Otto von Bismarck

Wie fern scheint heute schon die Zeit entschwunden, in der das deutsche

Volk zu heroischer Größe emporwuchs, in der Otto von Bismarck das

gewaltige Werk seines Lebens vollbrachte! Und doch sind jetzt, am

1. April des Jahres 1915, erst hundert Jahre vergangen, seitdem die

Stimme des Knaben, den man einst den Eisernen Kanzler, den Schöpfer

des Reiches, den getreuen Eckart nennen sollte, das Licht dieser

Welt begrüßte, deren spätere Geschichte eine Geschichte seiner Taten

wurde. Und erst siebzehn Jahre zogen dahin, seitdem seine Augen sich

schlossen, und auch an diesem Großen sich das Schicksal erfüllte,

das selbst an den Unsterblichen nicht vorüberschreitet. Und doch

spinnt sich über Leben und Schaffen dieses Mannes schon eine Art von

mythischem Schleier, schon scheint er zu einer Gestalt der Sage zu

werden. Übermenschlich wächst er empor in Wollen und Schaffen, in

Leisten und Vollbringen, und wenn im Hafen von Hamburg sich seine

Gestalt als Roland erhebt, so fließen in unserer Phantasie die Züge und

die Wesensart dieser beiden ragendsten Gestalten der deutschen Legende

und des deutschen geschichtlichen Lebens schon längst ineinander; und

wenn wir in dem Buche, das vor achthundert Jahren der Pfaffe Konrad

schrieb, die Mär von dem Ausgang des Paladins Karls des Großen von

neuem lesen, dann spüren wir erschüttert den Vorhall des Ausgangs Otto

von Bismarcks: »Als Roland von der Welt verschied, vom Himmel ward ein

großes Licht. Die Winde erhoben sich da, sie zerbrachen die herrlichen

Waldbäume. Die Sonne erlosch, und der viel lichte Tag ward finster wie

die Nacht, die Sterne zeigten sich offen, das Gewitter stürmte; und

sie wollten alle glauben, daß die Zeit da wäre, da die Welt sterben

und Gott sein Gericht halten würde.« So wie damals, als Roland starb,

die Welt zu sterben schien, so in den Tagen, da Bismarck schied. Und

so wie der Träger des Schwertes Durendart ein Hüter des Reiches gegen

alle Feinde war, so wie er jetzt im Hamburger Hafen steht, so stand

auch Bismarck in all den Jahren gewaltigen Ringens, weithin sichtbar,

unerschüttert und stark auf deutschem Boden, auch dann noch, als

der Abend über ihn heraufzog und ein junges Geschlecht, begehrend

die Schwingen zu proben, aus eigener Kraft die Zukunft zu zimmern

versuchte. Aufrecht und unbeugsam wie sein Leib blieb seine Seele, und

wiewohl er die größten seiner Taten in der Vollreife des Mannestums

vollbrachte, so blieb in den Herzen seiner Volksgenossen, und so wird

auch in der Zukunft das Bild des Alten vom Sachsenwalde am festesten

haften, des getreuen Mahners und Raters, auf den, wie er es selbst

einmal aussprach, in seinem Gewissen die Pflicht wie eine Pistole

zielte.

[Illustration: Bismarcks Tod (»Punch«, August 1898)]

Seltsam genug: So fernhin uns die Gestalt dieses Mannes zu entschweben

scheint, so mächtig sie emporwächst, je mehr die Distanz sich

vergrößert, desto näher tritt sie uns doch menschlich in ihren

einzelnen Zügen, in dieser ganzen Fülle eines urgewaltigen, heißen,

vorwärtsstürmenden, schöpferischen Lebens, in der ganzen Macht des

in ihr wirkenden Gemütes. Wo immer sich ein neuer Zug in Briefen und

Dokumenten offenbart, die erst den Späteren zugänglich wurden, da

wächst noch der Eindruck, der Zauber, den diese Persönlichkeit auf

uns ausübt. Keine andere Gestalt, auch Goethe nicht, weckt in uns

so stark das Verlangen, bis in alle Einzelheiten ihres Lebens zu

dringen, in jede Stunde ihres Wachsens und Werdens zu schauen, wie der

große Sohn der märkischen Erde. Wo der Grund liegt? In dem seltsamen

Zusammenklang von eiserner Entschlossenheit und rücksichtslosem Willen

mit einem tiefen und zarten Gemüt, in der eigentümlichen Harmonie von

todesverachtender Tapferkeit und einem Humor, der wie eine Perle in

der Tiefe ruht. Er schritt nicht, wie Moltke, kühl und gelassen und

unberührbar durch die Welt und das Leben — der unbezwingliche und

unbesiegte Schlachtendenker wurde nie von der Menge umstürmt, die seine

Hand zu fassen und mit Küssen zu bedecken verlangte. All die Großen

der Geschichte ziehen an uns vorüber, seit Alexanders Zeiten und seit

Cäsar: keiner von ihnen trat den Menschen so nahe wie Bismarck, keiner

von den Staatsmännern, den Herren des Schlachtfeldes, den Künstlern.

Die Schranke kühler Überlegenheit trennte Friedrich den Großen von

seinen Preußen und verschloß ihm den Zutritt zur letzten und höchsten

Volkstümlichkeit; die Majestät des Herrschers scheuchte selbst von

Wilhelm dem Einzigen die Vertraulichkeit ab. Aber die dichten Brauen,

der durchdringende Blick, die mächtige Figur eines Bismarck flößen

selbst dem Kinde keine Scheu ein. Mit leichter Hand streicht es über

die Züge, freundlich lächelt es dem Bilde zu: es fühlt das Menschliche

im Wesen dessen, den dieses Bild darstellt. Und dieses Menschliche

wird niemals allzu menschlich, wirkt niemals dürftig und klein; jede

Einzelheit bleibt bedeutend: der ~einzige~ vielleicht, der auch vor

dem Kammerdiener noch ein König war. Wo fällt ein Schatten auch nur

auf sein privates Leben? Wo schleicht sich ein niedriger Zug in die

Tafel seiner Geschichte? Irrtümer mochten auch ihm nicht erspart sein,

weil auch der Genius die Schleier der Vorsehung nicht durchdringt,

aber auch diese Irrtümer entflossen starken und großen Motiven, ob

wir auf die erschütternden Seelenkämpfe der Jungmannszeit, auf das

Ringen im preußischen Konflikte, auf die Arbeit für den Ausbau des

Reiches, auf die letzten Kämpfe des gefesselten Prometheus blicken.

— Wo liegt das Geheimnis der Liebe? Wo das Geheimnis der Größe? Die

Liebe eines Volkes wird dort am sichersten wachsen, wo jeder einzelne

Volksgenosse, wie in Bismarck, ein Stück des eigenen Wesens verkörpert

sieht, wo er alles findet, was in ihm selbst an Gutem und Bedeutendem

schlummert. Und wo dieses sein eigenes Wesen in origineller Prägung

vor seine Augen tritt. Das Volk liebt nicht sie, die wie Griechenlands

Götter in Marmorpalästen wohnen und auf ragenden Höhen, die schweigend

droben über den ewigen Sternen wandeln, es liebt die anderen, die in

dem bunten Gewimmel des Lebens stehen, mit ihm ringen und Kraft aus ihm

ziehen, die seinesgleichen bleiben, auch wenn der Fittich des Genius

sie zu den Wolken erhebt, die mit uns leben und mit uns lieben, die

unsere Freude teilen und mit uns leiden, die mit uns zürnen, wenn wir

zürnen, und die dennoch alles Typische in Besonderheit wandeln und

scharf und klar und unverrückbar als Persönlichkeiten vor unsere Augen

treten.

Es gibt aber ein Merkzeichen der Volkstümlichkeit: die ~Anekdote~.

Sie umfaßt und ergreift nicht das, was nichtig und zufällig ist,

sondern sie dringt, richtig verstanden und bewertet, in das innerste

Wesen des Menschen, und sie stellt uns in köstlicher Plastik dar,

was die psychologische Analyse oft vergebens zu erläutern sucht.

Sie ist und wirkt durch und durch lebendig; sie malt nicht mit dem

Tintenstift, sondern mit vollen und satten Farben; sie bleibt nicht an

der Oberfläche haften, sondern sie dringt in die letzte Tiefe. Und sie

zeigt zugleich die Eigenart und die Kraft der Persönlichkeit, an die

sie sich kettet. Denn sie entströmt ihr selbst; die Persönlichkeit ist

ihr Schöpfer. Sie wird dort in reichem Strome fließen, wo das Wesen

die originelle Prägung trägt; sie wird versagen, wo selbst ein Mann

von Moltkes Größe doch im letzten Grunde einseitig bleibt. Sie wird

strömen, wo der Humor, die letzte und tiefste Erfassung der Probleme

des Lebens, die Seele erfüllt; sie wird aber versiegen, wo kühles

Erwägen den warmen Blutstrom zurückdrängt. Und sie wird zuletzt auch

dort nur haften, wo ein reiches Menschentum auch gegen den Widerspruch

der Alltäglichen seine eigenen Bahnen wandert.

[Illustration: ~Zu Bismarcks Geburtstag~

Das Komitee des Bismarck-Fonds sollte den Überschuß der Spenden zur

Ausschreibung eines Preises für denjenigen »Kraftmeier« verwenden, der

dem siebzigjährigen Bismarck dieses Kunststück nachmacht. (»Humor.

Blätter«, 1. April 1887)]

Bismarcks Größe trat dem deutschen Volke nahe, weil sich die Strahlen

seines Geistes in dem Prisma seines Humors brachen. In der Hamburger

Dramaturgie hat Lessing diesen Begriff erläutert. »Ich glaube es

unwidersprechlich beweisen zu können, daß Humor und Laune ganz

verschiedene Dinge, ja in gewissem Verstande ganz entgegengesetzte

Dinge sind. Laune kann zu Humor werden, aber Humor ist, außer in

diesem einzigen Falle, nie Laune.« Es ist in der Tat der Humor nicht

das Produkt einer wechselnden Stimmung, sondern er ist eine stehende

Stimmung, die Grundstimmung des Gemütes; er blüht nur in der Freiheit

des Geistes und ist die reifste Frucht der Bildung. Er trägt die Seele

über Abgründe hinweg und lehrt sie mit ihrem eigenen Leide spielen. Er

ist die Gemütlichkeit, wie wir Deutschen es nennen. Hinter der Komik,

die erscheint, verbirgt sich ein tiefer Ernst und die Weisheit der

umfassendsten Lebensanschauung. Die Alten kannten ihn nicht, so paradox

es klingt, weil sie die Trauer und die Sehnsucht nicht kannten. Der

Humor ist germanisch, wie Luther, Shakespeare und Bismarck; er vereint

den tiefen Ernst und den heiteren Frohsinn in dem Brennpunkt des

Gemütes. Und er löst alle Widersprüche auf. Die Anekdote aber wandert

in seinem Gefolge; sie ist sein legitimer Sprößling gleich dem Witz,

nur wird sie vom Wohlwollen geboren und vom Lächeln empfangen, während

an der Wiege des Witzes und vor allem der Karikatur nur allzuoft die

Bosheit steht.

[Illustration: Bismarck als Triumphator über den deutschen Michel im

tschechischen Vilde. (»Hum. Listy«, August 1879)]

Wie weltenfern ist darum Bismarcks Größe von der Größe der anderen, die

gleich ihm das Antlitz der Welt zu wandeln bestimmt waren! Wo fällt

der goldene Schimmer des Humors jemals auf Napoleons eisernes Antlitz?

Wo umstrahlt er Cäsars oder Friedrichs des Großen Werkstatt? Wo packt

uns, wie hier, die tiefe Innigkeit eines Gemütes, in dem die Kraft der

äußersten Liebe sich mit der Kraft des unnachsichtlichen Hasses, die

rücksichtslose Kraft des weltengestaltenden Staatsmannes mit dem zarten

Künstlersinn des Freundes der Natur, mit dem weichen Empfinden des

Schreibers der Briefe an seine Braut zu vereinen verstand? Bismarck war

groß auch in seinem Menschentum.

Und darum verlangt die Menschheit nach mehr als nur nach dem Rahmen des

Lebens, und sie verlangt auch einen anderen Inhalt als das Register

seiner geschichtlichen Taten. Neben das Bedürfnis des forschenden

Geistes tritt das Bedürfnis der Liebe; neben dem hellen Mittag behält

das Abenddämmern sein Recht mit seinen leisen Gesprächen, seinem

stillen Erzählen von Tat und Geschehen, von Helden und Sagen. Die

Kinder, sie hören es gerne.

Nur in Bismarck ist das Geheimnis der Größe zugleich das Geheimnis der

ihm dargebrachten Liebe. Er steht dem Volke menschlich nahe wie niemand

sonst. Und als er starb, da war es, als ging uns allen der beste Teil

des Lebens verloren. Wie anders sonst! Als die letze Kunde kam von dem

stillen Eiland im Weltmeer, auf dem Napoleon den Tiefgang seines Lebens

betrauerte, da erzitterte wohl auch die Menschheit in dem Bewußtsein,

daß hier ein Riese der Macht der Natur erlag, aber die Trauer des

Herzens hat gefehlt, das letzte und wertvollste Zeichen menschlicher

Größe. Metternich beherrschte einst durch sein zähes und kluges System

den Kontinent von Europa, Gortschakoff träumte sich als Bismarcks

Meister, Gambetta hatte die Leidenschaftlichkeit seines Volkes zu

dem letzten verzweifelten Kampfe gegen Deutschlands siegreiche

Heere gespornt, Cavour und Viktor Emanuel haben Italiens Einheit in

rühmlichem Kampfe erfochten. Und doch hat, als sie starben, der Werktag

nicht sein Antlitz geändert. Kaiser und Könige schieden, der starken

Hand eines Nikolaus entfiel das Zepter, der dritte Napoleon, der einst

der Welt Gesetze zu geben gedachte, zollte dem Schicksal den letzten

Tribut. Wo aber war die Menschheit so tief erschüttert wie an jenem

Tage, der ihr Bismarck raubte!

[Illustration: ~Im norddeutschen Parlament~ Entschieden ist er und ein

gewaltiger Redner; das muß man ihm lassen. (»Figaro«, 5. März 1870)]

Und seltsam beinahe: Solange Bismarck lebte, stand er immer im Kampfe

mit einer Welt. Nirgends betrat er die ebene Bahn, nirgends schritt

er ungehindert dem Ziele zu. Er mußte selbst ringen mit seinem alten

König, mit dem Manne, dem er doch sterbend noch in der Inschrift

seines Grabes das Geschenk seines Lebens vermachte; er mußte ringen

mit dem Vorurteil der deutschen Welt, daß die großen Entscheidungen

des Schicksals durch Resolutionen und Aktenstöße, nicht auf blutigem

Blachfeld gefällt werden. Gegen ihn erhob sich die Masse der Kleinen,

der Ehrgeizigen und der Verkannten. Ihm stellte sich alles entgegen,

was vor der Größe zurückschreckt; an ihm verzagten in böser Zeit

selbst die ältesten und getreuesten Helfer. Parteipolitisches

Hoffen, höfischer Ehrgeiz, Doktrinarismus werden niemals dem Fluge

des Genius vorbehaltslos folgen; sie werden in ihm stets etwas

Feindliches spüren; sie werden versuchen, den Ragenden auf das Maß

der eigenen Kleinheit zurückzuführen. Und feindlich wird ihm auch der

»gesunde Menschenverstand« bleiben, dieser Trost des Philisters, der

selbstgefällig nur die Weisheit der Allgemeinheit schlürft, der nach

Schlußsatz und Kettenregel seine Folgerungen zieht, der aber stets

abgestoßen wird von dem anderen, der intuitiv seine Entschlüsse faßt,

der unregelmäßig erscheint, weil er das gewöhnliche Geleise verschmäht,

der nur der Stimme der Gottheit folgt und den Pedanten verachtet.

