Als er ein Endchen gegangen war, begegnete ihm Einer, der hatte ein

Pferd, das er verkaufen wollte. Nun däuchte unserm Gudbrand, es sei

besser, ein Pferd zu haben, als eine Kuh, und darum tauschte er mit dem

Manne. Als er noch etwas weiter gegangen war, begegnete ihm Einer, der

trieb ein fettes Schwein vor sich her, und da meinte Gudbrand wieder,

es sei doch besser, ein fettes Schwein zu haben, als ein Pferd, und

tauschte mit dem Manne. Darauf ging er weiter, und nach einer Weile

begegnete ihm ein Mann mit einer Ziege. »Es ist freilich immer besser,

eine Ziege zu haben, als ein Schwein,« dachte Gudbrand und tauschte mit

dem Mann, der die Ziege hatte. Nun ging er eine weite Strecke fort,

bis ihm endlich ein Mann begegnete, der ein Schaf hatte, und mit dem

tauschte er ebenfalls, denn er dachte: »Besser ist's immer, ein Schaf zu

haben, als eine Ziege.« Als er nun noch weiter gegangen war, begegnete

ihm ein Mann mit einer Gans, und nun vertauschte Gudbrand das Schaf

gegen die Gans. Als er darauf ein weites, weites Ende gegangen war,

begegnete ihm ein Mann mit einem Hahn; mit dem tauschte er nochmals,

denn er dachte: »Im Grunde ist's doch besser, einen Hahn zu haben, als

eine Gans.« Er schritt nun so lange fort, bis es schon spät am Tage war,

und da nun der Hunger sich bei ihm einstellte, verkaufte er den Hahn für

drei Groschen und kaufte sich dafür Etwas zu essen, »denn es ist doch

besser, das Leben heimzubringen, als einen Hahn,« dachte Gudbrand vom

Berge. Darauf setzte er seinen Weg nach Hause fort, bis er zu dem Gehöft

seines nächsten Nachbars kam; da kehrte er ein, »Nun, wie ist es Dir

in der Stadt gegangen?« fragten die Leute ihn. »O, das ist nun so so

gegangen,« sagte Gudbrand: »ich kann mein Glück eben nicht loben und

auch nicht verachten,« und damit erzählte er ihnen, wie sich Alles

zugetragen hatte, vom Anfang an bis zu Ende. »Na, da wirst Du aber auch

schön empfangen werden von Deiner Frau, wenn Du nach Hause kommst,«

sagte der Mann von dem Gehöft: »Gott steh' Dir bei! ich möchte nicht

in Deiner Haut stecken.« -- »Mir däucht, es könnte weit schlimmer

gegangen sein,« sagte Gudbrand vom Berge: »sei es aber nun übel, oder

wohl gegangen, so habe ich doch eine so gute Frau, die mir nie Vorwürfe

macht, wie ich's auch immer anfange.« -- »Ja, das mag wahr sein,« sagte

der Mann: »aber ich glaub's darum doch nicht.« -- »Wollen wir wetten?«

versetzte Gudbrand vom Berge: »Ich habe hundert Thaler in der Kiste

liegen, hältst Du eben so Viel dagegen?« -- »Topp!« rief der Nachbar;

und als es anfing zu dämmern, begaben beide sich zu Gudbrand's Gehöft.

Hier blieb der Nachbar draußen vor der Thür stehen, um zu horchen,

während Gudbrand hineinging zu seiner Frau und mit ihr sprach. »Guten

Abend!« sagte Gudbrand vom Berge, als er eintrat. »Guten Abend!« sagte

die Frau: »Na, Gott sei Lob! bist Du wieder da?« -- Ja, das war er denn.

Nun fragte die Frau, wie's ihm denn gegangen wär' in der Stadt. »Ach, so

so!« antwortete Gudbrand: »ich kann mein Glück eben nicht sonderlich

rühmen. Als ich zur Stadt kam, war da Niemand, der mir die Kuh abkaufen

wollte; darum vertauschte ich sie gegen ein Pferd.« -- »Ei! das muß ich

Dir ja Dank wissen,« sagte sie: »wir sind so brave Leute, daß wir auch

wohl zur Kirche _fahren_ können, eben so gut, wie Andre, und wenn wir

Rath haben, uns ein Pferd anzuschaffen, warum sollten wir es nicht?

