Der König fragte nun wieder nach Witenland. Da blies der Mann alle

Fische herbei; aber auch von ihnen wußte Keiner Bescheid. Endlich kam

ein alter, alter Hecht; der Mann hatte viele Mühe, ihn herbeizublasen,

und als er ihn nach Witenland fragte, antwortete der Hecht: »Ja, da bin

ich gut bekannt; denn ich bin da zehn Jahre lang Koch gewesen. Morgen

soll ich wieder dahin; denn die Königinn, die ihren Gemahl verloren hat,

macht morgen wieder Hochzeit.« -- »Wenn es sich so verhält, so will ich

Dir einen guten Rath geben,« sagte der Mann: »Hier draußen auf einem

Erlenmoor stehn drei Brüder, die haben da schon hundert Jahre gestanden

und sich um einen Hut, einen Mantel und ein Paar Stiefeln gebalgt. Wenn

Einer die drei Dinge hat, so kann er sich unsichtbar machen und sich so

weit weg wünschen, als er will. Du kannst sagen, Du wolltest die Sachen

probiren und nachher zwischen ihnen das Urtheil sprechen.« Der König

dankte dem Mann und that, wie er ihm gesagt hatte. »Was steht Ihr hier

beständig und balgt Euch?« sagte er, als er zu den drei Brüdern gekommen

war: »lasst mich die Dinge probiren, dann will ich das Urtheil zwischen

Euch sprechen.« Ja, das wollten sie gern. Als er aber den Hut, den

Mantel und die Stiefeln bekommen hatte, sagte er: »Wenn wir uns das

nächste Mal wiedersehen, sollt Ihr das Urtheil erfahren,« und damit

wünschte er sich fort. Als er durch die Luft fuhr, traf er mit dem

Nordwind zusammen. »Wo willst Du hin?« fragte ihn der Nordwind. »Nach

Witenland,« sagte der König und erzählte ihm, Was ihm begegnet war. »Ja,

Du fährst wohl etwas schneller, als ich,« sagte der Nordwind; »ich muß

nun in jeden Winkel und wehen und pusten. Wenn Du aber an Ort und Stelle

kommst, so stelle Dich nur auf die Treppe neben der Thür hin; dann werde

ich gesaus't kommen, als wollte ich das ganze Schloß umwehen. Wenn dann

der Prinz, der Deine Gemahlinn haben soll, herauskommt und sehen will,

Was es giebt, so faß ihn nur beim Kragen und wirf ihn hinaus; dann will

ich schon zusehen, wie ich ihn fortschaffe.« Ja, der König that, wie

ihm der Nordwind gesagt hatte: er stellte sich auf die Treppe hin,

und als der Nordwind gesaus't und gebraus't kam und einen Griff ins

Schloßdach that, so daß es bebte und krachte, ging der Prinz hinaus und

wollte sehen, Was es gab. Aber in demselben Augenblick ergriff der König

ihn beim Kragen und warf ihn hinaus. Da nahm ihn der Nordwind und fuhr

mit ihm davon. Als der König so mit guter Manier den Prinzen quitt

geworden war, ging er ins Schloß. Anfangs erkannte die Königinn ihn

nicht, weil er durch das lange Wandern und seinen heftigen Kummer so

bleich und mager geworden war. Als er ihr aber den Ring zeigte, ward sie

herzlich froh; und nun wurde mit großem Jubel erst die rechte Hochzeit

gefeiert.

10.

Es giebt noch mehr solche Weiber.

Es war einmal ein Mann und eine Frau, die wollten säen, aber sie hatten

kein Saatkorn und auch kein Geld, sich etwas zu kaufen. Eine einzige

Kuh hatten sie, und mit der sollte der Mann in die Stadt gehen und sie

verkaufen, damit sie Geld zu Saatkorn bekämen. Als es aber zum Stücke

kam, wagte die Frau es nicht, den Mann allein reisen zu lassen, denn sie

fürchtete, er möchte das Geld vertrinken. Sie machte sich daher selbst

mit der Kuh auf den Weg und nahm auch noch ein Huhn mit.

