an!« sagte das Trollweib: »das sollst Du mir entgelten!« Als das Mädchen
nun fortgehen wollte, warf das Trollmensch eine glühende Eisenstange
hinter sie drein; aber das Mädchen sprang schnell hinter die Thür,
so daß sie nicht getroffen ward, denn so hatten die Vöglein es ihr
gesungen. Sie ging nun fort, so schnell sie konnte; aber als sie zu
dem Apfelbaum kam, hörte sie ein entsetzliches Geräusch hinter sich
auf dem Wege; es war nämlich das Trollweib mit ihrer Tochter, welche
ihr nachkamen. Dem Mädchen ward so angst und bange, daß sie sich gar
nicht zu lassen wußte: »Komm,« sagte der Apfelbaum: »ich will Dir helfen;
verbirg Dich schnell unter meine Zweige; denn wenn sie Dich erwischen,
nehmen sie Dir den Schrein weg und zerreißen Dich.« Das that sie denn
auch. Kaum aber hatte sie sich versteckt, so kam schon das Trollweib mit
ihrer Tochter an: »Hast Du nicht eine Dirne hier gehen sehen?« fragte
das Trollweib. »Ja wohl,« sagte der Apfelbaum: »es lief hier eine vor
einer Weile vorüber; aber die ist nun schon weit weg, die könnt Ihr
nicht mehr einholen.« Da kehrte das Trollweib wieder um und ging nach
Hause.
Das Mädchen setzte nun ihren Weg fort; aber als sie zu dem Bock kam,
hörte sie wieder ein so entsetzliches Geräusch, daß sie sich gar nicht
zu lassen wußte, so angst ward ihr; denn sie konnte sich wohl denken,
daß es das Trollweib war, das sich bedacht hatte. »Komm, ich will Dir
helfen,« sagte der Bock: »verbirg Dich schnell unter meiner Wolle, dann
sieht sie Dich nicht; sonst nimmt sie Dir den Schrein weg und zerreißt
Dich.«
Kaum hatte sie sich verborgen, so kam auch schon das Trollweib angestoben.
»Hast Du nicht eine Dirne hier gehen sehen?« fragte sie den Bock. »Ja
wohl,« sagte der Bock: »ich sah eine vor einer Weile; aber sie lief so
schnell, daß Du sie nicht wieder einholst.« Da kehrte das Trollweib
wieder um und ging nach Hause.
Als das Mädchen nun weiter bis zu der Kuh gekommen war, hörte sie wieder
ein entsetzliches Geräusch auf dem Wege. »Komm,« sagte die Kuh: »ich
will Dir helfen; verbirg Dich schnell unter mein Euter; sonst kommt das
Trollweib und nimmt Dir den Schrein weg und zerreißt Dich.« Es dauerte
nicht lange, so kam das Weib an. »Hast Du nicht eine Dirne hier gehen
sehen?« fragte sie. »Ja, ich sah eine vor einer Weile,« sagte die Kuh:
»aber die ist nun schon weit weg, denn sie lief so schnell; die holst Du
nicht mehr ein.« Das Trollweib kehrte nun wieder um und ging nach Hause.
Als das Mädchen nun ein gutes Ende weiter gegangen und nicht mehr weit
von dem Reiserzaun war, hörte sie wieder ein so entsetzliches Geräusch
auf dem Wege, daß ihr angst und bange ward; denn sie wußte nun wohl,
daß es wieder das Trollweib war, das sich bedacht hatte. »Komm, ich will
Dir helfen,« sagte der Zaun: »kriech schnell unter meine Reiser, daß
sie Dich nicht sieht; sonst nimmt sie Dir den Schrein weg und zerreißt
Dich.« Sie kroch nun schnell unter die Reiser des Zauns. »Hast Du nicht
eine Dirne hier gehen sehen?« fragte das Trollweib, als sie zu dem Zaun
kam. »Nein, ich habe keine Dirne gesehen,« antwortete der Zaun und war
so erbittert, daß er knisterte, und dann machte er sich so groß, daß gar
nicht daran zu denken war, hinüber zu kommen. Es war nun kein andrer
Rath für das Trollweib, sie mußte wieder umkehren und nach Hause gehen.
Als nun aber das Mädchen wieder zu Hause ankam, waren die Stiefmutter
und ihre Tochter nur noch neidischer auf sie; denn jetzt war das Mädchen
noch weit stattlicher und so schön, daß es eine Lust war, sie anzusehen.
