Wilhelmine Mencken

»Heute war der Geburtstag meiner verstorbenen Mutter. Wie deutlich

schwebt es mir vor, als meine Eltern in Berlin am Opernplatz

wohnten, dicht neben der Katholischen Kirche, wenn ich des Morgens

durch den Jäger aus der Pension geholt wurde, das Zimmer meiner

Mutter mit Maiblumen, die sie vorzüglich liebte, mit geschenkten

Kleidern, Büchern und interessanten Nippes garniert fand; dann ein

großes Diner mit vielen jungen Offizieren, die jetzt alte Majors

sind, und schlemmenden alten Herrn mit Ordenssternen, die von den

Würmern verzehrt sind. Und wenn man mich als gesättigt vom Tische

geschickt hatte, so nahm mich die Kammerjungfer in Empfang, um mir

mit beiseite gebrachtem Kaviar, Baisers u. dgl. den Magen gründlich

zu verderben. Meine Mutter war eine schöne Frau, die äußere Pracht

liebte, von hellem, lebhaftem Verstand, aber wenig von dem, was

der Berliner Gemüt nennt. Sie wollte, daß ich viel lernen und viel

werden soll, und es schien mir oft, daß sie hart und kalt gegen

mich sei. Was eine Mutter dem Kinde wert ist, lernt man erst, wenn

es zu spät, wenn sie tot ist; die mittelmäßigste Mutterliebe, mit

allen Beimischungen mütterlicher Selbstsucht, ist doch ein Riese

gegen alle kindliche Liebe. ... Von der Religion meiner Mutter

erinnere ich nur, daß sie viel in den ›Stunden der Andacht‹ las,

über meine pantheistische Richtung und meinen gänzlichen Unglauben

an Bibel und Christentum oft erschrocken und zornig war. Zur Kirche

ging sie nicht und hielt viel von Swedenborg, der Seherin von

Prevorst und Mesmerschen Theorien, Schubert, Justinus Kerner. Eine

Schwärmerei, die im seltsamen Widerspruch zu ihrer sonstigen kalten

Verstandesklarheit stand.« In den »Gedanken und Erinnerungen«

schreibt Bismarck weiter von seiner Mutter: »Sie war die Tochter

des in damaligen Hofkreisen für liberal geltenden Kabinettsrats

Friedrich des Großen, Friedrich Wilhelm =II.= und =III.= aus der

Leipziger Professorenfamilie Mencken, welche in ihren letzten,

mir vorhergehenden Generationen nach Preußen in den Auswärtigen

und den Hofdienst geraten war. Der Freiherr vom Stein hat meinen

Großvater Mencken als einen ehrlichen, stark liberalen Beamten

bezeichnet. Unter diesen Umständen waren die Auffassungen, die

ich mit der Muttermilch einsog, eher liberal als reaktionär, und

meine Mutter würde, wenn sie meine ministerielle Tätigkeit erlebt

hätte, mit der Richtung derselben kaum einverstanden gewesen sein,

wenn sie auch an den äußeren Erfolgen meiner amtlichen Laufbahn

große Freude empfunden haben würde. Sie war in bureaukratischen

und Hofkreisen groß geworden; Friedrich Wilhelm =IV.= sprach von

ihr als ›Minchen‹ im Andenken an Kinderspiele.« Über »Minchen«

lag eine gewisse Kühle, auch ihre Briefe an die Söhne strahlen

selten innere Wärme aus. Ihre Briefe sind literarisch, vernünftig,

erfüllt von Sentenzen: »Es wäre das höchste Ziel meines Lebens,«

so schreibt sie an den jungen Sohn, »und ich dachte es mir als

das größte Glück für mich, das ich erreichen könnte, einen

erwachsenen Sohn zu haben, der, unter meinen Augen gebildet, mit

mir übereinstimmen würde, der als Mann berufen wäre, viel weiter in

das Reich des Geistes einzudringen, wie es mir als Frau vergönnt

ist.« Ihre Gedanken sind stets auf ein »Leben im höheren Sinne« und

eine Vervollkommnung des Geistes gerichtet, niemals unmittelbar,

niemals, selbst dem Sohne gegenüber, von rückhaltlosem Mitempfinden

erfüllt. Die Frohnatur und die Lust zu fabulieren, die Goethe der

Frau Rat verdankte, hat Bismarck von der Mutter sicherlich nicht

geerbt.

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 31 / 334 题