-- Geht hin, Jungens, und zieht das Pferd ein!« -- »Je,« sagte Gudbrand:

»ich hab' das Pferd doch nicht; denn als ich ein Stück Weges gegangen

war, vertauschte ich es gegen ein Schwein.« -- »Nein!« rief die Frau:

»das ist doch recht, als wenn ich's selbst gethan hätte! danke schön,

lieber Mann! nun hab' ich doch Speck im Hause, um den Leuten Etwas

anzubieten, die zu uns kommen. Was sollten wir auch wohl mit dem Pferd?

Die Leute würden nur sagen, wir wären so vornehm geworden, daß wir nicht

mehr zur Kirche gehen könnten, wie wir sonst gethan -- Geht hin,

Jungens, und bringt's Schwein herein!« -- »Aber ich habe das Schwein

doch auch nicht,« sagte Gudbrand: »denn als ich ein Ende weiter

gegangen war, vertauschte ich es gegen eine Milchziege.« -- »Jerum! wie

Du Alles vortrefflich machst!« rief die Frau: »Was sollte ich auch mit

dem Schwein, wenn ich's recht bedenke? Die Leute würden nur sagen: »Die

da fressen Alles auf, was sie haben.« Nein, hab' ich eine Ziege, so

bekomm' ich Milch und Käse, und die Ziege bleibt mir dennoch -- Jungens,

lasst die Ziege ein!« -- »Nein, ich hab' die Ziege doch auch nicht,«

sagte Gudbrand: »denn als ich etwas weiter auf dem Weg gekommen war,

vertauschte ich die Ziege und bekam dafür ein herrliches Schaf.«

-- »Nein!« rief die Frau: »Du hast Alles gemacht, wie ich's mir nur

wünschen kann, grade, als wär' ich selbst dabei gewesen. Was sollten wir

auch mit der Ziege? Ich müßte dann immer dahinterher laufen und bergan

und bergab klettern. Hab' ich aber ein Schaf, so hab' ich Wolle und

Kleider im Hause und Essen obendrein -- Geht hin, Jungens, und bringt das

Schaf 'rein!« -- »Aber ich hab' das Schaf auch nicht mehr,« sagte

Gudbrand: »denn als ich etwas weiter gegangen war, vertauschte ich es

gegen eine Gans.« -- »Ei, tausendmal schönen Dank!« sagte die Frau: »Was

sollte ich auch wohl mit dem Schaf? Ich habe ja weder Rocken, noch

Spindel, und frage auch nicht darnach, mich zu placken und zu quälen und

Kleider zu weben; wir können ja unsre Kleider kaufen, wie wir sonst

gethan haben. Nun bekomm' ich doch mal Gänsefleisch zu schmecken, wonach

ich schon so lange gejankt habe, und kann mir Dunen in meinen Pfülk

stopfen -- Geht hin, Jungens, und holt die Gans 'rein!« -- »Je, ich

hab' die Gans aber auch nicht,« sagte Gudbrand: »denn als ich noch

ein Stück Weges gegangen war, vertauschte ich sie gegen einen Hahn.«

-- »Gott weiß, wie Du auf Das verfallen bist!« rief die Frau: »es ist

grade Alles, als ob ich's selbst gemacht hätte. Ein Hahn, das ist eben

Dasselbe, als ob Du eine Weck-Uhr gekauft hättest; denn jeden Morgen

kräh't der Hahn um Vier, und dann können wir zu rechter Zeit auf die

Beine kommen. Was sollten wir wohl mit der Gans? Ich versteh' mich nicht

darauf, Gänsefleisch zu pökeln, und meinen Pfülk kann ich mir ja mit

Seegras stopfen -- Geht hin, Jungens, und holt den Hahn 'rein!« -- »Aber

ich habe doch den Hahn auch nicht,« sagte Gudbrand: »denn als ich noch

etwas weiter gegangen war, bekam ich einen entsetzlichen Hunger und

mußte den Hahn für drei Groschen verkaufen, daß ich nur das Leben

heimbrachte.« -- »Na, das war recht, daß Du das thatst!« rief die Frau:

»Wie Du's auch anfängst, so machst Du Alles, wie ich's nur wünschen

kann. Was sollten wir auch mit dem Hahn? Wir sind ja unsre eignen

Herren, und können des Morgens liegen bleiben, so lange wir wollen. Na,

Gott sei Lob! wenn ich nur Dich wieder habe, der Du Alles so gut machst,

brauch ich weder Hahn, noch Gans, noch Schwein, noch Kuh.« Nun machte

Gudbrand die Thür auf. »Hab' ich jetzt die hundert Thaler gewonnen?«

rief er; und da mußte denn der Nachbar gestehen, daß er es hätte.