Sie durfte aber nicht drinnen bei ihnen in der Stube bleiben, sondern
sie jagten sie hinaus in den Schweinstall, da sollte sie wohnen. Hier
wusch das Mädchen nun Alles sauber und rein, und darnach machte sie den
Schrein auf, um zu sehen, Was sie zum Lohn bekommen hatte, und als sie
den Schrein aufgemacht hatte, fand sie darin so viel Gold und Silber und
so viel andre kostbare Sachen, daß sie sowohl die Wände, als den Boden
damit behängen konnte; und es sah nun weit herrlicher in dem Schweinstall
aus, als in dem prächtigsten Königsschloß. Als die Stiefmutter und ihre
Tochter das sahen, waren sie ganz außer sich und fragten das Mädchen,
wie denn ihr Dienst ausgefallen sei. »O, das könnt Ihr Euch wohl
vorstellen,« sagte sie: »da ich einen so guten Lohn bekommen habe; es
waren solche Leute und eine solche Frau, daß man Ihresgleichen nicht
mehr findet.«
Da wollte nun die Tochter der Stiefmutter auch fort und dienen, damit
sie auch einen solchen Goldschrein bekäme. Beide Mädchen setzten sich
nun wieder hin, um zu spinnen; aber da sollte die Tochter der Frau
Schweinsborsten spinnen, und die Tochter des Mannes Flachs, und Wem
zuerst der Faden auslief, der sollte in den Brunnen. Es dauerte nicht
lange, so lief der Frau ihrer Tochter der Faden aus, wie man sich wohl
denken kann, und da warfen sie sie in den Brunnen.
Nun geschah es eben so, wie vorhin mit der Tochter des Mannes: sie fiel
hinab bis auf den Grund, ohne Schaden zu nehmen, und befand sich nun auf
einer schönen grünen Wiese. Als sie eine Strecke weit gegangen war, kam
sie zu dem Reiserzaun. »Tritt nicht so hart auf mich! ich will Dir auch
ein andermal wieder gefällig sein,« sagte der Zaun. »Ei, was scher' ich
mich um einen alten Reiserhaufen!« sagte sie und trat auf den Zaun, daß
es nur so knackte.
Etwas später kam sie zu der Kuh, deren Euter so straff von der Milch
war. »O, sei doch so gut und melke mich!« sagte die Kuh: »ich will Dir
auch ein andermal wieder gefällig sein; trinke so Viel Du willst, und
gieße dann den Rest auf meinen Huf.« Ja, das that sie, sie melkte die
Kuh und trank so Viel sie vermochte; dann aber war Nichts mehr übrig,
das sie auf den Huf gießen konnte; den Eimer schleuderte sie über den
Hügel und ging fort.
Als sie nun eine Strecke weiter gegangen war, kam sie zu dem Bock, welcher
die Wolle nach sich schleppte. »O, sei doch so gut und scher' mich! ich
will Dir auch ein andermal wieder gefällig sein,« sagte der Bock: »nimm
so Viel von der Wolle, als Du willst, und wirre mir dann den Rest um den
Hals.« Das that sie; aber sie benahm sich dabei so ungeschickt, daß sie
dem Bock große Stücke aus dem Fell schnitt, und all die Wolle nahm sie
mit.
Ein wenig darnach kam sie zu dem Apfelbaum, der wieder ganz krumm unter
der Last seiner Frucht stand. »O, sei doch so gut und pflücke meine
Äpfel ab,« sagte der Apfelbaum: »damit meine Zweige sich wieder aufrichten
können! denn es ist so beschwerlich, hier so krumm zu stehen; aber nimm
Dich in Acht, daß Du mir keinen Schaden thust; iß so Viel Du willst,
und lege dann den Rest hübsch ordentlich unten an meinen Stamm hin.«
Sie pflückte nun die nächsten Äpfel ab, und die sie nicht mit der Hand
erreichen konnte, schlug sie mit der Stange herunter; aber sie kümmerte
sich weiter um Nichts, riß und schlug große Zweige mit ab und aß so
lange, bis sie zuletzt nicht mehr konnte, und dann warf sie den Rest
hulterpulter unter den Baum hin.
Als sie nun noch ein kleines Ende weiter gegangen war, kam sie zu
dem Hause, wo das Trollweib wohnte; da bat sie um einen Dienst. Das
Trollweib sagte, sie wolle kein Dienstmädchen haben; denn entweder
taugten sie nichts, oder sie wären auch allzu flink und betrögen sie um
ihr Eigenthum. Aber das Mädchen ließ sich damit nicht abweisen, sondern
sagte, sie wolle und müsse bei ihr dienen. Da sagte denn das Trollweib
zuletzt, ja, sie wolle sie in Dienst nehmen, wenn sie zu Etwas tauge.
