leben in dieser Zeit war das eines jungen Kavaliers. Aber
dieses Leben war nicht gedankenlos; politische Fragen haben ihn in
gleichem Maße wie religions-philosophische Kämpfe beschäftigt. Und vor
allem quälte ihn die Ungewißheit der Zukunft. Nur das ~eine~ weiß er
bestimmt, daß er den üblichen Pfad des Juristen nicht wandern kann.
Schon taucht der diplomatische Dienst ihm als Ziel auf, schon bekennt
er dem Freunde den Plan, »hier noch ein Jahr zu verweilen, dann zur
Regierung nach Aachen zu gehen, nach Verlauf eines zweiten Jahres das
diplomatische Examen zu machen und mich hier der Huld des Schicksals
zu empfehlen, wo es mir dann vorderhand gleichgültig sein wird, ob
man mir Petersburg oder Rio Janeiro zum Aufenthalte anweist«. Aber
zum Übergang in den Regierungsdienst bedurfte es eines neuen Examens.
In Schönhausen hat er die schriftlichen Arbeiten vollendet. Das
Thema war: Ȇber Sparsamkeit im Staatshaushalte, ihr Wesen und ihre
Erfolge, auch durch geschichtliche Beispiele erläutert« und »Über die
Natur und die Zulässigkeit des Eides im allgemeinen und nach seinen
verschiedenen Arten aus dem Gesichtspunkte der philosophischen Rechts-
und Tugendlehre, mit Berücksichtigung der Lehre des Christentums«.
Am 30. Juni wurde Bismarck geprüft, sein Zeugnis erklärte, daß er
»eine vorzügliche Urteilskraft, Schnelligkeit im Auffassen der ihm
vorgelegten Fragen und Gewandtheit im mündlichen Ausdruck zeigte« und
»sehr gut befähigt« zum neuen Amte sei.
Von seinen Sorgen und Nöten um das Examen erzählt der schöne Brief an
Scharlach vom 4. Mai 1836, der, aus Schönhausen datiert, uns zugleich
einen Blick in sein innerstes Wesen gewährt: