verreisen; während der Zeit musst Du hier allein bleiben, aber Du darfst
ja nicht in eins von diesen vier Zimmern gehen; thust Du das, so kostet
es Dir das Leben, wenn ich zurückkomme.« -- Nein, sagte der Bursch, er
wollt's gewiß nicht thun. Als aber der Mann drei oder vier Tage fort
gewesen war, konnte der Bursch sich nicht länger halten, sondern ging in
das eine der Zimmer. Er sah sich hier überall um, aber bemerkte Nichts,
als nur eine Borte über der Thür, und darauf lag eine Dornruthe. »Das
ist auch was Rechtes, um es mir so strenge zu verbieten, in dies Zimmer
zu gehen, wenn hier weiter Nichts zu sehen ist!« dachte der Bursch. Als
die acht Tage um waren, kam der Mann wieder nach Hause. »Du bist doch
auch wohl in keins von den Zimmern gegangen,« sagte er. »Nein, ganz und
gar nicht,« sagte der Bursch. »Nun, das werde ich gleich sehen,« sagte
der Mann, und darauf ging er grade in das Zimmer, in welchem der Bursch
gewesen war. »Ja, Du bist doch drin gewesen,« sagte er, als er zurückkam:
»und nun muß ich Dich tödten.« Aber der Bursch weinte und bat so lange,
bis er doch zuletzt mit dem Leben davon kam; aber tüchtige Schläge
erhielt er. Als er die ausgestanden hatte, waren sie wieder eben so gute
Freunde, als zuvor.
Einige Zeit darnach verreis'te der Mann abermals; er sagte, daß er jetzt
vierzehn Tage ausbleiben würde, und verbot dem Burschen wieder strenge,
in irgend eins der Zimmer zu gehen, in welchen er noch nicht gewesen
sei; aber in das, worin er schon gewesen, könne er immer wieder gehen,
wenn er wolle. Es ging nun eben so, wie das vorige Mal, nur daß der
Bursch sich jetzt acht Tage hielt, eh' er wieder in eines der verbotenen
Zimmer ging. Er sah auch hier Nichts, als über der Thür eine Borte und
darauf einen Feldstein und einen Wasserkrug. »Nun, das ist auch was
Rechtes, um davor so bange zu sein!« dachte der Bursch. Als der Mann
nach Hause kam, fragte er den Burschen wieder, ob er auch in irgend
einem der Zimmer gewesen sei. Nein, sagte der Bursch, er wäre nicht drin
gewesen. »Nun, das werde ich gleich sehen,« sprach der Mann, und da er
nun sah, daß der Bursch dennoch drin gewesen war, sagte er: »Nun kann
ich Dich nicht länger schonen, jetzt musst Du das Leben verlieren.« Aber
der Bursch weinte und bat so lange, bis er denn zuletzt wieder mit einer
Tracht Schläge davon kam, aber die war denn auch nicht schlecht. Als er
sich davon erholt hatte, führte er wieder ein herrliches Leben; und er
und der Mann waren wieder eben so gute Freunde, wie zuvor.
Einige Zeit darnach wollte der Mann abermals verreisen; er sagte, daß er
jetzt drei Wochen abwesend sein würde, und schärfte dem Burschen ein,
beileibe nicht in das dritte Zimmer zu gehen; wenn er es dennoch thäte,
sagte er, könne er sich nur sogleich darauf gefasst machen, das Leben zu
verlieren. Nach vierzehn Tagen konnte der Bursch sich nicht länger
halten, sondern ging auch in das dritte Zimmer; er sah aber darin
Nichts, als nur eine Fallthür am Fußboden. Als er die aufhob und
hinuntersah, erblickte er einen großen kupfernen Kessel und drinnen
pruttelte und kochte es, ohne daß Feuer darunter war. Ich möchte doch
wissen, ob's wohl warm ist, dachte der Bursch und steckte den Finger
hinein; als er ihn aber wieder herauszog, war er über und über vergoldet;
er schabte und wusch ihn, aber die Vergoldung wollte nicht wieder ab; da
band er einen Lappen darum. Als darauf der Mann nach Hause kam und ihn
fragte, Was seinem Finger fehle, sagte der Bursch, er habe sich so
arg geschnitten; aber da riß der Mann ihm den Lappen ab und sah nun
sogleich, Was dem Finger fehlte. Erst wollte er den Burschen durchaus
tödten; aber da dieser wieder so heftig weinte und so flehentlich bat,
klopfte er ihn bloß so, daß er drei Tage lang zu Bette liegen mußte.
Darauf nahm er einen Krug von der Wand, worin eine Salbe war, und
bestrich damit den Burschen, worauf dieser sogleich wieder frisch und
gesund aufstand.
Als einige Zeit vergangen war, wollte der Mann abermals verreisen und
wollte nun einen ganzen Monat ausbleiben. Zu dem Burschen aber sagte er,
wenn er es sich einfallen ließe, auch in das vierte Zimmer zu gehen, so
könne er durchaus nicht hoffen, das Leben zu behalten; dieses Mal würde
er ihn gewiß nicht schonen. Der Bursch hielt sich etwa drei ganze
Wochen, aber länger konnt' er's nicht aushalten, sondern ging nun
auch in das vierte Zimmer. Hierin stand ein großes Pferd mit einem
Schmutztrog beim Kopf und einem Heutrog beim Schwanz. Dem Burschen
däuchte das ungleich, und daher tauschte er um und setzte den Heutrog
beim Kopf hin und den Schmutztrog beim Schwanz. Da sagte das Pferd:
»Weil Du ein so gutes Herz hast und mir Etwas zu essen gönnst, will ich
Dich erretten; denn kommt der Troll jetzt nach Hause und findet Dich
hier noch vor, so tödtet er Dich ganz gewiß. Gehe aber nun in das Zimmer
hier grade gegenüber und nimm eine von den Rüstungen; aber du darfst
ja keine von den blanken nehmen, sondern Du sollst die allerrostigste
nehmen, die Du da siehst, und auf gleiche Weise sollst Du auch Schwert
und Sattel wählen.« Das that der Bursch; aber es war alles das sehr
schwer für ihn zu tragen.
Als er mit den Sachen zurückkam, sagte das Pferd, nun solle er sich
nackt auskleiden und in das Zimmer gehen, wo der Kessel stände und
kochte, und in dem solle er sich gut baden. »Da werde ich wohl schön
aussehen!« dachte der Bursch, aber er ging doch hin. Als er sich nun
gebadet hatte, war er so schön und groß geworden und so roth und weiß,
wie Milch und Blut, dazu weit stärker, als vorher. »Spürst Du eine
Veränderung?« fragte ihn das Pferd. »Ja,« sagte der Bursch. »Dann
versuch' einmal, ob Du mich aufheben kannst,« sagte das Pferd. Ja, das
konnte der Bursch, und das Schwert konnte er schwingen, wie gar Nichts.
Als das Pferd das sah, sprach es: »Lege mir jetzt den Sattel auf und Dir
selbst die Rüstung an, und dann nimm die Dornruthe und den Stein und die
Wasserflasche und den Salbenkrug; dann wollen wir fortreisen.«
Wie der Bursch das gethan hatte und auf das Pferd gestiegen war, ging es
-- hast Du mich nicht gesehen! auf und davon. Als der Bursch nun ein
gutes Ende geritten war, sagte das Pferd: »Mir däucht, ich höre ein
Geräusch; sieh Dich mal um, ob Du Etwas gewahr wirst.« -- »Ich sehe
Männer hinter uns,« sagte der Bursch: »wohl gegen zwanzig Stück.« --
»Das ist der Troll,« sagte das Pferd: »er kommt mit seinen Leuten.«
Das Pferd trabte aber weiter, so lange bis Die, welche hinter ihnen
waren, ganz nahe kamen. Da sagte das Pferd: »Wirf jetzt die Dornruthe
hinter Dich, aber so weit Du nur kannst!« Das that der Bursch, und im
selben Augenblick wuchs da ein großer dicker Dornwald auf. Nun ritt der
Bursch wieder eine weite Strecke fort, während der Troll sich nach Hause
begab, um Axt und Beil zu holen, damit er sich durch den Wald hauen
könne. Endlich sagte das Pferd wieder: »Sieh Dich mal um, ob Du Etwas
gewahr wirst.« -- »Ja, eine große Menge,« sagte der Bursch: »wie eine
ganze Kirchengemeine.« -- »Ja, das ist wieder der Troll,« sagte das
Pferd: »nun hat er noch mehr Leute mitgebracht. Wirf aber jetzt den
Feldstein hinter Dich, aber so weit Du nur kannst.«
Als der Bursch das that, entstand plötzlich ein großer hoher Berg von
Feldsteinen hinter ihnen. Nun mußte der Troll wieder nach Hause, um
sich Geräthschaften zu holen, womit er sich durch den Berg minire, und
während er das that, ritt der Bursch wieder eine gute Strecke weiter.
