Nun war aber Lillekort in Verlegenheit wegen der Prinzessinnen; denn

beide wollten ihn haben, und er wollte nur die haben, welche er zuerst

befrei't hatte, und das war die jüngste. Er sann und dachte lange

darüber nach, wie er sich aus der Verlegenheit ziehen sollte; denn die

jüngste wollte er nicht fahren lassen, und der andern wollte er auch

nicht gern zuwider sein. Da fiel es ihm ein, wenn jetzt sein Bruder,

König Lavring, da wäre, der ihm so ähnlich sah, daß Keiner sie von

einander zu unterscheiden vermochte, so könnte der die andre Prinzessinn

und das halbe Reich bekommen; denn er selbst wollte sich gern mit der

einen Hälfte begnügen. Wie gedacht, so gethan: er ging vor's Schloß und

rief laut den König Lavring bei Namen; aber es kam Niemand. Da rief er

noch lauter; aber es fand sich auch diesmal Keiner ein. Zuletzt rief er

aus allen Kräften -- und da stand plötzlich sein Bruder vor ihm. »Ich

sagte Dir ja, Du solltest mich nicht eher rufen, als bis Du in der

äußersten Noth wärst,« sprach er: »und hier ist ja keine Mücke, die

Dir Was zu Leide thun kann,« und damit schlug er auf ihn zu, daß

Lillekort über die Wiese hinpurzelte. »Schande über Dich, daß Du mich so

schlägst!« sagte Lillekort: »Erst hab' ich die eine Königstochter und

das halbe Reich gewonnen, und nachher die andre Königstochter und das

andre halbe Reich dazu, und nun wollte ich mit Dir theilen und Dir die

eine Prinzessinn und die Hälfte des Königreichs abgeben. Däucht es Dir

denn recht, mich also zu schlagen?« Als König Lavring das hörte, bat er

seinen Bruder um Verzeihung, und da vertrugen sie sich alsbald und waren

wieder gute Freunde. Darauf sprach Lillekort: »Du weißt, daß wir einander

so ähnlich sehen, daß Niemand uns zu unterscheiden vermag; darum tausche

Du jetzt Deine Kleider mit mir und geh hinauf auf das Schloß; dann

werden die Prinzessinnen glauben, daß ich es bin, und die, welche Dich

dann zuerst küsst, die nimmst Du, und die andre behalt ich.« Also sprach

Lillekort; denn er wußte wohl, daß die älteste Königstochter auch die

stärkste war, und konnte sich daher wohl denken, wie's kommen würde.

König Lavring war sogleich bereit, zu thun, wie sein Bruder ihm gesagt

hatte: er tauschte mit ihm seine Kleider und ging aufs Schloß. Als er

nun zu den Prinzessinnen eintrat, glaubten sie, es sei Lillekort, und

liefen beide sogleich auf ihn zu. Aber die älteste, welche die größte

und stärkste war, schob die jüngere Schwester bei Seite, faßte König

Lavring um den Hals und küßte ihn. Und so bekam denn König Lavring die

älteste, und Lillekort die jüngste Prinzessinn. Da kann sich's denn wohl

ereignet haben, daß eine Hochzeit ward, wovon man sich in sieben

Königreichen zu erzählen wußte.

25.

Die Puppe im Grase.

Es war einmal ein König, der hatte zwölf Söhne. Als diese groß waren,

sagte er zu ihnen, sie sollten fortreisen in die Welt und sich jeder

eine Frau suchen, aber die sollte spinnen und weben und ein Hemd

in einem Tag fertig nähen können, sonst wollte er sie nicht zur

Schwiegertochter haben. Jedem von ihnen gab er ein Pferd und eine ganz

neue Rüstung; und darauf reis'ten die Söhne fort in die Welt, um sich

eine Frau zu suchen. Als sie aber eine Strecke Weges gereis't waren,

sagten sie, Aschenbrödel wollten sie nicht mit haben; denn der tauge

doch zu Nichts. Aschenbrödel mußte nun zurückbleiben und wußte gar

nicht, wie er's anfangen sollte. Da ward er sehr niedergeschlagen, stieg

von seinem Pferd herunter und setzte sich ins Gras hin und weinte. Als

er aber eine Weile gesessen hatte, bewegte sich der eine Grasbülten, und

es kam daraus eine kleine weiße Gestalt hervor; und als sie näher kam,

sah Aschenbrödel, daß es ein niedliches kleines Mädchen war, aber ganz

ganz klein. Diese trat auf ihn zu und fragte ihn, ob er nicht die Puppe

im Grase besuchen wolle. Ja, das wollte Aschenbrödel gern und ging mit

ihr.

