Ist das der Weg, auf dem du mich mit dir nehmen willst, o Menas?«

»Kreuz und alle Donner!« schrie der Fährmann, mit dem Schaume vor dem

Mund auf den Studenten losstürzend; aber Wigand Säuberlich warf sich ihm

vor und fing seinen Arm auf:

»Halt, halt! Es steht im Buche!«

»Steht das so im Buche? Steht das so in seinem Buche?« schrie die übrige

Kompagneia. »Heraus damit, er soll's beweisen, der Lambert, daß das so

über den Hans gedruckt ist!«

»Es steht in meinem Buch, ihr Herren!« lachte der Helmstedter, »haltet

ihn mir nur noch einen kurzen Augenblick vom Leibe; ich trete den Beweis

der Wahrheit an, und nachher gebt jedem ein Rapier; -- auf die Faust laß

ich mich nicht ein mit ihm!«

Er hatte seinen Horatius hervorgezogen und las und jetzo mit dem

allerhöchsten Pathos:

»^Lupis et agnis quanta sortito obtigit,^

^Tecum mihi discordia est,^

^Ibericis peruste funibus latus^

^Et crura dura compede!^«

»Sackerment!« stöhnte die ganze hochlöbliche Gesellschaft und kratzte

sich hinter den Ohren. »Gib dich zufrieden, Hans Vogedes, dagegen kommst

du nicht auf! Das ist die Zunge, in der sie Urtel und Recht sprechen.

Das verfluchte welsche Galgenlateinisch könnte einem den ganzen Spaß von

vornherein verleiden. Man sieht dabei ordentlich den grünen Tisch mit

seinem Behängsel von Graubärten und geifernden Rat-, Richter- und

Advokaten-Schnauzen vor sich! Na, wer geht nun noch mit ins Pläsier?«

Sie gingen dem »Galgenlateinisch« zum Trotze alle bis auf den Studenten;

dieser aber hielt noch eine kleine Rede.

»Bin ich deshalb der erlauchten Mutter Julia, der göttlichen Karoline

durchgebrannt, um einem armen Judenweib und seinem Packen schiele Blicke

nachzuwerfen?! ^Apage, apage^ -- weiche von mir, das heißt, ihr Herren,

was kümmert's mich! Macht, was ihr wollt; aber mich laßt damit

ungeschoren. Ich werde das Haus hier hüten und die Bank für euch warm

halten.«

Es ging noch ein Murren durch den schlimmen Kreis, doch Lambert ließ

sich das wenig anfechten. Er rückte behaglich am obern Teil des Tisches

neben dem Ofen in die Reihe der noch Sitzenden, indem er das eine Bein

über die Bank schwang.

»Bruderherz, bedenke dich noch einmal,« sprach ihm Wigand Säuberlich zu.

»Bruderherz, das tu' ich auch; aber sieh mal, Herzbruder, wer sollte

denn die Historie eurer glorreichen Heldentaten auf die Nachwelt

bringen, wenn einer eurer Knüppel mir im Durcheinander das Hirn

ausschlüge?«

»Also ohne dich! Marsch, ihr Brüder! ^En avant^, wie der Herr

Kommandante, der Hund, der Fougerais, zum Abschied schrie. Es ist eben

eine Zeit, in der jeder seinen eigenen Willen haben muß. Unsere Väter

haben es uns nicht anders gelehrt!«

»Bei den unsterblichen Göttern, so ist's!« schrie der Student, als aber

die Rotte hinausgestürmt war, sprang er von der Bank auf und auf den

Tisch und jauchzte:

»Höxter und Corvey!«

So rufen sie dort auf der Kegelbahn, wenn alle Neune fallen.

Sechstes Kapitel.

»Das wird eine schöne Katzbalgerei werden! Na, Wirt, bist du für Stift

oder Stadt?«

»Alle beide sollen verrecken! Komm aber erst herunter vom Tisch, und

vertritt mir das Geschirr nicht, 's ist das letzte, was mir die Welschen

heil gelassen haben.«

»Da gilt's freilich Vorsicht für den Rest, Alter,« sprach der Student

und kam dem mürrischen Worte des Wirtes zum heiligen Vitus nach. Er

stieg herunter von der Tafel, reckte und dehnte sich behaglich, streckte

sich sodann lang auf der langen Bank aus, zog die qualmende Lampe näher

zu sich heran und schob seinen Lauriger jetzt als Ruhekissen unter den

Kopf. Dann schlug er die Hände gleichfalls unter dem Hinterkopfe

zusammen und sah so halb schläfrig und ganz gleichgültig dem leise vor

sich hinbrummenden Hospes zu, der die Gläser und Krüge abräumte und von

Zeit zu Zeit an das niedere Fenster oder vor die Tür seiner Spelunke

trat, um in die Nacht hinaus- und seinen liebenswerten Stammgästen

nachzuhorchen. Aus der Tiefe des Hauses ertönte gedämpft das Krächzen

eines Säuglings, dazwischen die singende Stimme der Wirtin zum heiligen

Veit. Auch den Wind vernahm man und von Zeit zu Zeit das Niederrauschen

eines Regenschauers. Bei allem diesem Getön entschlummerte nach den

geistigen und körperlichen Strapazen des Tages Herr Lambert Tewes sanft

und schlief eine halbe Stunde besser als vielleicht sonst irgendein

Mensch in Höxter.

Nach einer halben Stunde aber fuhr er wieder in die Höhe und starrte

verbiestert um sich und nicht ohne Grund.

Die Sturmglocken waren noch nicht ruiniert in Höxter: man läutete Sturm

auf St. Kilian und man läutete Sturm auf St. Niklas!

»Was will uns dieser Tummel doch?

Schlagt in den Erdball mir kein Loch!

Hallo, da sind sie aneinander! Juchhe, Höxter und Corvey! Höxter und

Corvey!« schrie der Student jubelnd, und wir -- halten uns beide Ohren

zu und gehen nunmehr den Weg, den vorhin der gute Mönch, Bruder Heinrich

von Herstelle, nach Hause gegangen war.

Heute führt eine schöne Kastanienallee von der Stadt nach der Abtei, und

wir wissen von mehr als einem wolkenlosen Sommertage her ihren Schatten

zu würdigen. Damals zog sich der Pfad, vom Kriege kahl gefressen, die

Weser entlang, nur daß hier und da ein dickköpfiger Weidenstrunk

gespenstisch aus dem niedern Ufergebüsch aufragte. Die Nacht und das

Winterwetter hatten den Weg für sich; der Bruder Henricus zog die Kapuze

über den Schädel und sah nicht nach rechts und links; er stolperte

selbst für seine Geduld auf dem durch Rosseshuf und Räderspur

aufgewühlten und durchfurchten Boden allzu häufig.

»Dem Herrn sei Lob!« ächzte er, als er endlich vor dem Tor von Corvey

stand und nach der Glocke des Pförtners tastete; allein seine Geduld

sollte nunmehr noch auf die höchste Probe gestellt werden. Er hätte

ebensogut vor das schlafende Schloß der Prinzeß Dornröschen kommen

können.

Er läutete, und er läutete vergeblich.

Sie schliefen alle, vom Herrn Prior, Niklas von Zitzewitz, an bis zum

Bruder Pförtner. Kein Lichtstrahl fiel aus irgendeinem Fenster; -- wenn

Vater Adelhardus, der Kellermeister, noch Licht hatte, so half das

Bruder Henricus fürs erste nichts, denn das Gemach des Pater Kellners

war gen Osten, dem Flusse zu gelegen und der müde Wanderer kam von

Westen vor dem Tor an.

»All ihr Heiligen, was hat der Böse ihnen in den Schlaftrunk gemischt?!«

stöhnte der Bruder Henricus nach zehn Minuten unablässigen Pochens,

Rufens und Schellens. Nun hing er sich noch einmal an die Glocke, und

nimmer hatte er dieselbe im Kirchenturme so brünstig zur Hora oder Mette

gezogen.

»Endlich!« rief er grimmig, als sich dann das Fenster neben der Pforte

auftat und der Pförtner die Frage tat, wer da Einlaß begehre?

Das wurde gesagt und der Bruder Henricus eingelassen. In früheren Jahren

würde er jetzo den Torhüter an der Gurgel genommen haben; als alter Mann

und demütiger, sanfter Diszipul des heiligen Benediktus aber begnügte er

sich mit der unwirschen Frage:

»Nun sagt nur, was ist denn eigentlich hier vorgegangen, daß zu dieser

frühen Abendzeit das ganze Stift daliegt wie ein Hamsternest im Januar?«

»Wohlleben und Jubilation, ehrwürdiger Herr,« erwiderte der

schlaftrunkene, kaum auf den Füßen sich haltende und zwischen jeglichen

zwei Worten gähnende Pförtner. »Offenes Haus -- seit Eurer Abfahrt --

wochenlang -- die französische Generalität bei Tag und Nacht! -- O, wir

haben uns als freundliche Wirte erwiesen, mein Frater -- wie es uns

zukam, mein Frater; -- und die französischen Herren waren auch sehr

zufrieden mit uns. Wir haben ein gutes Gedüfte von uns mit ihnen in die

Ferne entlassen.«

»So, so, hm, hm,« brummte der Bruder Heinrich von Herstelle, »und

derweilen mußte unsereiner im unwegsamen Solling umhervagieren und mit

des verdrießlichen Braunschweigers kalter Küche und lackem Kofent

vorlieb nehmen! Ei, ei, und ich bringe doch auch Botschaft vom Gange --

wichtige Nachrichten! Ist denn niemand von den Vätern noch wach, daß er

sie mir abnehme und mich der Responsabilität erledige?«

»Keiner! Wir sind alle zu Bett in der großen Müdigkeit; -- wenn -- nicht

vielleicht der ehrwürdige Vater Adelhard --«

»Aha!« brummte der Bruder Henricus. »Saget nichts weiter, mein lieber

Sohn! Ich danke Euch, daß Ihr mir das Tor geöffnet habt; nun leget Euch

wieder, und Sankt Benediktus versorge Euch mit einem heilsamen und

frommen Traum.«

»Euch desgleichen, mein Frater,« erwiderte der Bruder Pförtner und zog

sich zurück in seine Zelle; der Bruder Henricus fand seinen Weg schon

allein.

Er tappte die Gänge und Zellen entlang, und hinter mancher eichenen Tür

hervor vernahm er das sonore Schnarchen der Brüder und Väter im Herrn.

»Wie die Engel schlafen sie,« brummte der Bruder Henricus, fügte aber

sonderbarerweise an: »Na, na!«

So kam er vor der Pforte des Stiftskellners Adelhardus von Bruch an und

klopfte.

»^Domi!^« klang es im tiefen Baß -- ^domi^, das heißt »Bin zu Hause! Bin

drin!«

»Gott sei Dank,« murmelte Bruder Heinrich und trat ein mit dem durch die

Ordensregel des heiligen Benedikts vorgeschriebenen Gruße. Wer aber

nicht die Responsen darauf sang, das war der Vater Adelhardus. Der war

wirklich drinnen; er saß breit im bequemen Stuhle vor dem Eichentisch,

und wenn das, was da vor ihm stand, die letzten Überbleibsel vom

französischen Feste waren, so war's freilich hoch hergegangen zu Corvey,

aber auch noch mancherlei übrig geblieben.

Eine Schüssel mit einem zur Hälfte leider vertilgten gekochten Schinken!

Eine Schüssel mit dem Gerippe eines Truthahnes! Ein Brot wie ein halbes

Wagenrad und eine Reihe von Erdkrügen und Glasflaschen nebst einem

Humpen, der an und für sich, das heißt durch seine äußere Erscheinung,

schon das Auge erfreute, was auch der Inhalt sein mochte!

»^Non confido oculis meis^, ich traue meinen Augen nicht!« rief der

Vater Adelhardus, ein wenig lallend. »Bist du es, mein Sohn Heinrich?«

»Ich bin es, und was ich sehe, gefällt mir wohl,« erwiderte der brave,

alte Reitersmann und gute Bruder von Corvey, Heinrich von Herstelle.

»^Cor meum prae gaudio exultat^, das Herz hüpfet mir vor Freude. Soll

ich aufstehen, mein Sohn, dir entgegenzueilen? ^Desiste^, stehe ab davon

-- setze dich lieber selber, denn ich weiß, daß man dich auf einen

mühseligen Gang hinausgesendet hat ^ad paganos^, zu den Heiden -- in die

Wüsten, ^per deserta ac solitudines^. Ich habe dich sehr vermisset, mein

Sohn, in dem Drangsal der letzten Zeiten.«

Der Bruder Henricus stellte seinen Stab im Winkel ab und kam und sah hin

über den Tisch, und froh, gutmütig und heimisch-behaglich lächelnd auf

den Kellner im Weinberge des Herrn.

»Ich bin gewandert und habe gesehen. Ich bin zurückgekommen mit

Nachricht aus der Wüste und dem wilden Wald. Wollen Sie den Herrn

Priorem wecken, mein Pater, daß ich berichte, was ich sah und

erkundete?«

»^Non sum hebes nec stupidus^, da müßte ich ein Esel oder ein Schafskopf

sein. Setze dich, mein lieber Sohn, und erzähle fürs erste mir, was du

sahest -- für die andern hat's Zeit bis morgen.«

»Der Herr Prior hat mir aber bei seiner Seele anbefohlen, nach meiner

Rückkehr sogleich vor ihm zu erscheinen, sei es bei Tage, sei's bei

Nacht.«

»Halt!« rief der Vater Adelhard, beide weiche und breite Hände auf die

Lehnen seines Sessels stützend und sich also mühesam erhebend: »Er

erboset uns auch, so oft er kann; ärgern wir ihn desgleichen! Komm mit

mir, mein Sohn Heinrich; ich wecke ihn dir.«

Sie weckten ihn wirklich, den Prior von Corvey, Herrn Nikolaus von

Zitzewitz, und er nahm ihren Eifer auf, wie es sich gebührte.

Der Kellermeister ging zu ihm hinein, nachdem er dem Bruder Henricus

heimtückisch-schalkhaft den Ellenbogen in die Seite gestoßen hatte. Der

Bruder Henricus wartete vor der Tür; aber er hatte gar nicht lange zu

warten.

»Seine Hochwürden lassen dich grüßen, mein Sohn, und geben dir ihren

Segen --«

»Und?«

»Er hätte mir beinahe das erste, was ihm unter seiner Bettstatt zuhanden

kam, an den Kopf geworfen. Morgen bei guter Zeit will er mit dir reden

und dich anhören, mein Sohn. Wünschest du nun vielleicht, daß wir auch

zum Bruder von dem Felde, dem Vater Florentius, dem Herrn Subprior, uns

verfügen?«

»Ich denke, wir lassen es hiermit bewenden,« meinte der Bruder Henricus

ein wenig kläglich und verdrossen.

»Oder zum Vater Metternich, unserm guten Probst Ferdinandus?«

Der Bruder Henricus schüttelte nur den Kopf.

»Dann komme du wieder mit mir! Ich bin der einzige im Stift, der dir

noch ein Nachtessen und einen Trunk verschafft.«

Der Vater Adelhardus legte traulich seinen Arm in den seines greisen

Sohnes: »Ich sagte es dir ja; die Mühe hätten wir uns ersparen können,«

sagte er, als sie wieder in seinem Gemache vor dem Schinken und dem

Truthahn saßen, und der Bruder Henricus den vorbemeldeten Humpen nach

einem langen, langen Zuge, -- wiederum seufzend, aber diesmal ganz

behaglich -- seinem -- besten Freunde im Stift Corvey zum ersten Mal

zurückschob, nämlich zu neuer Füllung aus einem der ungeheuerlichen

grauen Steinkrüge mit dem in Blau gemalten Wappen der Abtei.

Siebentes Kapitel.

Daß in Corvey die Mauern noch heil und die Türen nicht ausgehoben oder

eingeschlagen waren, wissen wir jetzt; in der Beziehung hatte das Stift

es besser als die Stadt; sonst aber ließen die Zustände nach dem Abzug

der hohen Bundesgenossen auch bei den guten Benediktinern vieles zu

wünschen übrig.

Der Pater Adelhardus gab nunmehr dem Bruder Henricus ausführlichen

Bericht darüber.