Zuletzt sagte das Pferd wieder, er solle sich mal umsehen, ob er etwas
gewahr würde; und als der Bursch sich nun umsah, bemerkte er ein ganzes
Kriegsheer, und Alle trugen so blanke Rüstungen und Waffen, daß es nur
so glitzerte. »Ja,« sagte das Pferd: »es ist wieder der Troll; nun hat
er alle seine Leute mitgebracht. Gieß aber jetzt die Flasche mit Wasser
hinter Dir aus; aber hüte Dich wohl, daß Du Etwas auf meinen Leib
spritzest!« Das that der Bursch; aber wie sehr er sich auch in Acht
nahm, so spritzte er doch einen Tropfen an den Schenkel des Pferdes.
Augenblicklich entstand ein großes wogendes Wasser, und durch den
Tropfen, den er auf das Pferd gespritzt hatte, kam dieses weit hinaus
in dem Wasser zu stehen; aber es schwamm doch glücklich ans Land. Als
der Troll nun zu dem Wasser kam, legte er sich mit allen seinen Leuten
nieder, um es aufzutrinken, und da tranken sie so lange, bis sie
barsten. »Nun sind wir sie quitt!« sagte das Pferd.
Als sie nun eine lange lange Zeit gereis't hatten, kamen sie zu einer
grünen Ebene mitten in einem Walde. »Lege jetzt Deine Rüstung ab und
zieh wieder Deine Lumpen an,« sagte das Pferd: »nimm mir dann den Sattel
ab und laß mich frei und hänge Alles hier in die große hohle Linde hin;
darnach musst Du Dir eine Perrücke von Tannenmoos machen, und geh dann
hinauf zu des Königs Schloß, das hier in der Nähe liegt, und bitte dort
um einen Dienst. Wenn Du mich dann nöthig hast, so komm bloß her und
rüttle an dem Gebiß, dann werde ich zu Dir kommen.«
Ja, der Bursch that, wie das Pferd ihm gesagt hatte, und als er sich
die Moosperrücke aufsetzte, war er so bleich und jämmerlich und elend
anzusehen, daß Keiner ihn mehr erkennen konnte. Er ging nun zu dem
Königsschloß, und da bat er zuerst um einen Dienst in der Küche; er
wolle dem Koch Wasser und Holz zutragen, sagte er. Aber die Köchinn
fragte ihn: »Warum hast Du die häßliche Perrücke auf? Nimm die ab,«
sagte sie: »ich will sonst Nichts von Dir wissen, so häßlich Du
aussiehst.« -- »Das kann ich nicht,« sagte der Bursch: »denn mein Kopf
ist nicht so recht rein.« -- »Denkst Du, ich will Dich dann hier beim
Essen haben, wenn es so mit Dir beschaffen ist?« sagte der Koch: »Geh
hinunter zum Stallmeister! Du schickst Dich besser dazu, den Stall
auszumisten.« Als aber der Stallmeister ihm sagte, er solle die Perrücke
abnehmen, bekam dieser dieselbe Antwort, und nun wollte auch der ihn
nicht behalten. »Du kannst zum Gärtner gehen,« sagte er: »Du schickst
Dich besser dazu, in der Erde zu wühlen, Du.« Beim Gärtner durfte er
denn endlich bleiben; aber Keiner von den andern Bedienten wollte mit
ihm zusammenschlafen; darum mußte er denn allein schlafen unter der
Treppe im Lusthause, das stand auf Stollen und hatte eine sehr große
Treppe; darunter bekam er einiges Moos, und da lag er nun und schlief,
so gut er konnte.
Als er nun eine Zeitlang im Königsschloß gewesen war, geschah es eines
Morgens, als die Sonne aufging, daß er seine Moosperrücke abnahm und da
stand und sich wusch, und da war er so schön, daß es eine Lust war, ihn
anzusehen.
