Höxter und Corvey

Erstes Kapitel.

Wir haben unsern Lesern immer gern die Tageszeit geboten, aber so schwer

wie diesmal ist uns das noch nie gemacht worden. In der Stadt Höxter

waren die Turmuhren sämtlicher Kirchen in Unordnung. St. Peter und St.

Kilian zeigten falsch, St. Nikolaus schlug falsch und bei den Brüdern

stand das Werk ganz still; nur auf Stift Corvey, eine Viertelstunde

abwärts am Fluß, befand es sich noch in geziemlicher Ordnung und hatte

sich auch eine Hand gefunden, die es darin erhielt und es zur rechten

Zeit aufzog. Es schlug vier Uhr am Nachmittage auf dem Turme der Abtei.

So viel für die Tageszeit. Was die Zeit sonst anbetraf, so schrieb man

den 1. Dezember im Jahre 1673: am 23. November 1873 beginnen wir unsere

Erzählung; es sind also gerade ungefähr zweihundert Jahre seit jenem

Wintertage vergangen. Maurer, Zimmerleute, Tischler, Schlosser, Glaser

und, vor allen Dingen, Uhrmacher sind am Werke gewesen, haben die Mauern

wieder aufgebaut, die Pfosten zurecht gerückt, die Türen eingehängt,

neue Fenster vorgeschoben und dafür gesorgt, daß auch die Turmuhren

wieder die richtige Zeit anzeigen. Es hatte viele Arbeit und große

Geduld gekostet; -- wehe dem, welcher von neuem frevelhaft die Hand

bietet, die Wände abermals einzustoßen, die Dächer abermals abzudecken

und die Türen und Fensterscheiben von neuem zu zertrümmern. Der

Gegenwart sei bemerkt, daß das Wiederaufbauen, das Auf- und Einrichten

zu allem übrigen stets auch viel Geld kostet.

Es war ein winterlicher, feuchtkalter Tag. Schweres Regen- und

Schneegewölk wälzte sich über den Solling. Die geschwollene, stets

hastige und übereilige Weser rollte ihre erbsengelben Fluten in

anscheinend völlig breiartigen Wirbeln aus den Bergen zwischen

Fürstenberg und Godelheim und Meigadessen her, quirlte durch das kahle

Weidengebüsch und das welke Röhricht der Ufer und ärgerte sich heftig

über jeden Widerstand, der ihr auf ihrem Wege aufstieß.

Solch einen Widerstand fand sie unter den Mauern der Stadt Höxter; denn

da traf sie nicht nur auf die Eisbrecher, sondern auch auf die

Pfeilertrümmer des uralten Völkerübergangs: die Brücke selber fand sie

wieder einmal, wie so häufig, nicht. Grimmig schäumte und kochte sie

empor an den bis auf den Wasserspiegel abgebrochenen Pfeilern und

Stützen; aber es war auch etwas wie ein Triumphjubel in ihrem Rauschen:

»Hoho, Menschenwerk! Menschennarretei! Hoho, drüber weg und weiter, dem

Weltmeer zu, und mitgenommen, was zu greifen ist! Das alte Spiel durch

die Jahrtausende -- Triumph!«

Die gelben Wellen der Weser mochten wohl höhnisch brausen. Sie hatten

die Brücken des Drusus und des Tiberius, des Königs Chlotar und des

großen Karl auf ihrem Nacken getragen an dieser Stelle; -- jedes

Jahrhundert fast hatte ein halb Dutzend Male für Krieg und Frieden hier

eine neue Brücke gebaut; -- Triumph! wo trieben heute die Balken und

Bohlen der letzten, die vor drei Jahren neu geschlagen wurde, und die

vorgestern Monsieur de Fougerais, der französische Kommandant von

Höxter, vor dem Abmarsche, seinem Feldmarschall Monsieur de Turenne

nach, hatte umstürzen lassen?

Vorgestern war Monsieur de Fougerais dem Marschall nach gen Wesel zu

abmarschiert. Ihre Hochfürstlichen Gnaden Christoph Bernhard von Galen,

Bischof zu Münster, Administrator zu Corvey, Burggraf zu Stromberg und

Herr zu Bordelohe, hatten Kaiser und Reich, sowie der Republik Holland

ihren französischen Trumpf ausgespielt: der Franzmann hatte es sich

bequem gemacht, wie der Deutsche es gewollt hatte; und, wie gesagt, die

Uhrwerke auf den Türmen vom Rhein bis zur Weser waren darob wieder

einmal in Unordnung geraten und zeigten die unrichtige Stunde oder

standen ganz still. Was die westfälischen Glocken anbetraf, so waren

deren eine ziemliche Menge von dem hohen Bundesgenossen des biedern

Reichsstandes mitgenommen worden, um in französische Geschützläufe für

die Reunionskriege, den Überfall von Straßburg und den spanischen

Erbfolgekrieg umgegossen zu werden.