Bismarck hatte kein System; er hinterließ auch keine Schüler. Denn

das scheinbar Unregelmäßige, das sich erst in einer höheren Sphäre

gestaltet, läßt sich weder lehren noch lernen. Darum blieben auch sie,

die in den langen Jahren gegen ihn rangen, die zehnfach an ihm irre

wurden, doch redliche, vaterlandstreue Männer. Es ist kein Verbrechen,

dem Genie zu erliegen, wohl aber erhöht es die Qualen des großen

Menschen, wenn er das, was er als Goldmünze von der Vorsehung empfing,

täglich und stündlich in die kleine Münze des Marktverkehrs umsetzen

muß.

[Illustration: ~Der Baumkraxler~

Michel: »Das ist gut, die streiten sich da herunten noch, wer kraxeln

soll, während er schon lange oben ist.« (»Figaro«, August 1864)]

So hat man gegen den Weg, den Otto von Bismarck einschlug, um

Preußen stark und durch Preußens Stärke Deutschland groß zu machen,

selbst dort gekämpft, wo man in schwungvollen Reden und in hallenden

Beschlüssen dafür eintrat, daß das Vaterland größer sei und die

schwarzrotgoldene Fahne über alle Lande von Memel bis nach Konstanz

flattern muß. Der Doktrinarismus kennt nur ~einen~ Weg: den Weg, den

er selbst approbierte, und jeder Schritt, jedes Abweichen von dieser

Bahn erscheint ihm als ein Verbrechen gegen die eigene Majestät. Was

Bismarck damals, als er eben in den Kampf eintrat, als man ihn als

prahlenden Junker, als hohlen Großsprecher, als Napoleonverehrer und

Städtevertilger begrüßte, als man ihn wechselnd mit Catilina und

Strafford verglich und als Verräter beschimpfte, in seinem Brief an

Motley schrieb, mag hart und ungerecht klingen trotz der humoristischen

Färbung, aber es zeichnet doch den tiefen Unterschied zwischen dem

Tatenmenschen, der schaffen will, und den Doktrinären, die selbst der

Vorsehung ihre Bedingungen vorschreiben möchten: »Eure Gefechte sind

blutig, unsere geschwätzig. Diese Schwätzer können Preußen wirklich

nicht regieren; ich muß dem Widerstand leisten. Sie haben zu wenig

Witz und zu viel Behagen. Dumm in seiner Allgemeinheit ist nicht der

richtige Ausdruck; die Leute sind, einzeln betrachtet, zum Teil recht

gescheit, meist unterrichtet, regelrechte deutsche Universitätsbildung,

aber von der Politik gegenüber den Kirchturminteressen verstehen sie

so wenig wie wir als Studenten davon wußten, ja noch weniger; in

auswärtiger Politik sind sie auch einzeln genommen Kinder; in allen

übrigen Fragen aber werden sie kindisch, sobald sie =in corpore=

zusammentreten. Massenweise dumm, einzeln verständig.« Protestierte

doch sogar, als Bismarck erklärte, nur eine preußische Sprache zu

reden, ein Sybel gegen seine Politik, die »sich hiermit wieder das

Zeugnis ausstellt, daß die Essenz ihres Wesens die Nichtachtung des

Rechtes ist, daß sie weder im Innern noch nach außen handeln, weder

ruhen noch wirken, weder leben noch sterben kann, ohne die Gesetze des

Landes zu verletzen«. Und wie Sybel, so urteilten Twesten, Unruh,

Simson, Waldeck, Vincke und Carlowitz und die anderen, und sie alle,

die tausendmal das Lied von den meerumschlungenen Landen gesungen

hatten, ließen durch den Vertreter der Mehrheit erklären: »Sagen wir

uns von jeder Gemeinschaft mit der Politik dieses Ministeriums los!«

Und sie jubelten Virchow zu, als er ausrief: »Er ist jetzt dem Bösen