Die Prinzessinn sah durch ihr Fenster den wackern Gärtnerburschen, und
es däuchte ihr, einen so schönen Menschen habe sie noch nie gesehen. Sie
fragte den Gärtner, warum er dort draußen unter der Treppe liege. »O, es
will Keiner von den andern Bedienten mit ihm zusammenschlafen,« sagte
der. »Laß ihn heute Abend heraufkommen und bei der Thür drinnen in
meiner Kammer liegen,« sagte die Prinzessinn: »so werden sie sich nachher
wohl nicht weigern, mit ihm zusammenzuschlafen.« Der Gärtner sagte das
dem Burschen. »Meinst Du aber, ich werde das thun?« sagte der: »man
möchte nachher sagen, es wäre Etwas zwischen mir und der Prinzessinn.«
-- »Ja, Du hast auch wohl Ursache, Dich vor solchem Verdacht zu fürchten,«
sagte der Gärtner: »so wacker wie Du bist.« -- »Nun, wenn Ihr's denn so
wollt, dann will ich es wohl thun,« sagte der Bursch. Als er nun am
Abend die Treppe hinauf sollte, schlarfte er so mit seinen Schuhen, daß
sie ihn bitten mußten, leise zu gehen, damit der König ihn nicht gewahr
werde. Als er in die Kammer der Prinzessinn gekommen war, legte er sich
sogleich bei der Thür nieder und fing an zu schnarchen. Da sagte die
Prinzessinn zu ihrem Kammermädchen: »Schleich Dich zu ihm und nimm ihm
die Moosperrücke ab.« Aber als sie sie ihm abnehmen wollte, erwachte der
Bursch, hielt mit beiden Händen die Perrücke fest und sagte, die könne
sie nicht bekommen. Darauf legte er sich wieder hin und schnarchte. Die
Prinzessinn gab dem Mädchen wieder einen Wink, und diesmal gelang es
ihr, ihm die Perrücke abzunehmen. Da lag nun der Bursch so schön und so
roth und weiß, wie die Prinzessinn ihn in der Morgensonne gesehen hatte.
Nachher schlief der Bursch jede Nacht in der Prinzessinn ihrer Kammer.
Es dauerte aber nicht lange, so erfuhr der König, daß der Bursch jede
Nacht in der Prinzessinn ihrer Kammer schlief, und darüber ward er so
erbittert, daß er ihn beinahe ums Leben gebracht hätte. Er warf ihn in
einen finstern Thurm, und seine Tochter sperrte er auf ihr Zimmer ein,
und sie durfte nicht heraus, weder Tag, noch Nacht; so viel sie auch
weinte und für sich und den Burschen bitten mochte, es half Alles
nichts, der König ward darüber nur noch mehr erbittert.
Einige Zeit darnach entstand Krieg und Unfriede im Lande, und der König
mußte sich gegen einen andern König rüsten, der ihm sein Land wegnehmen
wollte. Als der Bursch das hörte, bat er den Kerkermeister, zum König zu
gehen und ihm die Erlaubniß auszuwirken, Harnisch und Schwert tragen zu
dürfen und mit in den Krieg zu ziehen. Alle lachten laut auf, als der
Kerkermeister seinen Auftrag anbrachte und den König um einiges altes
Gerümpel zu einer Rüstung für den Burschen bat, damit sie doch die Lust
haben könnten, zu sehen, wie der arme Wicht in den Krieg zöge. Na, das
bekam er denn auch und dazu eine alte Kracke, die hinkte auf drei
Beinen.
Sie zogen nun gegen den Feind aus; aber sie waren noch nicht weit von
dem Königshof gekommen, als der Bursch mit seiner Kracke in einem Moor
stecken blieb und hups'te und jups'te: »Hei, willst du auf! Hei, willst
du auf!« Daran hatten die Andern recht ihre Lust und lachten und hatten
den Burschen zum besten, als sie an ihm vorbeiritten. Aber kaum waren
sie vorüber, so lief der Bursch zu der Linde, legte seine Rüstung an und
rüttelte an dem Gebiß, und sogleich kam das Pferd an und sagte: »Thue Du
nun Dein Bestes, dann werde ich das meinige thun.« Als der Bursch sie
einholte, hatte die Schlacht schon begonnen, und der König war in einer
schlimmen Klemme. Aber ehe man sich's versah, hatte der Bursch den Feind
in die Flucht geschlagen. Der König und seine Leute wunderten sich und
konnten nicht begreifen, Wer es nur sein mochte, der ihnen so gute Hülfe
geleistet; denn Keiner war ihm so nahe gekommen, um mit ihm sprechen zu
können, und als die Schlacht vorüber war, da war er verschwunden. -- Wie
sie nun zurückzogen, saß der Bursch noch in dem Moor und hups'te und
jups'te auf seiner dreibeinigen Kracke. Da lachten Alle wieder. »Nein,
seh nur Einer! da sitzt der Narr noch und hups't und jups't!« sagten
sie.