»Ich rate dir, mein Sohn,« sprach er, »halte dich an die Knochen; ich

habe einen harten Kampf gefochten, ehe ich sie hier im Klosett in

Sicherheit hatte. ^O gula, gula hominum!^ Ach, über der Menschen

Freßgierigkeit! es war nicht einer, nicht ein einziger unter der

Brüderschaft, der mir die schmalen Bissen gönnte. Aber sie sollen es

verspüren beim nächsten Bräu; ^Cellarius sum^, ich bin der

Kellermeister! Halte du dich an mich und nimm vorlieb mit dem

Schinkenbein; an den Puterhahn hab' ich mich gehalten; doch nur weil

seine Besitzergreifung mir die größesten Ängste und Nöte verursacht hat.

Wahrlich, sie bliesen alle selber die Kämme auf und waren hinter mir

drein mit kalekutischem Gekoller, ^sed palmam reportavi^, ich habe

obgesieget!«

»So schlimm steht es hier bei Euch, Vater Adelhard?«

»Woui, ^mon fils^. Ehe sie uns nicht neues Schlachtvieh aus den obern

Dörfern zutreiben, ist freilich Hunger der beste Koch zu Corvey. An den

Geflügelhof mag ich gar nicht gedenken. Halte dich an den Schinken, Sohn

Heinrich: Buchweizen heißt es morgen, und Buchweizen wird es auch

übermorgen heißen. Buchweizen, Buchweizen, eine gesunde Zukost; aber ich

liebe dich, Henrice, und bin nicht wie die anderen: ich gönne dir den

Schinken und sehe zur Seite, während du speisest.«

Er sah wirklich weg, wenngleich tief seufzend.

Und es blieb freilich von dem Schinken wenig für den andern Tag übrig.

Seit langer Zeit hatte kein Corveyscher Mönch sich mit so gutem Rechte

zu seiner »Palme« eine Märtyrerkrone verdient, wie der Vater Adelhard

von Bruch an diesem Abend.

Jetzo aber schlug der mächtige Knochen wie Holz auf den Teller; der

Bruder Henricus war gesättigt, und der Humpen nahm seinen Weg zwischen

den beiden braven alten Gesellen wieder auf.

»Du hättest doch zu Hause sein sollen,« sprach der Cellarius. »Wie es

bei uns herging, als der Herr von Turenne sein Hauptquartier in Höxter

nahm, weißt du noch; aber wie freundlich noch zu guter Letzt der

Kommandante, den Turennius uns zurückließ, der Herr von Fougerais, war,

das ist dir nun leider entgangen. Hoch ging's her, bei Tage und bei

Nacht. Sie konnten nicht von uns lassen, und es wäre auch dumm von ihnen

gewesen, denn wir trugen ihnen auf, daß die Tische knackten -- o, du

hättest die Brüder sehen sollen. Das ging so hin -- unser

griechischgelehrter Vater Agapetus hat es uns aus dem Homero

verdeutschet -- weißt du, Sohn Heinrich, wie, wie -- im Schlosse des

Königs Odixus; und das Stift war die Königin Penelope, und die

Franzmänner waren die ^ambitores^, die ^proci^, die Freier! ^Ebibe!^

trink aus, mein Sohn; ^deposuimus eos vino^, wir haben sie häufig genug

zu Boden getrunken; aber sie standen immer am andern Morgen wieder auf.

Seine fürstlichen Gnaden von Münster, unser Herr Administrator, können

es uns nimmer vergessen, was wir alles angestellt haben, um hochdero

Verbündeten den Aufenthalt bei uns kommode zu machen; ob sie uns

freilich die Auslagen wieder ersetzen werden, das stehet wohl dahin. Man

hat so glorreiche Alliierte eben nicht um ein Stück Haferbrot und einen

Trunk aus der Schelpe, was sonst ein gar kühles und gesundes Wasser sein

soll!«

»Das meinte der Braunschweiger hohngrienig auch,« sagte der Bruder

Henricus.

»Davon nachher. Jetzt laß dir weiter erzählen. Siehe -- da liegt der

Schinken -- knochen! Wir hatten sie zu Hunderten in der Rauchkammer,

einen bei dem andern; vordem ein Anblick des Ergötzens, ^nunc lugubris

et tristis memoria^! Weg sind sie! Ja, ja, mein Sohn, ^via ad coelum

nonnisi lacrymis struitur^ -- der Weg zum Himmel gehet durch ein

Tränental. Wir hatten sie, ^Gallos^, meine ich, auf dem Tische und bei

Tische. Weg sind sie, ^galli et Galli^. Die einen in die Mägen der

andern; und wie es den Hennen zu Höxter ergangen ist, das werden die

nächsten neun Monden ausweisen. Da waren sie sich alle gleich, die aus

dem Languedoc und die aus der Bretagne, die aus der Normandie und die

aus der Pikardie, und ihr Haupthahn war nicht besser als sein Volk.

^Diabolus accipiat animam ejus^, der Böse nehme ihn beim Kragen auf

seinem Wege nach Wesel. Na, mein Sohn, du rittest mit dem Tilly in

deiner Jugend, du weißt Bescheid --«

»Sprechen Sie jetzo das ^Gratias^, mein Pater,« seufzte der Bruder

Henricus. »Grade weil ich mit dem Tilly ritt, will das mir in diesem

Momento nicht anstehen. Nachher wollen wir uns schlafen legen.«

»Das wollen wir mit nichten,« rief der Pater Adelhardus. »^Omnia

tempestive^, alles zu seiner Zeit. Habe ich mich deinethalben so heiser

gesprochen, so berichte mir nun auch, was du uns Gutes mitbringst vom

Herzog Rudolfus Augustus.«

»Das mögt Ihr nun nehmen, wie Ihr wollt,« flüsterte der Bruder Henricus.

»Er hatte den Wald, den Solling, gewaltig verrammelt. Er stand mit

Geschütz, Reitern und Fußvolk vom Idth her bis an den Fluß. Bis hieher

und nicht weiter! sprach er, nachdem er mir seine Rüstung hatte

vorweisen lassen. Es wäre selbst für den Turennius ein harter Marsch

durch den wilden Forst und die Weserberge gewesen.«

»Deshalb blieb er auch ^confortabiliter^ bei uns und zeigte den

^Huxarienses^, den Höxternschen, und uns seine und unseres Herrn

Bischofen und Administratoren Macht und Gewalt!«

»Nachher fand ich heute die Weserbruck abgebrochen.«

Der Cellarius von Corvey neigte bedächtig das Haupt:

»Es hat alles seine Gründe in dieser Welt. Diesmal sind wir in Holland

in Not, sonsten wäre es uns noch länger ganz wohl zu Corvey gewesen; --

nicht wahr, ^messieurs^? -- Uns? uns! lieber alter Sohn Heinrich, wir

leben in einer bittern, verworrenen Zeit. Haben wir die Pikenierer und

Musketierer des Braunschweigers hier gehabt, so könnten wir wohl auch

noch einmal seine Artolleria über den Fluß rücken sehen. Der Herr von

Fougerais war ein kluger Mann und marschierte mit dem Bart auf der

Schulter ab. Sohn Heinrich, weißt du, was mir ein Himmelstrost ist in

diesen schlimmen Tagen?«

»Nun, mein Pater?«

»Daß ich nur Kellermeister zu Corvey bin und nicht Herr Christoph

Bernhard von Galen, Bischof zu Münster; und daß nach unseres guten Abts

Arnolden seligem Abscheiden Er Administrator vom Stift und von

hochberühmter Abtei geworden ist, und ich nicht Abt. Jetzo können wir zu

Bette gehen, mein Sohn!«

Das konnten sie freilich; sie kamen nur fürs erste noch nicht dazu. Sie

hörten die nämlichen Glocken, von denen der Helmstedter Student, Herr

Lambert Tewes, in der Schenke zum heiligen Veit erweckt wurde aus seinem

Schlummer.

»St. Vitus, was ist dieses?« rief der Bruder Henricus, die Hand hinters

Ohr legend.

»Hörst du etwas, Henrice?«

»Es klingt wie Sturm.«

»So summt es mir schon tagelang im Kopfe; -- ich meine, es liegt in der

Corveyschen Luft. ^Collusio Diaboli^, Täuscherei und Blendwerk des

Teufels! Wir wollen schlafen gehen.«

»Nein, nein, das ist keine Gaukelei der Luftgeister. Sie läuten Sturm zu

Höxter!« rief der Bruder Henricus. Er war zu dem hohen Fenster mit den

kleinen runden Glasscheiben getreten und hatte einen Flügel geöffnet.

»Hören Sie, mein Vater?«

»Sohn Heinrich, du hast wieder einmal recht. Hilf mir auf; o, über die

Heringskrämer, sie werden wohl auch einen Brand zu löschen haben! Sehen

wir, ob der Himmel im Westen rot wird.«

Auf den Bruder Henricus gestützt, wackelte der brave Vater Adelhardus

durch den langen Korridor in den westlichen Flügel des Gebäudes, und

beide Alte sahen neugierig nach der Stadt hin. Das Himmelsgewölbe war

und blieb aber dort dunkel; und es war gleich schwarze Nacht im Morgen

und im Abend.

»Dann ist es etwas anderes; und nun werden der Herr Prior, samt Subprior

und Probst doch wohl aus den warmen Nestern herfürmüssen,« brummte der

Cellarius, zwischen Schadenfreude und eigener Unbehaglichkeit

schwankend.

»Ich habe es mir wohl gedacht; es sah böse aus in Höxter, als ich heute

abend von der Fähre kam. Die Gassen gefielen mir nicht, und was darin

geredet und geflüstert wurde, gefiel mir noch weniger.«

»Rebellion? Tumult in der Stadt? ^Seditio ante portas?^«

»Unsern teuren Brüdern zu St. Niklas war's auch nicht wohl zumute.«

»Also das alte Spiel! Trumpf Luther, -- Trumpf Papst! der Herr schütze

uns, Schellenkönig -- Eckerdaus! Stich Münster -- Stich Braunschweig! --

zieht Ihr die Lärmglocke von Corvey, Frater Henricus; treibt mir die

Klostermannschaft in die Hosen; ich will die Väter und Brüder

hervorpochen. O Herr von Zitzewitz, ach Herr von Metternich, der Herr

gibt es den Seinen im Traum. Ho, ho, heraus! heraus! ^all' arme! all'

arme!^ Huxar im Aufstande!!!« --

Nun war es doch spaßig, in diesem Moment in diesem Korridor der großen

Abtei Corvey zu stehen und darauf zu achten, wie auf den Waffenruf das

sonore Schnarchgetön hinter den Zellentüren plötzlich stille stand --

als ob ein Mühlwerk angehalten wurde. Dann aber polterte und grummelte

es hinter diesen Türen, dann öffneten sich die ersten derselben -- dann

wimmelte es hervor und zwar aus allen.

»St. Veit und Benediktus, was gibt es denn nun schon wieder?«

Der Vater Adelhardus ließ sich auf keine Antwort ein; er weckte den

Herrn Prior zum andern Mal. Der Bruder Heinrich von Herstelle aber, ein

Mann, dem es ganz gleichgültig war, ob in seiner Abtei die fünf ersten

Bücher der Annalen des Tacitus wiedergefunden worden waren, verstand es

dagegen noch ganz trefflich, eine Lärmglocke zu ziehen und eine

Wachtmannschaft in den Harnisch und an die Spieße zu bringen.

Corvey lief durcheinander:

»St. Veit, die Braunschweiger sind über den Fluß! St. Benedikt, der

Fougerais ist umgekehrt. Sie sind im Handgemenge in Höxter! Aus den

Betten für das Stift! Auf für Christoph Bernhard, -- auf für Corvey!«

Die ältesten Greise wankten hervor. Der Propst Ferdinand von Metternich

kam; es kam der Subprior Florentius von dem Felde, und zuletzt kam auch

der Herr Prior Nikolaus von Zitzewitz.

»Das war mir eine schwere Mühe,« erzählte nachher der Vater Adelhardus.

»^Elinguis stabat^, gleich einem Ölgötz, gleich einem Stocke stand er

und rieb sich die Augen. ^Vae turbatori^; wer auch die Schuld davon

tragen mag, -- mir vergißt er die Molestierung in seinem Leben nicht.«

Dem sei nun, wie ihm wolle, -- so kam Corvey auf die Beine! ... Höxter

und Corvey!

Achtes Kapitel.

Was uns anbetrifft, so kamen wir von den Beinen noch gar nicht herunter.

Verfügen wir uns zurück nach Höxter, und zwar mit kühler Stirn und

gelassenem Gemüt: es ist uns beides vonnöten, und des letzteren rühmen

wir uns vor allem. Der große Autor der Dasselschen Chronik Meister Hans

Letzner, natürlich schnöde zubenamset der Fabelhans, konnte nicht

kritisch-ruhiger in den Wirrwarr seiner Tage oder insbesondere in das

Getümmel des St. Vitus-Festes hineingucken, als wir in diese Höxtersche

Lärmnacht nach dem Abmarsch des Marschalls von Turenne und des Herrn von

Fougerais.

In der Stadt war längst alles auf den Beinen! Der Grimm mußte heraus,

und jetzt hatte eben die Gärung den Zapfen aus dem Spundloch getrieben:

sinnverwirrend ergoß sich die trübe Flut, und da wir von Corvey kommen

und also wissen, wie es dort aussieht, so wissen wir auch, daß fürs

erste niemand vorhanden war, der den Ölzweig über diese schlimmen Wasser

hintragen oder noch besser das Öl selber in sie hineingießen konnte.

Auch die Frauen befanden sich in den Gassen, und das war das

Allerschlimmste. Sie, die Weiber, hatten auch von der französischen

Einquartierung zu leiden, und zwar in mehr als einer Weise, und

wahrhaftig mehr als die Männer. In welchen Winkeln hatten sie sich mit

ihren heulenden hungernden Kindern verkriechen müssen! Glücklich noch,

wenn sie nicht daraus hervorgezogen wurden, um die tägliche und

nächtliche Lustbarkeit durch ihre Gegenwart zu verschönen. Nun kamen sie

von ihren leeren Speiseschränken, versudelten Betten, verschweinigelten

Fußböden und suchten ihrerseits die geeigneten Persönlichkeiten und

Zustände, an denen sie ihren Grimm und Groll auslassen konnten.

Katholikinnen wie Lutheranerinnen waren sich darin einig, daß mehreres

gesagt und getan werden müsse, ehe es wieder Ruhe und Anstand in Höxter

geben könne, und an ihnen -- den Höxterschen »^Dames^« -- hatte der

Helmstedter ^Relegatus^, Herr Lambert Tewes, vor allem sein Vergnügen.

Meister Lambert, von seinem harten Lager in der Schenke zum heiligen

Veit auffahrend, wie beschrieben, schob den Horatius, der ihm als

Kopfkissen gedient hatte, in die Tasche und sprang vor die Tür der

Schenke. Wir haben auch bereits dem Leser mitgeteilt, daß diese Kneipe

am Corveytor, also ein wenig entfernt vom Mittelpunkte der Stadt, lag.

Demnach war es still in der Umgegend; der ausgebrochene Tumult wütete

mehr in der Mitte der Stadt, und weitbeinig verfügte sich der Student

dorthin.

»Was würde mir nun das beste Federbett nebst Schlafrock und Pantuffeln

geholfen haben? Was hilft es nunmehro dem Herrn Oheim, daß er die

Zipfelkappe über die edlen Ohren zog? Muß er nicht auch heraus? Er muß!

Ja, ja, wieder hat es sich gezeigt, daß die Bank das einzig richtige

Lager für die Zeitumstände ist. ^Paratus sum!^ und hinein mit Lust und

Mut in des Säkulums Pläsier und Jokosität. Ein einziger Jammer ist es

nur, daß man hier nicht rufen kann: Bursche 'raus! wie unter den

Fittichen der hochgelobten Julia Karolina.«

Es ging auch ohne das. Von einem heftigen Zulauf des Pöbels mitgezogen,

tauchte er, natürlich mit dem altbekannten ^Quo, quo scelesti ruitis^,

jedoch ohne das diesmal in deutsche Reime zu bringen, zuerst vor der

lutherischen Pfarrei aus dem wüsten Schwall auf und schwang sich auf

einen Prellstein; natürlich nur, um besser sehen zu können, was man

eigentlich mit den lieben Verwandten im Sinne habe.