Dicht bei der Stadt begegnete ihr ein Schlachter. »Willst Du die Kuh

verkaufen, Mutter?« fragte er sie. »Ja,« sagte die Frau. »Was willst Du

denn dafür haben?« -- »Für die Kuh verlange ich drei Groschen,« sagte

sie: »aber das Huhn sollst Du für acht Thaler haben.« -- »Das Huhn kann

ich nicht gebrauchen,« sagte der Schlachter: »und das wirst Du schon

los, wenn Du zur Stadt kommst; aber für die Kuh will ich Dir drei

Groschen geben.« Sie verkaufte ihm nun die Kuh und erhielt ihre drei

Groschen; aber in der Stadt war Niemand, der acht Thaler für ein magres

schäbiges Huhn geben wollte. Die Frau ging deßhalb wieder zurück zum

Schlachter und sagte: »Gevatter, ich kann mein Huhn nicht los werden;

Du musst es mir auch nur abkaufen, da Du doch einmal die Kuh bekommen

hast.« -- »Nun, wir werden schon Handels eins werden,« sagte der

Schlachter. Darauf tractirte er sie mit Essen und gab ihr so viel

Branntwein, daß sie trunken ward und Sinn und Verstand verlor.

Während sie nun da lag und schlief, tauchte der Schlachter sie in ein

Theerfaß und legte sie dann in einen Federhaufen.

Als sie darauf erwachte, war sie über und über gefiedert und wunderte

sich und sprach: »Bin ich's, oder bin ich's nicht? Nein, ich kann's

nicht sein, das muß ein großer sonderbarer Vogel sein. Wie soll ich's

doch nur erfahren, ob ich's bin, oder nicht? Ja, nun weiß ich's: wenn

mich die Kälber lecken, und der Hund mich nicht anbellt, wenn ich nach

Hause komme, so bin ich's.«

Der Hund aber sah kaum das Unthier, so fing er an zu bellen, als ob

Schelme und Diebe auf den Hof gekommen wären. »Nein, das kann ich

unmöglich sein,« sagte sie. Als sie in den Stall kam, wollten die Kälber

sie nicht lecken wegen des strengen Theergeruchs. »Nein, das kann ich

nicht sein,« sagte sie, stieg auf das Staburdach und fing an, mit den

Armen zu schlagen, als ob es Flügel wären, und sie in die Höhe wollte.

Als der Mann das gewahr ward, kam er mit der Büchse heraus und zielte

nach ihr. »Ach, schieß nicht! schieß nicht!« rief sie: »das bin ich.«

-- »Bist Du es?« sagte der Mann: »was stehst Du denn da, wie eine Ziege?

Komm herunter und thu mir Rechenschaft von Deinem Verkauf!« Sie kroch

nun herunter, aber sie hatte nicht einen Heller; denn die drei Groschen,

die sie vom Schlachter bekommen hatte, die hatte sie in ihrer Besoffenheit

weggeworfen; und als der Mann nun hörte, wie Alles zugegangen war, ward

er so zornig, daß er sagte, er wolle von Haus und Hof gehen, und nicht

eher zurückkehren, als bis er drei andre Weiber fände, die eben so

unklug wären.

Er machte sich nun auf den Weg, und als er eine Strecke gegangen war,

erblickte er eine neu aufgezimmerte Hütte, und ein Weib lief mit einem

leeren Sieb aus und ein; aber so oft sie hineinlief, warf sie die

Schürze über das Sieb, als ob sie Etwas drin hätte. »Warum thut Ihr

das, Mutter?« fragte er die Frau. »O, ich will nur ein wenig Sonne

hineintragen,« sagte sie: »aber ich weiß nicht, wie es recht zugeht:

wenn ich draußen bin, habe ich die Sonne im Sieb, aber sobald ich

hineinkomme, ist sie weg. Da ich noch in meiner alten Hütte wohnte,

hatte ich Sonne genug, obgleich ich nie das Geringste hineintrug. Wenn

mir nur Einer Sonne schaffen könnte, so wollt' ich ihm gern dreihundert

Thaler geben.« -- »Habt Ihr eine Axt,« sagte der Mann: »so will ich Euch

schon Sonne verschaffen.« Er bekam nun eine Axt und damit hau'te er die

Fensterlöcher hinein, denn die hatte der Zimmermann vergessen. Sogleich

schien nun die Sonne hindurch, und er bekam seine dreihundert Thaler.

»Das war Eine!« dachte der Mann und ging weiter.

Nach einer Weile kam er zu einem Hause, in welchem er ein entsetzliches

Geschrei hörte. Er ging hinein, und da sah er nun eine Frau, die damit

beschäftigt war, ihrem Mann den Kopf mit einem Waschbläuel zu bearbeiten;

über den Kopf hatte sie ein Hemd ohne Halsloch gezogen. »Wollt Ihr Euern

Mann todtschlagen, Mutter?« fragte er. »Nein,« sagte sie: »ich will nur

ein Halsloch in dieses Hemd haben.« Der Mann schrie und geberdete sich

übel und sprach: »Gott tröste Den, der ein neues Hemd anhaben soll! Wenn

Jemand meiner Frau lehren könnte, ein Halsloch auf eine andre Manier

ins Hemd zu kriegen, so wollt' ich ihm gern dreihundert Thaler geben.«

-- »Das soll bald gethan sein; gebt mir nur eine Schere,« sagte der

Andre. Er bekam nun eine Schere, schnitt ein Loch ins Hemd und ging mit

seinen Dreihundert davon. »Das war die Zweite!« sagte er bei sich selbst.

Endlich kam er zu einem Bauerhof, wo er sich eine Weile auszuruhen

gedachte. Als er in die Stube trat, fragte die Frau ihn: »Wo seid Ihr

her, Gevatter?« -- »Ich bin aus Ringelreich,« antwortete er. »Nein, was

Ihr sagt! seid Ihr aus dem Himmelreich?[3] Dann kennt Ihr auch wohl

den zweiten Peter, meinen seligen Mann.« -- Die Frau war nämlich zum

dritten Mal verheirathet; ihr erster und ihr letzter Mann waren schlimm;

darum glaubte sie, daß nur der zweite, der gut gewesen war, selig

geworden sei. -- »Ja, den kenn' ich sehr gut,« sagte er. »Wie geht's

ihm denn?« fragte die Frau. »O, es geht ihm nur dürftig,« erwiederte

der Ringelreicher: »er schlendert von einem Hof zum andern und hat weder

Essen in der Schüssel, noch Kleider auf dem Leibe -- an Geld ist nun gar

nicht zu denken.« -- »Ach, Gott helf mir!« rief die Frau: »er brauchte

eben nicht so elend einherzugehen, er, der so Viel hinterlassen hat;

hier hangt ein ganzer Boden voll Kleider, die ihm gehörten, und eine

große Kiste mit Geld steht hier auch; wenn Ihr's mitnehmen wollt,

Gevatter, so will ich Euch gern ein Pferd und einen Karren geben, damit

Ihr's fortschaffen könnt; das Pferd kann er da behalten, und auf dem

Karren kann er sitzen und von einem Hof zum andern fahren, denn er hat

es eben nicht nöthig, zu Fuß zu gehen.« Der Ringelreicher erhielt nun

eine ganze Karrenfuhre voll Kleider und eine Kiste voll blankes

Silbergeld und so viel Essen und Trinken, als er nur wollte, und damit

setzte er sich auf und fuhr davon. »Das war die Dritte!« sagte er bei

sich selbst.

Aber draußen auf dem Felde ging der dritte Mann der Frau und pflügte,

und da er Jemanden, den er nicht kannte, mit seinem Pferd und seinem

Karren abreisen sah, ging er nach Hause zu seiner Frau und fragte sie,

was Das für Einer wäre, der mit seinem blauen Pferd davon reis'te. »Ach

Der,« sagte die Frau: »das war ein Mann aus dem Himmelreich; er sagte,

daß es dem zweiten Peter, meinem seligen Mann, so schlecht gehe, daß

er von Hof zu Hof schlendern müsse und weder Kleider, noch Geld hätte;

darum schickte ich ihm alle seine alten Kleider, die hier hangen, und

auch die alte Geldkiste mit dem Silbergeld.« Als der Mann das hörte,

merkte er sogleich, Was die Uhr geschlagen hatte, sattelte sein Pferd

und ritt in vollem Galopp davon. Es dauerte nicht lange, so war er dicht

hinter dem Ringelreicher. Wie dieser ihn aber gewahr ward, fuhr er den

Karren ins Unterholz, riß dem Pferd eine Handvoll Haare aus und lief auf

einen Hügel, wo er die Pferdehaare an eine Birke band; darnach legte er

sich darunter auf die Erde hin und glotzte und stierte in die Wolken.

