In Pension

Bald darauf wurde der Knabe der Pensionär seines Direktors, der

am Königsgraben Nr. 4 wohnte. Auch aus dieser Zeit besitzen wir

ein Urteil des trefflichen Pädagogen über seinen Zögling: »Er

bewegte sich freundlich, anspruchslos und durchaus zutraulich in

meiner einfachen Häuslichkeit, die sich damals auf meine Frau

und meinen einjährigen Sohn beschränkte. Er zeigte sich in jeder

Beziehung liebenswürdig. Er ging des Abends fast niemals aus; wenn

ich zu dieser Zeit zuweilen nicht zu Hause war, so unterhielt er

sich freundlich und harmlos plaudernd mit meiner Frau und verriet

eine starke Neigung zu gemütlicher Häuslichkeit. Er hatte unser

ganzes Herz gewonnen, und wir brachten ihm alle Liebe und Sorgfalt

entgegen, so daß sein Vater später, nach seinem Scheiden von uns,

äußerte, daß der Sohn sich in keinem Hause so wohl wie bei uns

gefühlt habe.«

[Illustration: Jugendbild =II=]

Am 14. April 1832 bestand der Jüngling, kaum siebzehn Jahre alt, das

Examen der Reife mit dem Zeugnis Nr. 2. Seine Mitschüler in der Prima

haben ihm später im Festsaal der Anstalt ein Denkmal gesetzt, eine

Büste des Kanzlers auf einem Sockel aus schwarzem Marmor. Der Schüler

hatte vorher seinen Lieblingslehrer, der zum Direktor des Grauen

Klosters ernannt worden war, an die neue Anstalt begleitet.

Wie hat Bismarck das Gymnasium verlassen? Er schildert es selbst zu

Beginn seines letzten Gedenkbuchs: »Als normales Produkt unseres

staatlichen Unterrichts verließ ich Ostern 1832 die Schule als

Pantheist, und wenn nicht als Republikaner, doch mit der Überzeugung,

daß die Republik die vernünftigste Staatsform sei, und mit Nachdenken

über die Ursachen, welche Millionen von Menschen bestimmen könnten,

~einem~ dauernd zu gehorchen, während ich von Erwachsenen manche

bittere oder geringschätzige Kritik über die Herrscher hören

konnte. Dazu hatte ich von der turnerischen Vorschule mit Jahnschen

Traditionen (Plamann) deutsch-nationale Eindrücke mitgebracht. Diese

blieben im Stadium theoretischer Betrachtungen und waren nicht stark

genug, um angeborene preußisch-monarchische Gefühle auszutilgen.

Meine geschichtlichen Sympathien blieben auf seiten der Autorität.

Harmodios und Aristogeiton sowohl wie Brutus waren für mein kindliches

Rechtsgefühl Verbrecher und Tell ein Rebell und Mörder. Jeder deutsche

Fürst, der vor dem Dreißigjährigen Kriege dem Kaiser widerstrebte,

ärgerte mich, vom Großen Kurfürsten an aber war ich parteiisch

genug, antikaiserlich zu urteilen und natürlich zu finden, daß der

Siebenjährige Krieg sich vorbereitete. Doch blieb mein deutsches

Nationalgefühl so stark, daß ich im Anfang der Universitätszeit

zunächst zur Burschenschaft in Beziehung geriet, welche die Pflege des

nationalen Gefühls als ihren Zweck bezeichnete. Aber bei persönlicher

Bekanntschaft mit ihren Mitgliedern mißfiel mir ihre Weigerung,

Satisfaktion zu geben, und ihr Mangel an äußerlicher Erziehung und

an Formen der guten Gesellschaft, bei näherer Bekanntschaft auch die

Extravaganz ihrer politischen Auffassungen, die auf einem Mangel

an Bildung und an Kenntnis der vorhandenen, historisch gewordenen

Lebensverhältnisse beruhte, von denen ich bei meinen siebzehn Jahren

mehr zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte als die meisten jener

durchschnittlich älteren Studenten. Gleichwohl bewahrte ich innerlich

meine nationalen Empfindungen und den Glauben, daß die Entwicklung der

nächsten Zukunft zur deutschen Einheit führen werde.«

Wie er sich sonst entwickelt hat? Mannigfache Reisen, vor allem aber

der Ferienaufenthalt auf dem Lande mußten ihre Wirkung üben. Dort

draußen treibt er dann mit der Schwester und Cousine »viel tolles

Zeug«, dort lebt er, »wie Gott in Frankreich«. Er erzählt in seinen

Briefen nur von Jagen und Tanz, übermütig, in keckem Stil, die Brust

erfüllt von Lebensfreude. Und schon spürt man an seinen Briefen aus der

keimenden Jünglingszeit den starken Stilisten mit seiner kraftvollen

Art der Darstellung, mit den drastischen Bildern, mit dem köstlichen

Humor. Hier ein Zitat:

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 46 / 334 题