Vernunft!? -- --

Sie machten ein großes Geschrei und schüttelten das schlafende alte

Judenweib an der Schulter. Sie hob noch einmal den Arm, als wolle sie

das Gesicht gegen einen Schlag schützen; aber dann fiel der Kopf schwer

zurück und auch der Arm wieder herab, der Leib streckte sich, und der,

welcher sie an der Schulter gerüttelt hatte, trat betroffen zurück und

rief:

»Zum Donner, die weckt keiner mehr in Höxter und Corvey!«

Da stieß das Kind einen Jammerruf aus und warf sich über die Großmutter,

doch die Großmutter konnte auch auf die arme Simeath nicht mehr achten.

»Sie hat nun freilich die Stadt verlassen, und es war nicht nötig, daß

wir mit Stangen und Schießgewehr kamen, sie zu holen,« sagte der Bruder

Henricus gegen Herrn Helmrich Vollbort gewendet. »Es sind nur Minuten,

da fragte sie mich, ob ich den Frieden gefunden habe.«

Der Pfarrherr von Sankt Kilian antwortete nichts, aber der Bürgermeister

murmelte:

»Selbst Herr Christoph von Galen müßte sie jetzo liegen lassen, wie sie

liegt. Herr Pastore, lasset uns zu den Bürgern sprechen und morgen auf

dem Rathause ein weiteres bereden. Ihr Leute, wer von euch will diese

Leiche vor die Mauer schaffen?«

Da ging ein Murren durch die rohe Gesellschaft in der Schlafkammer des

Sergeanten vom Regiment Fougerais, und es kam die verdrossene

Entgegnung:

»Dazu ruft die Gildemeister auf oder ladet sie Euch selber auf den

Buckel.«

Es wurde Raum im Gemach und Platz auf der Treppe; vergeblich hatte sich

schon seit einiger Zeit der Bruder Heinrich von Herstelle nach seinem

Studenten umgesehen. Im richtigen Augenblicke erschien dieser wieder auf

der Schwelle, des Meisters Samuel zitterndes Weib, die Siphra, vor sich

herschiebend:

»Jetzt laßt das Heulen, Mutter. Die Kinder schaffe ich Euch auch, und

wenn's den Trost vollkommen macht, den Alten gleichfalls. Da, hebt das

arme Mädchen auf und sprecht zu ihr. Euer Haus liegt nieder, also nehmt

hier Quartier und richtet Euch ein; es wird Euch niemand mehr stören.

Höxter geht zuletzt doch auch zu Bett, also haltet Eure Totenwacht.«

Vernunft! -- Wenn einer in dieser Nacht in Höxter an der Weser Vernunft

gesprochen hatte, so war das der Tod gewesen.

Die gute Munizipalstadt Huxar benutzte in dieser Nacht nicht mehr ihre

Judenschaft, um einen politischen Widerhaken in das Fleisch des Stiftes

Corvey und des Bistums Münster zu schlagen. Wir wären vollkommen zu

Ende, wenn wir nicht aus vielfacher Erfahrung wüßten, daß der

hochgünstige Leser deutschen Geblütes sich so leicht nicht zufrieden

gibt.

Im großen Refektorium der berühmten Benediktiner-Abtei Corvey sah's um

diese frühe Morgenzeit wunderlich aus. Nachdem der Vater Adelhardus von

Bruch von seinem Bogenfenster aus den Feuerschein über Höxter zur Genüge

beobachtet und glossiert hatte, täuschte er das Vertrauen des Subpriors

Herrn Florentius von dem Felde nicht. Behaglich schaudernd hatte er an

seine geistlichen Brüder in der rauhen Winternacht gedacht, und bei der

Heimkehr hatte des Stiftes Armada wirklich ihr Warmbier in den

dampfenden Krügen auf den langen Eichentafeln aufgetischt gefunden; dazu

die Öfen in Glühhitze und den Cellarius item und bereit, jegliches Lob

von Prior und Probst bescheidentlich, aber seines Wertes bewußt,

entgegenzunehmen.

Nun lag die Abtei zum zweiten Male in den Federn, aber der Vater

Adelhardus hatte sich noch größer erzeigt: er war nicht mit den andern

zu Bett gestiegen; einsam und allein hatte er inmitten der Halle, gerade

unter der großen Kupferlampe, Stand gehalten und auf seinen Sohn

Heinrich gewartet.

