Die Kindheit

Als der Pfarrer von Schönhausen den Namen Otto von Bismarck in das

Kirchenbuch der Gemeinde eintrug, da verhallte eben in der Ferne der

Kanonendonner, der das Jubellied der neuerrungenen deutschen Freiheit

begleitet hat. Da schien auf dem blutgetränkten Felde junge Hoffnung

zu sprießen, der Glaube an ein geeintes deutsches Reich ergriff die

von dem Stolze über die aus eigener Kraft erfochtenen Siege erfüllte

Menschheit; das Tor des Kyffhäuserberges schien gesprengt, alter Glanz

wiederzukehren und junge Freiheit zu wachsen. Aber die Zeit war noch

nicht erfüllt; das Geschlecht, das bei Leipzig und Waterloo siegte, war

noch nicht reif. Die Erziehung, die das deutsche Volk durch Napoleons

eiserne Faust und durch den feurigen Schöpfergeist Scharnhorsts und

des Freiherrn vom Stein erhalten hatte, trug noch nicht die ersehnten

Früchte. Und fast ist es ein Glück: Nicht aus den Händen intriganter

Diplomaten, die in Wien sich um die Landkarte stritten, nicht nach dem

Willen fremder Souveräne sollte das deutsche Volk die besten Gaben

seines Schicksals erhalten, sondern von der eigenen gesteigerten Kraft,

vom eigenen Verdienst. Erst mußte die Nation durch das Fegefeuer einer

neuen harten Prüfungszeit wandern, ehe wirklich die Zeit erfüllt war.

Und wunderlich, daß just in jenen Tagen, die so bittere Enttäuschung

heraufführen sollten, in dem märkischen Dorfe, die Welt begrüßend, die

Stimme des Knaben erklang, der alles Hoffen erfüllen, alles Leid in

Segen verwandeln sollte. Die Zeit aber, die bestimmt war, eine Zeit

des Reifens, des inneren Erstarkens für die deutsche Nation zu werden,

diese Zeit der scheinbaren Erstarrung, in der über dem Weltteil sich

mit schwerem Druck der armselige Ideenschatz der heiligen Allianz

gelegt hat, in der Stein vor Metternich erlag und Hilflosigkeit und

böser Wille in dem Bundesstaate nur die Karikatur eines Staatsgebildes

schufen, diese Zeit der Indolenz, die nur der flammende Mut der Jugend

zuweilen mit Blitzen heiligen Zornes erhellte, ist auch die Zeit des

jugendlichen Reifens jenes Mannes gewesen, der sie ins Grab geleiten

sollte. Bismarcks Jugend stand nicht unter dem Sterne bedeutenden

Geschehens, hinreißender Taten. Philosophie und Empfindsamkeit führten

die Herrschaft; die Tatenmenschen fanden keinen Raum. Der gewaltigen

Periode der Freiheitskämpfe folgte die Reaktion der Ermattung.

Am 11. April 1815 erschien in der Spenerschen Zeitung zu Berlin

folgende Anzeige:

Die gestern erfolgte glückliche Entbindung meiner Frau von einem

gesunden Sohn verfehle ich nicht, allen Verwandten und Freunden

unter Verbittung des Glückwunsches bekanntzumachen.

Schönhausen, den 2. April 1815. Ferd. v. Bismarck.

Schönhausen — noch steht das alte, efeuumsponnene Haus, noch kann ein

dankbares Volk ehrfürchtig dorthin wallfahren, wo Bismarcks Wiege

stand, noch ist das Zimmer unverändert, in dem Frau Wilhelmine einst in

Nöten rang.

[Illustration: Geburt Bismarcks]

Otto von Bismarck war das vierte Kind seiner Eltern, doch war nur

der fünf Jahre ältere Bernhard noch am Leben. Siebenundzwanzig Jahre

zählte die Mutter, fünfundvierzig der Vater, als dem Schöpfer des

neuen deutschen Reiches die Geburtsstunde schlug. Ein schlichter, mit

Glücksgütern nicht reich gesegneter Landwirt, der einst als Rittmeister

das Heer verließ, hatte jene Anzeige in der Zeitung erlassen. Fünf

Fuß zehn Zoll zeigte das Maß des Vaters, kräftig und derb war seine

Erscheinung. Die Mutter aber, Wilhelmine Mencken, war mittelgroß,

zeigte feine Züge und leuchtende Augen. Sie war schön und geistreich,

städtisch erzogen, und sie verlor auch in der Fülle des ländlichen

Lebens niemals die heimliche Sehnsucht nach der großen Welt. In dem

Briefe vom 24. Februar 1847, den später der junge Bräutigam an Johanna

von Puttkamer schrieb, hat er die Mutter geschildert:

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 30 / 334 题