Als er hinunterkam, saß die Puppe im Grase auf einem Stuhl und war so

schön und so geputzt; sie fragte Aschenbrödel, wo er hin wolle, und in

welchem Geschäft er reise.

Er erzählte ihr nun, daß sie ihrer zwölf Brüder wären, und daß der

König, ihr Vater, jedem von ihnen ein Pferd und eine Rüstung gegeben und

zu ihnen gesagt hätte, sie sollten in die Welt reisen und sich eine Frau

suchen, die solle spinnen und weben und ein Hemd in einem Tag fertig

nähen können. »Wenn Du nun das kannst und meine Frau werden willst,«

sagte Aschenbrödel: »dann will ich nicht weiter reisen.« Ja, das wollte

sie gern und machte sich sogleich an die Arbeit, fing an zu spinnen und

zu weben und näh'te das Hemd in einem Tag fertig; aber es ward so klein,

so klein, nicht länger, als -- so lang.

Damit reis'te Aschenbrödel nach Hause. Als er aber das Hemd hervornahm,

um es seinem Vater zu zeigen, war er ganz beschämt, weil es so klein

war. Der König aber sagte, es machte nichts, er solle das kleine Mädchen

heirathen; und darauf reis'te Aschenbrödel froh und vergnügt zurück, um

seine kleine Braut abzuholen. Wie er nun bei der Puppe im Grase ankam,

wollte er sie zu sich auf sein Pferd nehmen; aber das wollte sie nicht,

sondern sagte, sie wolle in einem silbernen Löffel fahren mit zwei

kleinen Schimmeln davor. So reis'ten sie nun fort, er auf seinem Pferd,

und sie in dem silbernen Löffel; die beiden Schimmel aber, die sie

zogen, waren zwei kleine weiße Mäuse. Aschenbrödel hielt sich immer

auf der andern Seite des Weges, damit sein Pferd nicht auf seine Braut

treten sollte, denn sie war so klein. Als sie eine Strecke Weges

gereis't waren, kamen sie zu einem großen Wasser; da ward Aschenbrödels

Pferd scheu, sprang hinüber auf die andre Seite des Weges und schlug den

Löffel um, so daß die Puppe im Grase ins Wasser fiel. Da ward Aschenbrödel

sehr betrübt, und wußte gar nicht, wie er sie erretten sollte. Es

dauerte aber nicht lange, so tauchte ein Meermann mit ihr auf, und nun

war sie so groß geworden, wie ein andres erwachsenes Frauenzimmer, und

noch weit schöner, als zuvor. Da nahm Aschenbrödel sie vor sich auf sein

Pferd und ritt mit ihr nach Hause.

Als er dort ankam, waren auch schon seine andern Brüder, jeder mit

seiner Braut, eingetroffen; aber die waren so häßlich und so böse, daß

sie sich schon unterweges mit ihren Brautmännern gezaus't hatten. Auf

dem Kopf trugen sie Hüte, die waren mit Theer und Ruß bestrichen, das

war ihnen ins Gesicht herabgetröpfelt, so daß sie davon noch weit

häßlicher und abscheulicher waren aussehen worden. Als nun die Brüder

dagegen Aschenbrödels Braut erblickten, wurden sie alle neidisch auf

ihn. Der König aber freu'te sich so sehr über die beiden, daß er alle

die Andern davon jagte. Darauf hielt Aschenbrödel mit der Puppe im Grase

Hochzeit und lebte mit ihr vergnügt und zufrieden eine lange lange Zeit;

und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch.

26.

Das Kätzchen auf Dovre.

Es war einmal ein Mann oben in Finmarken, der hatte einen großen weißen

Bären gefangen, den wollte er dem König von Dänemark bringen. Nun traf

es sich so, daß er grade am Weihnachts-Abend zum Dovrefjeld kam, und da

ging er in ein Haus, wo ein Mann wohnte, der _Halvor_ hieß; den bat er

um Nachtquartier für sich und seinen Bären.

