Sturm und Drang

Lieber Giesecke! Willst Du diesen Brief in derselben Stimmung

lesen, in welcher er geschrieben ist, so trinke erst eine Flasche

Madeira. Ich würde mich wegen meines langen Stillschweigens

entschuldigen, wenn Dir nicht meine angeborene Tintenscheu bekannt

wäre, und wenn Du nicht wüßtest, daß ich in Göttingen lieber zwei

Flaschen Rheinwein trank als einen Brief schrieb, und daß ich

beim Anblick einer Feder Konvulsionen bekam. Wie schlecht es mir

in der letzten Zeit gegangen ist, hast Du wohl gehört; ich habe

auf der Reise noch in Braunschweig, Magdeburg, Schönhausen und

Brandenburg drei bis vier Wochen am Fieber gelegen. Später fanden

sehr unangenehme Szenen zwischen mir und meinem Alten statt, der

sich weigert, meine Schulden zu bezahlen; dieses versetzt mich in

eine etwas menschenfeindliche Stimmung, etwa wie Charles Moor,

als er Räuber wird; doch tröste ich mich wie jener Straßenjunge:

»Et is minem Vater schonst recht, det ick friere, worum koft er

mir keene Hanschen.« Der Mangel ist so arg noch nicht, weil ich

ungeheueren Kredit habe, welches mir Gelegenheit gibt, liederlich

zu leben; die Folge davon ist, daß ich blaß und krank aussehe,

welches mein Alter, wenn ich Weihnachten nach Haus komme, natürlich

meinem Mangel an Subsistenzmitteln zuschreiben wird; dann werde

ich kräftig auftreten, ihm sagen, daß ich lieber Mohammedaner

werden als länger Hunger leiden wolle, und so wird sich die Sache

schon machen. =En attendant= lebe ich hier wie ein Gentleman,

gewöhne mir ein geziertes Wesen an, spreche viel Französisch,

bringe den größten Teil meiner Zeit mit Anziehen, den übrigen mit

Visitenmachen und bei meiner alten Freundin, der Flasche, zu; des

Abends betrage ich mich im ersten Range der Oper so flegelhaft als

möglich. Du würdest erstaunen, wenn Du jetzt einmal Gelegenheit

hättest, meine Garderobe zu sehen — ein Haufen von Manschetten,

Halsbinden, Unterhosen und anderen Luxusartikeln. Dabei langweile

ich mich mit leidlichem Anstande. Doch ein Übel quält mich; der

Knabe Peter fängt an mir fürchterlich zu werden; stehe ich auf,

so ist er da; komme ich von Tisch, so ist er wieder da; er folgt

mir wie ein Schatten an Orte, wo er nichts zu tun hat, zu Leuten,

die er gar nicht kennt, mit seinem versteinerten Frühlingslächeln,

mit seiner gigantischen Mantellippe, an der einst die Blicke von

tausend Wißbegierigen hängen werden, wenn die Weisheit in sieben

verschollenen Sprachen davon fließt, wie jetzt der Speichel in

sieben Kanälen. Schiller hat unrecht, wenn er die Schuld das

größte Übel nennt; Peter ist viel fürchterlicher; lieber von

allen Furien verfolgt, als von diesem ewigen Gesicht. Von diesem

Peter, zu dem der Apostel Paulus sprach: Sei dumm wie die Ochsen

und ohne Falsch wie die Tauben. Motley lebt wieder in offener

Feindschaft mit King; mit jedem Paketboot kreuzen sich Forderungen

auf Doppelbüchsen. Aus Göttingen ist noch hier: Bierbaum, Löhning

und Genossen, das Faultier Sch. und der schlanke Freiheitsbaum der

Aristokratie, dem zum Menschen alles, zum Kammerherrn nichts fehlt

als ein Schloß vors Maul. Er lebt hier in seliger Gemeinschaft mit

dreißig Vettern, denen er allen nichts vorzuwerfen hat und von

deren Beisammensein eine polizeiwidrige Anhäufung von Dummheit die

einzige Folge ist; ›sie essen nicht, sie trinken nicht‹, was tun

sie denn? Sie zählen ihre Ahnen. Bei dem Artikel von Dummheit fällt

mir ein, daß meine Alte ganz ernstlich darauf dringt, ich solle

noch einmal zum Prediger gehen, weil ich sagte, manches in der

Bibel sei bildlich gemeint. Meine Adresse ist bis zum 15. Dezember

Kanonenstraße 44, von da bis zum 10. Januar Kniephof bei Naugard in

Pommern, später beim Pedell zu erfragen. Ich hoffe, Du kannst Dir

von Deinem Staatsdienste nächstens Zeit zu einer Antwort abmüßigen;

nimm kein Beispiel an meiner Faulheit. Übrigens lebe fidel, grüße

alles, was Du siehst, und schreibe bald an Deinen treuen Freund und

Bruder

Berlin, den 14. November 1833.