Das Erste, was sie zu thun bekam, war, Wasser im Sieb zu holen. Ja, sie
ging auch zu dem Brunnen und schöpfte Wasser ins Sieb; aber sowie sie es
oben hineinschöpfte, lief es unten immer wieder heraus. Da sangen die
Vöglein:
»Kleb' mit Lehm,
Stopf mit Stroh!
Kleb' mit Lehm,
Stopf mit Stroh!«
Aber sie bekümmerte sich nicht um Das, was die Vögel sangen, sondern
warf mit dem Lehm nach ihnen, so daß sie davon flogen; und sie mußte mit
dem leeren Sieb wieder nach Hause gehen und bekam Gnickpümpe von dem
Trollweib obendrein. Darauf sollte sie den Stall ausmisten und die Kühe
melken. Dazu däuchte sie sich nun zwar viel zu gut, aber sie ging doch
hin. Als sie in den Stall kam, konnte sie jedoch auf keine Weise die
Schaufel handthieren, denn die war viel zu schwer und zu groß für sie.
Die Vögel sagten ihr nun eben Das, was sie der Tochter des Mannes gesagt
hatten, sie solle ein Wenig mit dem Besenstiel hinauswerfen, dann würde
all das Übrige nachfliegen; aber sie nahm den Besen und warf damit nach
den Vögeln. Als sie darauf die Kühe melken wollte, waren diese so unruhig
und schlugen und stießen, und so oft sie ein Wenig in den Eimer bekommen
hatte, schlugen sie ihn immer wieder um. Da sangen die Vögel:
»Kleinen Trunk,
Kleinen Strahl
Stripp zu den Vöglein
Allzumal!«
Aber sie bumps'te und schlug die Kühe, warf nach den Vögeln mit Allem,
was ihr in die Hände kam, und hielt eine Wirthschaft, daß es ganz
entsetzlich war. Damit hatte sie aber, als sie zurückkam, weder den
Stall ausgemistet, noch die Kühe gemelkt, und bekam nun tüchtige Hiebe
und Schelte von dem Trollweib. Darnach sollte sie die schwarze Wolle
weiß waschen; aber damit ging es um Nichts besser. Das war endlich dem
Trollweib allzu arg. Nein, ein solches Dienstmädchen konnte sie nicht
gebrauchen, denn sie taugte ja zu Nichts. Sie setzte aber drei Schreine
hin, einen rothen, einen grünen und einen blauen; denn ihren Lohn sollte
sie gleichwohl haben und sich einen von den drei Schreinen auswählen,
den sie selbst wollte. Da sangen die Vögel:
»Nimm nicht den grünen,
Nimm nicht den rothen,
Den blauen nimm jetzt,
Auf welchen wir haben
Drei Kreuze gesetzt.«
Aber sie bekümmerte sich nicht um Das, was die Vögel sangen, sondern
nahm den rothen, der am meisten schimmerte. Darnach begab sie sich auf
den Weg und ging nach Hause. Sie durfte aber in guter Ruhe gehen; denn
es war Niemand, der sie verfolgte. Als sie zu Hause ankam, war die
Mutter sehr erfreu't, und sie gingen beide sogleich in die große Stube
und setzten da den Schrein hin; denn sie glaubten, es wäre nichts
Anders, als lauter Gold und Silber drin, und meinten, sie wollten Wände
und Boden damit vergolden; als sie ihn aber aufmachten, wimmelte lauter
Gewürm und Ungeziefer hervor, und so oft das Mädchen den Mund aufthat,
fielen Würmer und Kröten und all das Ungeziefer heraus, das man sich
nur denken kann, so daß es zuletzt nicht mehr möglich war, mit ihr in
_einem_ Hause auszudauern. Das war der Lohn, den sie für ihren Dienst
bei dem Trollweib bekommen hatte.
16.
Hähnchen und Hühnchen im Nußwald.
