Es war einmal eine alte Frau, die hatte einen Sohn, und da sie schon

sehr elend und gebrechlich war und nicht mehr recht fortkonnte, sollte

der Bursch für sie aufs Stabur[2] gehen und Mehl holen. Der Bursch ging

auch hin; als er aber wieder die Treppe hinunterstieg, kam der Nordwind

gestoben, nahm ihm das Mehl weg und fuhr damit durch die Luft. Der

Bursch ging noch einmal aufs Stabur; als er aber die Treppe hinunterstieg,

kam der Nordwind abermals gestoben und nahm ihm das Mehl weg, und eben

so geschah es auch das dritte Mal. Das verdroß den Burschen, und er

meinte, es wäre Unrecht, daß der Nordwind ihm so mitspielen sollte, und

er gedachte daher, ihn aufzusuchen und sein Mehl zurückzufordern.

Er machte sich nun auf; aber der Weg war lang, und er ging und ging. Und

endlich kam er zum Nordwind. »Guten Tag!« sagte der Bursch. »Guten Tag!«

sagte der Nordwind, und seine Stimme war so grob: »Was willst Du?«

-- »O,« sagte der Bursch: »ich wollte Dich bitten, mir das Mehl

wiederzugeben, das Du mir auf der Staburstreppe nahmst; denn Wenig haben

wir nur, und wenn Du uns das Bischen, das wir haben, noch dazu nimmst,

so wird's nichts Anders, als Hungerpfotensaugen.« -- »Ich habe kein

Mehl,« sagte der Nordwind: »aber weil es Dir so dürftig geht, will ich

Dir ein Tuch geben, das schafft Dir Alles, was Du Dir nur zu essen

wünschest, wenn Du bloß sagst: 'Tuch, deck dich mit allerlei köstlichen

Speisen!'«

Damit war der Bursch sehr wohl zufrieden. Weil aber der Weg so lang war,

daß er nicht in einem Tage nach Hause kommen konnte, kehrte er bei einem

Gastwirth an der Landstraße ein. Als nun die Gäste, die schon vor ihm

gekommen waren, zu Abend essen wollten, breitete der Bursch sein Tuch

auf einem Tisch aus, der in der Ecke stand, und sprach dann: 'Tuch, deck

dich mit allerlei köstlichen Speisen!' Kaum hatte er das gesagt, so that

das Tuch seine Schuldigkeit. Da meinten Alle, besonders die Wirthsfrau,

das wäre ein gar herrliches Tuch. Wie es nun Nacht geworden war, und

Alle lagen und schliefen, schlich sich die Wirthsfrau herbei und

stipitzte das Tuch und legte dann ein andres an die Stelle, das eben so

aussah, wie jenes, aber das konnte nicht einmal mit trocknem Brod

aufdecken.

Als der Bursch am Morgen erwachte, nahm er sein Tuch und ging damit

fort, und an diesem Tage kam er nach Hause zu seiner Mutter. »Nun,«

sagte er: »bin ich beim Nordwind gewesen; das ist ein recht schicklicher

Mann, denn er hat mir dieses Tuch gegeben, und wenn ich bloß sage: 'Tuch,

deck dich mit allerlei köstlichen Speisen!' so bekomme ich Alles, was

ich mir nur an Essen wünsche.« -- »Ja, das mag wahr sein,« sagte die

Mutter: »aber ich glaub' es nicht, eh' ich es sehe.« Sogleich stellte

der Bursch einen Tisch hin, legte das Tuch darauf und sprach: »Tuch,

deck' dich mit allerlei köstlichen Speisen!« Aber das Tuch deckte sich

nicht einmal mit einem Stück Brod.

»Es ist kein andrer Rath, ich muß wieder zum Nordwind,« sagte der Bursch

und machte sich auf den Weg. »Guten Tag!« sagte er, als er beim Nordwind

ankam. »Guten Tag!« sagte der Nordwind: »Was willst Du?« -- »Ich wollte

gern Ersatz für's Mehl haben, das Du mir nahmst,« sagte der Bursch:

»denn das Tuch, das Du mir gegeben hast, taugt nichts.« -- »Ich habe

kein Mehl,« sagte der Nordwind: »aber da hast Du einen Bock, der macht

lauter Goldducaten, wenn Du bloß sagst: 'Bock, mach Gold!'« Damit war

der Bursch wohl zufrieden; weil er aber so weit nach Hause hatte, daß er

an einem Tage nicht hinkommen konnte, nahm er wieder Nachtherberge bei

dem Gastwirth. Eh' er aber Etwas zu essen verlangte, probirte er seinen

Bock, um zu sehen, ob es auch wahr sei, was der Nordwind ihm gesagt

hatte; die Sache verhielt sich aber wirklich so. Als der Gastwirth das

Experiment sah, meinte er, das wäre ein prächtiges Thier; und wie der

Bursch eingeschlafen war, holte er sich den Bock und setzte einen andern

an die Stelle, der machte aber keine Goldducaten.

Am andern Morgen ging der Bursch weiter, und als er nach Hause zu seiner

Mutter kam, sagte er: »Der Nordwind ist dennoch ein guter Mann; er hat

mir jetzt einen Bock gegeben, der macht lauter Goldducaten, wenn ich

bloß sage: 'Bock, mach Gold!'« -- »Das könnte wahr sein,« sagte die

Mutter: »aber es ist wohl nur wieder Schnickschnack, und ich glaub' es

nicht, eh' ich es sehe.« -- »Bock, mach Gold!« sagte der Bursch; aber es

war kein Gold, was der Bock machte.

Da ging der Bursch wieder zum Nordwind und sagte, der Bock tauge nichts,

und er wolle Ersatz für's Mehl haben. »Ja, nun hab' ich Dir nichts Anders

zu geben,« sagte der Nordwind: »als den alten Stock, der da in der Ecke

steht, der hat aber die Eigenschaft, daß, wenn Du sagst: 'Stock, schlag'

zu!' er so lange zuschlägt, bis Du wieder sagst: 'Stock, steh' still!'«

-- Weil nun der Weg nach Hause wieder nicht kurz war, so kehrte der

Bursch auch an dem Abend wieder bei dem Gastwirth ein. Da er aber

wohl so halbweges begreifen konnte, wie es mit dem Tuch und dem Bock

zugegangen war, streckte er sich sogleich auf die Bank hin und fing an

zu schnarchen. Der Wirth, der sich wohl denken mochte, daß der Stock zu

Etwas tauge, suchte einen andern hervor, der diesem ganz ähnlich war und

wollte ihn an die Stelle setzen, denn er glaubte nicht anders, als daß

der Bursch schliefe. Wie aber der Gastwirth den Stock wegnehmen wollte,

rief der Bursch: »Stock, schlag' zu!« Der Stock auf den Gastwirth los,

daß dieser über Tisch und Bänke fuhr und rief und bat: »Ach Herrgott!

Herrgott! laß bloß den Stock wieder aufhören, sonst schlägt er mich noch

todt! Ich will Dir auch gern Dein Tuch und Deinen Bock wiedergeben.« Als

es dem Burschen schien, daß der Gastwirth wohl Genug hätte, rief er:

»Stock, steh' still!« Er nahm nun sein Tuch und steckte es in die

Tasche, band dem Bock eine Schnur um die Hörner und nahm den Stock in

die Hand, und fort ging er mit Allem, bis er nach Hause zu seiner Mutter

kam; und nun hatte er guten Ersatz für's Mehl bekommen.

8.

Die Jungfrau Maria als Gevatterinn.

Weit, weit von hier in einem großen Wald wohnten ein Paar arme Leute.