Als sie am andern Tage auszogen, saß der Bursch noch da. Sie lachten
ihn wieder aus und machten sich über ihn lustig. Aber kaum waren sie
vorüber, so lief der Bursch wieder zu der Linde, und Alles ging wieder
grade so, wie den vorigen Tag. Alle wunderten sich und konnten nicht
begreifen, was es für ein fremder Held sei, der ihnen Hülfe geleistet;
denn Keiner war ihm wieder so nahe gekommen, um mit ihm sprechen zu
können. Daß aber Niemand auf den Burschen rieth, versteht sich von
selbst.
Als sie am Abend nach Hause zogen und sahen, daß der Bursch noch immer
auf der Kracke saß, lachten sie ihn wieder aus, und Einer von ihnen
schoß einen Pfeil auf ihn ab und traf ihn ins Bein. Da fing der Bursch
gottsjämmerlich an zu schreien und zu lamentiren; aber der König warf
ihm sein Taschentuch zu, und das band er sich um das Bein.
Als sie am dritten Morgen auszogen, saß der Bursch wieder im Moor.
»Hei, willst du auf! Hei, willst du auf!« rief er zu der Kracke. »Nein,
wahrhaftig! er wird da sitzen müssen, bis er todthungert!« sagten die
Andern, als sie vorüberzogen, und machten sich wieder über ihn lustig.
-- Der Bursch lief aber wieder zu der Linde und kam eben in der Schlacht
an, als Noth an den Mann ging. An diesem Tage tödtete er den feindlichen
König, und damit war der Krieg auf einmal vorbei.
Nun aber erkannte der König den fremden Ritter sogleich an dem
Taschentuch, das dieser sich um das Bein gebunden hatte; die vornehmsten
Cavaliere nahmen ihn darauf in ihre Mitte und ritten mit ihm nach dem
Königsschloß, und als die Prinzessinn ihn von ihrem Fenster aus sah,
ward sie so froh, daß es gar nicht zu sagen ist. »Da kommt mein
Bräutigam auch,« sagte sie. Er aber nahm den Salbenkrug und strich sich
von der Salbe aufs Bein und bestrich auch alle Verwundeten damit, und
da wurden sie augenblicklich alle wieder frisch und gesund. Hierauf
bekam er die Prinzessinn zur Gemahlinn. Aber als er am Hochzeitstage in
den Stall zu dem Pferd kam, stand dieses ganz betrübt da und wollte gar
nicht fressen. Der junge König -- denn er war jetzt König geworden und
hatte das halbe Reich bekommen -- fragte, Was ihm fehle. Da sagte das
Pferd: »Jetzt hab' ich Dir durchgeholfen; aber nun will ich nicht länger
leben. Nimm jetzt Dein Schwert und haue mir den Kopf ab!« -- »Nein,
das thu' ich nicht!« sagte der junge König: »Du sollst das beste Futter
haben, das Du Dir wünschen magst, und sollst von nun an beständig in
Ruhe leben.« -- »Wenn Du nicht thun willst, Was ich Dir sage,« versetzte
das Pferd: »dann muß ich Dich ums Leben bringen.« Da konnte der König
nicht anders, sondern mußte thun, wie das Pferd wollte. Als er aber das
Schwert aufhob, um zuzuhauen, da war er so betrübt, daß er das Gesicht
wegkehren mußte, um den Hieb nicht zu sehen. Kaum aber hatte er ihm den
Kopf abgeschlagen, so stand ein schöner Prinz da, wo vorher das Pferd
gestanden hatte. »Wo in aller Welt kommst Du her?« fragte der König.