verfallen, und er wird von ihm auch nicht mehr loskommen!« Und sie

lehnten die Anleihe für den Dänischen Krieg ab. Und als der Kampf

siegreich beendet war, und als die preußischen Fahnen über Düppel

und Alsen wehten, da füllten sie wiederum die Sitzungen nur mit

Streitigkeiten, Vorwürfen und Anklagen. Da verwarfen sie abermals

das Heeresgesetz und weigerten sich, das Geld für eine Flotte und

für den Lorbeerkranz zu gewähren, der um Preußens Stirne gebunden

war. Und Bismarck mußte ihnen zornig erklären, daß im allgemeinen

wohl die Existenz auf der Basis der Phäaken bequemer sei als auf der

Basis der Spartaner, im Lande der Philister angenehmer als im Lande

der gehärteten Kämpfer, daß er aber hoffe, daß wie Düppel und Alsen

ihnen zum Trotz erobert seien, so Preußen, ungeachtet ihrer impotenten

Negative, auch eine Flotte bekommen werde, deren Bau man ihm eben

versagte. Das Talent bleibt Reflexion, das Genie ist Tat. Dort die

ungeheuren, wimmelnden Scharen, einander treibend und drängend, sich am

Nachbarn erwärmend und von ihm mit neuem Mute begabt; hier der ~eine~,

der mit breiter Brust sich dem Strom entgegenstellt. Und noch in späten

Jahren, als alte Träume längst Wirklichkeit wurden, schrieb Bismarck,

wenn er jener Zeiten gedachte, in neu erwachender Bitterkeit: »Es

liegt im Rückblick auf die Situation ein bedauerlicher Beweis, bis zu

welchem Maße von Unehrlichkeit die politischen Parteien bei uns auf dem

Wege des Parteihasses gelangen. Es mag ähnliches anderswo vorgekommen

sein, doch weiß ich kein Land, wo das allgemeine Nationalgefühl und

die Liebe zum Vaterland den Ausschreitungen der Parteileidenschaft so

geringe Hindernisse bereitet, wie bei uns. Die für apokryph gehaltene

Äußerung, welche Plutarch dem Cäsar in den Mund legt, lieber in einem

elenden Gebirgsdorfe der Erste, als in Rom der Zweite sein zu wollen,

hat mir immer den Eindruck eines echt deutschen Gedankens gemacht.

Nur zu viele unter uns denken im öffentlichen Leben so und suchen

das Dörfchen, und wenn sie es in geographischer Art nicht finden

können, die Fraktion, Unterfraktion und Koterie, wo sie die ersten

sein können. Diese Sinnesrichtung, die man nach Belieben Egoismus und

Unabhängigkeit nennen kann, hat in der ganzen deutschen Geschichte von

den rebellischen Herzögen der ersten Kaiserzeiten an ihre Betätigung

gefunden.«

[Illustration: Ritter, Tod und Teufel Nach Albrecht Dürer. (»Berliner

Wespen«, Juni 1875)]

Was ist der Parteigeist anderes, als Doktrinarismus? Sie beide sind

immer beschränkt, durch die Gesetze der Pedanterie beengt, ablehnend

gegen die großen Gedanken, die dem Herzen entstammen, gegen die Kräfte

der Begeisterung und des Gemütes. Sie werden stets unfruchtbar bleiben,

gelenkt durch den Groll gegen die großen schöpferischen Geister, die es

wagen, von der Säule des Prinzips hinabzusteigen in das blühende Leben.

Der Doktrinarismus hat den großen Staatsmann gleich der Parteiwut

verfolgt durch sein ganzes Leben, einer knurrenden Dogge vergleichbar,

die sich an die Spur des Wanderers heftet. Was heute uns einfach und

selbstverständlich erscheint, das wollte und konnte er nicht begreifen,

eben weil es nicht nach seinem eigenen Gesetze erreicht werden sollte.

Er hat zehnmal öfter »Fort mit Bismarck« geschrien, als er »Hoch

Bismarck« rief.