»Sieh, sieh!« sagte er, und die Szene war in der Tat recht kuriös zu

betrachten. Die katholischen ^Huxarienses^ stürmten die lutherische

Pfarrei und waren natürlich zuerst auf die Frau Pastorin gestoßen, die

von der Pforte ihres Hauses aus, mit dem Besen in der Hand, den tollen

Haufen fürs erste noch mit merkwürdigem Erfolg bekämpfte. Über sein Weib

weg sprach der ehrwürdige Herr mit hocherhobenen Armen Vernunft und

dieses ganz vergeblich; -- sein Küster war's, der im Turm von St. Kilian

am Glockenseil hing und für die Augsburgische Konfession um Hülfe

läutete, während von St. Nikolaus herüber das Geläut kam, das für den

zehnten Klemens -- Altieri -- sich an die städtischen Auktoritäten, das

Stift Corvey, den Bischof von Münster und den dunkeln, stürmischen

Nachthimmel wandte.

Sie hatten Fackeln mitgebracht, die Tumultuanten, um ja an keinen Stein

auf ihrem Wege zu stoßen. Bei dem flackernden Lichtschein beobachtete

der Student alles ganz genau, hielt sich jedoch seinerseits vorsichtig

so viel als möglich im Schatten.

»^Coraggio, chère tante^,« jauchzte er. »Siehest du, Freund Säuberlich,

das heißt man eine treffliche Quart. Pariere den! ... Hui, der saß

wieder, gerade auf dem Schnabel. Siehst du, mein Sohn, da hast du dein

Maul voll von dem französischen Nachlaß in den Gossen von Höxter! ^O

papae^, schlägt die Papissa eine gute Klinge oder besser einen saftigen

Besen!«

Das tat sie; allein zuletzt half es doch wenig gegen den übermächtigen

Andrang. Sie wich, und wäre die Päpstin Johanna an ihrer Stelle gewesen,

so würde die auch gewichen sein. Der Student auf seinem Steine drückte

die Faust auf die Milz:

»Was fällt er ihr denn in die Parade? Soll das Wort hie mehr helfen als

die Tat der Heldin? ^Retro retrorsum, Domine Pastor^, halten Sie sich

nicht auf! Herr Onkel, -- da, da!«

Es war ungefähr so. Der würdige Herr von St. Kilian hatte eingesehen,

daß hier sein Wort von so schlechtem Nutzen sei als der Besen seines

Ehegesponses. Er hatte den Arm der Gattin erfaßt und zog sie rückwärts

die Treppenstufen hinauf in die Pforte des Hauses. Hinter ihnen drein

brüllte der Haufen, hinter ihnen drein lachte der schadenfrohe Neffe:

»Holla, es ist nicht das erste Mal heute, daß Ihr sie einem vor der Nase

zuschlagt und den Riegel vorschiebt! So habt Ihr es denn, wie Ihr es

gewollt habt!«

^Contra aegida Palladis ruere^, mit dem Kopf gegen die Schürze der

Weisheit stoßen, nannte er's dann, als die Vordersten der erbosten

Bande, von den Hintersten geschoben, mit den Stirnen gegen die

verrammelte Pforte anrannten. Das Höxter des Jahres 1673 ließ die

Knüppel fallen und griff zu den Steinen.

Es flog der erste gegen die lutherische Pfarrei, ihm folgte das erste

Dutzend. Noch einen kurzen Augenblick zeigte sich Dominus Helmrich

Vollbort am Fenster, dann verschwand er im Innern des Hauses. Die

geistliche Frau hielt sich einen Augenblick länger; jedoch die

Ochsenaugen zersplitterten um sie her. Sie verschwand gleicherweise,

während, wie der Pater Adelhardus sich ausgedrückt haben würde, die

^infestatio cum bombardis^, das Bombardieren fortdauerte. Und in dem

Augenblicke, wo die Not am größesten wurde, verstummte der angstvolle

Hülferuf vom Turm; eine Handvoll biederer Höxteranischer Stadtinsassen

hatte die Tür des heiligen Kilianus, durch welche der Küster

eingeschlüpft war, erbrochen, hatte den Küster am Werk und am Seil

gefunden, und -- jetzt läutete er nicht mehr, sondern aber es wurde auf

ihm geläutet; er bekam Prügel, entsetzliche Prügel.

Zerreißen, um an zwei Orten zugleich sein zu können, konnten wir uns

leider nicht, aber daß die Katzenmusik, welche die lutherischen

Huxarienser zu Ehren des französischen Abmarsches den Minoriten bei St.

Niklas besorgten, nicht geringer ausfiel als die bei St. Kilian, das

können wir auf unser Wort und unsere Ehre versichern! Die katholische

Pfarrei litt nicht weniger von den Freunden unseres Freunds Lambert

Tewes als die lutherische; das Schauspiel war das nämliche dort wie

hier. Es fiel in Wort und Werk nichts daneben, und der einzige Trost für

die Herren bei St. Niklas am Klaustor lag einzig und allein in dieser

bösen Nacht darin, daß es den »Herren von der andern Seite« gerade so

ergehe: ein leidiger Trost ist eben auch ein Trost.

Wäre es nunmehr nicht unsere Pflicht, nach dem Burgemeister zu laufen?

Durchaus nicht, denn er kommt am letzten Ende doch immer ganz von

selber, und so auch jetzt, und zwar begleitet von den Ältesten und

Würdigsten der Gemeinde.

Ächzend kam er, Thönis Merz der Bürgermeister, und mit ihm die andern:

Kaspar Albrecht der Senator und Jobs Tielemann und Heinrich Kreckler und

Hans Jakob zum Dahle, und Hans Freisen und Hans Sievers und Hans Tropen

und Hans Heinrich Wulf und Heinrich Voßkuhl und Adam Sievers, die

Dechanten von den Gilden und Konrad Kahlfuß der Gemeinheit Meister! Sie

erschienen, um Ordnung zu stiften, und etwas Großes war das auch gar

nicht, wenigstens an dem Orte, an welchem sie jeweilig auftraten.

»De Burgemester!« krächzte eine Stimme im Haufen, und sofort kam ein

Schwanken und dann ein Erstarren in die wogende Flut. Kopfüber stürzten

die Angreifer von den Treppenstufen des Pfarrhauses hinunter,

auseinander stob der Pöbel, und der Konsul stieß dem Senator den

Ellenbogen in die Seite und sprach:

»Gevatter, was habe ich gesagt?!«

Ob es aber mehr darauf, was er gesagt hatte, oder was der Herr Pfarrer

und die Frau Pfarrerin jetzo sagten, ankam, das wollen wir dahingestellt

sein lassen. Wer da sagt: Racha! der ist des Rats schuldig; und es wurde

dergleichen ausgerufen; -- sehen wir zu, wo derweilen unser Helmstedter

geblieben ist. --

Wenn das erboste katholische Volk bei St. Kilian auseinander gelaufen

war, so war's danach freilich noch nicht ruhig nach Hause und ins Stroh

gegangen, sondern im Lauf durch die Gassen St. Niklas zu.

Leichtfüßig war der Student von seinem Eckstein heruntergesprungen. Er

hatte alles hier in Obacht genommen, was ihn interessieren konnte, doch

die Blüte des Spaßes pflückte er nun erst ab.

Der Platz vor der Pfarrerwohnung war leer. In der wieder geöffneten Tür

standen heftig gestikulierend der Onkel und die Tante, auf den

Treppenstufen der Bürgermeister mit der Hand auf der Brust, am Fuße der

Treppe in einem Halbkreis der Chor der Senatoren, Patrizier, Tribunen

und Gilden-Hauptleute. Gravitätisch schritt jetzt Herr Lambert Tewes aus

der Dunkelheit hervor, in das Licht der Laterne, die der Gemeinheit

Meister Konrad Kahlfuß trug, hinein, zog höflich den Hut, verbeugte sich

tief und richtete an die Herrschaften das, was achtzig Jahre später die

Literaturbriefe, wenn sie Herrn Dusch vornahmen, »mit unsern galanten

Briefstellern die Courtoisie nennen.« Dann schritt er langsam querüber

in die nächste Gasse und lief, sobald er der entrüsteten ^Auctoritas^

aus den Augen war, so schnell ihn die Füße trugen, dem Tumult bei St.

Nikolaus zu:

»Wer fürchtet des Skythen, des Parthiers Wut,

Wer scheuet Germaniens greuliche Brut?

Nun sitzt man geruhig beim fröhlichen Schmaus,

Es schändet kein Frevler des Biedermanns Haus!«

Hiemit, das heißt mit diesem heitern, wenn auch nicht völlig

zutreffenden Zitat aus der fünften Ode des vierten Buches der Lieder des

Quintus Horatius Flaccus kam er an bei den Minoriten am Klaustor und

wiederum ganz im richtigen Augenblick.

Neuntes Kapitel.

Ganz zur richtigen Zeit, denn eben schwieg die katholische Sturmglocke,

und bekam der katholische Küster gleichfalls Prügel. In ganz Höxter aber

hatte Lambertus keinen bessern Bekannten als Jordan Hunger, den

katholischen Küster; dieser ging noch über den Fährmann Hans Vogedes,

den Korporal Polhenne und Seine Hochedelgeboren Herrn Wigand Säuberlich,

der mit dem Studenten dem Onkel Vollbort durch die Schule gelaufen war

und wie er, Meister Tewes, auf keiner Seite Partei nahm, sondern auf

jeder nur sein Vergnügen.

Dieses Vergnügen war nunmehr vor der Pfarrwohnung der von Christoph

Bernhard bei St. Nikolaus eingesetzten Minoriten im vollen Gange. Der

von St. Kilian herströmende katholische Haufen fiel dem lutherischen

beim heiligen Niklas nicht in den Arm, sondern in die Arme. Im letzten

Grunde hatten sie alle nur den einzigen Zweck, Unheil zu stiften, und

das verrichteten sie denn auch, und zwar ohne jegliche Courtoisie. Das

Steinbombardement auf die Fenster der katholischen Herren wurde ebenso

kräftig unterhalten, wie das auf die Fenster des Onkels Vollbort.

»Sieh, sieh!« sagte auch hier wieder der Studente fröhlich; doch eben,

als er sich von neuem auf den Prellstein schwingen wollte, faßte ihn ein

Weib am Rockschoß, zog ihn zurück und zeterte:

»Um Jesu Christi willen, Herr Magister, sie haben meinen Mann

totgeschlagen! Er liegt unter den Glocken, und sie tanzen auf ihm

herum!«

»^O mon dieu!^« rief der Consiliatus. »Ist Sie es, Gevatterin? ^Mon

dieu^, und er war doch so gut Freund mit dem Fougerais bei unserm

letzten Disput!«

»Dafür haben sie ihn auch windelweich geschlagen, und er liegt unter

seinem Seil. O Lambert, kommt und helft mir, laßt Euren besten Kameraden

nicht umkommen. Sie sagen, das Stift sei auf dem Wege hierher; aber was

hilft das mir, wenn sie mir meinen Mann vorher zunichte gemacht haben.

Das leiden wir nun um Corvey!«

»Höxter und Corvey!« jauchzte der Student, und dann ließ er sich von der

Küsterin den Glocken von Sankt Nikolaus nur zu gern zu ziehen. Der Spaß

war ihm in dieser Nacht eben überall in Huxar.

Weggelaufen war der unglückselige Monsieur Jordan nicht aus seinem

Turmgewölbe während der Zeit, daß sein Weib hingegangen war, die

barbarische Welt um Hülfe anzuschreien. Er lag unter seinem baumelnden

Seile noch da, wie ihn seine nichtswürdigen Feinde und seine brave

Gattin verlassen hatten, mit der Nase im Staube. Seine Schultern

zuckten, er zappelte mit den Füßen und ächzte jämmerlich.

Mit der Nase im Staube! und der Student wußte sofort ein Zitat aus dem

Horaz und trug natürlich dasselbe dem Unglücklichen, Geschlagenen erst

lateinisch und sodann in freier deutscher Übersetzung vor:

»So stürzet der Tannbaum mit donnerndem Hall,

So liegt nun der Küster nach furchtbarem Fall!

Im Blachfeld des Teukrers, dem Feinde zum Raub,

Druckt itzt Don Bravatscho die Nas' in den Staub!«

»Hu,« winselte der Küster von Sankt Niklas, »bist du's, Lambert? Ist

meine Frau auch da? Hu, dreht mich um -- um Gottes Barmherzigkeit

sachte! vorsichtig, sachte. Die Teukrer, oder wie das Dorf heißt, waren

es nicht; der Teufel vergelte es den Höxterschen Bösewichtern, die mich

um der Kirche willen so greulich zugerichtet haben. O, o, o, das ist

viel schlimmer als die letzte Schlacht um die Bosseborner Laterne --

weißt du, Lambert, die vor drei Jahren, in der du auch einen Prügel

führtest, obgleich es dich als lutherschen Ketzer gar nichts anging.«

Der Student hatte den Armen weich und vorsichtig unter den Armen gefaßt,

während die Frau Küsterin die Füße gehoben hatte, um den halb Geräderten

auf den Rücken zu legen; aber der Küster hatte zu seinem Schaden sein

letztes Wort hervorgestöhnt.

Als Herr Lambert Tewes von der letzten Bosseborner Laternenschlacht

hörte, ließ er sofort los und streckte, um einem ganz andern Gefühl als

seinem Mitgefühl Luft zu machen, die ausgespreiteten Hände hoch in die

Luft.

Mit einem lauten Aufschrei fiel der Küster wieder auf das Gesicht; doch

lustkreischend schrie der Student:

»Bei den unsterblichen Göttern, die Bosseborner Laternenschlacht! Ei

freilich, Jordan, von dorther bist du's schon gewohnt, den Mund voll der

ernährenden Erde zu nehmen. Du kriegtest wahrlich dein gut Teil ab von

der Prügelsuppe in der Küsterschlacht.«

»Aber es war doch eben eine Küsterschlacht!« winselte Jordan Hunger,

»eine katholische Küsterschlacht! wir schlugen uns doch nur unter uns

selber um die Ehre Gottes; aber diesmal --«

Er vermochte es nicht, seinen Satz zu Ende zu bringen; jedoch der

Student nahm ihm das Wort tröstend ab:

»Sei nur still, Alter, das Martyrtum ist auch um so größer.«

»Hu, das brauchst du mir wahrlich nicht zu sagen,« stöhnte der Märtyrer,

und während man ihn von neuem umwendet und fürs erste mühsam in eine

sitzende Stellung bringt, können wir unseren Lesern mitteilen, was es

mit der Bosseborner Laterne auf sich hat.

Heute geht das Ding als eine Sage um, mit welcher sie Die von Bosseborn

vom Dorfvorsteher bis zum letzten Kossaten bei jeglicher passenden

Gelegenheit bis aufs Blut, wie die eine Redensart, oder bis zum

Schwarzwerden, wie die andere heißt, ärgern. Sie, die Bosseborner

nämlich, sollen, von einer Hochzeit nach Hause ziehend, ihren Weg

durchaus nicht mehr gefunden haben, sondern arg in Gestrüpp, Sumpf und

Moor verloren gegangen sein. Da soll denn der Küster, der Nüchternste in

der Gemeine (Sokrates beim Symposion Platonis!) ihnen geleuchtet haben,

und zwar auf absonderliche Art. Man sagt, er habe einen Einfall gehabt,

selber ein Licht unter den Umständen; er habe den Hemdenschwanz hinten

aus den Hosen gezogen und niederhängen lassen, und der habe hell genug

durch die Nacht geschienen, um der Bauernschaft als Laterne zu nützen.

So sei der Küster von Bosseborn vorangeschwanket, ihm nach der

Vorsteher, dem nach der Gemeinderat und dem wieder die torkelnde gemeine

Bauernschar, im Gänsemarsche alles -- einer hinter dem andern -- ein

ewig memorabler Zug bis ins Dorf hinein.

Die Geschichte ist gut; wenn ihr nur so wäre! Aber die Sache hat einen

ganz andern und viel ernsthaftern Angang.

»Wann kompt in Sommer Sanktus Veit,

So endert sich beid Tag und Zeit.