Hähnchen und Hühnchen gingen einmal in den Nußwald, um sich Nüsse zu
pflücken; da bekam Hühnchen eine Nußschale in den Hals und lag nun da
und zappelte und schlug mit den Flügeln. Nun sollte Hähnchen hinlaufen
und dem Hühnchen Wasser aus der Quelle holen. Hähnchen lief auch hin,
und als er zur Quelle kam, sagte er: »Quelle, gieb mir Wasser, das
Wasser geb' ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im
Nußwald.« Die Quelle aber antwortete: »Ich geb' Dir kein Wasser eh' Du
mir nicht Laub giebst.« Da lief Hähnchen zur Linde: »Linde, gieb mir
Laub, das Laub geb' ich der Quelle, die Quelle giebt mir Wasser, das
Wasser geb' ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im
Nußwald.« -- »Ich geb' Dir kein Laub, eh' Du mir nicht rothes Goldband
giebst,« antwortete die Linde. Da lief Hähnchen zur Jungfrau Maria:
»Jungfrau Maria, gieb mir rothes Goldband, das rothe Goldband geb'
ich der Linde, die Linde giebt mir Laub, das Laub geb' ich der Quelle,
die Quelle giebt mir Wasser, das Wasser geb' ich Hühnchen, meinem
Schatz, das liegt auf den Tod im Nußwald.« -- »Ich geb' Dir kein rothes
Goldband, eh' Du mir nicht Schuhe giebst,« antwortete die Jungfrau
Maria. Da lief Hähnchen zum Schuster: »Schuster, gieb mir Schuh', die
Schuh' geb' ich der Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria giebt mir rothes
Goldband, das rothe Goldband geb' ich der Linde, die Linde giebt mir
Laub, das Laub geb' ich der Quelle, die Quelle giebt mir Wasser, das
Wasser geb' ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im
Nußwald.« -- »Ich geb' Dir keine Schuh', eh' Du mir nicht Borsten giebst,«
antwortete der Schuster. Da lief Hähnchen zum Eber: »Eber, gieb mir
Borsten, die Borsten geb' ich dem Schuster, der Schuster giebt mir
Schuh', die Schuh' geb' ich der Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria giebt
mir rothes Goldband, das rothe Goldband geb' ich der Linde, die Linde
giebt mir Laub, das Laub geb' ich der Quelle, die Quelle giebt mir
Wasser, das Wasser geb' ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den
Tod im Nußwald.« -- »Ich geb' Dir keine Borsten, eh' Du mir nicht Korn
giebst,« antwortete der Eber. Da lief Hähnchen zum Drescher: »Drescher,
gieb' mir Korn, das Korn geb' ich dem Eber, der Eber giebt mir Borsten,
die Borsten geb' ich dem Schuster, der Schuster giebt mir Schuh', die
Schuh geb' ich der Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria giebt mir rothes
Goldband, das rothe Goldband geb' ich der Linde, die Linde giebt mir
Laub, das Laub geb' ich der Quelle, die Quelle giebt mir Wasser, das
Wasser geb' ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im
Nußwald.« -- »Ich geb' Dir kein Korn, eh' Du mir nicht Brod giebst,«
antwortete der Drescher. Da lief Hähnchen zur Backfrau: »Backfrau, gieb
mir Brod, das Brod geb' ich dem Drescher, der Drescher giebt mir Korn,
das Korn geb' ich dem Eber, der Eber giebt mir Borsten, die Borsten geb'
ich dem Schuster, der Schuster giebt mir Schuh', die Schuh' geb' ich der
Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria giebt mir rothes Goldband, das rothe
Goldband geb' ich der Linde, die Linde giebt mir Laub, das Laub geb' ich
der Quelle, die Quelle giebt mir Wasser, das Wasser geb' ich Hühnchen,
meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nußwald.« -- »Ich geb' Dir kein
Brod, eh' Du mir nicht Holz giebst,« antwortete die Backfrau. Da lief
Hähnchen zum Holzhauer: »Holzhauer, gieb mir Holz, das Holz geb' ich der
Backfrau, die Backfrau giebt mir Brod, das Brod geb' ich dem Drescher,
der Drescher giebt mir Korn, das Korn geb' ich dem Eber, der Eber giebt
mir Borsten, die Borsten geb' ich dem Schuster, der Schuster giebt mir
Schuh', die Schuh' geb' ich der Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria giebt
mir rothes Goldband, das rothe Goldband geb' ich der Linde, die Linde
giebt mir Laub, das Laub geb' ich der Quelle, die Quelle giebt mir