»Nein! nein!« sagte er so bei sich selbst, als der dritte Peter geritten

kam: »nein, so Was hab' ich noch in meinem Leben nicht gesehen!« Peter

sah ihm verwundert eine Weile zu, endlich fragte er ihn: »Was liegst Du

da und glotzäugst?« -- »Nein, so Was hab' ich noch mein Lebtag nicht

gesehen!« sagte der Andre: »Hier fuhr so eben Einer mit einem blauen

Pferd grade zum Himmel hinauf; da siehst Du noch die Haare, die an der

Birke hangen, und da oben in den Wolken siehst Du das blaue Pferd.«

Peter sah bald zu den Wolken hinauf, bald nach Dem, welcher da lag und

stierte; endlich sagte er: »Ich sehe Nichts, als nur die Pferdehaare an

der Birke.« -- »Nein, Du kannst es da auch nicht sehen,« sagte der

Andre: »aber komm hieher und lege Dich auf diese Stelle hin, und dann

musst Du grade in die Wolken sehen, und die Augen nicht wegkehren.« Als

nun der dritte Peter da lag und in die Wolken starrte, daß ihm die Augen

voll Wasser liefen, schwang der Ringelreicher sich auf das Pferd und

machte sich sowohl mit diesem, als mit dem Karren davon. Wie Peter es

auf dem Wege rasseln hörte, sprang er auf; aber er war so verstört, als

er den Andern mit seinen beiden Pferden und seinem Karren davon jagen

sah, daß er sich nicht eher besann, ihm nachzueilen, als bis es zu spät

war.

Er ließ die Ohren ziemlich lang hängen, wie er nach Hause kam; als ihn

aber seine Frau fragte, wo er das Pferd gelassen hätte, sagte er: »O,

ich hab' es ihm für den zweiten Peter mitgegeben; denn ich dachte, es

wäre nicht werth, daß er im Himmel auf einem elenden Rumpelkasten sitzen

und von Hof zu Hof karren solle; nun kann er die Karre verkaufen und sich

einen Wagen anschaffen.« -- »Dafür sollst Du Dank haben,« sagte die

Frau: »ich hätte nie geglaubt, daß Du ein so guter Mann wärst.«

Als nun der Andre mit den sechshundert Thalern und der Karrenfuhre

voll Kleider und der Geldkiste nach Hause kam, sah er, daß aller Acker

gepflügt und besä't war. Darum war die erste Frage, die er an seine Frau

that, woher sie das Saatkorn bekommen hätte. »O,« sagte sie: »ich habe

immer gehört: »Wer da säet, wird auch ernten;« darum hab' ich denn das

Salz gesä't, das Die vom Dovrefjeld hier abgesetzt haben, und wenn

wir bloß Regen bekommen, wird's wohl aufgehen, sollt' ich meinen.«

-- »Verrückt bist Du, und verrückt bleibst Du, so lange Du lebst;«

sagte der Mann: »aber es mag drum sein! denn die Andern sind auch nicht

klüger, als Du.«

11.

Einem Jeden gefallen seine Kinder am besten.

Ein Schütz ging einmal in einem Wald; da begegnete ihm die Bruchschnepfe.

»Lieber Freund, schieß nicht meine Kinder!« sagte die Schnepfe. »Was

sind denn das für welche, Deine Kinder?« fragte der Schütz. »Die

schönsten Kinder, die im Wald gehen, sind meine,« antwortete die

Schnepfe. »Ich will sie denn nicht schießen,« sagte der Schütz. Als er

aber zurückkehrte, hatte er ein ganzes Bündel junge Bruchschnepfen, die

er alle geschossen hatte, in der Hand. »Au! au! warum hast Du dennoch

meine Kinder geschossen?« sagte die Schnepfe. »Waren diese denn Deine?«

fragte der Schütz: »ich schoß die häßlichsten, die ich fand.« -- »Ach

ja,« antwortete die Schnepfe: »weißt Du denn nicht, daß einem Jeden

seine Kinder am besten gefallen?«

12.

Eine Freiergeschichte.