19.

Kari Trästak.

Es war einmal ein König, der war Wittwer geworden. Mit seiner Gemahlinn

hatte er eine Tochter, die war so gut von Herzen und so schön, daß

Niemand gutmüthiger und schöner sein konnte. Der König trauerte lange um

seine Gemahlinn, weil er so viel von ihr gehalten hatte; zuletzt ward er

aber des ledigen Standes überdrüssig und verheirathete sich mit einer

Königinn-Wittwe, die hatte auch eine Tochter, aber die war eben so

häßlich und böse, als die andre gut und schön war. Die Stiefmutter und

ihre Tochter waren nun neidisch auf die Königstochter wegen ihrer

Schönheit; aber so lange der König zu Hause blieb, wagten sie nicht, ihr

Etwas zu Leide zu thun, weil er so viel von ihr hielt.

Als aber eine Zeit vergangen war, bekam der König Krieg mit einem andern

König und zog in die Schlacht. Nun, meinte die Königinn, könnte sie

thun, Was sie wollte, schlug die Königstochter, ließ sie hungern und

stieß sie in alle Ecken herum. Zuletzt war Alles zu gut für die

Königstochter, und sie mußte endlich die Kühe hüten. So trieb sie nun

mit den Kühen hinaus und weidete sie in dem Wald und auf dem Berg. Essen

bekam sie nur wenig, oder gar nicht; sie ward bleich und hager und war

fast immer betrübt und weinte. Unter der Heerde, die sie weidete, war

auch ein großer blauer Stier, der sich immer so sauber und blank hielt,

der kam oft zu der Königstochter und ließ sich von ihr den Kopf krauen.

Einmal, als sie da saß und so betrübt war und weinte, kam er auch zu ihr

und fragte sie, warum sie immer so traurig wäre. Sie antwortete ihm aber

nicht, sondern fuhr fort zu weinen. »Ja, ich weiß wohl, Was Dir fehlt,«

sagte der Stier: »wenn Du es mir auch nicht sagen willst; Du weinst,

weil die Königinn immer so schlimm gegen Dich ist und Dich beinahe

todthungern lässt. Aber für Essen und Trinken sollst Du nicht sorgen:

In meinem linken Ohr liegt ein Tuch, wenn Du das herausnimmst, und es

ausbreitest, bekommst Du sowohl zu essen, als zu trinken, Was Du nur

verlangst.« Das that sie, sie nahm das Tuch heraus und breitete es auf

den Rasen hin, und da deckte es sich mit den schönsten Gerichten, die

man sich nur wünschen kann, und Wein und Meth und Honigkuchen war auch

da. Sie kam nun bald wieder zu Kräften und ward so voll und roth und

weiß, daß die Königinn und ihre holzdürre Tochter grün und gelb vor

lauter Ärger wurden. Die Königinn konnte gar nicht begreifen, wie ihre

Stieftochter bei so schlechter Kost ein so gutes Aussehen bekommen

konnte; darum sagte sie zu einer von ihren Dirnen, sie sollte ihr im

Walde nachgehen und zusehen, wie das zusammenhinge; denn sie glaubte,

daß irgend einer von den Dienstleuten ihr Etwas zu essen gäbe. Die Dirne

ging ihr nun im Walde nach und beobachtete sie, und da sah sie denn, daß

die Stieftochter das Tuch aus dem Ohr des blauen Stiers nahm und es auf

dem Rasen ausbreitete, worauf es sich mit den schönsten Gerichten

deckte, wovon dann die Tochter aß und sich gütlich that. Das erzählte

die Dirne zu Hause der Königinn. -- Jetzt kehrte der König heim und

hatte den Sieg über den andern König davon getragen, gegen den er zu

Felde gezogen war. Da war nun große Freude im ganzen Schloß, doch

Niemand freu'te sich mehr, als des Königs Tochter. Die Königinn aber

stellte sich krank an und gab dem Doctor viel Geld, damit er sagen solle,

sie könne nicht wieder gesund werden, wenn sie nicht das Fleisch von dem

blauen Stier zu essen bekäme. Sowohl die Königstochter, als die Leute im

Schloß fragten den Doctor, ob nicht etwas Andres helfen könne, und baten

für den Stier, denn sie hielten alle so viel von ihm und sagten, einen

solchen Stier gäb's nicht mehr im ganzen Königreich; aber nein, er

sollte und mußte geschlachtet werden, es war kein andrer Rath. Als die

Königstochter das hörte, ward sie sehr betrübt und ging hinunter in den

Stall zu dem Stier. Der stand auch da und ließ den Kopf hangen und sah

so betrübt aus, daß sie anfing, darüber zu weinen. »Warum weinst Du?«

fragte der Stier. Da erzählte sie ihm, der König wäre zu Hause gekommen,

und die Königinn hätte sich krank angestellt und den Doctor dahin

vermocht, zu sagen, sie könne nicht wieder gesund werden, wenn sie nicht

das Fleisch von dem blauen Stier zu essen bekäme, und nun sollte er

geschlachtet werden. Der Stier aber sagte: »Wenn sie erst mich getödtet

haben, dann werden sie Dich auch bald tödten; wenn Du aber so willst,

wie ich, so machen wir uns beide noch diese Nacht davon.« Die

Königstochter meinte zwar, es wäre schlimm, ihren Vater zu verlassen,

aber schlimmer doch wär' es noch, im Hause bei der Königinn zu bleiben,

und versprach darum dem Stier, mit ihm zu reisen.

Als es Abend geworden war, und alle die Andern sich zur Ruhe begeben

hatten, schlich die Königstochter sich hinunter in den Stall; da nahm

der Stier sie auf den Rücken und machte sich mit ihr davon, so schnell

er nur konnte. Als darnach am Morgen die Leute aufstanden und den Stier

schlachten wollten, war dieser fort; und als der König aufgestanden war

und nach seiner Tochter fragte, da war die auch fort. Der König schickte

Boten aus nach allen Enden der Welt, sie aufzusuchen, und ließ ihr

nachläuten mit allen Glocken; aber es konnte Niemand eine Spur von ihr

entdecken. -- Inzwischen trabte der Stier mit der Königstochter fort

durch viele fremde Länder, und endlich kamen sie zu einem großen

kupfernen Wald, wo sowohl die Bäume, als die Zweige und Blätter und

Blüthen von lauter Kupfer waren.

Ehe sie aber weiter reis'ten, sagte der Stier zu der Königstochter: »Wenn

wir nun in den Wald kommen, musst Du Dich wohl in Acht nehmen, daß Du

auch nicht ein Blättchen anrührst, sonst ist's aus mit Dir und mit mir;

denn es wohnt hier ein Troll mit drei Köpfen, welchem dieser Wald gehört.«

Nein, den Kukuk! sie wollte sich wohl in Acht nehmen und ja Nichts

anrühren. Darauf gingen sie sehr vorsichtig in den Wald; die Prinzessinn

schmiegte und biegte sich und hielt die Zweige mit den Händen zurück;

aber der Wald war so dicht, daß es fast nicht möglich war, hindurch zu

kommen, und wie sehr sie sich auch in Acht nahm, versah sie's doch, daß

sie ein Blatt abriß und es in der Hand behielt.

»O weh! Was machst Du da?« sagte der Stier: »jetzt muß ich mich schlagen

auf Leben und Tod; aber verwahre nur gut das Blatt.« Sie hatten

bald darauf das Ende des Waldes erreicht. Da kam ein großer Troll

dahergeschnoben, der hatte drei Köpfe. »_Wer hat meinen Wald angerührt?_«

rief er. »Das ist eben so gut mein Wald, als Deiner,« sagte der Stier.