Die Frau kam ins Kindbett und gebar ein allerliebstes Töchterchen; aber

da die Leute so arm waren, wußten sie nicht, wie sie das Kind getauft

bekommen sollten. Da mußte der Mann sich aufmachen und zusehen, ob er

nicht Gevattern bekommen könne, die für ihn das Taufgeld bezahlten. Er

ging den ganzen Tag von Einem zum Andern, aber Gevatter wollte Niemand

sein. Gegen Abend, als er nach Hause ging, begegnete ihm eine sehr

schöne Frau, die hatte so prächtige Kleider an und sah so gutmüthig und

freundlich aus und erbot sich, das Kind zur Taufe zu schaffen, wenn sie

es nachher behalten solle. Der Mann antwortete, er müßte erst seine Frau

fragen. Aber als er nach Hause kam und ihr die Sache vorstellte, sagte

sie platt aus nein. Am andern Tage ging der Mann wieder aus; aber

Gevattern wollten sie Alle nicht sein, wenn sie selbst das Taufgeld

bezahlen sollten, und wie viel der Mann sie auch bitten mochte, so

half doch Alles nichts. Als er am Abend nach Hause ging, begegnete ihm

wieder die schöne Frau, die so sanft aussah, und sie machte ihm wieder

dasselbe Anerbieten. Der Mann erzählte nun seiner Frau, Was ihm abermals

begegnet war, und die sagte darauf, wenn er auch den nächsten Tag keine

Gevattern zu dem Kind bekommen könne, so müßten sie es wohl der Frau

überlassen, da sie doch so gut und freundlich aussähe. Der Mann ging nun

zum dritten Mal aus, bekam aber auch an diesem Tage keine Gevattern; und

als ihm daher am Abend wieder die freundliche Frau begegnete, versprach

er ihr das Kind, wenn sie es wollte taufen lassen. Am andern Morgen kam

die Frau in die Hütte des Mannes und hatte noch zwei Männer bei sich.

Sie nahm nun das Kind und ging damit in die Kirche, und da wurde es

getauft; darauf nahm sie es mit sich, und das kleine Mädchen blieb bei

ihr mehre Jahre lang, und die Pflegemutter war immer gut und freundlich

gegen sie.

Als nun das Mädchen so groß geworden war, daß es schon unterscheiden

konnte, und Verstand bekam, wollte die Pflegemutter einmal eine Reise

machen. »Du darfst in alle Zimmer gehen, in welche Du willst,« sagte sie

zu dem Mädchen: »nur in diese drei Zimmer darfst Du nicht gehen,« und

darauf reis'te sie fort. Das Mädchen konnte es aber nicht unterlassen,

die Thür zu dem einen Zimmer ein wenig zu öffnen -- und wutsch! so flog

ein Stern heraus. Als die Pflegemutter nach Hause kam, betrübte es sie

sehr, daß der Stern herausgeflogen war, und so unwillig war sie auf

ihre Pflegetochter, daß sie ihr droh'te, sie fortjagen zu wollen. Aber

das Mädchen bat und weinte so lange, bis sie endlich doch bleiben

durfte. -- Nach einiger Zeit wollte die Pflegemutter abermals verreisen

und verbot nun dem Mädchen, beileibe nicht in die zwei Zimmer zu gehen,

in welchen sie noch nicht gewesen sei. Das Mädchen versprach ihr nun

auch, sie wolle diesmal gehorsam sein. Als sie aber eine Zeitlang allein

gewesen war und sich allerlei Gedanken gemacht hatte, Was doch wohl in

dem zweiten Zimmer sein möchte, konnte sie sich nicht enthalten, auch

die zweite Thür ein wenig zu öffnen -- und wutsch! flog der Mond heraus.

Als die Pflegemutter zurückkehrte und sah, daß der Mond herausgeschlüpft

war, ward sie wieder sehr betrübt und sagte zu dem Mädchen, nun könne

sie sie durchaus nicht länger behalten, sie müsse jetzt fort. Aber da

das Mädchen wieder so bitterlich weinte und gar zu artig bat, so durfte

sie denn auch noch diesmal bleiben. -- Nach einiger Zeit wollte die

Pflegemutter abermals verreisen, und da legte sie es dem Mädchen, das

nun schon halb erwachsen war, recht ernstlich ans Herz, es ja nicht

versuchen zu wollen, in das dritte Zimmer zu gehen, oder auch nur

hineinzugucken. Als aber die Pflegemutter eine Zeitlang verreis't war,

und das Mädchen so allein ging und sich langweilte, konnte sie es

zuletzt nicht mehr aushalten. »Ach,« dachte sie: »wie artig es sein

müßte, ein wenig in das dritte Zimmer zu gucken!« Sie dachte zwar erst,

sie wollte es doch nicht thun, der Pflegemutter wegen; aber als sie

wieder auf den Gedanken zurückkam, konnte sie sich doch nicht länger

halten; sie meinte, sie solle und müsse durchaus hineingucken, und da

machte sie die Thür ein ganz klein wenig auf -- und wutsch! flog die

Sonne heraus. Als die Pflegemutter nun zurückkehrte und sah, daß die

Sonne hinausgeflogen war, ward sie so herzlich betrübt und sagte zu dem

Mädchen, nun könne sie durchaus nicht länger bei ihr bleiben. Die

Pflegetochter weinte und bat noch artiger, als zuvor; aber es half Alles

nichts. »Nein, ich muß Dich jetzt strafen,« sagte die Pflegemutter:

»aber Du sollst die Wahl haben, entweder das allerschönste Frauenzimmer

zu werden und nicht sprechen zu können, oder das allerhäßlichste und

sprechen zu können; aber weg von hier musst Du.« Das Mädchen sagte: »So

will ich denn lieber das allerschönste Frauenzimmer werden und nicht

sprechen können,« -- und das ward sie denn auch; aber von der Zeit an

war sie stumm.