Dem schlaff geht zu, dem Wachen ab,

Wie sich das alter neigt zum Grab,

Und wer dan hat der pfenning viel,

Der mach sich auff zu diesem ziel,

Und wander hin wol nach Sankt Veit,

Ihr kann man werden leichtlich queid --«

singt bei Hans Letzner ein »rechter erfahrener Landtkündiger«; und von

der großen Prozession nach Corvey auf Sankt-Vitus-Tag stammt die

Laternenfrage her, sowie jede Schlacht, die an dem Tage darum geschlagen

wurde; vorzüglich aber die des Jahres Siebenzig, welche eine der

hartnäckigsten und blutigsten war, infolge der Indulgenz, die Seine

Heiligkeit Papst Clemens IX. kurz vor seinem seligen Abscheiden auf den

Tag für dasmal gelegt hatte.

Nun war es aber ein alt Herkommen, daß die jüngste Pfarrei den

feierlichen Zug eröffne, -- das Ältere und Würdigere folgte, der Reihe

nach; und also -- sollten Die von Bosseborn voran »mit der Laterne« und

wollten's natürlich den Ovenhäusern zuschieben, die ihnen folgten: ^hinc

illae lacrimae!^ Denen von Ovenhausen gingen nach Die von Fürstenau,

diesen die Boedexer, diesen die Amelunger, diesen Die von Wehrden und

Jakobsberge. Dann zogen Ottbergen und Bruchhausen, nachher kam das Dorf

Stahle, nachher Die von Albaxen, Brenckhausen, Lüchtringen und

Godelheim. Zuletzt aber kam dicht vor den Reliquien des Heiligen die

Stadt Höxter mit ihrer Stadtmusik, zusammen mit den Corveyern. Noch

hinter dem heiligen Veit zog das Kapitel auf, sowie der

braunschweigische Gesandte mit einem kleinen Abtsstab in der mit einem

Velum bedeckten Hand (auch nach der Reformation und als Protestant!), er

wurde geleitet vom Corveyer Marschall. Den Beschluß machte das

Venerabile unter einem Baldachin, den die Höxternschen Nobiles trugen,

-- und Jordan Hunger, der Küster von Sankt Nikolaus, war im Jahre 1670

Küster zu Bosseborn gewesen und hatte die Bosseborner Laterne, d. h. die

Kirchenfahne seines Dorfes tragen sollen -- --

»Wie mancher kompt gar weis' und klug,

Im Heimgehn er einen Narren trug.

Mancher kompt daher ganz Sinnreich,

Und geht weg ganz bös und grimmich.

Ihr viel da kommen frisch und gesundt,

Da gehn sie heim in Todt verwundt,

Oder sonst gefallen, geschlagen --«

singt der erfahrene »Landtkündiger« weiter, und so war es. Sie schlugen

sich jedesmal wacker um die Bosseborner Laterne; und wenn Bosseborn und

Ovenhausen zwischen sich den Streit begannen, so war kein Dorf, das

zurückbleiben wollte, sondern sie fielen alle drein und aufeinander.

Ohne das gab es kein Sankt-Vitus-Fest zu Corvey, und weder das Kapitel

noch der braunschweigische Gesandte konnten das geringste da tun, außer

daß sie es abermals fertig brachten, daß auch das nächste Mal Bosseborn

wieder die »Bosseborner Laterne« trug.

Doch während wir hier das Krumme gerade machten und der Wahrheit zu

ihrem Rechte verhalfen, tobt der Mutwillen viehisch fort in Höxter, wird

der zerschlagene Meister Jordan Hunger von seinem heulenden Weib und

vergnügten Freunde nach seinem Bette geschleift und -- -- zieht eine

andere Prozession langsam heran. Letzterer wenden wir uns jetzt zu und

treffen sie auf dem Wege, den vorhin der Bruder Henricus zur Abtei

beschritten hatte. Der Bruder Henricus maß diesen Weg jetzt zurück, er

befand sich mit an der Spitze dieses Zuges, der von Corvey kam. Er war

ein Kriegsmann gewesen in seiner Jugend, und sein Prior, Herr Nikolaus

von Zitzewitz, hielt sich an ihm und ließ ihn nicht von seiner Seite.

Dicht hinter ihm hielt sich der Subprior Florentius von dem Felde und

der Probst Ferdinandus von Metternich. Den guten Vater Adelhard, den

Cellarius, hatte man seiner Unbehülflichkeit halben in diesen

gefährlichen Nöten zu Hause gelassen, um dort Ordnung zu halten.

Die Abtei zog heldenhaft nach der Stadt, um sich selber Nachricht über

die Vorfälle dort zu holen, da »^impie et nefarie^« ruchloser- und

leichtfertigerweise niemand gekommen war, um ihr solche zu bringen.

Aber Corvey konnte nicht anders; Corvey mußte auf den Plan! Die Abtei,

eben in ihren »Rechten« durch den fremdländischen Helfer, den größesten

der französischen Feldherren, gegenüber der rebellischen Bürgerschaft

von Huxar und dem braunschweigischen Schutzherrn gekräftigt, mußte alles

daran setzen, daß ihr die soeben nach langem Streite endlich einmal

wieder fester gepackte Obergewalt nicht von neuem aus den Händen gleite.

Es galt, Höxter gegen jeglichen Feind oder Aufrührer festzuhalten, und

so zog das Stift in Waffen gegen die Munizipalstadt. Unter Umständen

verstand es Herr Christoph Bernhard von Galen, merkwürdig böse Gesichter

zu schneiden, und Corvey wußte das und kannte das.

Die Lärmglocke, die Bruder Heinrich von Herstelle gezogen hatte, war

gehört worden. Die Klostermannschaft war in die Rüstung gefahren, die

Herren Benediktiner hatten sich ^taliter qualiter^ selber gewaffnet, und

die waffenfähige Mannschaft des nächst, aber am andern Ufer der Weser

gelegenen Dorfes Lüchtringen war in Kähnen über den Fluß gekommen, um

der Abtei zu Hülfe zu eilen. Die Prioren und sonstigen Vorgesetzten

gingen natürlich nur im geistlichen Habit, doch manch rüstiger Frater

und Pater hatte mutig und freiwillig die Büchse oder Halbpike auf die

Schulter genommen und vermaß sich, Heldentaten zu tun, von denen der

Chronist von Corvey noch nach Jahrhunderten zu erzählen haben sollte.

Der Kriegerischste aber in der ganzen geistlich-weltlichen Heerschar war

doch Bruder Henricus, der sicher und männlich, trotz seinem hohen Alter,

mit einem gewaltigen Schwerte ging, das wahrscheinlich beim Übergang der

Hussiten über die Weser im Kloster stehen geblieben war; -- der Zug sah

mehr auf ihn als auf die im Fackelschein voranflatternde Sturmfahne mit

dem Bilde des heiligen Dionys. Der heilige Patron trug seinen Kopf nur

unterm Arm, der Bruder Heinrich dagegen den seinigen noch wacker auf den

Schultern.

»Meinen Segen nimmst du mit, mein Sohn; komme mir aber auch ja gesund

und vergnügt wieder,« hatte beim Abschied am Klostertor der Vater

Adelhardus zu ihm gesprochen und ihn dabei ganz zärtlich auf die

Schulter geklopft.

Nun waren sie auf dem zerfahrenen und zerwühlten Wege, den wir vorhin

geschildert haben, mit der Parole: Sankt Vitus! und dem Feldgeschrei:

^Abbatia urbi imperat!^ Corvey über Höxter! Nun gerieten sie in die

Sümpfe, die Löcher und unter die harten Feldsteine, -- nun hielten sie,

um Atem zu schöpfen -- und nun ächzten sie wieder weiter.

»Bruder von Metternich, das ist eine Nacht, um Anathema zu sagen!«

stöhnte der Prior einmal über das andere. »Was ist deine Meinung?«

»Der Gerechte siehet vor seine Füße und gehet den Weg, den ihn der Herr

schickt.«

»^Bene, bene!^ Wie dunkel aber die Nacht ist! Hätten wir doch ein

jeglicher eine Laterne anstatt der Fackeln mit uns genommen! Nun hört

auch das Stürmen vom Turm gar auf, Henrice.«

»Es ist vielleicht doch nur ein schlechter Gassenlärm gewesen, und die

Tummelanten haben des Spaßes genug und gehen zu Bett.«

»Und wir sind heraus und hier mitten im Felde? ^O corpus Christi^, der

Bann auf ihre Häupter! -- Fort, voran, ihr alle, wahrlich, man soll

Corvey nicht ungestraft hohnnecken; ^abbatia urbi imperat^, da ist das

Corveytor! Ruft: Sankt Vitus! und laßt uns einziehen!«

Nach einem mehr als halbstündigen Marsche waren sie jetzt wirklich vor

diesem Tore von Höxter angelangt; allein das Einziehen ging so leicht

nicht. Fürs erste fand das Stift die Tür verschlossen, obgleich es

selber die Schlüssel dazu hatte -- freilich in den Händen seines

tapfern, oben schon benannten Hauptmanns Meyer, den wir ebenfalls von

Person kennen lernen werden.

»Lasset uns anpochen,« sprach der Subprior.

»Das wird viel helfen, der Graben ist dazwischen,« murmelte der Propst.

»So lasset den Zinkenisten von Corvey hertreten, Sohn Heinrich! Er soll

sich den Hals zersprengen; aber uns den Pförtner auf die Mauer schaffen.

Das ist eine scheußliche Nacht!« grollte der Prior.

Das alte Stift hatte seinen Trompeter mitgebracht, und er blies, -- er

blies und blies sich halb die Lunge heraus, bis sein Blasen von der

gewünschten Wirkung war.

Endlich, endlich flimmerten Laternen auf der Mauer, und dann rasselte

die Brücke unter dem alten Torturm herunter; mit dem Hute in der Hand,

von seinen Laternenträgern begleitet, wackelte der Hauptmann Meyer

eilfertig und atemlos hervor, den Prior und das Stift zu begrüßen: ein

freundlicher, ältlicher Herr, rötlichen Angesichts, breitbäuchig und

behäglich, auch einer der besten Freunde des Pater Cellarius, Adelhardus

von Bruch.

Höchst verdrießlich empfingen ihn für diesmal die übrigen Würdenträger

des Stiftes.

»Sie sind wirklich mit Degen und Feldbinde da, Monsieur?« schrie der

Prior. »Weshalb kommen Sie nicht auch im Schlafrock und denen

Pantuffeln, mein Herr Hauptmann? Aus dem Bett kommen Sie ja doch! Bei

Sankt Veit, Herr, es geht lustig zu in Höxter. Die Sturmglocke bringt

das ganze Land in Aufruhr, und der Herr Kapitän drehen sich auf die

andere Seite und geruhen weiter zu ruhen. Wo steckt Ihr mit Euren

Leuten, Meyer? Hat man Euch dazu der Stadt Obhut zum zweiten Male

anvertrauet?«

Der bischöflich Münstersche Befehlshaber ließ dieses und noch eine Reihe

ähnlicher Vorwürfe und Fragen wie das Hochwasser aus einem aufgezogenen

Schütt über sich hingehen. Erst als der Prior von Corvey mit seinem Atem

zu Ende war, verantwortete er sich oder fing wenigstens an, sich zu

verantworten.

»Aus dem warmen Bett komme ich nicht, Hochwürden, sondern von den

Wesermauern am Brucktor, allwo ich seit angehobenem Tumult auf den Noht

gepasset habe nach meinem Eid und meiner Pflicht.«

»Auf den Noht?!«

»Ja, Hochwürden, auf des Herzogen Rudolf Augusten Oberstwachtmeister

Noht!«

»Sankt Veit und Corvey, aber weshalb denn gerade auf den?«

»Wer anders hat uns denn diesen Aufruhr angerichtet als der? Aber beim

Teufel, hat er mir einmal meine Trommel genommen, zum zweiten Male soll

er sie nicht in die Tatzen kriegen, und wenn er sich noch so verstohlen

über die Weser schliche!«

Bei Fackelschein und Laternenlicht sah sich der Prior, Herr Nikolaus von

Zitzewitz, verzweiflungsvoll und zweifelnd auf den Gesichtern seines

Gefolges um. Sie grinsten alle, und Bruder Heinrich von Herstelle lachte

sogar. Es blieb dem Prior von Corvey nichts anderes übrig, als sich

fußstampfend von neuem an den biedern Hauptmann zu wenden.

»Aber um Gottes willen, was läuteten sie denn Sturm? wer zog die Glocken

und warum?«

»Ja, sehet, Herr Prior,« sagte der tapfere Kapitän gemütlich, »da treten

Sie doch näher und sehen selber! Was uns betrifft, so sind wir, seit der

Lärm anging, unter den Waffen und auf der Mauer. In das Handgemenge habe

ich den Korporal Polhenne hineingeschickt, doch der kann auch nichts

ausrichten. Es geht eben wieder einmal durcheinander, Ratz, Katz und

Ketzer, und unsere sind auch dabei. In allen Pfarreien haben sie zu

Ehren des hohen französischen Abmarsches die Fenster eingeschmissen, und

alle Küster haben sie ganz oder halb totgeschlagen. Doch damit sind sie

auch zu Ende, und eben gehen sie, Ketzer und Katholiken, in christlicher

Eintracht über die Juden.«

»Und dabei steht der Mensch, lehnt sich auf die Ellenbogen und guckt vom

Brucktor aus in die Nacht und über die Weser nach dem Oberstwachtmeister

Noht aus!« ächzte der Prior, die Hände über dem Kopfe zusammenschlagend.

»Seine Trommel?! seine Trommel! Herrgott und Sankt Veit, sollte man da

nicht wünschen, daß zehn Jahre lang die Trommel auf ihm selber

geschlagen würde?«

»Ich rate nun doch, daß wir schleunigst in Höxter einrücken,« meinte

jetzo Bruder Heinrich von Herstelle, und der Prior, ganz und gar nicht

wie ein geistlicher Hirt, Vater und Berater kommandierte wütend:

»Marsch!«

So zog das Stift in die Stadt und nahm auch seinen Hauptmann wieder mit

hinein.

Zehntes Kapitel.

»Nun auf die Juden!« Wer bei Sankt Niklas das Wort zuerst in die

durcheinander tobende und im Unheil gemeinschaftliche Sache und

Brüderschaft machende katholische und lutherische Menge warf, ist

niemals historisch klar geworden. Wir haben unseren Freund, den Fährmann

Hans Vogedes, im Verdacht. Gegen die Juden ging es; -- hier war das

^tertium comparationis^, wie der Helmstedter relegierte junge Weltweise

sich ausdrückte, richtig gefunden. Der Pöbel hatte sich zuerst gegen das

Haus des Meisters Samuel gewälzt, und Lambert Tewes war ihm

selbstverständlich auch dorthin gefolgt.

»Ein unsterblich heroisch Poem werde ich schreiben und Professor der

Eloquenz in Helmstedt werden. Bei Venus und Mars, die alten Perücken

dort sollen mir nicht ohne Strafe das Consilium gegeben haben; als ein

kaiserlich gekröneter Dichter will ich sterben! Diese trojanische

Blutnacht haben mir die Götter eigens zubereitet. Es sei ihnen Dank

gesagt!«

So schrie er, und sein Horaz schlug ihm im Laufen an die Schenkel. Wir

wenden uns und sehen, wie die Kröppel-Leah und die kleine Simeath diese

heroische trojanische Nacht bis jetzt hingebracht haben.

Sie hatten kurz vor Anfang des Lärms beide todmüde in das Bett des

Sergeanten und das französische Kavalleriestroh kriechen wollen und

waren natürlich nicht dazu gekommen. Mit einem Angstruf hatte das Kind

den Fuß vom Bettrande wieder zurückgezogen:

»Horch, horch, was ist das, Großmutter?«

Es waren die Höxteraner vor der Pfarrkirche von Sankt Kilian.

»Laß sie rasaunen! Komm, Töchterlein, wir wollen uns wieder an den Tisch

setzen. Lege deinen Kopf an mich. Wir wollen die Decke warm um uns

schlagen, und ich will dir erzählen wieder von der alten Zeit,« sagte

die Großmutter, und die Enkelin kam. Sie kauerten von neuem zusammen vor

der kleinen Lampe in dem kalten verwüsteten Stübchen.