»_Das wollen wir erst ausmachen!_« schrie der Troll. »Laß uns das!«

sagte der Stier. Beide rannten nun an einander, und der Stier stieß und

schlug aus allen Kräften; aber der Troll schlug nicht schlechter, und es

dauerte einen ganzen Tag, eh' der Stier ihn bezwingen konnte. Da war er

aber auch so mit Wunden bedeckt und so erschöpft, daß er nicht mehr

von der Stelle zu gehen vermochte. Sie mußten sich nun den ganzen Tag

ausruhen; darauf sagte der Stier zu der Königstochter, sie solle das

Salbenhorn nehmen, das an dem Gürtel des Trollen hing, und ihn mit der

Salbe überall bestreichen. Als sie das gethan hatte, ward der Stier

sogleich wieder frisch und gesund, und am folgenden Tage setzten sie

ihre Reise fort. Sie reis'ten nun manchen lieben Tag, und endlich kamen

sie zu einem silbernen Wald; hier waren sowohl die Bäume, als die Zweige

und die Blätter und Blüthen von lauter Silber.

Ehe sie aber ihre Reise weiter fortsetzten, sagte der Stier zu der

Königstochter: »Wenn wir nun in den Wald kommen, musst Du Dich ja sehr

in Acht nehmen; Du darfst durchaus Nichts anrühren, und auch nicht so

Viel, als nur ein Blättchen, abreißen; sonst ist es aus mit Dir und mit

mir; denn hier wohnt ein Troll mit sechs Köpfen, welchem dieser Wald

gehört, und mit dem, glaub' ich, werd' ich's nicht aufnehmen können.«

Nein, sagte die Königstochter, sie wollte sich sehr in Acht nehmen und

auch nicht das Geringste anrühren. Als sie aber in den Wald kamen, war

er wieder so dicht und so eng, daß sie beinahe nicht vorwärts kommen

konnten. Die Königstochter war so vorsichtig, wie nur möglich, und bog

die Zweige, die ihr im Wege saßen, mit den Händen zur Seite; aber jeden

Augenblick schlugen ihr die Zweige in die Augen, und wie sie's auch

anfangen mochte, so riß sie doch wieder ein Blatt ab.

»O weh! Was hast Du gemacht!« rief der Stier: »Nun muß ich mich wieder

schlagen auf Leben und Tod; denn der Troll, welcher hier wohnt, hat

sechs Köpfe und ist noch einmal so groß, als der vorige; verwahre aber

nur vorsichtig das Blatt.«

Es dauerte nicht lange, so kam der Troll an. »_Wer hat meinen Wald

angerührt?_« rief er. »Das ist eben so gut mein Wald, als Deiner,« sagte

der Stier. »_Das wollen wir erst ausmachen!_« schrie der Troll. »Laß uns

das!« sagte der Stier, fuhr auf den Trollen zu, bohrte ihm die Augen

aus und rannte ihm die Hörner mitten durch den Leib, so daß die Gedärme

dabei hingen; aber der Troll wehrte sich dessen ungeachtet tapfer, und

es dauerte drei ganze Tage, eh' der Stier ihm den Garaus machte. Da

war er aber auch so elend und hinfällig, daß er sich kaum noch rühren

konnte, und über und über war er mit Wunden bedeckt, aus welchen das

Blut herausfloß. Da sagte er zu der Königstochter, sie solle das

Salbenhorn nehmen, das an dem Gürtel des Trollen hing, und ihn überall

mit der Salbe bestreichen. Das that sie denn auch, und darauf heilten

die Wunden sogleich wieder zu. Aber so matt war der Stier, daß sie eine

ganze Woche lang sich ausruhen mußten, eh' er im Stande war, weiter zu

gehen.

