Göttinger Reminiszenzen

Ihering, der berühmte Staatsrechtslehrer, erzählt in späten

Zeiten: »Ich wurde am 27. März 1885 vom Fürsten Bismarck in Berlin

empfangen; ich war als Dekan der Juristen-Fakultät von Göttingen

beauftragt, ihm anläßlich seines siebzigsten Geburtstages unser

Doktor-Diplom zu überreichen. Der Fürst lud mich zum Diner ein.

Ich erlaubte mir, Bismarck bei dieser Gelegenheit auf seine

Studienzeit in Göttingen zu bringen und ihn nach seinen Lehrern

zu fragen. Von letzteren, sagte er, habe er wenig gehabt; sie

hätten ihm kein Interesse für die Jurisprudenz abzugewinnen

vermocht; nur der Historiker Heeren hätte ihn angeregt. Mit der

Arbeit sei es in Göttingen nicht viel geworden, insbesondere

seien die Ferien, die der Student damals noch auf der Universität

zuzubringen pflegte, von ihm und seinen Bekannten fast nur dem

Kartenspiel und Trinken gewidmet gewesen. Es sei ein arges Leben

gewesen, das er dort geführt habe. Mit den Pedellen scheint er in

nähere Berührung gekommen zu sein als mit seinen Lehrern. Eines

derselben erinnerte er sich noch sehr genau und nannte ihn mit

Namen. Von seinen Lehrern nannte er nur Hugo und den Privatdozenten

Valett, bei dem er Pandekten gehört hatte; die übrigen schienen

ihm entfallen zu sein. Mit Humor gedachte er noch des kalten

Bades, das er nicht selten, wenn er des Nachts von der Kneipe in

sein am Wall, neben der dort kanalisierten Leine gelegenes Haus

zurückgekehrt sei, in der Leine, um sich abzukühlen, genommen hat.

Dieses Haus steht noch jetzt und ist zur Erinnerung an Bismarck

mit einer Marmortafel versehen. Es ist ein Gartenhaus, aus einem

einzigen Zimmer bestehend; Bismarck war also der einzige Bewohner

desselben und mußte den Haustorschlüssel stets mit sich führen;

kein Hauswirt beaufsichtigte sein Kommen und Gehen; er war völlig

unabhängig. Bei seiner Entfernung von Göttingen war ihm eine

Karzerstrafe zudiktiert, die er in Berlin, wohin er von dort ging,

abzubüßen hatte. Bei dem großen Studentenkommers, der am Vorabend

der Bismarckfeier stattfand und an dem sich Deputationen von

Studierenden aller deutschen Universitäten beteiligten, benutzte

der Rektor der Universität Berlin, Professor Dernburg, diesen

Umstand in launiger Weise, um das Verhalten von Göttingen von einst

und jetzt in ein grelles Licht zu setzen. »Damals« — sagte er —

»hat man Bismarck einen Haftbefehl nachgeschickt, und jetzt sendet

man ihm den =Doctor juris=.«

Zu den Freunden, die Otto von Bismarck im Korps gewann, gehörte vor

allem Gustav Scharlach, mit dem er eine Anzahl von Briefen gewechselt

hat, die uns das ganze Wesen des kecken und übermütigen Jünglings

enthüllen, zugleich aber auch die Umrisse dieser starken Persönlichkeit

bereits leise erkennen lassen. Hier sei der erste Brief zitiert, den

der Achtzehnjährige an seinen Freund, der den Spitznamen Giesecke

führte, von Berlin aus gerichtet hat:

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 51 / 334 题