O. v. Bismarck.

Die Ferien verbrachte der junge Student wieder in Kniephof. Auch von

hier schreibt er Briefe von köstlicher Anschaulichkeit, oft voll

karikaturistischer Satire. So wenn er die Kommission zur Abnahme

der Berieselungsanlage schildert, die sich mehr für Rheinwein und

Schnepfenpastete als für Landwirtschaft erwärmt: »Sie schliefen

hier einige Tage recht gut und lange, schlemmten sich über Gebühr

voll und zählten von weitem die gemachten Brücken und Schleusen.«

Und doch leuchtet aus allem Übermut des jungen Akademikers die

Tatsache hervor, daß er innerlich immer mehr zu reifen beginnt, daß

eine starke Lebenserkenntnis in ihm erwacht und daß er trotz des

mangelnden Besuches der Kollegien an positivem Wissen gewinnt. Auch

in Berlin freilich, wohin er mit Albrecht von Roon und Moritz von

Blankenburg reiste, war er nicht sonderlich fleißig. Und besonders die

Juristerei fand in ihm keinen eifrigen Adepten. Erst der Unterricht

bei einem Repetitor verschaffte ihm das zum Examen nötige Wissen.

Neben dem ungebundenen Verkehr mit anderen Studenten, unter denen

Graf Alexander Keyserling ihm dauernd in Freundschaft verbunden

blieb, begann jetzt der Verkehr in vornehmen Häusern. »Des Abends

nehme ich den Tee in irgendeinem achtungswerten Familienzirkel,

höre und führe Wettergespräche mit einem Gesicht, als sagte ich

lange nicht alles, was ich wüßte«, heißt es im Sommer 1835. Schon

in dieser Studentenzeit packt den jugendlichen Stürmer und Dränger

immer wieder die Unzufriedenheit mit dem erwählten Beruf. »Ich glaube

schwerlich, daß mich die vollkommenste Erreichung des erstrebten

Zieles, der längste Titel und der breiteste Orden in Deutschland, die

staunenswerteste Vornehmheit entschädigen wird für die körperlich und

geistig eingeschrumpfte Brust, welche das Resultat dieses Lebens sein

wird.« Immer wieder regt sich der Wunsch, die Feder mit dem Pfluge, die

Mappe mit der Jagdtasche zu vertauschen. Es gärt eben in dem jugendlich

starken Menschen, dem der Gedanke an die übliche Beamtenlaufbahn

Grauen erweckt. Noch bedrängt ihn die Mutter, Offizier zu werden: Er

scheine ihr gar keine Neigung zum Studieren zu haben. Soll er diesen

Weg gehen? Eine Zeitlang spielt er mit dem Gedanken: »Ich werde wohl

das Portefeuille des Auswärtigen ausschlagen, mich einige Jahre mit der

rekrutendressierenden Fuchtelklinge amüsieren, dann ein Weib nehmen

und Kinder zeugen, das Land bauen und die Sitten meiner Bauern durch

unmäßige Branntweinfabrikation untergraben.« Der Bruder werde dann, so

schreibt er ihm, »einen fettgemästeten Landwehroffizier finden, einen

Schnurrbart, der schwört und flucht, daß die Erde zittert, und der

einen gerechten Abscheu vor Juden und Franzosen hegt«. Und weiter malt

er das Bild aus: »Ich werde lederne Hosen tragen, mich zum Wollmarkt

in Stettin aufmachen, und wenn man mich Herr Baron nennt, werde ich

mir gutmütig den Schnurrbart streichen und um zwei Taler wohlfeiler

verkaufen. Kurz, ich werde glücklich sein im ländlichen Kreise meiner

Familie.« Es ist anders gekommen.

[Illustration: Jugendbild =III=]

Auch das Examen als Auskultator hat der Zwanzigjährige glücklich

bestanden.

Ein übermütiger Scherz aus Bismarcks Berliner Studentenzeit wurde erst

später bekannt:

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 52 / 334 题