[Illustration: ~Bismarcks Kopf auf der Guillotine~

Auf der Stirne stehen die Worte: »Ehrgeiziger Schuft«. Die Unterschrift

lautete: »Ich habe dich gekriegt, ich hab’s auf deine Stirne

geschrieben, wer du bist, und jetzt drängt man herbei, um dich zu

verspotten.« Die Aasgeier fliegen schon heran. (Französ. Flugbl. 1870)]

Denn dieser Mann hat die Kühnheit gehabt, nie einer Fraktion

anzugehören. Er ist, wie er es einmal aussprach, =à tour de rôle=

herumgegangen, aber die Doktrin gab er stets wohlfeil: »Wer auf dem

Standpunkt, den er einmal gehabt hat, feststeht, der bleibt zurück!

Doktrinär bin ich in meinem Leben nicht gewesen; alle Systeme, durch

welche die Parteien sich getrennt und gebunden fühlen, kommen für mich

in zweiter Linie; in erster Linie kommt die Nation, ihre Stellung nach

außen, ihre Selbständigkeit, damit wir als große Nation frei atmen

können.« Bismarck hatte keine vorgefaßte Meinung; und die Menschen des

Prinzips glichen ihm Wanderern, die mit quergelegten langen Stangen auf

einem engen Waldweg vorwärts kommen wollten. Er wurde aber Sieger, weil

in ihm die Kraft der Leidenschaft lebte, wie es ja nie eine Genialität

ohne Leidenschaft gibt. Neue, kühne, begeisterte Ideen erzeugt nur

ein heller Kopf, der über einem glühenden Herzen steht, wie der

köstlichste Wein nur auf Vulkanen gedeiht. Und Bismarck war Autodidakt.

Er war nicht über den Paßweg der Examina gegangen, er war nicht die

Stufenleiter zu hohen Ämtern mühsam emporgeklettert, und als er den Weg

nach Frankfurt antrat, auf den wichtigsten Posten, den Preußen kannte,

da mochten ihn die Männer vom Bau als Dilettanten, als »Diplomaten =en

sabots=« begrüßen und auf ihn das Wort anwenden, das einst für Lord

Russel galt: »Der Mensch würde auch das Kommando einer Fregatte oder

eine Steinoperation übernehmen.« Er selbst hat ja gefürchtet, daß er

sich »wegen Unkenntnis der aktenmäßig üblichen Formen blamieren würde«,

er hat, als er zuerst »vom Rade des Lebens gefaßt war«, sich erst

gewöhnen müssen, »ein regelmäßiger Arbeiter und trockener Geschäftsmann

zu sein, viele und feste Arbeitsstunden zu haben und alt zu werden«,

und humoristisch schreibt er an die Gattin, und doch voll leichter

Bitterkeit über die verlorene Freiheit: »Dann muß ich einen großen

Train und Haushalt führen, und Du, mein armes Kind, mußt steife Hecke

spielen, Diners und Bälle geben, schrecklich vornehm tun, Exzellenz

heißen und mit Exzellenzen klug und weise sein.« Aber wenn Spiel

und Tanz auch vorbei sind, so ist er doch entschlossen, ein ernster

Mann zu sein, auszuharren auf dem Fleck, auf den Gott ihn gesetzt,

und dem König und dem Lande seine Schuld zu bezahlen. Es ist das

Selbstbewußtsein, das Kraftgefühl des Genies, das ihn, den Gutsbesitzer

mit mäßigem Vermögen, der erst seit wenigen Jahren als Abgeordneter im

politischen Sturme stand, zum Sieger über die Zunftdiplomaten, über all

die geschäftigen Müßiggänger am deutschen Bundestag erhebt. Nur daß

er die zehn Jahre des tollen Junkertums benutzt hat, in alle Tiefen

des Wissens zu dringen, fertig zu werden an Geist und Charakter, alle

Kultur zu gewinnen, die das Jahrhundert schuf. Kein anderer Staatsmann

gleicht ihm in der Fülle des Erschauten und Erkannten, kein Redner

ist darum so reich wie er an Gleichnissen und Bildern und an lebenden

Zitaten aus den Werken der großen Dichter aller Nationen. Hier ist

nichts künstlich angewandt, sondern alles Erschaute und Erkannte

schmilzt mit dem eigensten Wesen des Mannes zusammen und wird sein

unverlierbares Eigentum. Und das Beste geben ihm nicht die Bücher,

sondern das Leben, in das er mit hellen, schnell erfassenden Augen

blickt. So ward er ein Feind der Reflexion und wurde und blieb ein Mann

des Handelns, und über der Pforte seines Daseins standen die Worte: »Am

Anfang alles männlichen Daseins steht nicht das Wort, sondern die Tat.«

[Illustration: =In patriae serviendo consumor!= (»Ulk«, 13. November

1896)]