»Ach, Gott helf mir!« sagte der Mann: »wie sollt' ich wohl Jemandem

Nachtquartier geben können! Jeden Weihnachts-Abend kommen hier so viel

Trollen, daß ich mit den Meinigen ausziehen muß und selber nicht einmal

ein Dach über dem Kopf habe.« --

»O, Ihr könnt mich deßwegen immer beherbergen,« sagte der Mann; »denn

mein Bär kann hier hinter dem Ofen liegen, und ich lege mich in den

Bettverschlag.«

Halvor hatte Nichts dagegen, zog aber selbst mit seinen Leuten aus,

nachdem er zuvor gehörig für die Trollen hatte zurichten lassen: die

Tische waren besetzt mit Reißbrei, Stockfischen, Wurst und Was sonst zu

einem herrlichen Gastschmaus gehört.

Bald darauf kamen die Trollen an; einige waren groß, andre klein; einige

langgeschwänzt, andre ohne Schwanz; und einige hatten ungeheuer lange

Nasen, und alle aßen und tranken und waren guter Dinge. Da erblickte

einer von den jungen Trollen den Bären, der unter dem Ofen lag, steckte

ein Stückchen Wurst an die Gabel und hielt es dem Bären vor die Nase.

»Kätzchen, magst auch Wurst?« sagte er. Da fuhr der Bär auf, fing

fürchterlich an zu brummen und jagte sie alle Groß und Klein aus dem

Hause.

Das Jahr darauf war Halvor eines Nachmittags so gegen Weihnachten hin

im Wald und hau'te Holz für den Heiligen; denn er erwartete wieder die

Trollen. Da hörte er es plötzlich im Wald rufen: »_Halvor! Halvor!_«

-- »Ja!« sagte Halvor. »_Hast Du noch die große Katz?_« rief's. »Ja,«

sagte Halvor: »jetzt hat sie sieben Jungen bekommen, die sind noch weit

größer und böser, als sie.« -- »_So kommen wir niemals wieder zu Dir!_«

rief der Troll im Walde. Und von der Zeit an haben die Trollen nie

wieder den Weihnachtsbrei bei Halvor auf Dovre gegessen.

27.

Soria-Moria-Schloß.

Es waren einmal ein Paar Eheleute, die hatten einen Sohn, der hieß

_Halvor_. Von seiner Kindheit an aber wollte der Knabe durchaus Nichts

thun, sondern saß immer da und wühlte in der Asche. Die Ältern thaten

ihn in die Lehre bei verschiedenen Meistern; aber Halvor hielt es

nirgends aus, sondern wenn er ein paar Tage bei einem Meister gewesen

war, lief er wieder aus der Lehre, kehrte heim und setzte sich auf den

Feuerherd hin und wühlte in der Asche. Da geschah es einmal, daß ein

Schiffer zu seinen Ältern kam, der sah Halvor und fragte ihn, ob er

nicht Lust hätte, zur See zu fahren und fremde Länder zu sehen. Ja, dazu

hatte Halvor große Lust und ging sogleich mit dem Schiffer zur See.

Nun weiß ich nicht recht, wie lange sie schon gesegelt hatten, aber

zuletzt erhob sich ein heftiger Sturm, und als der vorüber war, und es

wieder ruhig ward, da wußten die Schiffsleute nicht mehr, wo sie sich

befanden; sie waren an eine fremde Küste getrieben, die Keiner von

ihnen kannte.

Weil nun gar kein Wind weh'te, und sie still liegen bleiben mußten, bat

Halvor den Schiffer um Erlaubniß, ans Land zu gehen, um sich dort

umzusehen; denn er konnte es nicht aushalten, immer still zu liegen und

zu schlafen. »Denkst Du, daß Du Dich vor den Leuten kannst sehen

lassen?« sagte der Schiffer: »Du hast ja keine andre Kleider, als die

Lumpen, worin Du gehst und stehst.« Halvor aber bat so lange, bis der

Schiffer ihm endlich die Erlaubniß gab; nur mußte er ihm versprechen,

daß er wieder zurückkehren wollte, wenn es anfing zu wehen. Darauf ging

er ans Land. Hier waren überall große schöne Ebenen und Wiesen, aber

nirgends war eine Spur von Menschen. Bald darauf fing es an zu wehen;

aber Halvor wollte noch gern Mehr von dem Lande sehen und schritt daher

weiter fort, in der Hoffnung, daß er auch Menschen dort antreffen würde.