Wasser, das Wasser geb' ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den
Tod im Nußwald.« -- »Ich geb' Dir kein Holz, eh' Du mir nicht eine Axt
giebst,« antwortete der Holzhauer. Da lief Hähnchen zum Schmied: »Schmied,
gieb mir 'ne Axt, die Axt geb' ich dem Holzhauer, der Holzhauer giebt
mir Holz, das Holz geb' ich der Backfrau, die Backfrau giebt mir Brod,
das Brod geb' ich dem Drescher, der Drescher giebt mir Korn, das Korn
geb' ich dem Eber, der Eber giebt mir Borsten, die Borsten geb' ich
dem Schuster, der Schuster giebt mir Schuh', die Schuh' geb' ich der
Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria giebt mir rothes Goldband, das rothe
Goldband geb' ich der Linde, die Linde giebt mir Laub, das Laub geb' ich
der Quelle, die Quelle giebt mir Wasser, das Wasser geb' ich Hühnchen,
meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nußwald.« -- »Ich geb' Dir keine
Axt, eh' Du mir nicht Kohlen giebst,« antwortete der Schmied. Da lief
Hähnchen zum Köhler: »Köhler, gieb mir Kohlen, die Kohlen geb' ich dem
Schmied, der Schmied giebt mir 'ne Axt, die Axt geb' ich dem Holzhauer,
der Holzhauer giebt mir Holz, das Holz geb' ich der Backfrau, die Backfrau
giebt mir Brod, das Brod geb' ich dem Drescher, der Drescher giebt mir
Korn, das Korn geb' ich dem Eber, der Eber giebt mir Borsten, die Borsten
geb' ich dem Schuster, der Schuster giebt mir Schuh', die Schuh' geb ich
der Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria giebt mir rothes Goldband, das
rothe Goldband geb' ich der Linde, die Linde giebt mir Laub, das Laub
geb' ich der Quelle, die Quelle giebt mir Wasser, das Wasser geb' ich
Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nußwald.« Da jammerte
den Köhler das Hähnchen, und er gab ihm Kohlen. Nun bekam der Schmied
Kohlen, und der Holzhauer eine Axt, und die Backfrau Holz, und der
Drescher Brod, und der Eber Korn, und der Schuster Borsten, und die
Jungfrau Maria Schuh', und die Linde rothes Goldband, und die Quelle
Laub, und Hähnchen Wasser, und das gab er Hühnchen, seinem Schatz, das
auf den Tod im Nußwald lag; da ward Hühnchen wieder gesund.
17.
Der Bär und der Fuchs.
#a#) _Warum der Bär einen Stumpfschwanz hat._
Dem Bären begegnete einmal der Fuchs, der mit einem Bündel Fische
angeschlichen kam, die er gestohlen hatte. »Wo hast Du die her?« fragte
der Bär. »Die hab' ich mir geangelt, Herr Bär,« versetzte der Fuchs. Da
bekam der Bär auch Lust, das Angeln zu lernen, und bat den Fuchs, ihm
doch zu sagen, wie er es machen müßte. »Das ist eine leichte Kunst und
sehr bald gelernt,« erwiederte der Fuchs: »Du musst nur aufs Eis gehen,
Dir ein Loch hauen und den Schwanz hineinstecken, und dann musst Du ihn
recht lange drein halten und Dich nicht darum bekümmern, wenn's ein
bischen weh thut; denn das ist ein Zeichen, daß Fische dran beißen; und
je länger Du's aushalten kannst, desto mehr Fische bekommst Du; aber
wenn's zuletzt recht tüchtig kneift, dann musst Du aufziehen.« Ja, der
Bär that, wie der Fuchs ihm gesagt hatte, und hielt den Schwanz so
lange ins Loch, bis er darin festgefroren war. Da zog er auf -- den
Schwanz ab, und nun geht er noch da den heutigen Tag mit einem
Stumpfschwanz.
#b#) _Wie der Fuchs den Bären ums Weihnachtsessen prellt._
Der Bär und der Fuchs hatten sich einmal zusammen ein Viertel Butter
gekauft, das wollten sie zum Weihnachten haben und verwahrten es daher
unter einen dicken Tannenbusch. Darauf gingen sie fort und legten sich
auf einem Hügel in der Sonne schlafen. Als sie eine Weile gelegen hatten,
sprang der Fuchs auf und rief: »Ja!« und damit lief er gradesweges zu
dem Butterviertel, wovon er gut den dritten Theil auffraß. Als er aber
zurückkam, und der Bär ihn fragte, wo er gewesen sei, daß er so fett ums
Maul wäre, sagte er: »Meinst Du denn nicht, ich sei zu Gevatter gebeten,
Du?« -- »Na so!« sagte der Bär: »wie hieß denn das Kind?«
-- »_Angefangen_,« sagte der Fuchs.