Endlich machten sie sich wieder auf den Weg; aber der Stier war immer

noch sehr schwach, und es ging daher im Anfang nur langsam. Um ihn zu

schonen, sagte die Königstochter, sie wäre jung und leicht zu Fuß, sie

könnte ja gern gehen; aber das litt der Stier durchaus nicht, sie mußte

sich wieder auf ihn setzen. Nun reis'ten sie eine lange lange Zeit und

kamen durch viele Länder, und die Königstochter wußte gar nicht mehr,

wo sie in der Welt waren. Aber endlich und zuletzt kamen sie zu einem

goldnen Wald, der war so schön, daß das Gold davon heruntertröpfelte;

denn sowohl die Bäume, als die Zweige und die Blätter und Blüthen waren

von purem Golde. Hier ging es nun wieder eben so, wie in dem kupfernen

und dem silbernen Wald. Der Stier sagte zu der Königstochter, daß sie

durchaus kein Blatt anrühren dürfe; denn hier wohne ein Troll mit neun

Köpfen, dem der Wald gehöre, der wäre noch weit größer und stärker, als

die beiden andern zusammen, und den glaubte er nun ganz und gar nicht

bezwingen zu können. -- Nein, sie wollte sich wohl in Acht nehmen und

durchaus Nichts anrühren, darauf könne er sich verlassen. Als sie aber

in den Wald kamen, war dieser noch weit dichter und enger, als der

silberne, und je weiter sie hineinkamen, desto schlimmer ward es: der

Wald wurde immer dichter und enger, und zuletzt schien ganz und gar kein

Durchkommen mehr. Die Königstochter schmiegte und biegte sich und bog

die Zweige mit den Händen zurück; aber jeden Augenblick schlugen sie ihr

in die Augen, so daß sie zuletzt nicht mehr vor sich sehen konnte, und

eh' sie sich recht besann, hatte sie einen goldnen Apfel in der Hand.

Nun wurde sie entsetzlich bange und fing an zu weinen und wollte den

Apfel wieder wegwerfen; aber der Stier sagte, sie solle ihn nur behalten

und ihn wohl verwahren, und tröstete sie, so gut er konnte, meinte aber

doch, es würde ein harter Kampf werden, und wußte nicht, ob's diesmal

so gut ablaufen würde.

Es dauerte nicht lange, so kam der Troll mit den neun Köpfen an. »_Wer

hat meinen Wald angerührt?_« rief er. »Das ist eben so gut mein Wald,

als Deiner,« sagte der Stier. »_Das wollen wir erst ausmachen!_« schrie

der Troll. »Laß uns das!« sagte der Stier, und damit rannten sie an

einander, daß es ganz entsetzlich war, und die Königstochter fiel

beinahe in Ohnmacht. Der Stier bohrte dem Trollen die Augen aus dem

Kopf und rannte ihm die Hörner durch den Leib, so daß die Eingeweide

herausfielen; aber der Troll kämpfte dessen ungeachtet gleich tapfer;

denn sobald der Stier einen Kopf getödtet hatte, bliesen die andern

sogleich wieder Leben hinein, und es dauerte wohl eine ganze Woche lang,

eh' es dem Stier gelang, den Trollen gänzlich zu tödten. Aber da war er

auch so elend und hinfällig, daß er sich nicht rühren konnte, und

nicht einmal war er im Stande, zu sagen, die Königstochter solle das

Salbenhorn von dem Gürtel des Trollen nehmen und ihn mit der Salbe

bestreichen; aber sie that es schon von selbst, und da ward es wieder

besser mit dem Stier; aber wohl über drei Wochen mußten sie hier

verweilen, eh' er wieder so viel Kräfte gesammelt hatte, um die Reise

fortsetzen zu können.