Als nun das Mädchen ihre Pflegemutter verlassen hatte und eine Zeitlang

fortgewandert war, kam sie in einen großen, großen Wald; aber so weit

sie auch ging, so konnte sie doch nie das Ende erreichen. Als es Abend

wurde, kletterte sie auf einen hohen Baum, der oberhalb einer Quelle

stand, und setzte sich darin zum Schlafen nieder. Nicht weit davon aber

lag ein Königsschloß, und aus diesem kam früh am andern Morgen eine

Dirne und wollte Wasser zum Thee für den Prinzen aus der Quelle holen.

Als nun die Dirne das schöne Gesicht in der Quelle sah, glaubte sie,

es wäre ihr eignes; sie warf sogleich den Eimer hin, lief nach Hause,

hielt den Nacken steif und sagte: »Bin ich so schön, so bin ich auch

wohl zu gut, um Wasser im Eimer zu holen.« Nun sollte eine Andre hin und

Wasser holen; aber mit der ging es eben so: sie kam auch zurück und

sagte, sie wäre viel zu schön und zu gut, um nach der Quelle zu gehen

und Wasser für den Prinzen zu holen. Da ging der Prinz selbst hin; denn

er wollte sehen, wie das zusammenhing. Als er nun zu der Quelle kam,

erblickte er ebenfalls das Bild, und sogleich sah er nach dem Baum

hinauf. Da ward er denn das schöne Mädchen gewahr, das dort in den

Zweigen saß. Er schmeichelte sie herunter und nahm sie mit nach Hause

und wollte sie durchaus zur Gemahlinn haben, weil sie so schön war.

Aber seine Mutter, die noch lebte, machte Einwendungen: »Sie kann nicht

sprechen,« sagte sie: »es mag daher wohl ein Trollmensch sein.« Aber der

Prinz gab sich nicht eher zufrieden, bis er sie bekam. Als er nun eine

Zeitlang mit ihr zusammengelebt hatte, ward sie schwanger, und wie sie

gebären sollte, stellte der Prinz eine starke Wache um sie her. Aber in

der Geburtsstunde schliefen alle ein; und als sie geboren hatte, kam

ihre Pflegemutter, schnitt das Kind in den kleinen Finger und bestrich

der Königinn mit dem Blute den Mund und die Hände und sagte: »Nun sollst

Du eben so betrübt werden, als ich damals war, wie Du den Stern hattest

hinausschlüpfen lassen,« und darauf verschwand sie mit dem Kinde. Als

Die, welche der Prinz zur Bewachung hingestellt hatte, die Augen wieder

aufschlugen, glaubten sie, die Königinn hätte ihr Kind aufgefressen, und

die alte Königinn wollte daher, daß man sie verbrennen solle; aber der

Prinz hatte sie so herzlich lieb, und nach vielem Bitten gelang es ihm,

sie von der Strafe zu befreien, aber es war nur mit genauer Noth. Als

die Königinn zum zweiten Mal ins Wochenbett sollte, wurde eine Wache

um sie gestellt, die war doppelt so stark, als die erste. Aber es ging

wieder eben so, wie das vorige Mal, nur daß jetzt die Pflegemutter zu

ihr sagte: »Nun sollst Du eben so betrübt werden, als ich damals war,

wie Du den Mond hattest hinausschlüpfen lassen.« Die Königinn weinte und

bat, -- denn wenn die Pflegemutter da war, konnte sie sprechen -- aber

es half Alles nichts. Nun wollte die alte Königinn durchaus, daß sie

verbrannt werden sollte; aber der Prinz bat sie auch noch dieses Mal

frei. Als die Königinn zum dritten Mal ins Kindbett sollte, ward eine

dreidoppelte Wache um sie gestellt; aber es ging wieder ganz so, wie

zuvor: die Pflegemutter kam, während die Wache schlief, nahm das Kind,

schnitt es in den kleinen Finger und strich der Königinn das Blut um den

Mund; nun, sagte sie, solle sie eben so betrübt werden, als sie selbst

damals gewesen sei, wie sie die Sonne hatte hinausschlüpfen lassen.