Es war einmal ein Bursch, der ging aufs Freien aus. Da kam er unter

anderm auch zu einem Kathen, wo die Leute in purer Armuth und Dürftigkeit

lebten. Als aber der Freier kam, wollten sie gern wohlhabend scheinen,

kannst Du glauben. Der Mann hatte einen neuen Ärmel in seine Jacke

bekommen. »Setz Dich nieder!« sagte er zu dem Freier: »aber 's sieht

hier überall so stäubig aus!« und damit ging er umher und wischte und

stäubte mit seinem neuen Jackenärmel überall auf den Bänken und Tischen

herum; den andern Arm aber hielt er auf den Rücken. Die Frau hatte einen

neuen Schuh bekommen, und mit dem stieß sie an alle Bänke und Stühle.

»Es liegt hier so Viel herum,« sagte sie: »es sieht hier so unordentlich

aus.« Darauf riefen sie die Tochter, sie sollte hereinkommen und

aufräumen. Die hatte eine neue Mütze bekommen und steckte den Kopf zur

Thür herein und nickte: »Ich kann denn doch auch nicht überall sein,«

sagte sie. Ja, das waren rechte Wohlstandsleute, zu denen der Freier

gekommen war.

13.

Die drei Muhmen.

Es war einmal ein armer Mann, der wohnte in einer Hütte, weit weit weg

in einem Walde, und ernährte sich mit der Jägerei. Er hatte eine einzige

Tochter, die war außerordentlich schön. Da aber die Mutter schon früh

gestorben, und das Mädchen nun schon halb erwachsen war, sagte sie eines

Tages zu ihrem Vater, sie wolle sich bei andern Leuten in Dienst geben,

damit sie lernen könne, sich hiernach selbst ihr Brod zu verdienen. »Ja,

meine Tochter,« sagte der Vater: »Du hast bei mir freilich nichts Anders

gelernt, als Vögel rupfen, aber Du magst es immerhin versuchen, Dir Dein

Brod selbst zu verdienen.« Das Mädchen ging nun fort, um sich einen

Dienst zu suchen, und als sie eine Weile gegangen war, kam sie zu einem

Königsschloß; da blieb sie, und die Königinn mochte sie so wohl leiden,

daß die andern Dirnen ganz neidisch auf sie wurden. Darum sagten sie

eines Tages zu der Königinn, das Mädchen hätte sich gerühmt, ein Pfund

Flachs in vier und zwanzig Stunden spinnen zu können; denn sie wussten,

die Königinn hielt so viel auf Handarbeiten. »Ja, hast Du das gesagt,

so sollst Du es auch,« sagte die Königinn zu ihr: »indessen macht es

nichts, wenn Du auch etwas mehr Zeit dazu gebrauchst.« Das arme Mädchen

wagte nicht, zu sagen, daß sie niemals gesponnen hätte, sondern bat nur

um eine Kammer für sich allein; die bekam sie denn auch, und man brachte

ihr einen Spinnrocken und Flachs. Da saß sie nun und war betrübt und

weinte und konnte sich gar nicht rathen. Sie stellte den Rocken vor sich

hin und kehrte und dreh'te ihn, aber sie wusste ganz und gar nicht, wie

sie's anfangen sollte; denn sie hatte nie zuvor in ihrem Leben nur

einmal einen Spinnrocken gesehen.

Als sie nun so betrübt da saß, trat eine alte Frau zu ihr ein. »Was

fehlt Dir, mein Kind?« fragte sie. »Ach,« antwortete das Mädchen: »was

kann es nützen, daß ich es Dir sage, denn Du kannst mir ja doch nicht

helfen.« -- »Man kann nicht wissen,« sagte die Frau: »es wäre doch

möglich, daß ich Rath für Dich wüsste.« Ja, ich kann es ihr ja wohl

sagen, dachte das Mädchen und erzählte ihr nun, wie ihre Mitdienerinnen

ausgesagt hätten, sie habe sich gerühmt, ein Pfund Flachs in vier und

zwanzig Stunden spinnen zu können; »aber ich Arme!« sagte sie: »ich habe

nie in meinem Leben einen Spinnrocken gesehen, geschweige denn, daß ich

so Viel sollte in vier und zwanzig Stunden spinnen können.« -- »Es mag

nun drum sein, mein Kind!« sagte die Frau: »willst Du mich an Deinem

Ehrentag Muhme nennen, so will ich den Flachs für Dich spinnen, und Du

kannst Dich hinlegen und schlafen.« Ja, das wollte das Mädchen gern und

ging hin und legte sich schlafen.