»Ich war das Pferd,« antwortete der Prinz: »Ehedem war ich König in dem
Lande, wo nachher der König regierte, den Du gestern in der Schlacht
getödtet hast; er war es, der einen Zauberham auf mich geworfen und mich
an den Trollen verkauft hatte. Weil er aber nun getödtet ist, bekomm'
ich mein Reich zurück, und Du und ich werden Nachbarkönige; aber wir
wollen nie mit einander Krieg führen.« Und das thaten sie denn auch
nicht; sie blieben Freunde, so lange sie lebten, und kamen oft, einander
zu besuchen.
15.
Die Tochter des Mannes und die Tochter der Frau.
Es war einmal ein Mann und eine Frau, die heiratheten einander, und
jeder von ihnen hatte eine Tochter. Die Tochter der Frau war faul und
träge und mochte nicht das Geringste thun; aber die Tochter des Mannes
war fleißig und flink, und doch konnte sie der Stiefmutter nie Etwas zu
Dank machen. Einmal sollten die beiden Mädchen am Brunnen sitzen und
spinnen. Die Tochter der Frau aber bekam Flachs zu spinnen, und die
Tochter des Mannes nichts Anders, als Schweinsborsten. »Du bist nun
immer so flink und ferm, Du,« sagte die Tochter der Frau: »aber dennoch
fürchte ich mich nicht, mit Dir um die Wette zu spinnen.« Sie wurden
nun darüber einig, daß Der, dem zuerst der Faden auslief, in den Brunnen
sollte. Wie sie nun anfingen zu spinnen, so lief der Tochter des Mannes
zuerst der Faden aus, und die mußte nun in den Brunnen. Sie fiel
unverletzt bis auf den Grund; dort unten aber sah sie weit um sich her
eine schöne grüne Wiese.
Sie ging nun fort und kam zu einem Reiserzaun, da wollte sie hinüber.
»O, tritt nicht so hart auf mich!« sagte der Zaun: »ich will Dir auch
ein andermal wieder gefällig sein.« Sie machte sich nun so leicht, als
sie konnte, und stieg so vorsichtig hinüber, daß sie den Zaun nicht
einmal berührte.
Nun ging sie eine Strecke weiter und kam zu einer scheckigen Kuh, die
einen Milcheimer an den Hörnern trug; es war eine große schöne Kuh, und
ihr Euter war so voll und rund. »O, sei doch so gut und melke mich!«
sagte die Kuh: »denn mir ist das Euter so straff von der Milch; trinke
so Viel Du willst und gieße den Rest auf meinen Huf; ich will Dir auch
ein andermal wieder gefällig sein.« Das Mädchen that, wie die Kuh sie
gebeten hatte; sowie sie nur die Zitzen anfaßte, spritzte die Milch in
den Eimer; sie trank darauf, bis sie ihren Durst gelöscht hatte, goß
dann der Kuh den Rest auf den Huf, und den Eimer hängte sie ihr wieder
an die Hörner.
Als sie ein Ende weiter gegangen war, begegnete ihr ein großer Schafbock,
der war so dick und hatte so lange Wolle, daß er sie auf der Erde
nachschleppen mußte, und an dem einen Horn hing eine große Schere. »O,
sei doch so gut und scher' mich!« sagte der Bock: »denn ich erliege
unter der Last meiner Wolle, und mir ist so heiß, daß ich beinahe
ersticken möchte; nimm so Viel Du willst und wirre mir den Rest um den
Hals; ich will Dir auch ein andermal wieder gefällig sein.« Das Mädchen
zeigte sich sogleich bereit, zu thun, wie der Bock sie gebeten hatte,
und dieser legte sich von selbst auf ihren Schoß, und da lag er ganz
still; und sie schor ihn so behutsam, daß sie ihn auch nicht ein
einziges Mal ins Fell schnitt. Darauf nahm sie von der Wolle so Viel
sie wollte, und den Rest wirrte sie dem Bock um den Hals.
Etwas weiter hin kam sie zu einem Apfelbaum, der war so voll von Äpfeln,
daß die Zweige sich zur Erde niederbogen, und an dem Stamm stand eine
kleine Stange. »O, sei doch so gut und pflücke meine Äpfel ab!« sagte
der Baum: »damit meine Zweige sich in die Höhe richten können; es ist
so beschwerlich, immer so krumm zu stehen; die Du nicht mit der Hand
erreichen kannst, schlage mit der Stange ab, aber schlage ja vorsichtig,
damit Du mich nicht zu Schanden schlägst; iß dann so Viel Du willst und
lege den Rest hübsch ordentlich unten an meinen Stamm hin; ich will Dir
auch ein andermal wieder gefällig sein.« Das Mädchen pflückte nun so
viel Äpfel ab, als sie mit der Hand erreichen konnte, und die übrigen
schlug sie vorsichtig mit der Stange herunter; darauf aß sie sich satt
und legte den Rest noch so sauber und nett unten an den Stamm hin.