Jetzt konnte der Prinz sie auf keine Weise mehr retten, sie mußte und

sollte verbrannt werden. Aber grade in dem Augenblick, da man sie auf

den Scheiterhaufen brachte, erschien die Pflegemutter mit allen drei

Kindern; die beiden ältesten führte sie an der Hand, und das jüngste

trug sie auf dem Arm. Sie trat auf die junge Königinn zu und sprach:

»Hier sind Deine Kinder, ich gebe sie Dir jetzt zurück. Ich bin die

Jungfrau Maria, und so betrübt, als Du nun gewesen bist, so betrübt

war ich damals, als Du den Stern, den Mond und die Sonne hattest

hinausschlüpfen lassen. Jetzt hast Du für Das, was Du gethan, Deine

Strafe erlitten, und von nun an sollst Du wieder sprechen können.« Wie

froh da der Prinz und die Prinzessinn waren, das lässt sich wohl denken,

aber nicht beschreiben; sie lebten nachher immer glücklich zusammen, und

auch des Prinzen Mutter hatte von der Zeit an die junge Königinn recht

lieb.

9.

Die drei Prinzessinnen aus Witenland.

Es war einmal ein Fischer, der wohnte nicht weit vom Schloß und

fischte für des Königs Tisch. Eines Tages, als er wieder auf den Fang

ausgegangen war, konnte er nicht _einen_ Fisch bekommen; er mochte es

anfangen, wie er wollte, und noch so viel fischen und angeln, so hing

doch nie eine Gräte am Haken. Als es aber schon spät am Tage war,

tauchte ein Kopf aus dem Wasser hervor und sprach: »Willst Du mir Das

geben, was Deine Frau unter dem Gürtel trägt, so sollst Du Fische genug

haben.« Der Mann sagte gleich Ja; denn er wußte nicht, daß seine Frau

schwanger war. Darnach bekam er aber auch Fische den Tag, so viel er nur

wollte. Als er am Abend nach Hause kam und erzählte, wie er all die

Fische bekommen, fing die Frau an zu jammern und zu weinen, und sagte,

Gott möge ihr gnädig sein wegen des Versprechens, das der Mann gethan

hätte, denn sie trüge ein Kind unter dem Gürtel. Man sprach bald auf dem

Schloß davon, daß die Frau des Fischers immer so betrübt wäre; und als

der König das hörte und die Ursache erfuhr, versprach er dem Fischer, er

wolle das Kind zu sich nehmen und es zu retten suchen. Die Zeit verstrich,

und als die Frau gebären sollte, brachte sie einen Knaben zur Welt, den

nahm der König zu sich und erzog ihn wie seinen eignen Sohn. Als der

Knabe nun herangewachsen war, bat er den König eines Tages, seinen

Vater auf den Fischfang begleiten zu dürfen, er hätte so große Lust zu

fischen, sagte er. Der König wollte anfangs nicht, aber weil der Bursch

so anhaltend bat, erlaubte er es ihm endlich. Der Sohn begleitete nun

seinen Vater auf den Fischfang, und Alles ging den Tag über gut, bis am

Abend, da sie wieder ans Land kamen. Da ward der Bursch gewahr, daß er

sein Taschentuch im Boot vergessen hatte, und er wollte hingehen und es

sich holen. Kaum aber war er ins Boot gekommen, so saus'te dieses mit

ihm fort, daß nur das Wasser so schäumte, und wie sehr der Bursch auch

rudern und arbeiten mochte, so half ihm doch Alles nichts; das Boot

saus'te fort, bis es weit weg an ein weißes Sandufer trieb. Da ging der

Bursch ans Land, und wie er eine Strecke gegangen war, begegnete ihm

ein alter Mann mit einem weißen Bart; den fragte der Bursch: »Wie heißt

dieses Land?« -- »_Witenland_,« antwortete der Mann; darauf fragte er

den Burschen, wo er her wäre, und wo er hin wolle. Als dieser es ihm

gesagt hatte, sprach der Mann: »Wenn Du diesen Strand entlang gehst,