Endlich ging es wieder so allmählich vorwärts; denn der Stier sagte, sie

müßten noch etwas weiter. Als sie nun eine Zeit gereis't und über viele

mit dichten Wäldern bewachsene Berge gekommen waren, gelangten sie

endlich zu einem Felsen. »Siehst Du Etwas?« fragte der Stier. »Nein,

ich sehe Nichts, als den Himmel und die wilde Felsgegend,« versetzte die

Königstochter. Als sie aber tiefer ins Gebirge kamen, wurde die Gegend

ebener, so daß sie eine weitere Aussicht hatten. »Siehst Du jetzt

Etwas?« fragte der Stier. »Ja, ich sehe ein kleines Schloß weit in

der Ferne,« sagte die Prinzessinn. »Nun, das Schloß ist eben nicht so

klein,« sagte der Stier. Endlich kamen sie zu einem großen Gehäge mit

einer schroffen Felswand. »Siehst Du jetzt Etwas?« fragte der Stier

wieder. »Ja, nun sehe ich ganz nahebei das Schloß; jetzt ist es weit

größer, als vorher,« sagte die Königstochter. »Da sollst Du hin!«

sagte der Stier: »Gleich unten beim Schloß ist ein Schweinstall, wenn

Du da hineinkommst, so findest Du dort einen hölzernen Rock, den

musst Du anziehen und damit ins Schloß gehen und sagen, Du heißest _Kari

Trästak_[4], und um einen Dienst bitten. Jetzt aber sollst Du Dein

Messer nehmen und mir damit den Kopf abschneiden; alsdann streife mir

das Fell ab und lege darein das kupferne Blatt, das silberne Blatt und

den goldnen Apfel, und verwahre Alles unten bei der Felswand. Am Berge

steht ein Stock, und wenn Du dann von mir nachher Etwas willst, so

klopfe bloß mit dem Stock an die Felswand.«

Anfangs konnte die Prinzessinn sich durchaus nicht dazu entschließen,

dem Stier den Kopf abzuschneiden. Wie dieser ihr aber sagte, das sei

der einzige Dank, den er für Das, was er für sie gethan, von ihr fordre,

da konnte sie denn nicht anders: sie nahm das Messer und schnitt ihm, so

weh es ihr auch that, damit den Kopf vom Rumpf, streifte ihm das Fell

ab, legte darein das kupferne Blatt, das silberne Blatt und den goldnen

Apfel, und verwahrte dann Alles unten bei der Felswand.

Als das geschehen war, ging sie weinend und voll großer Betrübniß in den

Schweinstall; da zog sie den hölzernen Rock an und begab sich damit zum

Königsschloß. Sie trat zuerst in die Küche ein, und bat um einen Dienst

und sagte, sie heiße Kari Trästak. Ja, sagte der Koch, einen Dienst könne

sie bekommen, wenn sie im Schloß aufwaschen und rein machen wolle, denn

Die, welche das früher gethan hätte, sei davon gelaufen; »aber wenn Du

eine Zeitlang hier gewesen bist, wirst Du's auch wohl überdrüssig und

läufst auch davon,« sagte er. Nein, das wollte sie gewiß nicht.

Sie blieb nun auf dem Schloß und verrichtete ihr Geschäft ordentlich

und pünktlich. Eines Sonntags, als man Fremde erwartete, bat Kari um

Erlaubniß, dem Prinzen das Waschwasser hinaufbringen zu dürfen; aber die

Andern lachten über sie und sagten: »Was willst Du bei dem Prinzen?

Glaubst Du, der Prinz will Etwas von Dir wissen, so wie Du aussiehst?«

Aber sie gab sich nicht zufrieden, sondern bat so lange, bis man es ihr

erlaubte. Als sie nun die Treppe hinaufstieg, machte sie ein solches

Geräusch mit ihrem hölzernen Rock, daß der Prinz herauskam und fragte:

»Was bist Du für Eine?« -- »O, ich wollte nur das Waschwasser zum

Prinzen hinauftragen,« sagte sie. »Glaubst Du, ich will das Wasser

haben, das _Du_ mir bringst?« sagte der Prinz und goß es ihr über den

Kopf. Sie mußte nun unverrichteter Sache wieder abziehen, bat aber um

Erlaubniß, in die Kirche zu gehen, und das konnte man ihr denn nicht

abschlagen. Erst aber ging sie zu dem Berg und klopfte mit dem Stock an

die Felswand, so wie der Stier ihr gesagt hatte. Sogleich öffnete sich

diese, und es trat ein Mann heraus, der fragte sie, Was sie wolle. Die

Königstochter sagte, sie hätte Erlaubniß bekommen, in die Kirche zu

gehen und den Prediger zu hören, aber sie hätte keine Kleider anzuziehen.

Da gab der Mann ihr ein Kleid, das war so blank, wie der kupferne Wald;

und Pferd und Sattel erhielt sie auch. Als sie nun in die Kirche kam,

war sie so schön und stattlich, daß Alle sich darüber verwunderten und

gar nicht begreifen konnten, Wer sie sei. Fast Keiner hörte auf Das, was

der Prediger sagte, weil Alle nur sie betrachteten. Der Prinz selbst war

so in sie verliebt, daß er kein Auge von ihr abwandte.