Am andern Morgen, als sie erwachte, lag aller Flachs gesponnen auf dem

Tisch, und das so sauber und fein, daß man nie so schönes ebnes Garn

noch gesehen hatte. Die Königinn freu'te sich sehr über das schöne Garn

und hielt nun noch mehr von dem Mädchen, als vorher. Darüber wurden die

andern noch neidischer auf sie und sagten nun zu der Königinn, jetzt

hätte sie sich auch gerühmt, das Garn, das sie gesponnen, in vier und

zwanzig Stunden weben zu können. Die Königinn sagte wieder, wenn sie das

gesagt hätte, so solle sie es auch, aber es machte nichts, wenn sie auch

nicht eben in vier und zwanzig Stunden damit fertig würde. Das Mädchen

wagte auch diesmal nicht, ihre Ungeschicklichkeit zu bekennen, sondern

bat nur um eine Kammer für sich allein, dann wollte sie es versuchen. Da

saß sie nun wieder und war betrübt und weinte und wußte nicht, Was sie

anfangen sollte. Es dauerte aber nicht lange, so trat wieder eine alte

Frau herein und fragte: »Was fehlt Dir, mein Kind?« Das Mädchen wollte

es ihr erst nicht sagen, aber zuletzt erzählte sie ihr denn, Was die

Königinn von ihr verlangte. »Ei nun,« sagte die Frau: »es mag drum sein!

willst Du mich an Deinem Ehrentag Muhme nennen, so will ich das Garn für

Dich weben, und Du kannst Dich hinlegen und schlafen.« Ja, das wollte

das Mädchen gern, und damit ging sie hin und legte sich schlafen. Als

sie aufwachte, lag alles Garn so sauber und dicht gewebt auf dem Tisch,

wie nur möglich. Sie brachte es nun der Königinn, und diese freu'te

sich außerordentlich über die schöne Leinwand und hielt jetzt noch weit

mehr von dem Mädchen, als zuvor. Aber darüber wurden die andern noch

neidischer und erbitterter auf sie und dachten an nichts Anders, als Was

sie jetzt angeben sollten, um ihr zu schaden.

Endlich verfielen sie darauf, zu der Königinn zu sagen, jetzt hätte sie

sich auch gerühmt, all die Leinwand, die sie gesponnen, in vier und

zwanzig Stunden zu Hemden aufnähen zu können. Es ging nun eben so, wie

früher: das Mädchen wagte nicht, zu sagen, daß sie nicht nähen könne;

sie erhielt wieder ihre Kammer für sich allein und saß da und war betrübt

und weinte. Nun trat aber wieder eine alte Frau zu ihr ein und versprach

ihr, die Leinwand für sie zu nähen, wenn sie sie an ihrem Ehrentag Muhme

nennen wolle. Ja, das wollte das Mädchen gern und that wieder, wie die

Frau ihr sagte, ging hin und legte sich schlafen. Am andern Morgen, als

sie erwachte, war alle Leinwand zu Hemden aufgenäh't, die auf dem Tisch

lagen; eine so schöne Naht hatte man aber noch nie gesehen, und die

Hemden waren alle hübsch gezeichnet und völlig fertig. Als die Königinn

die Arbeit sah, freu'te und verwunderte sie sich so sehr über die schöne

Naht, daß sie die Hände über dem Kopf zusammenschlug. »Nein, eine so

schöne Naht habe ich noch nie gesehen,« sagte sie, und von nun an hatte

sie das Mädchen so lieb, wie ihr eignes Kind. »Wenn Du jetzt den Prinzen

haben willst, so sollst Du ihn bekommen,« sagte sie zu dem Mädchen:

»denn Du hast niemals nöthig, Etwas aus dem Hause zu geben, da Du Alles

selbst spinnen und weben und auch nähen kannst.« Weil das Mädchen nun so

schön war, und der Prinz sie gern leiden mochte, wurde auch sogleich die

Hochzeit gehalten. Als sich aber der Prinz mit ihr zur Tafel gesetzt

hatte, trat plötzlich ein altes häßliches Weib herein mit einer langen

langen Nase -- die war gewiß drei Ellen lang.