so kommst Du zu drei Prinzessinnen, welche in die Erde gesenkt stehen,

so daß nur der Kopf hervorragt. Sobald sie Dich erblicken, wird die

erste, welche die älteste ist, wohl rufen und Dich bitten, ihr zu

Hülfe zu kommen, und eben so wird es mit der zweiten geschehen; aber

zu keiner von diesen beiden sollst Du hingehen; beeile Dich nur, ihnen

vorüberzukommen und thue, als ob Du sie gar nicht bemerktest, aber zu

der dritten sollst Du hingehen und thun, um Was sie Dich bittet; denn es

wird Dein Glück sein.«

Als der Bursch nun zu der ersten von den Prinzessinnen kam, rief diese

und bat ihn so flehentlich, er möchte doch zu ihr kommen; aber er ging

ihr vorüber, als ob er sie ganz und gar nicht bemerkte, eben so auch der

zweiten, aber zu der dritten ging er hin. »Willst Du thun, Was ich Dir

sage, so sollst Du haben, Welche von uns Dreien Du willst,« sagte die

Prinzessinn. Ja, das wollte der Bursch gern, und nun erzählte sie ihm,

daß sie hier von drei Trollen wären versenkt worden; früher aber hätten

sie auf dem Schloß gewohnt, das er dort drüben im Walde sehen könne.

»Nun musst Du,« sagte sie: »in das Schloß gehen und Dich von den Trollen

eine Nacht für Jede von uns peitschen lassen; kannst Du das aushalten,

so errettest Du uns.« -- Ja, antwortete der Bursch: er wollt's

versuchen. -- »Wenn Du in das Schloß gehst,« sagte die Prinzessinn

weiter: »so stehen da zwei Löwen in der Pforte, aber gehe nur mitten

zwischen ihnen hindurch, so thun sie Dir Nichts. Gehe dann grade aus in

ein kleines Zimmer, und da lege Dich nieder. Dann kommt der Troll an und

schlägt Dich; aber wenn er Dich genug geschlagen hat, so wasche Dich nur

mit dem Wasser aus der Flasche, die dort an der Wand hangt, dann wirst

Du sogleich wieder gesund, und darnach nimm das Schwert, das neben der

Flasche hangt, und tödte damit den Trollen.« Ja, der Bursch that, wie

die Prinzessinn ihm gesagt hatte: er ging mitten zwischen den Löwen

hindurch, als ob er sie gar nicht beachte, schritt dann grade aus in

die kleine Kammer, und da legte er sich nieder. Die erste Nacht kam

ein Troll mit drei Köpfen und drei Ruthen und peitschte den Burschen

gottsjämmerlich; aber dieser hielt Alles ruhig aus, bis der Troll fertig

war; da nahm der Bursch die Flasche und wusch sich damit die Wunden,

ergriff dann das Schwert und hau'te dem Trollen den Kopf ab. Als er nun

am andern Morgen zu den Prinzessinnen kam, standen diese bis an den

Gürtel über der Erde. Die zweite Nacht ging es eben so; aber der Troll,

welcher jetzt kam, hatte sechs Köpfe und sechs Ruthen und peitschte ihn

noch weit ärger, als der vorige. Als aber der Bursch am Morgen zu den

Prinzessinnen kam, standen diese nur noch bis ans Schienbein in der

Erde. In der dritten Nacht kam ein Troll, der hatte neun Köpfe und

neun Ruthen und schlug und peitschte den Burschen so lange, bis dieser

zuletzt ohne Bewusstsein umfiel. Da nahm ihn der Troll und warf ihn

gegen die Wand, aber bei der Gelegenheit fiel die Flasche herunter und

bespritzte den Burschen über und über, so daß er augenblicklich wieder

gesund ward. Er nun nicht faul ergriff das Schwert und hieb damit dem

Trollen den Kopf ab; und als er darauf am Morgen zu den Prinzessinnen

kam, standen diese mit dem ganzen Leibe über der Erde. Nun heirathete er

die jüngste von ihnen und wurde darauf König, und lebte glücklich und

zufrieden mit ihr eine lange Zeit.