»Unsere Könige waren Hirten in den Zeiten der Ehren. Aber die Herden

weideten unter den Palmenbäumen -- die Sonne des Herrn leuchtete, das

Land unserer Väter duftete nach Myrrhen und Weihrauch. Sie waren große

Krieger in glänzenden Panzern und schlugen Schlachten -- sie fürchteten

niemand -- sie waren tapferer als jetzt irgendein Heerfürst --«

Es ging nicht. Sie mußten zu genau auf den Tumult vor der zerbrochenen

Tür, vor den zerschlagenen Fenstern horchen. Auch die Greisin, die so

viel Brand und Blut in ihrem Leben gesehen hatte, mußte horchen. Das

stärkste und geprüfteste Herz lernt da nicht zu Ende.

»Sie werden auch auf uns wieder hereinbrechen!« jammerte Simeath.

»Sie werden uns nichts nehmen können. Sei still, Liebchen, habe Mut! Ja,

wenn noch der Riegel vorgeschoben wäre und das Haus reich, da wäre Grund

zur Angst. Wenn das Haus noch wäre wie zu deines Urgroßvaters, meines

Vaters, Zeiten, unscheinbar von außen, doch voll Güter drinnen, so

möchten wir eher Furcht haben. Was wollen sie uns heute nehmen, da wir

nichts weiter haben als unser Elend?«

»Sie haben jetzt auch nur noch das ihrige, Großmutter,« sagte das Kind

klug. »Weil sie diesmal so schlimm daran sind wie wir, sind sie so wild;

und sie werden um so grausamer sein gegen uns, je weniger sie finden.«

»Der Herr Gott, der Gott unserer Väter, ist unser Schutz von der Welt

Anfang an. Er wird seine Hand auch in dieser Nacht über uns halten, wie

er sie seit fünftausend Jahren über sein armes Volk in der Prüfung

gehalten hat. Wir sind dem Herrn zu Ehren noch immer da, was sie auch

mit Marter und Bosheit gegen uns ausgeübt haben. Horch -- es ist

Triumph! Sie wüten jetzt gegeneinander! Sei still, Kind, es geht heute

Nacht nicht gegen Israel!«

»Aber, Großmutter, sie haben dich nach Hause gehen sehen mit deinem

großen Bündel. Du hast ihnen gesprochen von deiner Erbschaft,

Großmutter,« flüsterte die verständige Simeath.

»Die armen Lappen!« rief die Alte, ihr Bündel unter dem Tische näher an

sich heranziehend. »Wir sind gewickelt in die Decke von dem letzten

Lager deines Oheims. Das ist aber das Köstlichste von der Erbschaft.«

»Wenn sie es glauben wollten, wären wir wohl glücklich, Großmutter,«

seufzte die Kleine, und -- so war es, wie sie sagte.

Von Sankt Kilian gegen Sankt Niklas und von dort vorerst zum Hause des

Meisters Samuel und seines frommen Weibes Siphra! Sie brachen ein und

stahlen, sie schlugen den Hausherrn zu Boden und drückten seine Ehefrau

gegen die Wand; sie schlugen auch seine jungen Kinder, da kein Küster

mehr zu mißhandeln war, und alles ging drunter und drüber. Vergeblich

wehrten Ratmannswachen und der Korporal Polhenne; -- wie wir wissen, gab

währenddessen der Stadthauptmann Meyer genau darauf acht, daß ihm seine

Trommel nicht zum zweiten Male vom Braunschweigischen Oberstwachtmeister

Noht abgenommen werde. Sie legten jetzo auch die erste Brandfackel an,

und in dem Moment, als der letzte Mann vom Zuzuge des Stiftes Corvey in

das Corveytor zog, schlug die Flamme aus den Fenstern, sprang der rote

Hahn aufs Dach, reckte sich, schlug mit den Flügeln und krähte wild

hinaus:

»Feuer! Feuerjo!«

Jetzt sah der Vater Adelhardus am hohen Bogenfenster im Korridor der

Abtei den Himmel rot werden über Höxter.

»O die ^Incendiarii^! O, die ruchlosen Mordbrenner!« sprach er. »Haben

die Bärenhäuter der Dächer noch zu viel über den gottverlassenen Köpfen?

Nun, ich habe den guten Heinrich gewarnt, daß er sich nicht die Finger

verbrenne. Der Herr Prior und die übrigen werden sich wohl schon selber

zu hüten wissen und nicht zu nahe daran gehen.«

Darauf ließ er sich von einem Laienbruder einen Sessel und Fußschemel an

das Bogenfenster rücken, schickte einen zweiten Laienbruder in den

Keller nach einer Flasche vom Besseren »gegen den Zorn« und stellte

diese Flasche mit dem Glase handgerecht in die Fensterbank. Da saß er

dann, faltete die Hände über dem Bäuchlein und hörte durchaus nicht, wie

die ältesten Herren Patres ihn hinter seinem Rücken mit dem grausamen

Kaiser Nero beim Brande Roms verglichen. In der Stummerigengasse aber

vor dem nun lichterloh flammenden Hause des Juden Samuel wurde es unserm

Freunde, Herrn Lambert Tewes, jetzo doch gar übel zumute.

Er lachte nicht mehr, sondern biß die Zähne aufeinander. Die Lust zum

Zitieren des Horatius war ihm völlig vergangen.

»Was zu viel ist, das ist zu viel!« ächzte er. »Und dies ist eine

Bestialität. ^Hierosolyma perdita?^ Auf für Jerusalem! Nieder mit den

mordbrennerischen Halunken! Und der Monsieur Samuel ist der einzige in

ganz Huxar, der auf ein dankbar Herz bei mir rechnet. Und jetzt stehlen

sie mir meines Vaters Taschenuhr in seinem Verschluß! Himmel, Hölle und

alle Teufel, zu Boden mit dir, du Vieh!«

Das letzte Wort war, begleitet von einem Faustschlag, an einen der

Tumultuanten gerichtet. Der Kerl lag sofort am Boden, allein im selbigen

Augenblicke war auch schon dem Studenten der Hut über Stirn, Augen und

Ohren hinabgeschlagen, und er bekam einen Fußtritt in die Rippen, der

ihm für mehrere Minuten den Atem benahm. Als er den Hut endlich wieder

in die Höhe bekommen hatte, fand er sich zum zweiten Male in dieser

Nacht Aug in Auge mit dem Bruder Heinrich von Herstelle, und der Bruder

packte sofort zu, griff ihm an die Brust und donnerte dem Hauptmann

Meyer zu:

»Fort mit dem! Ins Gewahrsam! Wenn einer in dieser Nacht mitgewürfelt

hat, so ist's dieser! Ins Prison mit ihm!«

»Holla!« rief der Student lachend, »wenn einer in dieser Nacht in Höxter

auf Ordnung, Sitte und Tugend geachtet hat, so bin ich's! Meyer, Ihr

kennt mich und wißt die Unschuld zu ästimieren. Nehmt lieber meine Hülfe

an, ^domine^ -- allein kriegt Ihr die Schlingel doch nicht herunter.«

Prioren, Probst und sämtlicher Zuzug von Corvey sahen zweifelnd beim

roten Schein der Feuersbrunst; doch der Hauptmann Meyer sagte, sich

hinterm Ohr krauend:

»Was ich sagen soll, weiß ich nicht; aber, ehrwürdige Herren, ich kenne

ihn freilich, und das Nutzbarste wär's, wir rollierten ihn ein in unsere

Musterrolle.«

»Dann vorwärts und Sturm!« kommandierte der Bruder Henricus, seinen

Flamberg erhebend; und mit der linken Schulter voran, Piken,

Hellebarden, Halbpiken und hainbüchene Knüppel vorgestreckt und in der

Luft, warf sich die bewaffnete Macht von Corvey auf die ^Huxarienses^,

um den Schutzjuden des Stiftes wenigstens das noch zu retten, was von

ihrem Leben noch übrig geblieben war. Zwei nackte Kinder trug Lambert

Tewes aus dem brennenden Hause, die Siphra errettete vor weiterer Unbill

der Bruder Heinrich; den Freund Säuberlich nahm der Hauptmann Meyer mit

Hülfe des Korporals Polhenne beim Kragen. Die Herren von Metternich und

von Zitzewitz stellten sich ritterlich und trieben jeglichen Corveyschen

Hintersassen, der Lust bezeigte, sich nach Hause zu schleichen, mutig in

die Schlacht zurück. Es kamen überhaupt jetzt die ersten Regungen der

Besinnung in der Bevölkerung wieder zum Vorschein, und Höxter fing an,

sich zu schämen. Bürgermeister Thönis Merz und sein Rat fingen an,

ihrerseits einzugreifen. Die Mordbrenner und Plünderer wurden

überwältigt oder flohen nach allen Seiten; es wurde Raum in der Gasse,

und da jetzt, gegen Mitternacht, der Wind sich legte, so brannte das

Haus des Meisters Samuel ruhig und ohne weitere Gefahr nieder. Man ließ

es brennen.

Elftes Kapitel.

In die wollene Decke vom letzten Bett des Schwestersohnes zu Gronau im

Fürstentum Hildesheim gewickelt, hatten währenddessen die Kröppel-Leah

und Simeath mit Schauder und Schrecken gehorcht. Der rote Schein der

Feuersbrunst, der in die leeren Fensteröffnungen und die Tür fiel, hatte

auch den Mut der Alten gebrochen.

»Siehst du, Großmutter, es geht doch wieder gegen uns, sie haben Vater

Samuels Haus in Brand gesteckt; -- sollen wir nicht fort? Wir können

über den Hof schleichen und in des Nachbars Garten; Herr Jakob zum

Dahle wird nicht zu schlimm sich stellen, wenn er uns morgen früh in

seinem Stalle findet.«

»Ja, ja, Kind,« stöhnte die Greisin. »Leise, leise -- da ist mein Bündel

-- hilf's mir wieder auf! Du hast recht, wir müssen hinaus -- sie

kommen, und sie kennen kein Erbarmen.«

Sie versuchte es, aufzustehen, allein es ging nicht an. Der Weg von

Gronau her war dem alten Weibchen doch zu viel gewesen. Sie fiel zurück

auf den Stuhl, legte die Arme auf den Tisch und das Gesicht auf die

Arme.

»Großmutter, Großmutter,« jammerte das junge Mädchen. »Besinne dich --

wach auf, laß mich deinen Sack tragen! Laß ihnen den Sack, laß uns nur

laufen -- Barmherzigkeit, sie kommen -- da sind sie!«

Nun kreischte die alte Jüdin noch lauter als die junge. Sie kamen, sie

polterten die Treppe herauf -- sie waren da -- nur drei Mann, aber die

Bösesten in Höxter -- Hans Vogedes, der Fährmann, mit einer Axt den

beiden anderen vorauf. In dem Augenblick, als das Stift anrückte und

Lambert Tewes seinen Freund Wigand Säuberlich zu Boden schlug, hatten

sie sich aus dem Getümmel vor dem Hause des Meisters Samuel

weggeschlichen, und sie machten von vornherein gar kein Hehl daraus, daß

sie dem Geruche von der Gronauschen Erbschaft nachgegangen seien.

Fünf Minuten später, nachdem sie die zertrümmerte Schwelle überschritten

hatten, durchschnitt von dem Hause der Kröppel-Leah her ein so

fürchterliches und schrilles Jammergeschrei die Nacht, daß es allen

sonstigen Lärm in der Stummerigenstraße übertönte und jedermann den Kopf

aufwarf und mit jähem Schrecken horchte.

An der Brandstätte hatte die Szenerie sich aber bereits verschoben. Im

Ornate war Ehrn Helmrich Vollbort unter den Mönchen und städtischen

Beamten aufgetreten und hatte scharf geredet, sowohl gegen den dunkeln

Nachthimmel, wie gegen den Herrn Prior von Corvey, Herrn Nikolaus von

Zitzewitz, und gegen den Münsterschen Gubernator und Stadthauptmann

Herrn Meyer.

Er hatte um Rache für sein beleidigt Haus und seinen geprügelten Küster

geschrien, und über die Schulter des Bruders Henricus hatte der Neffe

seine rechte Freude an dem Oheim gehabt.

»Sie haben ja unseren Küster bei Sankt Niklas gleicherweise windelweich

und blitzblau geschlagen, ehrwürdiger Herr,« hatte der Prior

eingeworfen. »Da ist doch wahrlich die vollkommene Parität vorhanden

gewesen -- was sollen wir in dieser Nacht bei solchen Umständen Ihnen

noch zugute tun?«

»Stift und Fürstliche Gnaden von Münster haben immer nach Vernunft mit

sich reden lassen,« hatte Herr Florentius von dem Felde begütigend

hinzugesetzt, »und --«

»Schlagt ihm vor, daß Ihr mich vor seiner Tür hängen lassen wollt,«

hatte der tolle Helmstedter dem Bruder Heinrich von Herstelle ins Ohr

geflüstert.

Der Bruder Heinrich hatte das nicht vorgeschlagen, denn nunmehr hatte

Herr Ferdinandus von Metternich, der Propst von Corvey, Vernunft

gesprochen und wirklich verständige Dinge gesagt.

Es sei eine üble Nacht, hatte er gemeint. Niemand wisse, wie er daran

sei. Morgen sei wieder ein Tag -- totgeschlagen sei gottlob und mit

Hülfe des heiligen Veit bis jetzt keiner; -- die Übeltäter habe man auf

dem Stroh im Prison, und selbst die Juden seien noch mit dem Leben

davongekommen, soviel man wisse. Wer am meisten bei der greulichen

Unruhe gelitten habe, das sei doch wohl das Stift Corvey, das nun auch

noch zu allem übrigen den schlimmen Marsch nach Hause vor sich habe. Er

-- der Propst -- hatte zum Schluß seiner Rede geraten, jetzt vor allen

Dingen wieder zu Bett zu gehen und für alle Fälle vielleicht eine

Salveguardia, gemischt aus Corveyscher Mannschaft und Bürgerwachten, in

der Stummerigenstraße zurückzulassen.

»So soll es sein!« hatte der Prior geschlossen, und zehn Minuten nach

seiner Ankunft vor dem Hause des Meisters Samuel befand sich das Stift

bereits wieder im eiligen Rückmarsche nach den warmen Betten.

»Hoffentlich hat uns der Vater Adelhardus, während wir die Philister

schlugen, ein gutes Warmbier zugerichtet,« flüsterte der Subprior dem

Propst unter dem Corveytor zu.

Dem mochte nun sein, wie ihm wolle; zornigen Herzens schritt doch noch

der Pfarrherr von Sankt Kilian im eifrigen Gespräch mit dem

Bürgermeister Thönis Merz auf und ab und warf finstere Blicke auf den

guten Bruder Henricus. Diesen letzteren nebst einigen handfesten

Klosterknechten hatte die Abtei zurückgelassen, um sich von ihnen bei

möglichen ferneren Ereignissen kriegstüchtig vertreten zu lassen; und

während der lutherische Pastor aufgeregt hin- und widerschritt, stand

der greise Mönch in dieser Stummerigenstraße im Lichte der Feuersbrunst

nachdenklich auf sein hussitisch Schlachtschwert gestützt und gedachte

früherer Tage. Der Student hielt sich zu ihm und zog ihn jetzt am Ärmel

seiner Kutte.

»In so tiefen Gedanken auf der heiligen Straße, mein Pater? Ich hab'

Ihnen vorhin den Lauriger angeboten, um einen Sitz am warmen Herde; nun

hat uns das Fatum einen noch wärmeren Ofen geheizt. Was, mit Erlaubnis

zu fragen, lassen Sie die Ohren hängen, mein Pater?«

Der alte Mönch blickte auf und murmelte:

»O, Just von Burlebecke!«

»Sie sollten ein Wort zu mir sprechen, Ehrwürdiger« meinte der Student

zutunlich. »Sie gefallen mir, und es wäre mir lieb, wenn auch ich Ihnen

gefiele. Haben Sie mich am Abend schnöd abfahren lassen, so haben wir

doch jetzo Schulter an Schulter gefochten, und -- schon den grimmigen

Blicken meines Herrn Onkels da drüben zu Liebe solltet Ihr meinen Arm

nehmen und die Wacht ^suaviter^ mit mir verschwatzen. Mit dem Morgen bin

ich auf dem Wege nach Wittenberg, allwo sie schon längst mit Herzspann

sich nach mir sehnen, und Ihr bekommt mich nimmer wieder zu Gesicht,

alter Hahn.«

»Sie sind ein Narr, mein Herr Studente,« sagte der Bruder Henricus,

wider Willen über den Schelmen lachend. »Wäre Just von Burlebecke nicht,

ich brächte dich auf der Stelle ungesegnet auf den Weg nach Wittenberg.