Nach einer Weile gelangte er auf einen großen breiten Weg, der war so

flach und so eben, daß man ein Ei darauf fortrollen konnte. Halvor

verfolgte beständig diesen Weg, bis er endlich gegen Abend ein großes

schimmerndes Schloß in der Ferne erblickte. Weil er aber den ganzen Tag

gegangen war und keinen Mundvorrath mitgenommen hatte, war er entsetzlich

hungrig, und je näher er dem Schloß kam, desto unheimlicher ward ihm zu

Muthe.

Als er endlich das Schloß erreicht hatte, trat er hinein und kam zuerst

in die Küche, wo ein helles Feuer auf dem Herd brannte. In der Küche

war Alles so schön und prachtvoll, wie er es nie zuvor in einer Küche

gesehen hatte; da standen Gefäße von Gold und von Silber, aber Leute

waren nicht da. Als nun Halvor eine Zeitlang gewartet hatte, und Niemand

kam, öffnete er eine Thür und trat in ein großes Zimmer. Dort saß eine

Prinzessinn, die spann an einem Rocken. »Wie!« rief sie: »darf denn eine

Christenseele hieher kommen? Aber am besten ist es, Du machst nur, daß

Du gleich wieder fortkommst, wenn Dich der Troll nicht verschlingen

soll; denn hier wohnt ein abscheulicher Troll mit drei Köpfen.« --

»Mir sollt's recht sein, wenn er vier hätte,« sagte der Bursch: »ich

habe große Lust, den Kerl zu sehen; aber ich gehe nicht; denn ich habe

nichts Böses gethan. Erst aber musst Du mir Etwas zu essen geben; denn

ich bin verdammt hungrig.« Als nun Halvor sich satt gegessen hatte,

sagte die Prinzessinn zu ihm, er sollte versuchen, ob er das Schwert

zu schwingen vermöchte, das an der Wand hing. Aber er konnt' es nicht

schwingen, ja er konnt' es nicht einmal aufheben. »So musst Du einen

Trunk aus der Flasche thun, die daneben hangt,« sagte die Prinzessinn:

»denn das thut der Troll immer, wenn er es gebrauchen will.« Halvor that

darauf einen guten Trunk aus der Flasche, und da konnte er das Schwert

in der Hand schwingen wie gar Nichts. Nun, meinte er, sollt's für den

Trollen früh genug sein, wenn er käme. Es dauerte auch nicht lange,

so kam dieser dahergesaus't. Halvor hinter die Thür. »_Hutetu! hier

riecht's so nach Menschenfleisch!_« sagte der Troll, indem er den Kopf

zur Thür hereinsteckte. -- »Ja, das sollst Du gewahr werden!« sagte

Halvor und hieb ihm alle Köpfe auf einmal herunter. Da ward die

Prinzessinn so froh, daß sie sang und sprang; aber wie sie nun an ihre

Schwestern dachte, sagte sie: »Ach, wären doch meine Schwestern auch

erlös't!« -- »Wo sind die?« fragte Halvor. Da erzählte sie ihm, daß die

eine von einem Trollen auf einem Schloß festgehalten würde, das sechs

Meilen von da entfernt wäre, und die andre auf einem Schloß, das noch

neun Meilen weiter davon läge.