»In ihrer Selbstsucht sind sie hingegangen, nach genossenem Guten; mich

aber soll er finden, so er ^labente lingua^, mit lechzender Zunge,

anlangt!« Und der Bruder Henricus hatte seinen geistlichen Vater auf

seinem Posten gefunden, nachdem er mit seiner Schar den Pförtner zum

zweiten Male herausgeschellt hatte; und jetzo wollten wir, wir hätten

des weißen Papieres noch so viel vor uns als zu Anfang dieser echten und

rechten Geschichte, denn mit dem Bruder Henricus kam nun doch der Bruder

Studio gen Corvey, und sie schüttelten einander die Hände über dem

Tisch, der Pater Kellermeister und Meister Lambert Tewes.

Erst um fünf Uhr morgens dann hatte der Cellarius geseufzt:

»^Molliter, molliter!^ sachte, o sachte, mein Kind!« und die Warnung war

vonnöten gewesen, denn es war eben der Studente, der ihn zu Bette

brachte; -- und an des Kellermeisters Tür küßten sie einander, und der

Vater Adelhard schluchzte:

»Nach Wittenberg willt du, mein Junge? Junge, was willt du in

Wittenberg? -- Bleibe bei mir -- eine Bi-bli-_ooo_-thek haben wir auch,

-- ich will sie dir morgen zeigen; -- bleibe du in Corvey, mein braves

Kind -- ich zeige dir auch den Keller.«

»Na, alter Bursch, dieses wollen wir beschlafen. Seht Ihr aber, Pater

Henrice, so haben uns die Götter nach ihrem Ratschluß, dem Ihr schnöde

ins Angesicht sprangt, doch diesen Hafen zubereitet!«

Der Bruder Heinrich von Herstelle aber hatte das Haupt geschüttelt, als

er vor seiner Zellentür sein hussitisch Schwert gegen die Wand lehnte:

»Es ist nur eine gewesen, die den Hafen in dieser Nacht in Höxter oder

in Corvey erreicht hat.«

Der gute alte Mönch trug noch immer den Handschuh Justs von Burlebecke

an seiner linken Hand; jetzt zog er ihn ab und schlang ihn in den Griff

der Hussitenwaffe; er nahm das alte Angedenken nicht mit in seine Zelle.

Dem Studenten wies er ein Bett an, und zehn Minuten später sägte, sang

und raspelte Lambert, wie im Wettkampf mit ganz Corvey, Horen und Metten

zu gleicher Zeit. Da raschelte es im Abteihofe in einem Reisighaufen;

fürsichtig schob sich ein scharfbeschnäbeltes, rotkämmig Haupt hervor,

der eine Hahn, den der Gallier übriggelassen, das heißt, der dem

Küchenmesser sich entzogen hatte, wagte sich halb verhungert zum ersten

Mal aus seinem Versteck, schwang sich auf die Höhe des Reisigs und

krähete: Da horchte der Vater Adelhardus im tiefen Schlafe auf, -- und

es war [eine>>ein] neuer Tag geworden, gerade so grau und winterlich

stürmisch wie der letztvergangene.

In Höxter hielt das hebräische Völklein der toten Leah die Leichenwacht,

und die Weiber sangen den Trauergesang und sprachen der Simeath Trost

zu. Der Meister Samuel aber hatte noch ein anderes zu schaffen. Er war

mit Hammer, Säge und Axt beschäftigt, die Tür des Hauses der

Kröppel-Leah wieder einzurichten. Der Herd war bereits notdürftig in

Ordnung gebracht, und es flackerte auch schon ein Feuerchen darauf und

sang das Wasser in einem Kesselchen. Durch die Fenster zog freilich noch

immer der Wind; wenn jemand im siebenzehnten Jahrhundert in Deutschland

schwer zu beschaffen war, so war das der Glaser.

Ehrn Helmrich Vollbort saß eingeschlossen in seinem Studierstüblein,

welches nach dem Garten zu gelegen war und seine Scheiben noch

unversehrt hatte. Wahrlich ein Mann, so saß der Pfarrherr von Sankt

Kilian inmitten seines Rüstzeugs und spitzte scharfe Keile zum

Eintreiben in die Paragraphen und Fugen des drohenden Gnaden- und

Segen-Rezesses Christoph Bernhards von Galen, Bischofs zu Münster und

Administrators von Corvey, der eben mit dem französischen Louis Krieg

gegen Holland führte und gern das Seinige tat und riet, so beiläufig

Kolmar französisch zu machen. -- Der Bürgermeister von Höxter aber hub

eben an, die Gassen seiner Stadt nach dem französischen Abmarsch zu

kehren: -- er, Herr Thönis Merz, hatte des guten Exempels halber selber

einen Besen genommen und den zweiten Herrn Wigand Säuberlich höflich in

die Hand genötigt.