Aber so war Just auch zu seiner Zeit, und ich stehe eben nie in der

Stummerigenstraße, ohne mit betrübtem Sinn der alten Zeit und an Just

von Burlebecke zu gedenken.«

»So sagen Sie mir, wer Just von Burlebecke war, mein Pater, und ich

werde gern mich mit Ihnen über ihn betrüben.«

»Da,« sprach der Mönch, gegen das Stummerigentor hindeutend, »im Sommer

Zweiundzwanzig nahm er mit zwanzig Reitern Höxter im Sturm. Er ritt für

den tollen Christian, ich mit dem Tilly. Mit zwölftausend zu Fuß und

neuntausend Reitern ging der Christian hier bei Höxter über die Weser,

und ich ihm und dem wilden Just nach als ein Fähnrich im Regiment

Baumgarten. Auf dem Felde bei Stadtloo ist Just von Burlebecke unter den

^Toutpourelle^schen eingescharrt. Ich hab' ihn unter den Toten gesehen,

und er war mein allerbester Herzfreund.«

»Das war der große Krieg, und Ihr seid heute ein Benediktinermönch zu

Corvey, mein Vater!« rief der Student.

»Ja!« sagte der gute Greis ruhig und schüttelte nur noch einmal den

Kopf, die Stummerigenstraße hinaufschauend.

»Er jagte ihnen lachend ins Tor und fiel über die Spießbürger gleich dem

Blitz aus dem Sonnenschein; ich muß heute noch darüber lachen! Ach,

hättet Ihr den tollen Christian und seine Reiter gekannt, so würdet Ihr

auch Just von Burlebecke zu wiegen wissen, Herr Studente. Sie saßen vor

ihren Türen und ließen sich die Sonne in die Mäuler scheinen, da schlug

er ein aus dem blauen Himmel, und ehe sie sich besannen, hatte er mit

seinen zwanzig Gesellen Höxter in der Hand wie der Junge das Vogelnest,

dem Stift und der liguistischen Armada vor der Nasen; freilich nur auf

ein Viertelstündlein, doch das gerade war der Spaß.«

Der Alte hatte jetzt wirklich den Arm Lamberts genommen und schritt mit

ihm langsam die Stummerigenstraße hinauf bis zu dem Hause der

Kröppel-Leah.

»Hier, gerade hier auf dieser Stelle hieß es denn: Simson, Philister

über dir! Weshalb erzähle ich Euch aber das alles, anstatt Euch, wie es

sich gehörte, zur Sittsamkeit zu vermahnen und an Eure Bücher zu

schicken?«

»Weil ich nur allzu lange und zu sittsam über den Büchern gesessen habe,

Herr Pater. O, Sie werden mir doch noch meinen Horaz abhandeln; ich habe

ihn allgemach so fest im Kopfe, daß er mich nur noch dumm macht!

Amsterdamer Ausgabe, Frontispiz von Romyn --«

Der Mönch winkte abwehrend mit der Hand.

»Nein,« sagte er, »ich rede zu Euch, weil Ihr eben noch ein törichter

Knabe seid, und es dem Alter so gut tut, die Jugend bei sich zu haben,

wenn es der Jugendtollheit gedenkt. Wie war es denn? Ja, als sie sich

besonnen hatten um des kleinen Häufleins, das mit Just von Burlebecke

jubilierend die Hand auf sie legte, da bliesen sie Alarm. Damals war

Höxter auch noch ein volkreicher Ort, voll Handels und Gewerbe, und es

gab keine Ruinen und wüste Stätten in den Ringmauern. An den tollen

Christian dachten sie nicht, sie sahen nur auf Just und seine zwanzig

Reiter. So griffen sie denn nach den Spießen und Büchsen. Es ist ein

lustig Schlagen gewesen; aber hier auf dieser Stelle erschossen sie dem

Herzbruder den Gaul, und so kam er zu Boden unter den Gaul und die

Fäuste von Huxar. Seinen Gesellen ging's dann natürlich auch nicht

anders; zu Hunderten schwärmten sie um den Trupp, holten sich ihrerseits

manchen blutigen Kopf, aber schlugen doch auch wacker zu und rissen die

Eroberer mit Haken und Stangen von den Pferden. Das ist denn ein Gezerr

gewesen, bis die alten und verständigen Leute es möglich machten, sich

durch das Getümmel zu zwängen und Vernunft zu sprechen. Da nahm der

Stadtschreiber das Protokoll über den Fall zu Papier, und als sie es auf

dem Papiere hatten, da ging ihnen das richtige Licht auf, und sie

kriegten ein Grauen über ihre eigene heldenmütige Tapferkeit und das,

was sie sich durch dieselbige eingebrockt hatten.«

»Sie überlegten sich, daß der Christian dem guten Ritter Just nachtrabe

und nicht bloß mit zwanzig Mann,« lachte der Student.

»Mit neuntausend zu Roß und zwölftausend zu Fuß, wie ich es Euch schon

sagte. Als ich nachher mit den Liguisten dem Administrator nachritt,

hörte ich die ganze Historia. Ei ja, es war von da an für Rat und

Bürgerschaft an diesem schlimmen Flußübergang ein beschwerlich Ding,

sich durch die Zeiten und Parteien zu winden.«

»Und heute ist's schier noch nicht besser,« meinte Herr Lambert; doch

der Mönch erwiderte:

»Hättet Ihr das Höxtersche Blutbad erlebt, auch selber eine Pike an der

Mauer geführt, Ihr würdet wohl anders sprechen. Seht Euch um danach und

hütet Euch fernerhin, Eure Hand zu bieten, noch mehr der Ruinen zu

machen.«

Dann fuhr er in seiner Erzählung fort:

»Sie lachten auch in des Tilly Hauptquartier allhier zu Höxter; Merode

lachte, Dem von Piccolomini wackelte der Bauch, und der Savelli

schüttelte sich unter seiner großen Perücke. Es gefiel ihnen allen die

Art, wie Just von Burlebecke die Stadt genommen hatte. Ich lag damals

bei dem Stadtschreiber und hab' sein Protokoll mir zeigen lassen. Es war

ein erbärmlich Gekritzel und Gekratz, gerad ob als die rote Ruhr mit dem

Hasenfuß bei seinem Federkunststück am Tische gesessen habe. Und Just

als ein wackerer Kavalier hatte auch seinen Namen darauf gehauen, und

der ging über die halbe Seite und jede Überschrift von Bürgermeister und

Ratmannen dick und schwarz weg wie ein Kürassierregiment durch ein

Erbsenfeld. Einen ganzen Abend hat mir der Stadtschreiber von dem

Rittmeister Just erzählen müssen; -- wie sie ihn unter dem Gaule

vorzogen, wie sie ihm den Rock bürsteten, wie der eine mit dem Pistol

kam, das er dem Gemeindemeister an den Kopf geworfen hatte, wie der

zweite den Degen brachte, der ihm im letzten Ringen abhanden gekommen

war, und wie der Hader und das Blutvergießen in eine Festivität auf dem

Rathause auslief. Ja, den ganzen Tag hat man getafelt und getrunken zu

Ehren Justs von Burlebecke und seiner Reiter -- den tollen Christian

eingeschlossen! Da haben sie Brüderschaft gemacht und sich mit tränenden

Augen in den Armen gelegen, der Bürgermeister von Höxter und Just von

Burlebecke, und am Abend hat man der Stadt Judenschaft angehalten, den

guten Kavalieren eine Reiterzehrung zu zahlen, und sie mit Triumph, der

Stadt Musici vorauf, vor das Tor gebracht und sie mit einem höflichen

Complimentum an die Fürstlichen Gnaden von Halberstadt ihres Weges

reiten lassen, und nicht einer hat sich um diese Stunde so fest auf dem

Gaule gehalten wie am Morgen beim Einsturm ins Stummerigentor.«

»Ich hab' doch auch schon manche Tür im Sturme genommen, aber so galant

hat mich noch nie ein hochedler Senat oder Magistrat darob traktiert,«

sagte der Student lustig-kläglich; und in diesem Augenblick erscholl das

erbarmungswürdige Weibergeschrei aus dem Hause, vor welchem vordem Just

von Burlebecke unter den Fäusten von Huxar an der Weser gelegen hatte.

Wir wissen, wer da schrie.

Zwölftes Kapitel.

Sie stutzten alle in der Gasse, vor allen übrigen jedoch der Mönch und

der Student.

»Sankt Veit,« rief der Bruder Henricus, »will die Mordnacht nie zu Ende

gehen? Hier, hier Corvey!«

Er eilte gegen das Haus, aus welchem der Schrei hervordrang, und von den

Klosterknechten sprangen auch schon einige von der Brandstelle her.

Der französische nachgelassene Unrat lag vor der Tür der Kröppel-Leah in

höheren Haufen als sonst irgendwo in Höxter, und ehe der Bruder Studio

dem Bruder Heinrich von Herstelle mit einem Sprung über den Unflat

nachfolgte, schwang er natürlich den Hut in die Luft und jauchzte:

»Itzt, römscher Jüngling, zuck dein Schwert

Und sei der edlen Eltern wert;

Färb rot die See mit Pönerblut,

Verlach, verlach des Pyrrhus Wut;

Wirf nieder den Antiochum,

Sein syrisch Königreich stürz um;

Und mit Kanon und Flintenknall

Scheuch fort den grausen Hannibal!«

Das alles war nun gerade nicht nötig; allein Eile tat nichtsdestoweniger

not. Herr Lambert sprang und überholte infolge seiner Sprünge den

watenden Benediktiner um einen Schritt auf der Treppe. Von allen, die

auf den neuen Notschrei herzuliefen, befanden sich der Bruder Henricus

und der Student auf dem Schauplatze des Jammers und im Handgemenge mit

den Unheilstiftern, ehe ihnen irgend jemand von der Abtei und der Stadt

Hülfeleistung und Handreichung tun konnte. Keine gesperrte Tür hielt sie

ja auf; und dem Mönche voran sprang der Bruder Studio ein in das

Quartier des Sergeanten vom Regiment Fougerais und der lustigen Mamsell

Genevion von dem nämlichen Regimente.

Sie kamen zur richtigen Zeit, wenngleich nicht für die drei Höxterschen

Ruffiane. Der brave Fährmann Hans Vogedes hielt eben die Greisin auf dem

Boden, ihr die Gurgel zusammendrückend, sein einer Raubgenosse zog mit

groben Fäusten die zeternde Simeath an den Haarflechten durch das

Kämmerchen, der andere der Halunken hatte bereits das armselige Bündel

mit der Gronauschen Erbschaft unter dem Tische hervorgezerrt, kniete

gierig wühlend und verstreute fluchend den Inhalt um sich her auf dem

schmutzigen Boden. Die Lampe des armen Vaters Samuel und das flammende

Haus desselben verbreiteten ihren Schein über diese häßliche Szene, wie

sie Callot so gern zeichnete und malte in dem scheußlichen Jahrhundert,

dem alle Gegenwärtigen angehörten. Sechzehnhundert solcher Bilder hat

Maitre Jacques gefertigt bis zum Jahre 1635, und der einzige Trost für

uns liegt darin, daß seine Erbin zuletzt doch das Kupfer sämtlicher

Platten dieser ^misères et malheurs de la guerre^ in Küchengeschirr

verwandelte und ihre Suppen darin kochte.

»^Ecce iterum Crispinus!^« schrie der Student, gegen den die Kehle der

Greisin freilassenden Hans Vogedes losstürzend. Im weit ausholenden

Schwung warf er ihm zuerst den steifen Schweinslederband seines Flaccus

auf die Nase, daß sofort das Blut hervorströmte.

»Da hast du dein Recht auf römisch, du Mauskopf!«

Und schon hatte er ihn selber an der Gurgel und auf dem Boden, ehe der

Fährmann sein Mordbeil aufgreifen konnte. Mit beiden Fäusten aber erhob

der Bruder Heinrich von Herstelle sein mächtig Schlachtschwert und ließ

es flach auf den Schädel des Strolches fallen, der die Simeath

bedrängte. Der dritte der Raubbrüder ließ feige das Bündel der Alten im

Stiche, sprang empor und wollte mit einem Satz über den

niedergestreckten Leib seines Kameraden die Tür, die Treppe und die

Gasse gewinnen, fiel aber auf der Treppe den heraufpolternden

Klosterleuten und dem ihnen nachkeuchenden tapfern und weisen Hauptmann

und Gubernator Meyer in die Arme. Sie fingen ihn zärtlich auf und

drückten ihm fast die Seele aus dem Leibe, und ganz gutwillig ließ er

sich in der Stummerigenstraße die Hände auf dem Rücken zusammenschnüren.

So war die Schlacht hier denn fast eher beendigt, als sie begonnen

hatte, und neben den beiden auf der Erde zappelnden Besiegten stehend,

blickten die zwei Sieger, Bruder Mönch und Bruder Studio, einander sogar

ein wenig verwundert darob an.

Doch jetzo trat der Herr Hauptmann Meyer herein und sah sich seinerseits

ein wenig in dem Gemache der Kröppel-Leah um.

Militärisch grüßend und auf den Fährmann und seinen Gesellen deutend,

fragte er dann:

»Mit Permission, mein Pater, wie ist es nun mit der Gerichtsbarkeit in

Höxter? Hier haben wir den Casum von neuem, behalten wir von Stifts

wegen die beiden Lümmel, oder schicken wir sie dem Bürgermeister Merz?

Hängen wird sie ja doch wohl Corvey in Anbetracht, daß Bischöfliche

Gnaden der Stadt das Blutgericht genommen haben?!«

Zweifelnd krauelte sich der Bruder Henricus am Ohr; doch der Student

nahm ihm das Wort vom Munde:

»Einen schönen Gruß von mir und einen Handkuß desgleichen an den alten

E--, an die hochehrbare Exzellenz von Huxar, Herrn Thönis Merz, und ich

-- Lambert Tewes, schicke ihm hier was und erbitte mir dafür morgen ein

Viatikum auf den Weg nach Wittenberg von wegen geleisteter Dienste fürs

gemeine Wesen. Macht keine langen Worte, behaltet nur ein einziges Mal

Eure Weisheit und ^sesquipedalia^ -- Eure sechs Fuß langen

Bedenklichkeiten -- für Euch. Den Hans da empfehle ich Euch und dem

Bürgermeister besonders, Centurio. Gebt es ihm mit der Weinrebengerte

gleichfalls mit einem Kompliment von mir.«

Der Hauptmann sah höchst verdrießlich auf den seine Würde so wenig

achtenden Redner, doch der Bruder Henricus meinte lächelnd:

»Für diese Nacht wird's wohl das beste sein, daß wir tun, wie der

Tollkopf vorschlägt, Herr Kapitän. Sagen Sie auch meinen Gruß dem Herrn

Bürgermeister. Des Stiftes Rechte zu wahren, stellen Sie zwei Mann zu

der Ratmannswacht vor den Turm.«

Der Hauptmann hob wiederum martialisch den Hut; die zwei blutenden

Hausfriedenbrecher wurden hinaus- und die Treppe hinuntergeschleift, und

der Bruder Heinrich sowie der Student fanden nunmehr die erste Muße,

sich nach den beiden armen Frauenzimmern umzusehen, die sie in so

tapferer Weise aus den Klauen der ihrer französischen Einquartierung,

dem Herrn von Turenne und dem Herrn von Fougerais, nachtumultuierenden

Huxarienses errettet hatten.

Das junge Mädchen kniete auf dem Boden und hielt den Kopf der alten Frau

im Schoße.

»O, Großmutter, Großmutter,« schluchzte es, »sag doch was, sprich doch

nur ein Wort, wir leben noch, sie haben ihren Willen nicht vollführen

können! Die guten Herren haben uns von ihren Griffen erlöst, dem hohen

Gott sei Dank! -- -- Ach, Großmutter, besinne dich!«

Die Greisin zuckte fürs erste nur mit den Armen und krampfte die Finger

auf und zusammen; der Benediktiner beugte sich zu ihr herab und

leuchtete ihr mit der kleinen Lampe ins Gesicht.