»Aber jetzt,« sagte sie: »musst Du mir erst helfen, diesen Rumpf

hinauszuschaffen.«

Dazu war Halvor sogleich bereit; er warf den Rumpf hinaus und machte

Alles rein und sauber drinnen, und darauf lebten sie lustig und

vergnügt. Den nächsten Morgen aber machte Halvor sich auf, sobald es

dämmerte; er gönnte sich keinen Augenblick Ruhe, sondern ging und lief

den ganzen Tag. Als er aber endlich das Schloß vor sich sah, ward ihm

doch wieder etwas unheimlich zu Muthe; es war noch weit schöner und

prächtiger, als das vorige; aber auch hier war keine Menschenseele zu

sehen. Halvor trat zuerst in die Küche und ging von da grade aus ins

Zimmer. »Wie? darf denn eine Christenseele hieher kommen?« rief die

Prinzessinn: »Ich weiß nicht, wie lange ich nun schon hier bin,« sagte

sie: »aber in all der Zeit habe ich noch nie einen Menschen hier

gesehen. Es ist aber wohl am besten für Dich, Du siehst zu, daß Du

wieder fortkommst; denn es wohnt hier ein Troll, der hat sechs Köpfe.«

-- »Nein, ich gehe nicht,« sagte Halvor: »und wenn er noch sechs

dazu hätte.« -- »Er nimmt Dich und frisst Dich lebendig,« sagte die

Prinzessinn. Aber es half nichts; Halvor wollte nicht wieder fortgehen,

denn er war nicht bange vor dem Trollen; aber zu essen und zu trinken

wollte er haben, weil er so entsetzlich hungrig war von der Reise. Ja,

das bekam er, so Viel er nur mochte. Darnach aber wollte die Prinzessinn

wieder, daß er gehen sollte. »Nein,« sagte Halvor: »ich gehe nicht; denn

ich habe nichts Böses gethan und brauche mich nicht zu fürchten.« Als

nun Halvor durchaus nicht gehen wollte, sagte die Prinzessinn zu ihm:

»Versuche denn, ob Du das Schwert zu schwingen vermagst, das dort an der

Wand hangt, und das der Troll immer im Kriege gebraucht.« Halvor konnte

aber das Schwert nicht schwingen. Da sagte sie zu ihm, er solle einen

Trunk aus der Flasche thun, die daneben hange; und als Halvor das gethan

hatte, konnte er das Schwert ohne Mühe schwingen.

Nun dauerte es nicht lange, so kam der Troll an; er war so groß

und breit, daß er seitwärts durch die Thür gehen mußte. Als er den

ersten Kopf hereinsteckte, rief er: »_Hutetu! es riecht hier so nach

Menschenfleisch!_« In demselben Augenblick aber hieb Halvor ihm den Kopf

ab, und darnach alle die andern dazu. Da ward die Prinzessinn über alle

Maßen froh. Als sie aber an ihre Schwestern dachte, äußerte sie den

Wunsch, daß auch die erlös't sein möchten. Halvor meinte, dazu könne

schon Rath werden und wollte sogleich wieder fort; aber erst mußte er

der Prinzessinn den Rumpf des Trollen hinausschaffen helfen, und darnach

begab er sich früh am andern Morgen auf den Weg. Er hatte aber eine

weite Reise zu machen, und er ging und lief abwechselnd, damit er noch

zu guter Zeit ankäme. Gegen Abend erblickte er endlich das Schloß, das

noch weit schöner und prachtvoller war, als die beiden ersten. Nun

fürchtete er sich nicht im geringsten mehr, sondern schritt grade durch

die Küche fort ins Zimmer. Hier saß eine Prinzessinn, die war so schön,

daß es gar nicht zu beschreiben ist; die sagte nun eben so, wie die

andern, daß sie noch keine Menschenseele gesehen hätte, so lange sie bei

dem Trollen sei, und bat ihn, nur sogleich wieder zu gehen, denn sonst

fräße der Troll, der neun Köpfe hätte, ihn lebendig auf, sagte sie. »Und

wenn er noch neun dazu hätte, so gehe ich doch nicht,« sagte Halvor und

stellte sich an den Ofen hin. Die Prinzessinn bat ihn so flehentlich, er

möchte doch wieder fortgehen, damit der Troll ihn nicht auffresse; aber

Halvor sagte: »Mag er nur kommen, wenn es ihm gefällt.« Da gab die

Prinzessinn ihm das Trollschwert und ließ ihn einen Trunk aus der

Flasche thun, so daß er's schwingen konnte.

Nun dauerte es nicht gar lange, so kam der Troll dahergesaus't, der war

aber noch weit größer und breiter, als die beiden andern und mußte

ebenfalls seitwärts durch die Thür gehen. Als er den ersten Kopf

hereinsteckte, sagte er eben so, wie die andern: »_Hutetu! hier riecht's

so nach Menschenfleisch!_« Im selben Augenblick aber hieb Halvor ihm

den Kopf herunter, und nachher auch alle die andern, aber der letzte war

der allerzäheste; den abzuhauen war die schwerste Arbeit, die Halvor je

verrichtet hatte, obgleich er doch meinte, daß er Kräfte habe.

