»Zu Weihnachten hatte einer unserer Mitschüler von seinen Eltern
›Beckers Erzählungen aus der alten Welt‹ zum Geschenk erhalten; das
Buch wurde von uns fleißig gelesen, so daß das eine Exemplar lange
nicht ausreichte, unsere Wißbegierde zu stillen. Jetzt wurde der
Trojanische Krieg vorgenommen. Der erste, welcher diesen ganzen
Teil des Buches auswendig konnte, war Otto von Bismarck. Am Ende
des Gartens der Anstalt, jetzt nach der Königgrätzer Straße zu,
stand ein schöngewachsener Lindenbaum, zu dem hinaufzuklettern wir
die Erlaubnis hatten. Dies war in den Freistunden unser liebster
Aufenthalt. ›Nach der Linde!‹ hieß es, wenn irgend etwas Wichtiges
mitzuteilen oder zu beraten war. Sie bildete den Mittelpunkt des
Gartens für uns. Otto von Bismarck übernahm in der Regel das
Vorlesen des Trojanischen Krieges und wählte sich dazu häufig
seinen Lieblingssitz auf der Linde. Wir Zuhörer, soweit wir Platz
hatten, bestiegen ebenfalls den Baum, die übrigen lagerten sich
unter demselben. Mit welcher Aufmerksamkeit folgten wir dem
Vorleser, mit welcher Begeisterung wurden die Heldentaten der
Griechen vor Troja aufgenommen! Es dauerte nicht lange, so hatte
jeder von uns den Namen eines dieser Helden. Bismarck konnte kein
anderer als der Telamonier Ajax sein.«
[Illustration: Bismarck in Göttingen als Student (»Jugend«)]
In der Tat war Otto ein frischer, lieber Junge und ein rechter Sohn
der märkischen Erde. Leicht empfänglich für alle Eindrücke, tapfer und
ein wenig hitzig, stellte er sich gern auf die Seite der Schwachen
und kämpfte manche heiße Fehde. Sechs Jahre ist er in der Anstalt
von Plamann geblieben. Jetzt ist das Haus verschwunden, in dem sie
einst untergebracht war. Ein Prachtbau erhebt sich in der östlichen
Häuserflucht der Königgrätzer Straße. Aber eine Tafel verkündet: »Hier
stand die Bismarcklinde im Garten der Plamannschen Erziehungsanstalt,
deren Zögling der Fürst Bismarck 1822 bis 1827 war.«
Schon im ersten Zeugnis bescheinigten ihm die Lehrer: »Seine gemütliche
Freundlichkeit und sein kindlicher Frohsinn machen, daß ihn alle gern
haben, so wie er auch seinerseits sich zutraulich anschließt.« Erhalten
ist auch