»Der Bösewicht hat sie arg gewürgt. Helft mir, Herr Student, wir wollen

sie auf das Bett tragen. Es ist ein Jammer, daß wir den arzneikundigen

Bruder Briccius hier nicht vorhanden haben. Der würde sie uns in einem

Augenzwinkern wieder aufrecht hinsetzen.«

Herr Lambert Tewes hatte bereits den Kopf der Alten der Simeath aus den

Armen genommen; der Mönch faßte sie an den Füßen, und so trugen die

beiden sie auf das Bett des Sergeanten; der Student mit einem

verstohlenen Seitenblick auf das hübsche zerzauste Judenmädchen.

»Trockne deine Tränen, schwarzlockige Neära,« sagte er gutmütig. »Tu's

mir zu Liebe -- das alte Mütterchen hat in seinem langen Dasein mehr

ausgehalten als solch ein Katzengekrall; -- eure Patriarchen und

Patriarchinnen haben ein verflucht zähes Leben, und Großmutter kommt

diesmal noch sicher darüber weg auch ohne den Bruder Briccius.«

»Ich will es dem edlen Herrn nie vergessen!« rief Simeath nur noch

lauter weinend; und dann beugte sie sich, griff nach der Hand des wilden

Scholaren und wollte eben die Lippen darauf drücken, als Meister Lambert

ihr seine Pfote rasch entzog und ihr einen laut schallenden Kuß auf den

Mund gab.

»So steht's geschrieben in den Legibus der Julia Karolina, und Herr

Mynsinger von Frundeck, der Kanzler, wußte wohl, was er tat, als er den

Paragraphum einschob.«

Errötend trat das junge Kind gegen das Lager der Greisin zurück; der

Mönch hatte wohl ein wenig die Stirn gerunzelt, doch er hatte allzu viel

um die allmählich wieder ins Bewußtsein zurückkommende Kröppel-Leah zu

tun, um allzu genau auf die sonstigen Vorgänge in seiner Umgebung achten

zu können. Mit dem Wasser aus dem Kruge des Vaters Samuel rieb er der

Alten die Schläfen; -- da nieste sie endlich und stieß einen heiseren

Schrei aus, und dann saß sie wirklich aufrecht auf dem Stroh und sah aus

stieren Augen umher. Der rote Schein der niedersinkenden Feuersbrunst

leuchtete noch immer in das Gemach.

»Salzkotter Quartier. Die Liguisten in der Stadt!« stöhnte sie und fiel

zurück, die Hände über die Augen schlagend.

»Sie ist noch nicht ganz bei sich -- das Feuer wirrt sie,« murmelte der

Bruder Henricus gegen den Studenten gewendet. »Sie sieht wieder den

Gründonnerstag von 1634. Wir gaben kein Quartier, weil in Salzkotten uns

keines gegeben worden war.«

Und der Greis legte auch die eine Hand auf die Stirn und stützte sich

mit der anderen gegen die Wand mit den unzüchtigen Zeichnungen des

Regiments Fougerais:

»Herr, Herr, mein Gott, wann kommt der Frieden in deine arme Welt?!« --

Lambert Tewes stand nun ernst genug mit untergeschlagenen Armen da.

»Höxter und Corvey!« sagte er finster. »Meine lutherischen Väter standen

für Stadt und Stift. Die Liga war's, die Höxter in Trümmer legte und

Sankt Viti Sarkophagen zerbrach. Eure fremdländischen Obersten und

Kavaliers waren es, die die Gebeine unter sich verteilten, welche der

Kaiser Ludwig hierher an die Weser getragen hatte.«

»So ist es,« sagte Heinrich von Herstelle. »Das ist die Historia von

Höxter, und ich -- bin Mönch zu Corvey! Ich zog für die Liga; für den

Winterkönig, die schöne Elisabeth und den tollen Christian ritt Just von

Burlebecke, der mit mir aufgewachsen und von meiner Mutter mit mir

erzogen war.«

»Just von Burlebecke!« klang es wie ein Echo von dem Bette her, und

unterstützt von der Enkelin deutete die Greisin mit zitternder,

schwankender Hand auf den Erdboden, wo ihre Erbschaft zerstreut lag.

Dreizehntes Kapitel.

Der Student griff eben seinen Horaz, den er diesmal zum ersten Male in

dieser Historie als unwiderlegbares Argument gebraucht hatte, auf. Das

Buch lag mitten zwischen dem von der Diebeshand zerwühlten Trödel, und

Lambert, drüber hinblickend, rief:

»Bei Merkur und Radamanth, ist das der Köder, der das Geschmeiß anzog?

Mutter Leah, das habt Ihr aus dem Fürstentum Hildesheim auf Eurem alten

Buckel nach Höxter geschleppt? O Moses und all ihr Propheten, wenn der

Titus nicht mehr aus Jerusalem mit sich geführt hätte, so würde das

^spolium^, der Plunder, wahrlich nicht der Mühe gelohnt haben.«

Das war richtig, und einen erfreulichen Eindruck machte die

Schaustellung, die jetzt der Zufall und die Räubertatze bewerkstelligt

hatten, nicht; armselige Wäschestücke, wohlfeile zinnerne oder bleierne

Schaumünzen auf alle möglichen Ereignisse, kaiserliche, schwedische und

französische Viktorien und Niederlagen -- ein halbverbranntes

hebräisches Gebetbuch mit silbernen Beschlägen und sieben Stück

schlechter Löffel! Eine Halskette von böhmischen Glasperlen mit einem

kupfernen Kreuz und ein zusammengedrückter winziger silberner Becher

waren die wertvollsten Gegenstände, eine kupferne Pfanne und ein kleiner

eiserner Kochtopf die umfangreichsten, bis auf die Decke von dem

Sterbelager des Gronauschen jüdischen Mannes.

»Was weißt aber du von Just von Burlebecke, Weib?« rief der Bruder

Henricus bewegt, die Hand der Greisin fassend.

»Ich hielt seinen blutigen Kopf in meinem Schoß hier vor meines Vaters

Tür,« sagte die alte Leah, mit Mühe die Worte hervorstoßend. »Sie hatten

ihm das Roß erschossen, und niemand wollte den schlimmen Feind im Anfang

aufheben. Ach und doch hub damals der Krieg erst an! Da -- da, sucht; er

gab mir ein Angedenken, das ist aus einer Hand bei uns dann in die

andere gekommen. In Gronau hab' ich es wiedergefunden.«

Die Kröppel-Leah fiel wieder zurück auf das Stroh, der Student hielt dem

Benediktiner sein Buch noch einmal hin:

»Was meint Ihr, Reverendissime, jetzt werfe ich's zum übrigen, und wir

fangen das Trödlergeschäft in Kompagnie an. Was leget Ihr aber in den

Handel ein?«

Der greise Mönch stieß ihn nunmehr wirklich von sich; er kniete schon

und suchte auf dem Boden. Mit unsicherer Hand warf er die Lumpen und

Lappen hin und wider und ließ das Küchengeschirr und die erbärmlichen

Raritäten und Kostbarkeiten untereinander erklingen.

»Beim heiligen Vitus,« rief er plötzlich, »das ist meiner seligen Mutter

Werk! Sie gab die Handschuh ihm, als er vor mir auszog. Sie war im

Herzen für die neue Lehre; ich ging für meinen Vater zu den

Kaiserlichen! Das ist Justs Handschuh mit meiner Mutter Spruch: Geh

grad! -- O Frau, o Leah, meine Mutter hat mit ihrer guten Hand die

Goldfäden gezogen!«

Der Bruder Henricus hielt einen Reiterhandschuh, der mit verblaßtem

Golde gestickt war, und nahm hastig, doch gerührt, von neuem die

fieberhafte Hand der alten Jüdin:

»Das hat er Euch gegeben, Leah?«

Die Greisin strich die weißen, durch das Ringen mit dem Räuber gelösten

Haare aus der Stirn und sagte:

»Ich verstehe den gnädigen Herrn Abt nicht.«

Sie war noch immer nicht ganz bei sich, oder die Betäubung trat doch

immer noch von neuem ein.

»Des tollen Herzogs toller Reiter, Just von Burlebecke!« rief der Bruder

Heinrich, sich wieder an den Studenten und die kleine Simeath wendend.

»Er hat noch ein gut und lustig Jahr gehabt; dann ist er bei Stadtloo im

Ernst erschossen, und niemand hat sein blutend Haupt mitleidig in den

Schoß genommen, Leah!«

»Wie war denn das?« murmelte die Alte. »Es ist soviel nachher gekommen

-- der Herr Feldmarschall von Tilly und im Jahre Neunundzwanzig der Herr

Schwede Baudissin -- nein, Neunundzwanzig war's der Tilly wieder und der

Herr von Pappenheim. Der General Graf Baudissin erstürmte Zweiunddreißig

die Stadt. -- -- Dann war der blutige Gründonnerstag -- Vierunddreißig.

Anno Vierzig berannten Seine Exzellenz der Feldzeugmeister Piccolomini

Höxter. Die kamen mit Akkord herein, aber Sechsundvierzig stürmte wieder

der Herr Feldzeugmeister Wrangel; -- wer redete da von dem Herzog

Christian und Just von Burlebecke? Welch ein Jahr schreiben wir heut,

Simeath?«

Das junge Mädchen nannte leise die Zahl, und die fiebernde Greisin

flüsterte mit geschlossenen Augen:

»Gott Abrahams! der Herr ist der Herr der Heeresscharen; Zebaoth ist

sein furchtbarer Name.«

»Das sagte mein Oheim vorhin auch,« meinte der Student, im schaudernden

Unbehagen die Schultern in die Höhe ziehend.

Der Bruder Henricus hatte den Schemel an das traurige Bett der

Kröppel-Leah gerückt und saß nun da nieder, sein rostiges Schwert zu

seinen Füßen.

»Ja, ja,« sagte die Greisin, in ihrem verwirrten Sinn sich

zurückdenkend, »ich erinnere mich wohl. Wir waren jung, und der Krieg

kam eben erst aus dem Böhmerlande zu uns herüber. Mein Vater war der

einzige Jüd, der in Höxter wohnen durfte, und ich ein jung Mädchen,

Simeath. Wir freuten uns noch des Sommers, und der junge Kavalier ritt

mit Lachen in das Stummerigentor. Was trieb mich aus dem Haus? Es ist

einerlei -- ich trocknete ihm mit meinem Sacktüchlein das Blut von der

Stirn. Seine Kriegsgesellen schlugen sich noch mit der Bürgerschaft; er

aber sah mich an und sagte: ^Merci, mademoiselle!^ er wußte ja nicht,

daß ich ein jüdisch Mädchen war. Dann kam der Herr Bürgermeister, und

mich zog mein Vater ins Haus, und meine Mutter schlug mich. Sie hörten

in der Stadt, mit wie großer Macht der Herzog Christian im Anzuge sei,

und da pokulierten sie zusammen auf dem Rathause. Ja, ja, und am Abend,

ehe sie ihn vors Tor geleiteten, kam er auf dem edlen Pferd, das ihm die

Stadt gegeben hatte, vor meines Vaters Haus, und ich saß am Fenster, und

er warf mir seinen Handschuh zu und eine Kußhand und rief: >Denkt an

Just von Burlebecke, Fräulein; er wird Eurer immer lieb gedenken!< Und

doch wußte er da schon, daß ich eine Jüdin sei -- er war aber ein guter

Ritter, und ich habe seiner wirklich oft gedacht. Meine Mutter schlug

mich noch einmal am Abend und mein Vater dazu: denn der Rat hatte die

Reiterzehrung, die er dem guten Ritter verehrte, auf den jüdischen Mann

gelegt. Den Handschuh hab' ich heimlich versteckt, sonst hätten sie ihn

mir mit einem Fluche vor der Nase verbrannt. Dann haben meine Kinder

damit gespielt; es ist ein Wunder, daß er noch da ist; -- meine Kinder

sind tot, dreimal hat mein Haus im Schutt gelegen. Ja, ich hab' des

tapfern Ritters Handschuh von Gronau mitgebracht, o ehrwürdiger Herr,

nehmet ihn und lasset es die Simeath nicht entgelten, daß Ihr ihn bei

uns fandet. Helfet dem unschuldigen Kinde, der kleinen Simeath, durch

diese Nacht!« --

Das alles war mehr geröchelt als gesprochen worden. Die Greisin schwieg

jetzt und atmete im Halbschlaf schwer weiter. Der Greis sprach:

»So ist es, Mutter; wir beide denken noch zurück an die Zeiten des

Friedens. Als meine Mutter diesen Handschuh dem Just aufs Pferd reichte,

da vermeinte freilich noch niemand, daß länger denn ein Menschenalter

durch das deutsche Volk durch einen See von Blut waten werde unter einem

Himmel rot und qualmig von den brennenden Städten!«

»Was kümmert's mich?« schrie die Kröppel-Leah scharf und schrill aus

ihrem Traum heraus. »Meine Väter haben nie Frieden gehabt seit dem

Kaiser Titus. Was kümmert's uns, was ihr gemacht habt aus eurem Lande?

Ich ängste mich um Luft; der Schubjack hat mir die Brust zerschlagen,

doch ich wollte singen in dieser Nacht, wenn die Simeath nicht wäre.«

»Die Großmutter hat recht mit dem guten Kaiser Titus,« flüsterte der

Student dem Kinde zu. »Nun bin ich auch ein Römer -- ^civis Romanus

sum^, und kenne mein Latein, Jungfräulein; aber für uns beide soll das

kein Grund sein, uns die Gesichter zu zerkratzen.«

»O, freundlicher Herr, scherzet jetzt nicht!« rief Simeath, die der

Greisin eben wieder den Wasserkrug an die Lippen setzte.

Leah trank gierig und lange; dann stieß sie den Krug zurück und setzte

sich wieder kräftig auf. Sie wachte nunmehr vollständig und sah hell

umher.

»Laß ihn, Kind! Er tut wohl, daß er sich lachend in die Welt schickt.

Die Zeit schwingt und schwingt; -- auch seine Stunde wird kommen, wo er

mit gerunzelter Stirn auf den schweren Pendul sieht. Ehrwürdiger Herr

Mönch, Sie waren ein Reiter, nun sind Sie ein Bruder zu Corvey -- Ihr

seid auch ein alter Mann; habt Ihr den Frieden gefunden in den Mauern

der großen Abtei?«

Der Bruder Heinrich von Herstelle hatte, die Stirn mit der Hand

stützend, in tiefen Gedanken gesessen, auf die Frage fuhr er auf und

wiederholte sie:

»Den Frieden?«

Er zog wie im Spiel den Handschuh Justs von Burlebecke an; dann sprach

er:

»Den Frieden? -- Geh grad! -- Den Frieden? Weshalb sollt' ich auch den

Frieden zu finden wünschen? Ich bin kein gelehrter Mann, wie hier der

Herr Student, der den heidnischen Philosophum, den Horatius, auswendig

weiß; ich kann's nicht sagen, wie's mir zumute ist. In meiner Jugend

habe ich Freude gehabt am bunten Leben; -- hab' ich denn den Frieden

suchen wollen, als ich ein Mönch wurde? Ja, ja, -- denn bei Sankt Veit,

es wird wohl so sein! Ei ja, dann hab' ich ihn gefunden. Ich bin

freilich ein alter Gesell, und da hab' ich mein Genügen zu Corvey; aber

-- geh grad! -- die Zeiten haben mich gelassen, wie ich war, als ich

anfing, mich zu besinnen in der Welt. Was Blut und Feuer?! Da das uns

vom Herrgott bestimmt war, so mag auch Er -- sein Name sei gepriesen --

die Rechnung beschließen. Sie wird wohl stimmen, sowohl für ihn als für

uns.«

Die Alte lachte rauh:

»Da seid Ihr also auch auf dem Trost, der uns gesungen wird seit den

Tagen des Königs Nebukadnezar. Die Stolzen beugen sich, und der Herr

lacht über sie -- -- -- --«

»Und dieses alles, weil gestern der Lump, der Monsieur Fougerais, von

Höxter abmarschiert ist!« rief jetzt der Student ungeduldig dazwischen.