Als sie nun aus der Kirche gehen wollte, kam der Prinz ihr nach und

machte die Kirchenthür hinter ihr zu, und da geschah es, daß er den

einen von ihren Handschuhen in der Hand behielt. Als sie darnach ihr

Pferd bestieg, trat der Prinz auf sie zu und fragte sie, wo sie her

wäre. »Ich bin aus dem Waschland,« sagte Kari, und indem der Prinz den

Handschuh hervorzog, um ihr denselben zu überreichen, sprach sie:

»Hinter mir dunkel, und vor mir hell!

Auf daß der junge Prinz nicht sieht,

Wohin mich trägt mein Roß so schnell!«

Der Prinz hatte noch nie einen so schönen Handschuh gesehen, und er

reis'te weit umher und fragte nach dem Lande, aus welchem die vornehme

Dame sei, die ihren Handschuh im Stich gelassen hatte; aber Niemand

konnte ihm sagen, wo es lag.

Am nächsten Sonntag sollte Einer hinaufgehen zum Prinzen und ihm ein

Handtuch bringen. »Ach, darf ich nicht hinaufgehen?« sagte Kari.

»Warum nicht gar!« sagten die Andern, die in der Küche waren: »Du weißt

wohl noch, wie es Dir das letzte Mal ging.« Kari gab sich aber nicht

zufrieden, sondern bat so lange, bis man es ihr erlaubte, und darnach

lief sie die Treppe hinauf in ihrem hölzernen Rock, daß es nur so

rasselte. Der Prinz kam auf den Lärm heraus, und als er Kari erblickte,

riß er ihr das Tuch aus der Hand und warf es ihr an den Kopf. »Pack

Dich, Du abscheuliches Trollmensch!« sagte er: »Glaubst Du, ich will

mich in einem Handtuch abtrocknen, das Du mit Deinen schmutzigen Fingern

angefasst hast?«

Darnach begab der Prinz sich in die Kirche, und Kari bat um Erlaubniß,

auch dahin zu gehen. Die Andern sagten aber, Was sie in der Kirche

wolle, da sie nichts Anders anzuziehen habe, als ihren hölzernen Rock,

der so schmutzig wäre und so abscheulich aussähe. Aber Kari sagte, der

Prediger däuchte ihr ein so wackerer Mann in seiner Rede, und sie hätte

davon so großen Nutzen. Da ließ man sie denn hingehen. Erst aber ging

sie zu dem Berg und klopfte mit dem Stock daran. Sogleich trat wieder

der Mann heraus und gab ihr ein Kleid, das war noch weit schöner und

prächtiger, als das erste; es war überall mit Silber besetzt, so

daß es glänzte, wie der silberne Wald; und ein schönes Pferd mit

silbergestickter Decke und silbernem Gebiß erhielt sie auch.

Als sie zur Kirche kam, und die Kirchleute, die vor der Thür standen,

sie sahen, waren alle höchlich verwundert und konnten gar nicht begreifen,

Wer sie sei, und der Prinz trat sogleich hinzu, um ihr das Pferd zu

halten, während sie abstieg. Aber sie sprang schnell herunter und sagte,

es wäre nicht nöthig; denn ihr Pferd wäre so wohl abgerichtet, daß es

still stände, wenn sie es beföhle, und auf ihren Wink ginge und käme.

Darauf gingen Alle in die Kirche; aber fast Keiner hörte auf Das, was

der Prediger sagte, weil Alle nur sie betrachteten. Der Prinz aber

entbrannte diesmal noch weit mehr von Liebe, als das vorige Mal. -- Als

nun der Gottesdienst vorbei war, und sie aus der Thür ging und ihr Pferd

besteigen wollte, da trat der Prinz wieder auf sie zu und fragte sie, wo

sie her wäre. »Ich bin aus dem Handtuchlande,« sagte die Königstochter,

und im selben Augenblick ließ sie ihre Reitgerte fallen. Als nun der

Prinz sich bückte, um sie aufzunehmen, sprach sie:

»Hinter mir dunkel, und vor mir hell!

Auf daß der junge Prinz nicht sieht,

Wohin mich trägt mein Roß so schnell!«

Norwegische Volksmährchen vol. 1 gesammelt von P. Asbjörnsen und Jörgen Moe · 第 7 / 12 段