Sie ging nun eine gute Strecke weiter, und endlich kam sie zu einem
großen Hause, wo ein Trollweib mit ihrer Tochter wohnte. Da ging sie
hinein und fragte, ob sie nicht einen Dienst bekommen könnte. »O, es
kann nichts nützen,« sagte das Trollweib: »denn wir haben schon Viele
gehabt, aber Keine von ihnen hat was getaugt.« Das Mädchen aber bat so
artig und so flehentlich, sie doch in Dienst zu nehmen, bis sie sie denn
endlich nahmen; und nun gab das Trollweib ihr ein Sieb und befahl ihr,
Wasser darin zu holen. Es däuchte dem Mädchen zwar etwas ungereimt,
Wasser in einem Sieb zu holen, aber sie sagte doch Nichts, sondern
ging willig hin, und als sie zu dem Brunnen kam, sangen die Vöglein:
»Kleb' mit Lehm,
Stopf mit Stroh!
Kleb' mit Lehm,
Stopf mit Stroh!«
Ja, das that sie, und nun konnte sie das Wasser in dem Sieb tragen. Aber
als sie damit nach Hause kam, sagte das Trollweib: »Das hast Du nicht
aus Dir selber.«
Darauf sollte sie in den Stall gehen und ihn ausmisten und die Kühe
melken. Als sie aber hineinkam, stand da eine Schaufel, die war so groß
und so schwer, daß sie sie auf keine Weise handthieren, ja nicht einmal
aufheben konnte. Sie wußte nun gar nicht, wie sie's anfangen sollte. Aber
die Vögel sangen, sie solle nur Etwas mit dem Besenstiel hinauswerfen,
dann würde all das Übrige nachfliegen. Kaum hatte sie das gethan, so war
der Stall auf einmal so rein, als wäre er noch so sauber gemistet und
gefegt. Jetzt wollte sie die Kühe melken; aber die waren so unruhig und
schlugen und stießen, so daß sie gar nicht dazu gelangen konnte, sie zu
melken. Aber da sangen die Vöglein draußen wieder:
»Kleinen Trunk,
Kleinen Strahl
Stripp zu den Vöglein
Allzumal!«
Ja, das that sie, sie strippte einen kleinen Strahl hinaus zu den
Vöglein. Da standen alle Kühe still und ließen sich von ihr melken,
ohne zu schlagen, oder zu stoßen, sie hoben nicht einmal das Bein
auf.
Als das Trollweib sie mit der Milch ankommen sah sagte sie wieder: »Das
hast Du nicht aus Dir selber. Aber nun kannst Du die schwarze Wolle
nehmen, die da liegt, und sie weiß waschen.« Das Mädchen wußte wieder
gar nicht, wie sie das anfangen sollte; denn sie hatte nie gesehen, daß
Jemand schwarze Wolle weiß waschen konnte; aber sie sagte Nichts,
sondern nahm die Wolle und ging damit zu dem Brunnen. Da sangen die
Vöglein, sie solle die Wolle in den großen Zuber werfen, der da stände,
dann würde sie wohl weiß werden.
»Nein, nein,« sagte das Trollweib, als das Mädchen mit der Wolle ankam:
»mit Dir hilft es nichts; denn Du kannst ja Alles ausrichten, was man
Dir sagt, und ärgerst mich zuletzt noch zu Tode. Es ist am besten, Du
erhältst Deinen Reisepaß.«
Nun setzte das Trollweib drei Schreine hin, einen rothen, einen grünen
und einen blauen, und von diesen sollte es dem Mädchen erlaubt sein, als
Lohn für ihren Dienst, sich einen zu wählen, welchen sie wollte. Das
Mädchen wußte nun gar nicht, welchen sie wählen sollte; aber da sangen
die Vöglein:
»Nimm nicht den grünen,
Nimm nicht den rothen,
Den blauen nimm jetzt,
Auf welchen wir haben
Drei Kreuze gesetzt.«