Damit legten sie sich wieder schlafen. Nach einer Weile sprang der Fuchs
abermals auf und rief: »Ja!« und lief wieder zu dem Butterviertel. Als
er zurückkam, und der Bär ihn fragte, wo er gewesen sei, antwortete er:
»Ach, wurde ich denn nicht wieder zu Gevatter gebeten, Du!« -- »Wie hieß
jetzt das Kind?« fragte der Bär. »_Halbverzehrt_,« antwortete der Fuchs.
Der Bär meinte, das wär' ein hübscher Name; aber es dauerte nicht lange,
so fing er wieder an zu gähnen und schlief ein. Als er nun ein Weilchen
gelegen hatte, ging es wieder eben so, wie die beiden vorigen Male: Der
Fuchs sprang wieder auf und rief: »Ja!« lief zu dem Butterviertel und
fraß nun auch den letzten Rest auf. Wie er zurückkam, war er wieder
zu Kindtauf gewesen, und als der Bär wissen wollte, wie das Kind hieß,
antwortete er: »_Den-Boden-geleckt._« Damit legten sie sich wieder zur
Ruhe und schliefen beide eine gute Weile. Darnach wollten sie hingehen
und sich nach ihrer Butter umsehen. Als es sich nun aber fand, daß sie
rein aufgezehrt war, beschuldigte der Bär dafür den Fuchs, und der Fuchs
beschuldigte wieder den Bären, und der Eine behauptete immer, der Andre
sei bei der Butter gewesen, während er da gelegen habe und geschlafen.
»Nun,« sagte Reineke: »wir wollen's bald erfahren, Wer von uns die
Butter gestohlen hat: wir wollen uns jetzt wieder auf dem Hügel schlafen
legen, und Wer dann am fettsten unten beim Schwanz ist, wenn wir
aufwachen, der hat sie gestohlen.« Ja, der Bär wollte gleich auf die
Probe eingehen, und weil er bei sich selbst wußte, daß er die Butter
nicht einmal gekostet hatte, legte er sich ganz ruhig auf dem Hügel
schlafen. Da schlich Reineke sich aber fort nach dem Viertel und erwischte
noch ein Klümpchen Butter, das in einer Ritze sitzen geblieben war; damit
schlich er sich zurück zu dem Bären, bestrich ihn mit der Butter unten
beim Schwanz und legte sich dann wieder schlafen, als wüßte er von
Nichts. Als nun beide aufwachten, hatte die Sonne die Butter geschmelzt,
und da war's denn gleichwohl der Bär, der die Butter gefressen hatte.
18.
Gudbrand vom Berge.
Es war einmal ein Mann, der hieß _Gudbrand_; der hatte ein Gehöft, das
lag weit weg am Abhang eines Berges, und darum nannten die Leute ihn
_Gudbrand vom Berge_. Er lebte aber mit seiner Frau so zufrieden und
verträglich zusammen, daß Alles, was der Mann that, der Frau so wohl
gethan däuchte, daß es nimmermehr besser gemacht werden könne; wie er's
auch anfangen mochte, sie mußte sich immer darüber freuen. Sie besaßen
ihr Stück Ackerland, hatten hundert Thaler in der Kiste liegen, und im
Stall hatten sie zwei Kühe im Joch stehen. Da sagte die Frau eines Tages
zu Gudbrand: »Mir däucht, wir sollten die eine Kuh zur Stadt bringen
und sie verkaufen, damit wir doch ein paar Ausgebeschillinge bekämen;
wir sind so brave Leute und sollten doch ein paar Schillinge unter den
Händen haben, so wie andre Leute es haben; die hundert Thaler in der
Kiste dürfen wir nicht angreifen, und ich weiß nicht, Was wir mit mehr,
als mit _einer_ Kuh, wollen; und dann ist auch noch immer ein kleiner
Gewinn dabei, daß ich alsdann nur auf die eine Kuh zu passen brauch,
statt daß ich jetzt mich mit zweien placken muß.« Ja, das däuchte dem
Gudbrand ganz recht und vernünftig gesprochen, und er nahm sogleich die
Kuh und ging damit zur Stadt, um sie zu verkaufen. In der Stadt aber
fand sich Niemand, der ihm die Kuh abkaufen wollte. »Ei nun!« dachte
Gudbrand: »so geh' ich mit meiner Kuh wieder nach Hause; ich weiß, ich
habe sowohl Stall, als Joch, für sie, und es ist eben so weit hin, als
her,« und damit stiefelte er getrost wieder mit seiner Kuh heimwärts.