Nach Mittag inspizierte der Corveysche Gubernator und bischöflich

Münstersche Hauptmann Herr Meyer wieder einmal die Wacht am Brucktore

und warf spähende, argwöhnische Blicke über den Fluß nach dem

verdächtigen, nebeligen jenseitigen Ufer; er traute dem

Oberstwachtmeister Noht immer noch nicht, und dieser heimtückische Nebel

war ihm äußerst unbehaglich. Der alte Fluß rauschte und grollte wie

gestern über die zertrümmerte Brücke fort; doch ein neuer Fährmann war

bestellt worden und zwängte seinen Weg, keuchend, wie gestern Hans

Vogedes den Wassern ab.

Der Fährkahn schwamm auf der Weser, und in ihm stand, mit einer

Scholarenzehrung des Stifts Corvey in der Tasche und seinen Horaz unter

dem Arm, der Student Lambert Tewes und schwang den Hut dem Bruder

Henricus zu, der dem tollen Lateiner wohlwollend nachwinkte. Der Student

ging doch nach Wittenberg, obgleich er den Keller des Vaters Adelhardus

kennen gelernt hatte.

Nun trat eben der Hauptmann zu dem Bruder Heinrich von Herstelle, ihn zu

begrüßen; und der Bruder wendete sich zu ihm und sagte:

Ȇber Sie ist noch geredet im Konvent, Herr Gubernator. Man wird Sie bei

erster passender Gelegenheit Seiner fürstlichen Gnaden von Münster zur

Promotion vorschlagen, zum Avancement.«

Da lächelte der Hauptmann gerührt und meinte:

»Ein Gnadengehalt, vielleicht mit dem Titul Major, wäre mir wohl das

Annehmlichste. Ich bin und bleibe ein halber Mensch seit der verfluchten

Trommelgeschichte.«

Der alte, tapfere Mönch zuckte die Achseln und blickte wieder seinem

Freunde Herrn Lambert nach.

Zu dem sagte eben, als der Kahn drüben ans Ufer stieß, der Fährmann:

»Du willst also doch nochmalen in das gelehrte Wesen hinein, Tewes? Tu's

nicht; laß dir raten, bleib in Höxter. Wir stehen alle zu dir und machen

dich seinerzeit zum Burgemeister, du passest uns ganz und gar auf den

Leib.«

Da lachte der Student und zitierte noch einmal den Flaccus, doch jetzt

nicht in schlechten Reimen, sondern, wie er meinte, in guter poetischer

Prosa, selber verwundert ob des klassisch-melodischen Tonfalls:

»Unsinn trieb ich lange genug und tappte im Irrsal; ging um die Kirche

herum, ein Verächter der Götter und Menschen. Doch nun wend' ich das

Segel und rückwärts steur' ich bedenklich.«

»Na, noch ist's Zeit,« brummte der Fährmann, »besinn dich, Lambert. Es

ist nichts Kleines, Bürgermeister von Höxter!«

»Für heute lassen wir den alten Merz in Ruhe auf seinem kurulischen

Lehnstuhl, Jochen,« rief der Student, dem Schiffer die Hand drückend,

»dem Herrn Onkel und der Frau Tante möchte ich freilich schon das

Vergnügen und die Überraschung gönnen. Weißt du was? -- Ich komme

wieder!«

Damit sprang er ans Ufer und ging raschen Schrittes auf Lüchtringen zu.

Ich komme wieder! das wird oft und leicht gesagt. Dieser Helmstedter

Studiosus der Rechtsgelahrtheit ist zwei Jahre nach der Krönung des

ersten Königs in Preußen als Professor der Beredsamkeit zu Halle

gestorben, und sein Horatius soll sich in den vierziger Jahren des

achtzehnten Jahrhunderts in der Bibliothek des ersten Professors der

Ästhetik, Alexander Gottlieb Baumgarten, wiedergefunden haben.

Höxter und Corvey: Erzählung · 第 6 / 7 题