Und so löschte er von dem Tage an, da er in das geschichtliche Leben

eintrat, von der Tafel die Politik der Perücken und schuf eine neue

Politik der Kühnheit und der Wagnis. Nur die selbstbewußte Kraft des

Genies, das über den Tag und seine Bedürfnisse hinwegblickt, konnte

diesen Weg unbeirrt vorwärtsschreiten, auf dem überall Haß und Hohn

als Hindernisse standen. Bis dann langsam das Verständnis für das

Werden und die Ziele dieses Mannes erwachte, bis Groll und Mißmut sich

beugten und selbst der Fremde, der Feind ausrief, daß kein Pantheon

groß und vornehm genug sei, um ihm als Ruhestatt zu dienen.

[Illustration: Gehässig wird Bismarck als Tartüff, ehrgeiziger Fälscher

und Betrüger dargestellt. (»Les Célébrités«, Nr. 15, während des

Krieges in Frankreich)]

Und ein seltsames Eingeständnis machten selbst sie, die ihn bekämpften.

Die ~Karikatur~ wird dort nur lebendig sein, wo Menschen den Rahmen

des Gewöhnlichen verlassen und im Guten oder Bösen aus dem Geleise

des Gewohnten treten. Überall aber, wo der Stift des Spötters den

Lebensweg Bismarcks begleitet hat, dort hemmte ihn ein unbewußter

Respekt vor der geahnten Größe an Exzessen der Phantasie. Der glühende

Haß der Besiegten des großen Jahres und der anderen Kriege mochte ihn

als Frevler auf die Guillotine senden, ihn meineidig oder blutgierig

schelten, aber tritt nicht aus der Wildheit des Hasses sieghaft die

Größe des Gegners hervor? Auf ihn allein und vor allem häufte sich

seit dem Tage von Sedan aller Ingrimm des französischen Volkes. Er

glitt an Roon und Moltke und selbst an König Wilhelm vorüber, um immer

wieder ihn, den Gewaltigen, den Gefürchteten zum Ziele zu wählen. Hier

verschmäht er spöttische Scherze; hier bleibt er heißer Zorn. Hier

sucht er andere Bilder, als sie selbst die preußische Konfliktszeit und

der Kulturkampf gebrauchte. Und eben hiermit neigt er sich doch wider

Willen vor der überlegenen Größe. Und darum spiegelt sich hier wie dort

in diesen Bildern des Spottes und der Ironie wie im Zerrspiegel etwas

vom Wesen des Mannes wider: Auch das Negativ, das Licht und Schatten

umgekehrt verteilt, läßt uns das originale Bild erkennen.

Und aus Scherz, Satire und Ironie, aus Anekdote und Karikatur soll

hier ein Bild gezeichnet werden. Und wer es mit Fleiß betrachtet, wer

den kraftvollen Hauch verspürt, der aus all dem scheinbar Kleinen und

Nebensächlichen und doch Erlebten zu uns dringt, und wer zugleich

im Negativ zu lesen versteht, vor dem wird doch wieder und wieder,

gewaltig wie der Roland im Hamburger Hafen, die Gestalt dieses einzigen

Mannes erstehen, der, ein geborener Herrscher, die Gemüter der Menschen

regierte, wie der Wind die Wolke regiert, und der mit eiserner Faust

die Geschichte zwang, daß sie seinem Willen folgte. Widerstrebend und

scheu zugleich wie ein Araberhengst, der den Meister verspürt.

[Illustration: Bismarck als Drachentöter. (»Jugend«, 1908)]

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 29 / 334 题