Da stand die Braut auf, ging auf die Alte zu und sagte: »Guten Tag,

Muhme!« -- »Ist das die Muhme meiner Braut?« fragte der Prinz. Ja, das

wäre sie. »Ja, so müssen wir sie denn wohl mit bei Tafel sitzen lassen,«

sagte der Prinz; aber er sowohl, als die Andern meinten doch, sie wäre

gar zu garstig, um mit ihnen bei Tafel zu sitzen.

Nicht lange darnach trat wieder ein altes häßliches Weib ein, die hatte

einen Allerwerthesten, so dick und so breit, daß sie nur mit genauer

Noth zur Thür herein konnte. Sogleich stand die Braut auf und grüßte sie

und sagte: »Guten Tag, Muhme!« und der Prinz fragte wieder, ob das auch

eine Muhme seiner Braut wäre. »Ja,« antworteten beide, und sie mußte

sich nun ebenfalls an die Tafel setzen.

Kaum aber hatte sie sich niedergesetzt, so trat wiederum ein altes

häßliches Weib ein, mit Augen, so groß, wie ein Paar Teller, und so roth

und fließend, daß es ganz abscheulich aussah. Die Braut stand wieder auf

und grüßte sie und sagte: »Guten Tag, Muhme!« und der Prinz bat auch

sie, sich an die Tafel zu setzen, aber er dachte bei sich selbst: »Gott

steh mir bei wegen all der Muhmen, die meine Braut hat!« Als sie ein

wenig gesessen hatten, konnte der Prinz sich nicht enthalten, zu sagen:

»Wie in aller Welt kann doch meine Braut, die so schön ist, so hässliche

und missgestaltne Muhmen haben!« -- »Das will ich Dir sagen,« versetzte

die eine: »ich war eben so schön, wie Deine Braut, da ich in ihrem Alter

war; aber daß ich eine so lange Nase habe, kommt daher, weil ich so

viel gesessen und gesponnen und dabei den Kopf beständig gerüttelt und

geschüttelt habe; davon hat sich die Nase ausgedehnt und ist so lang

geworden, wie Du sie jetzt siehst!« -- »Und ich,« sagte die zweite: »ich

habe von meiner Jugend an auf dem Webstuhl gesessen und immer hin und

her gehuppelt; davon ist mein Allerwerthester so groß geworden und so

angeschwollen, wie Du ihn jetzt siehst.« Darauf sagte die dritte: »Ich

habe, seit ich ganz klein war, immer da gesessen und auf das Nähzeug

gestiert; davon sind meine Augen so häßlich und roth geworden.« -- »Na,

so!« sagte der Prinz: »das war gut, daß ich das zu wissen bekam, wie die

Leute von Dergleichen so häßlich werden können; so soll denn nun meine

Braut auch in ihrem Leben nicht wieder spinnen, noch nähen, noch weben!«

14.

Der Sohn der Wittwe.

Es war einmal eine arme arme Wittwe, die hatte einen einzigen Sohn, für

den quälte sie sich so lange ab, bis der Prediger ihn gefirmelt hatte.

Da sagte sie, jetzt könne sie ihn nicht länger ernähren, er müsse nun

fort und sich sein Brod selbst verdienen. Der Bursch wanderte darauf

fort in die Welt, und als er eine gute Strecke Weges zurückgelegt hatte,

begegnete ihm ein Mann, der fragte ihn, wo er hin wolle. »Ich will fort

in die Welt und zusehen, ob ich nicht einen Dienst bekommen kann,« sagte

der Bursch. »Willst Du bei mir dienen?« -- »O ja, eben so gut bei Dir,

als bei jedem Andern,« versetzte der Bursch. »Ja, Du sollst es gut bei

mir haben,« sagte der Mann: »Du sollst mir bloß zur Gesellschaft sein,

weiter verlange ich von Dir Nichts.« Der Bursch trat nun seinen Dienst

bei dem Manne an; er führte ein herrliches Leben, hatte Essen und Trinken

vollauf und nur Wenig oder gar Nichts zu thun; aber er sah sonst auch

niemals eine Menschenseele.

Norwegische Volksmährchen vol. 1 gesammelt von P. Asbjörnsen und Jörgen Moe · 第 4 / 12 段