»Zum Teufel, den Frieden haben wir erst dann, wenn niemand mehr sofort

nach dem Prügel im Winkel greift, wenn er sich darauf gespitzt hat zu

hören: Vivat Doktor Luther! und es ihm vom andern Tisch herkrächzt:

Vivat Clemens der Zehnte -- oder umgekehrt! Der Fougerais ist fort -- --

^Nunc est bibendum, nunc pede libero^

^Pulsanda tellus^ --

das Lied vom Trinken und Tanzen ist zwar schon nach der Schlacht bei

Aktium gesungen und auf den Niederfall der Königin Kleopatra von Ägypten

gemünzt; aber ich münze es häufig auf was anderes, und tausend Jahre

nach mir wird man's auch so halten. Item, man hat Jerusalem mehr als

einmal wieder aufgebaut, Mutter Leah.«

»Doch die Fremden hausen auf der Wohnstätte des Samen Abrahams, junger

Herr. Die Kinder von Juda und Israel irren als ein Spott und Spuk

zerstreut; sie haben keinen Ort mehr, da sie Herren ihres Hauses und

Leibes sind. Auch für Euch ist noch keine Zeit, den Siegestanz zu

tanzen, junger Herr. Wollt Ihr wirklich dem Herrn von Fougerais und dem

großen Marschall Turenne nachsingen und tanzen? Sie haben Höxter leer

genug gemacht.«

»Meines hochwürdigsten Herrn zu Münster glorreiche Verbündete!« murmelte

der Bruder Henricus. »Lasset das Tanzen noch eine Weile, Herr Studente.«

In diesem Augenblicke erfüllte von neuem ein heftiges Getöse die Gasse

und näherte sich dem Hause der Kröppel-Leah.

Vierzehntes Kapitel.

Wann die Hochwasser sich verlaufen haben, dann hängt der Schlamm noch

für lange Zeit an den Büschen und überdeckt Wiesen und Felder, und es

bedarf mehr als eines klaren Regens und heitern Sonnenscheins, um das

Land der Wüstenei wieder zu entledigen. Und wenn die Flut gar in die

Städte und Stuben der Menschen drang, dann ist das, was sie hineintrug

und zurückließ, gleichfalls nicht so bald ausgekehrt und vor die Tore

abgefahren.

In diesen schlechten und stinkenden Tagen sieht aber der Herr mit

Vorliebe auf solche leichte, unverwüstliche Gesellen, die lachend über

den Schmutz weghüpfen und ihre Hand zur Hülfeleistung gern und lachend

da anbieten, wo sich mancher Ehrbare, Wohlweise und Hochansehnliche mit

Ekel und Unlust abwendet und die Sache sich selber überläßt. Der Herr

der Heerscharen hatte nach dem französischen Abzug in Höxter seine

Freude an dem relegierten Helmstedter, Herrn Lambert Tewes.

»Inkommodieren sich Euere exzellenten Liebden nicht,« rief der Student.

»Redet das Beste hinter meinem Rücken von mir; ich werde mich

erkundigen, was für einen neuen Unfug da die alte Bosheit, Meister

Beelzebub, in Huxar ausgebrütet hat. Hab' ich es nicht ein Dutzend Mal

gesagt: -- ^neque tectum neque lectum^, das ist die einzig stichhaltige

Devise für diese Nacht!«

Er sprang hinaus, doch die diesmaligen Hausfriedensbrecher kamen ihm

bereits an der offenen Pforte entgegen, an ihrer Spitze sein Oheim Ehrn

Helmrich Vollbort, der Pfarrherr bei St. Kilian.

Der, Ehrn Helmrich, hatte, während am Bett der Kröppel-Leah über den

Handschuh Justs von Burlebecke gehandelt wurde, in der Stummerigenstraße

sein Zwiegespräch mit dem Bürgermeister Thönis Merz eifrig fortgesetzt

und willige Horcher im erbosten gemeinen Wesen von Huxar gefunden.

»So haben sie wiederum der Stadt Negotien nach ihrem Willen geordnet,

die Herren von Corvey,« hatte er zornig gesprochen. »Wird sich

lutherische Bürgerschaft auch diesmal wieder den Maulkorb selber

überhängen? Lutherisches Kirchenamt wird reden und sich nicht den Mund

verbieten lassen!«

»Wir haben doch auch geredet, Ehrwürden; -- aber was hilft's?« meinte

der Bürgermeister.

»Was es hilft? O ihr närrischen Leute, klingt es euch denn noch nicht

genug in die Ohren von dem Gnaden- und Segen-Rezeß, den euch der von

Galen, so sich Bischof von Münster und euer Landesherr nennt, über

dieselbigen gleich einer Schlafhaube ziehen wird? Behaltet nur das Wort

in der Kehle und die Faust im Sack nach eurer faulen Art und wartet das

nächste Jahr ab. Den Hechtsfang und sonstige schnöde Nichtigkeiten wird

man euch wohl lassen; aber eure Kirchen und Schulen wird man euch vor

den Nasen schließen; dann sehet, ob ihr die Schlüssel mit euren Netzen

wieder auffischen werdet aus dem Fluß.«

»Was sollen wir tun?« rief der Bürgermeister, und -- »Was sollen wir

tun, Ehrwürden?« klang es im Haufen zornig und weinerlich nach.

»Der Herzog --« wollte Herr Thönis Merz schwachmütig von neuem beginnen,

doch der alte eifrige Prediger unterbrach ihn sogleich:

»Redet mir nicht von dem Braunschweiger. Der rückt euch nicht mehr über

die Weser zur Hülfe. Ihr krochet vor ihm, wie ihr vor dem Münsterer

krochet, und sie lachten hinter eurem Rücken über euch. Greifet selber

an und zu, wie und wo ihr könnt, weichet nur zollbreit, rücket immer

wieder zu, Artikul für Artikul; lasset euch das Geringste als das

Höchste sein. Was wollt ihr noch viel verlieren?«

»Das weiß der liebe Gott!« ächzte die lutherische Bürgerschaft von

Höxter.

»Der weiß es und hilft denen, die sich selber helfen wollen,« sprach

Ehrn Helmrich Vollbort feierlich. »Lasset diese Nacht nicht vergehen,

ohne daß ihr euch rührt gegen Corvey. Sie sind heimgezogen und zu Bett,

wir aber sind wachgeblieben. Werfet Panier auf gegen das Stift; fordert

mit heller Stimme, sei es, was es sei; lasset den Kampf nicht schlafen

gehen, wie die Mönche schlafen gegangen sind. Bei Sankt Veit schwören

sie, wir aber rufen den allmächtigen Gott, -- voran gegen Corvey!«

»Sie haben uns der Jüden Geleit genommen; wir aber haben es auf dem

Papier,« meinte zaghaft der Bürgermeister.

»Lasset den Tag nicht dämmern, ohne daß die Abtei sich einem neuen

^Factum, Actum et Gestum^ gegenüber finde; wir sind in dem Kriege, den

sie wollen, und den letzten Frieden wird Gott der Herr machen.«

»Die Jüden aus der Stadt!« schrie gell eine Stimme aus dem Haufen, und

hundertstimmig folgte der Ruf: »Fort mit den Jüden aus Höxter! Unser

Recht! unser Recht! unser Recht!«

Schon drängten sich wütend die Weiber vor:

»Sie standen mit den Franzosen auf du und du! Sehet ihre Häuser, -- sie

blieben unversehrt, während in unseren kein Stuhl und keine Bank heil

blieb! -- Sie zahlten dem Turenne! sie zahlten dem Schandkerl, dem

Fougerais -- sie konnten sich loskaufen, und die hohen Offiziere lagen

bei ihnen und ließen bei uns ihr wüstes Volk nach Belieben hausen. Die

Jüden, die Jüden aus der Stadt! Weg mit den Jüden aus Höxter!«

Nun stehen auch wir abermals einem Faktum gegenüber: das Wort, das in

der lutherischen Bürgerschaft fiel, fand seinen vollen Widerhall in der

katholischen. Zum zweiten Mal in dieser Nacht stürzte sich ganz Höxter

auf seine Juden, und selbst der Gubernator, der Herr Hauptmann Meyer,

ging mit, -- widerwillig freilich; aber sie zogen ihn freundlich, an

jedem Arm einer -- rechts die katholische, links die evangelische

Kirche.

Den Meister Samuel samt seiner Familie nahmen sie von der Gasse vor

seinem brennenden Hause, die zwei oder drei anderen Familien holten sie

zusammen, und so kamen sie im greulichen Gedränge, das elende jammernde

Häuflein halbnackter Menschen in ihrer Mitte, und hielten mit

ohrzerreißendem Lärmen vor dem Hause der Kröppel-Leah, um auch die mit

ihrem Enkelkinde abzurufen und mit den übrigen, Corvey zum Trutz, vor

das Tor zu führen.

Der Mönch war aufgestanden von seinem Schemel und hatte auch das

hussitische Schwert vom Boden wieder aufgegriffen; der Student aber trat

den eindringenden Höxterschen Würdenträgern im Vorgemach entgegen,

kümmerte sich um den Bürgermeister und den Hauptmann gar nicht, nahm

dafür jedoch den Pfarrherrn von Sankt Kilian mit zärtlicher

Unverschämtheit in die Arme und rief:

»^Mon Dieu^, der Herr Onkel -- nach zwei Uhr morgens noch in der

schädlichen Winterluft! Was verschafft mir die Ehre in _meinem_

schlechten Quartier?«

»Fort, Narrenspiel!« sagte der Alte, mit kräftiger Faust den Neffen vor

die Brust schlagend und ihn von sich stoßend.

»Was wünschen die Herren?« fragte der Bruder Henricus von der Schwelle

der Kammer des Sergeanten; und der Gubernator Meyer trat geduckt vor,

mit dem Federhute in der Hand, und stotterte:

»Ehrwürdiger Pater, das Haus und die Gasse ist voll von ihnen -- von den

Unsrigen und Ihrigen. Sie kommen und fordern alle dasselbige. Sie kommen

Arm in Arm gegen die Jüden und wollen sie in dieser Nacht noch vor die

Mauer setzen.«

»Und wir nehmen nur unser Recht, ehrwürdigster Herr Pater,« rief der

Bürgermeister. »Wir haben der Juden Geleit gehabt vor und nach dem Jahre

Vierundzwanzig und sind durch den Frieden auch ^in specie^ dieses

Punktes ganz und gar restituieret. Das weiß man zu Münster wie zu

Corvey, und zu Höxter ist da kein Unterschied des Glaubens. Wir kommen

alle um unser Recht.«

Der Pfarrherr von Sankt Kilian stand mit untergeschlagenen Armen und sah

finster auf den Mönch; der Bruder Henricus aber sah einzig und allein

auf ihn.

»Sie stehen in einem schlimmen Schein, Herr Pastore,« sprach der Mönch.

»Die Flamme des Brandes züngelt noch hinter Ihrem Rücken; hatte dieses

nicht Zeit, bis die Asche und der Schutt dieser Nacht kalt geworden

waren?«

»Ich komme mit den Leuten, die mir in dieser selbigen Nacht das

friedliche Haus stürmten und mit Steinen auf mich und mein Weib warfen.

Ändert es, Herr; -- das ist Höxter und Corvey!«

Es hatte sich während dieses Gesprächs immer mehr des Volkes in das

Gemach eingeschoben. Schrill rief eine Weiberstimme den Namen Leahs und

auf der Straße schrien Hunderte ihn nach. Der Bruder Henricus hatte den

Stadthauptmann zornig am Arm gepackt und schüttelte ihn: »Wo sind Eure

Leute -- sendet einen Boten nach Corvey -- o Sankt Veit und -- Kreuz

Element, bei meiner Reiterehre, der erste, der einen Schritt voran tut,

liegt mit blutiger Platte am Boden! Hier für Corvey! Münster und

Corvey!«

»Höxter und Corvey! Her mit den Jüden! Weg mit den Jüden! Höxter und

Corvey!« schallte es zurück; und nun tat der Student einen Satz fast bis

an die schwarze Decke des Zimmers:

»Höxter und Corvey! Kann ich den Ozean still brüllen und sollte Huxar

nicht stillen?! Bei meiner Burschenehre, wer im Tummel kennt mich als

guten Kameraden und den einzigen Höxteraner mit Grütze im Hirnkasten?

Wollt ihr nun Vernunft annehmen oder nicht? He Wigand -- Wigand

Säuberlich, tu's mir zuliebe und bring mir die Zeter-Liese da vor dir

zur Räson und nach Hause. An die Kröppel-Leah wollt ihr? ^Et tu Brute^,

mein Sohn Hans Rehkop?! Donner und Teufel, seid ihr für Höxter und

Corvey, so bin ich, Lambert Tewes, diesmal für Juda und Israel.

Helmstedt gab mir ^consilium abeundi^, -- Höxter ^relegatio in

perpetuum^, nicht wahr, Herr Onkel? Aber Jerusalem hat mich seit Jahren

ernähret, getränket und gekleidet; -- hier für Juda und Israel, und

wer's gut meint mit Höxter und Corvey, der schreie mit: ^Vivat

Hierosolyma!^«

Nun hatte er die Lacher auf seiner Seite und damit ein Großes gewonnen.

Schon aber hatte er sich im engeren Kreise umher gewandt, und da schlug

er den Bruder Henricus auf die Schulter:

»Wissen Sie noch ein und aus in Höxter, Herr Pater?«

»Sankt Veit!« rief der Mönch, ratlos nach der Decke aufschauend.

»Ihr, Herr Burgemeister?«

»O je, o gütiger Himmel!« ächzte Herr Thönis Merz.

»Ihr, Herr Gubernator?«

»Du hast mich gekannt, ehe mir der braunschweigische Algierer, der Noht,

die Trommel abnahm, Lambert; das ist mein Trost und meine Reputation.

Jetzo gehe ich nur, wie man mich schiebt.«

»So gehet Euren Weg, Herr Oheim,« sprach der Student zu dem Prediger bei

Sankt Kilian, und --

»Ja!« antwortete Ehrn Helmrich Vollbort und trat über die Schwelle in

das Kämmerchen der alten Jüdin.

Vernunft? Wer ist eine Stunde nach der Sündflut imstande, Vernunft

anzunehmen?!

Fünfzehntes Kapitel.

Auf das »Ja« des Predigers hatte der Bruder Henricus die Achseln

gezuckt, aber er war zur Seite getreten und hatte ihm weiter kein

Hindernis in den Weg gelegt. Der Student sagte:

»Nicht einmal ein Citatum aus dem Flacco fällt einem ein.«

Am Bette der Großmutter saß Simeath und blickte angstvoll zu dem

finstern Mann im schwarzen Chorrock auf:

»Großmutter ist eingeschlafen!«

Ehrn Helmrich Vollbort beugte sich über das Stroh und das kümmerliche

Kleiderbündel darauf; dann nahm er die Lampe des Meisters Samuel vom

Tische und ließ den Schein auf das Bett fallen:

»Erhebe dich, Weib. Willst du in dieser elenden Stadt die einzige sein,

die da schläft in dieser Nacht?«

Wahrlich, das war so: die Kröppel-Leah schlief! Da hielt der Bruder

Heinrich von Herstelle die übrigen nicht mehr; -- sie drangen in das

Gemach, so viel ihrer es halten wollte. Lambert Tewes schlug den Arm um

die zitternde Simeath:

»Fürchte dich nicht, Juda hat seit der Makkabäer Zeit keinen bessern

Kavalier gehabt als mich. Das Stift ist zu Bett; treiben sie es noch

weiter, so können auch noch andere Leute als der luthersche und

päpstliche Küster Sturm in Höxter läuten. Machen sie es allzu bunt, so

steht der Besen immer in der Ecke, und wir kehren und fegen mit den

Juden auch Höxter wie Corvey doch noch in die Weser!«

Das war ein freches Wort; aber es war Wahrheit dahinter. Es wurde

gelacht im Haufen, und eine haarige Faust hob einen ansehnlichen

Knotenstock gegen die Decke:

»Immer mit dem Zaunpfahl, Bruder Lambert! Gib du das Feldgeschrei, du

Sakermenter. Es sind genug vorhanden, die endlich Ruhe in der Wirtschaft

haben wollen. Höxter und Corvey in die Weser, und -- Vivat der heilige

Veit am Corveytor! Nimm du das Kommando, Lambert!«

Höxter und Corvey: Erzählung · 第 5 / 7 题