Als Halvor nun auch den dritten Trollen getödtet hatte, kamen alle

Prinzessinnen auf dem Schloß zusammen und waren so heiter und vergnügt,

wie sie es noch nie in ihrem Leben gewesen; alle aber waren sie in

Halvor verliebt, und er durfte nur Diejenige von ihnen wählen, die er

am liebsten mochte; die jüngste Prinzessinn hielt jedoch am meisten von

ihm. Halvor aber stand da ganz still und betrübt. Da fragte die jüngste

Prinzessinn ihn, warum er so traurig wäre, und ob es ihm nicht bei ihnen

gefiele. Ja, sagte Halvor, es gefiele ihm sehr wohl bei ihnen, denn sie

hätten ja Genug zu leben, und er hätte gute Tage; aber er trüge ein so

großes Verlangen nach Hause, denn er hätte noch Ältern am Leben, und

die möchte er so gern einmal wiedersehen. Die Prinzessinnen meinten,

das ließe sich wohl machen und sagten zu ihm: »Du sollst unbeschädigt

hin- und zurückkommen, wenn Du nur genau unsern Rath befolgen willst.«

Ja, Halvor wollte ihn genau befolgen. Da thaten sie ihm herrliche

Kleider an, daß er aussah, wie ein Königssohn, und steckten an seinen

Finger einen Ring, der hatte die Eigenschaft, daß er sich damit hin und

wieder zurück wünschen konnte. Die Prinzessinnen warnten ihn aber, ja

den Ring nicht zu verlieren und nicht ihren Namen zu nennen, denn

alsdann wäre es aus mit der ganzen Herrlichkeit, sagten sie, und er

würde sie dann nie wiedersehen.

»Wäre ich jetzt zu Hause, wollte ich froh sein!« sagte Halvor; und wie

er das gewünscht hatte, ging es sogleich in Erfüllung -- Halvor stand

plötzlich vor dem Hause seiner Ältern. Es war eben um die Schubstunde,

und da seine Ältern einen so vornehmen, stattlichen Herrn eintreten

sahen, waren sie ganz erschrocken und bückten und verneigten sich.

Halvor fragte, ob er nicht Nachtherberge bei ihnen bekommen könne. Nein,

das könne er ganz und gar nicht. »Wir sind nicht so eingerichtet,«

sagten sie: »denn wir haben weder das Eine, noch das Andre, womit einem

solchen Herrn gedient sein kann,« und riethen ihm, auf's Schloß zu

gehen, wovon er da den Schornstein sähe, da hätten sie Alles vollauf,

sagten sie. Halvor aber gefiel das gar nicht, er wollte durchaus bei

ihnen Herberge haben; aber die Leute blieben dabei, er solle auf's

Schloß gehen, da könne er sowohl zu essen, als zu trinken bekommen,

während sie nicht einmal einen Stuhl ihm anzubieten hätten. »Nein,«

sagte Halvor: »auf's Schloß will ich nicht eher, als morgen früh; lasst

mich nur die Nacht bei Euch bleiben, ich kann mich ja auf den Herd

hinsetzen.« Dagegen konnten sie denn Nichts einwenden, und Halvor setzte

sich nun auf den Herd und fing an, in der Asche zu wühlen, wie er

ehemals zu thun pflegte, da er noch zu Hause faulenzte.

Sie sprachen nun von Mancherlei, und Halvor erzählte von Diesem und

Jenem, und endlich fragte er sie, ob sie niemals Kinder gehabt hätten.

Ja, sagten sie, sie hätten einen Burschen gehabt, der Halvor geheißen,

der sei aber fortgewandert, und sie wüßten nicht, ob er noch am Leben

sei, oder schon todt wäre. »Könnt' ich es wohl nicht sein?« sagte

Halvor. -- »Nein, das weiß ich gewiß,« sagte die Frau: »der Halvor war

immer so faul und träge, daß er nie das Geringste thun mochte, und dann

ging er so lumpig in seinen Kleidern, daß ein Lappen immer auf den

andern schlug; aus ihm hätte nie ein solcher Herr werden können, wie Ihr

seid.«

Als aber die Frau die Gluth auf dem Herd anschürte, und der helle Schein

davon auf Halvor fiel, da erkannte sie ihn wieder.

