Der Teufel reitet die alte Tante

»Lieber Scharlach! Ich hoffe, Du wirst ernstlich böse werden,

wenn ich mein langes Schweigen nur breche, um ein Versprechen

zu revozieren, durch dessen Erfüllung ich meine Nachlässigkeit

einzig wieder gutzumachen hoffte. Ich gehe im nächsten Monat nach

Aachen, aber nicht über Hannover, und unser Wiedersehen wird auf

einen entfernteren Zeitpunkt hinausgeschoben, wenn Du mich nicht

etwa auf einer Poststation zwischen Dresden oder Karlsbad und

Frankfurt a. M. auffängst. Der Teufel reitet eine alte Tante von

hoher Rasse, daß sie wünscht, ich soll sie als Reisemarschall nach

Böhmen begleiten und dort bei einem Verwandten abliefern. Der

Umweg ist weit, aber eine alte Tante ist dasjenige Tier auf der

Welt, vor welchem ich, nächst einer hübschen Cousine, die größte

Ehrfurcht habe. Ich wage ihrer Ungnade nicht zu trotzen, und

wenn ich anführe, ich hätte einen Freund in Hannover zu besuchen

versprochen, so heißt es: ›Lieber Otto, Du mußt Dich ja schämen,

wenn Du nach Aachen kommst und hast Dresden nicht einmal gesehen,

und Freunde, die findest Du überall.‹ ›Schändliches altes Weib,

das so leichtsinnig spricht!‹ wirst Du hier ausrufen. Sie denkt,

wie’s ihr in der Jugend, so geht es uns auch. — Du würdest über

mich lachen, wenn Du jetzt bei mir wärest. Seit vollen vier Wochen

sitze ich hier in einem alten verwünschten Schlosse, mit Spitzbogen

und vier Fuß dicken Mauern, einigen dreißig Zimmern, wovon zwei

möbliert, prächtigen Damasttapeten, deren Farbe an wenigen Fetzen

noch zu erkennen ist, Ratten in Masse, Kamine, in denen der Wind

heult, kurz, in ›meiner Väter altem Schlosse‹, wo sich alles

vereint, was geeignet ist, einen tüchtigen Spleen zu unterhalten.

Daneben eine prächtige alte Kirche, mein Schlafzimmer mit der

Aussicht nach dem Kirchhof, auf der anderen Seite einer jener alten

Gärten mit geschnittenen Hecken von Taxus und prächtigen alten

Linden. Die einzige lebende Seele in dieser verfallenen Umgebung

ist Dein Freund, der hier von einer vertrockneten Haushälterin,

der Spielgefährtin und Wärterin meines fünfundsechzigjährigen

Vaters, gefüttert und gepflegt wird. Ich bereite mich zum Examen

vor, höre die Nachtigallen, schieße nach der Scheibe, lese Voltaire

und Spinozas Ethicum, die ich in der hiesigen, an Schweinsledern

ziemlich reichen Bibliothek gefunden. Die Berliner meinen, ich

wäre verrückt, und die Bauern sagen: ›Use arm junge Hehr, wat maak

em wull sin?‹, wie mir meine alte Mamsell mitgeteilt hat. Dabei

bin ich nie so zufrieden gewesen wie hier; ich schlafe nur sechs

Stunden und finde große Freude am Studieren, zwei Dinge, die ich

lange Zeit für unmöglich hielt. Ich glaube, der Grund oder besser

die Ursache von allem dem ist der Umstand, daß ich den Winter über

heftig verliebt war; ein recht befremdliches Faktum, eine Torheit,

der ich mich nicht in so hohem Grade für fähig gehalten hätte

(verzeih’, eben fällt mir ein, daß Du versprochen bist), aber es

ist mir doch fatal, wie ich mich so aus meiner philosophischen

Ruhe und Ironie habe bringen lassen; das beste dabei ist aber,

daß ich bei meinen Bekannten beiderlei Geschlechts immer für den

kaltblütigsten Weiberverächter gelte; so täuschen sich die Leute!

... Eben ›heult die Turmuhr Mitternacht‹; also schlaf wohl!«

Was dem jungen Bismarck die Freude an der Justiz verdarb, das hat er

deutlich noch in seinem letzten Gedenkbuch erzählt: »Die Personen und

die Einrichtungen unserer Justiz«, so schreibt der Achtzigjährige,

»gaben meiner jugendlichen Auffassung mehr Stoff zur Kritik als zur

Anerkennung. Die praktische Ausbildung des Auskultators begann damit,

daß man auf dem Kriminalgericht das Protokoll zu führen hatte, wozu ich

von dem Rate, dem ich zugewiesen war, einem Herrn von Brauchitsch, über

die Gebühr herangezogen wurde, weil ich damals über den Durchschnitt

schnell und lesbar schrieb. Von den ›Untersuchungen‹, wie die

Kriminalprozesse bei dem damals geltenden Inquisitionsverfahren genannt

wurden, hat mir eine den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen, welche

eine in Berlin weitverzweigte Verbindung zum Zweck der unnatürlichen

Laster betraf. Die Klubeinrichtungen der Beteiligten, die Stammbücher,

die gleichmachende Wirkung des gemeinschaftlichen Betreibens des

Verbotenen durch alle Stände hindurch — alles das bewies schon 1835

eine Demoralisation, welche hinter den Ergebnissen des Prozesses

gegen die Heinzeschen Eheleute (Oktober 1891) nicht zurückstand. Die

Verzweigungen dieser Gesellschaft reichten bis in hohe Kreise hinein.«

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 54 / 334 题