Da bekam er einmal so große Lust, wieder nach Hause zu reisen und seine

Ältern zu besuchen. Das gefiel aber der Königinn, seiner Gemahlinn, gar

nicht; weil er aber nun durchaus fort wollte und mußte, sagte sie zu

ihm; »Eins musst Du mir jedoch versprechen, daß Du nämlich bloß Das thun

willst, um was Dein Vater Dich bittet, aber nicht Das, um was Deine

Mutter Dich bittet,« und das versprach er ihr denn auch. Darauf gab

sie ihm einen Ring, der hatte die Eigenschaft, daß Der, welcher ihn am

Finger trug, zwei Wünsche thun konnte. Er wünschte sich nun nach Hause,

und als die Ältern ihn sahen, konnten sie sich nicht genug darüber

verwundern, wie stattlich und prächtig er aussah.

Als er nun einige Tage zu Hause gewesen war, wollte seine Mutter, er

sollte aufs Schloß gehen und dem König zeigen, was für ein Mann aus

ihm geworden sei. Der Vater aber sagte: »Nein, das soll er nicht; denn

alsdann können wir nicht länger die Freude haben, ihn bei uns zu sehen.«

Aber es half nichts; die Mutter bat und quälte ihn so lange, bis er

endlich ging. Als er nun auf's Schloß kam, war er weit stattlicher an

Kleidern und in Allem, als der andre König; das war diesem nun gar nicht

recht, und er sagte daher: »Ja, aber nun sollst Du meine Gemahlinn

sehen; ich glaube nicht, daß Deine so schön ist, wie meine.« -- »Gott

gäbe, sie stände hier, so solltest Du es sehen!« sagte der junge König,

und sogleich stand sie da; aber sie war sehr betrübt und sagte: »Warum

hast Du mir nicht gehorcht und nur auf Das gehört, was Dein Vater Dir

sagte? Nun muß ich wieder fort, und Du hast keine Wünsche mehr.« Darauf

knüpfte sie ihm einen Ring ins Haar, worauf ihr Name stand, und wünschte

sich wieder nach Hause.

Da ward der junge König sehr betrübt und dachte an nichts Anders, als

wie er nur wieder zu seiner Gemahlinn kommen sollte. »Ich muß sehen, ob

ich nicht irgendwo erfahren kann, wo Witenland liegt,« dachte er und

begab sich auf den Weg. Als er ein Ende gegangen war, begegnete ihm

Einer, der war Herr über alle Thiere im Walde, und sie kamen zu ihm,

wenn er nur in sein Horn blies; den fragte der König nach Witenland.

»Ich weiß nicht, wo es liegt,« sagte der Mann: »aber ich will meine

Thiere fragen.« Darauf blies er sie herbei und fragte, ob nicht Einer

von ihnen wüßte, wo Witenland läge; aber das wußte Keiner.

Da gab der Mann ihm ein Paar Schneeschuhe. »Wenn Du die anhast,« sagte

er: »kommst Du zu meinem Bruder, der über hundert Meilen weit von hier

wohnt; der ist Herr über alle Vögel in der Luft, Du kannst den fragen.

Wenn Du aber dort angekommen bist, so kehre die Schuhe nur um, so daß

die Spitze nach hier wendet, dann gehn sie von selbst wieder nach

Hause.« Als der König nun an Ort und Stelle gekommen war, kehrte er

die Schneeschuhe um, wie der Herr über die Thiere ihm gesagt hatte,

und darauf gingen sie von selbst wieder nach Hause.

Er fragte nun wieder nach Witenland, und der Mann blies alle Vögel

herbei und fragte sie, ob nicht Einer von ihnen wüßte, wo Witenland

läge. Nein, das wußte wieder Keiner. Lange nach den andern Vögeln kam

auch noch ein alter Adler, der zehn Jahre lang in der Fremde gewesen

war, aber der wußte es auch nicht. »Nun,« sagte der Mann: »dann will

ich Dir ein Paar Schneeschuhe leihen; wenn Du die anhast, kommst Du zu

meinem Bruder, der hundert Meilen weit von hier wohnt; er ist Herr über

alle Fische im Meer, Du musst den fragen; vergiß aber nicht, die Schuhe

wieder umzukehren, wenn Du dort angekommen bist.« Der König dankte dem

Mann und legte die Schuhe an. Als er nun zu Dem gekommen war, der Herr

über alle Fische im Meer war, kehrte er die Schuhe wieder um, worauf

diese, eben so, wie die andern, wieder nach Hause gingen.

Norwegische Volksmährchen vol. 1 gesammelt von P. Asbjörnsen und Jörgen Moe · 第 3 / 12 段