»Ja, wahrhaftig bist Du es, Halvor!« rief sie, und es kam eine solche

Freude über die alten Ältern, daß es gar nicht zu sagen ist; und Halvor

mußte ihnen nun erzählen, wie es ihm ergangen war, und seine Mutter

wollte durchaus, er solle sogleich auf's Schloß gehen und sich den

Dienstdirnen zeigen, die immer so stolz gethan hatten; sie lief selber

voraus und erzählte ihnen, daß Halvor zu Hause gekommen sei, und jetzt

sollten sie nur sehen, wie stattlich er wäre; er sähe aus wie ein Prinz,

sagte sie.

»Das muß wahr sein!« sagten die Dirnen und warfen den Nacken: »er ist

wohl derselbe Lump, der er immer gewesen ist.« Im selben Augenblick aber

trat Halvor ein, und da erschraken die Dirnen so gewaltig, daß sie ihr

Hemd auf dem Herd im Stich ließen, wo sie saßen und sich flöh'ten, und

im bloßen Unterrock davon liefen. Als sie zurückkamen, waren sie so

beschämt, daß sie es gar nicht wagten, Halvor anzusehen, gegen den sie

früher immer so stolz und übermüthig gewesen waren. »Ihr habt Euch nun

immer für so fein und so hübsch gehalten,« sagte Halvor: »und glaubt,

es gäbe gar nicht mehr Euresgleichen; Ihr solltet aber nur die älteste

Prinzessinn sehen, die ich befrei't habe! gegen die seht Ihr aus wie

wahre Viehmägde, und die zweite ist noch schöner; aber die jüngste, die

meine Braut ist, die ist schöner, als Sonne und Mond. Ich wollte nur,

sie wären hier, so solltet Ihr sehen!« sagte Halvor.

Kaum aber hatte er das gesagt, so standen die Prinzessinnen vor ihm; das

betrübte ihn sehr; denn er gedachte nun an die Worte, die sie

gesprochen. -- Auf dem Schloß wurde ein herrliches Gastmahl für die

Prinzessinnen angerichtet und großer Aufwand gemacht. Aber sie blieben

da nicht lange. »Wir wollen zu Deinen Ältern gehen,« sagten sie: »und

uns ein wenig die Umgegend besehen.« Sie gingen darauf fort und kamen

nicht weit vom Schloß zu einem großen Wasser, worin so viele Fische

waren, daß es davon wimmelte, die aber niemals gefangen wurden. Dicht

beim Wasser war ein schöner grüner Hügel. Da wollten die Prinzessinnen

sich niedersetzen und sich ein Weilchen ausruhen; denn die Aussicht über

das Wasser gefiel ihnen so schön, sagten sie.

Als sie nun eine Weile da gesessen hatten, sagte die jüngste Prinzessinn:

»Komm, Halvor! ich will Dir den Kopf krauen!« Halvor legte seinen Kopf

auf ihren Schoß, und es dauerte nicht lange, so schlief er ein. Da zog

die Prinzessinn ihm den Ring vom Finger und steckte ihm einen andern

daran. Darnach sprach sie: »Haltet Euch nun alle fest an mir!« -- und:

»Wären wir jetzt auf Soria-Moria-Schloß!«

Als Halvor erwachte und sah, daß die Prinzessinnen verschwunden waren,

fing er bitterlich an zu weinen und war so betrübt, daß sie ihn gar

nicht wieder beruhigen konnten. Wie sehr auch die Ältern ihn trösteten

und ihn baten, bei ihnen zu bleiben, so konnte doch Nichts ihn

zurückhalten, sondern er nahm Abschied von ihnen und sagte, er würde

sie wohl nie wiedersehen; denn fände er die Prinzessinnen nicht wieder,

schiene es ihm nicht werth, länger zu leben, sagte er.

Norwegische Volksmährchen vol. 1 gesammelt von P. Asbjörnsen und Jörgen Moe · 第 10 / 12 段