Am 31. März 1831, einen Tag vor seinem sechzehnten Geburtstag,
wurde der junge Otto von dem berühmten Schleiermacher in der
Dreifaltigkeitskirche eingesegnet. Noch als greiser Mann erzählte
Bismarck: »Noch weiß ich genau das Plätzchen in der Kirche, wo ich
unter den Konfirmanden gesessen habe; und als ich dann aufgerufen
wurde und vor den Altar treten sollte, pochte mir gewaltig das
Herz. Den Spruch, welchen Schleiermacher mir mitgegeben hat, glaube
ich ziemlich richtig sagen zu können: ›Was ihr tut, das tut dem
Herrn und nicht den Menschen‹; aber die Stelle, wo er steht, habe
ich vergessen. Nicht wahr, ein besseres Wort konnte mir nicht
mitgegeben werden! Der Spruch soll mein Leitstern bleiben.« Es ist
die Stelle Kolosser 3, 23: »Alles was ihr tut, das tut von Herzen,
als dem Herrn und nicht den Menschen.«
Superintendent Pank, der an der gleichen Kirche tätig war, sprach im
Jahre 1880 mit dem Reichskanzler von dieser Zeit und berichtet dann:
»Zu Hause erzählte ich es meinem Küster; dieser durchblätterte
die alten Konfirmandenregister, fand dort richtig den Namen
›Otto von Bismarck‹ und sagte: ›Am kommenden 31. März sind
seitdem gerade fünfzig Jahre verflossen; da müßten wir
eigentlich dem Reichskanzler einen Jubiläumskonfirmationsschein
schreiben; wer weiß, ob er den früheren noch hat.‹ Gesagt,
getan. Der Konfirmationsschein wurde angefertigt, mit einfachen
Randzeichnungen um den Text, oben das Bild Schleiermachers, unten
den obenerwähnten Denkspruch. Am Morgen des 31. März 1880 legte ihn
die Fürstin auf den Frühstückstisch des Reichskanzlers. Sie sagte
mir nachher, daß er sich kaum über etwas so gefreut habe wie über
diese überraschende ernste Erinnerung an einen Gedenktag seines
Lebens, an dessen fünfzigste Wiederkehr er nicht im entferntesten
gedacht hatte. Als ich einige Zeit darauf dem Fürsten das heilige
Abendmahl reichte, führte er mich nach der Feier zu seinem
Schreibtisch, auf dessen Mitte der Konfirmationsschein aufgestellt
war, und sagte: ›Es hat doch etwas auf sich, wenn man sich
sagen muß: Fünfzig Jahre sind dahingegangen, seitdem du vor dem
Konfirmationsaltar gestanden! Aber der Spruch soll mein Leitstern
bleiben!‹«