Weiteres zu seiner Zeit. Vom Stift her wissen wir, was die Glocke

geschlagen hat; Christoph Bernhard hat dafür gesorgt. Es ist vier Uhr

nachmittags, und wir stehen im Bruckfelde am rechten Ufer des Flusses,

der zertrümmerten Brücke gegenüber und warten auf die Fähre, die man

nach dem Abzuge der wüsten gerufen-ungerufenen Gäste und Bundesgenossen

aus dem Westen eingerichtet hat.

Wir warten auf einige Leute, die da kommen werden, um sich nach Huxar

übersetzen zu lassen, und sie kommen auch, einer nach dem andern.

Der erste ist ein Mönch aus der Abtei, der unter dem dunkelziehenden

Gewölk von dem Landwehrturm unter dem Walde, dem Solling, auf dem

Feldwege her der Weser zuschreitet. Es ist der Bruder Henricus, vordem

in der Weltlichkeit ein Herr von Herstelle; sein Prior, Nikolaus, vordem

im Säkulum ein Herr von Zitzewitz, hat ihn vor acht Tagen mit einem

Briefe an den herzoglich braunschweigischen Vogt auf dem fürstlichen

Amtshause zu Wickensen abgesendet, und er hat den Brief hingetragen und

kann sonderbare Sachen erzählen.

An Stelle des Vogtes hat er auf dem Amtshause Seine Fürstlichen Gnaden

den Herzog Rudolf August selber vorgefunden und zwar in bester Laune,

den Vorgängen und dem französischen Trubel am linken Weserufer zum

Trotz. Der Herzog hatte den wohlpetschierten Brief des Herrn Priors von

Corvey erbrochen, und es ist ein anderes Schreiben -- französisch

abgefaßt und adressiert -- herausgefallen, welches die Fürstlichen

Gnaden zuerst gelesen haben, zu einem Drittel mit Stirnrunzeln und für

den Rest mit einem Lachen und Spott.

»Ihr tragt gewichtige Sachen im Lande Germanien um, ohne es zu wissen,

Bruder,« hat der Herzog gesagt. »Sintemalen wir nunmehro im Jahre

einundsiebenzig mit Gottes Hülfe und unserer Vettern Liebden Beistand

und freundlicher Handreichung unsere nunmehro zuletzt getreue

Landesstadt Braunschweig mit Waffengewalt und gutem Wort uns zu Willen

und Gehorsam gebracht haben, so danken wir dem Herrn Bischof von

Münster, sowie den Herren Prioren, Kanzlern und Räten von Corvey, wie

imgleichen dem Herrn Marschall von Turenne für freundliches Erbieten und

gedenken fernerhin, wie es uns zukommt, unserer Pflicht und fürstlichen

Eidleistung gegen Kaiser und Reich. Wünschen dagegen dem Herrn Marschall

eine glückliche Reise gen Wesel und haben Euch, ehrwürdiger Bruder,

augenblicklich nichts mitzuteilen, als daß Ihr, so lange es Euch

belieben mag, unser lieber Gast sein mögt; wie wir es gleichfalls in

Euer Belieben setzen werden, Euch in der Gegend umzusehen. Da uns das

Stift und das königliche Hauptquartier zu Höxter aber in Eurer Person

einen Mann geschickt haben, der nicht immer die Kutte trug, sondern

vordem auch den Harnisch und den Kürasserhelm, so verlassen wir uns

darauf, daß Ihr uns zu Hause ^in re militari^ loben und den Herren zu

Huxar und Corvey nach bester Kenntnisnahme empfehlen werdet.«

Da nun der Bruder Henricus außer seinem Schreiben willig auch den

mündlichen Auftrag mitgenommen hatte, sich in der Gegend rechts von der

Weser umzusehen, so machte er Gebrauch von der Einladung des Herzogs. Er

sah sich um, und jetzt kam er zurück, nachdem er sich umgesehen hatte.

Sehen wir uns ihn jetzt vor allen Dingen selber ein wenig genauer an.

Da stand er, auf seinen Wanderstock gestützt, im Bruckfelde an dem

mürrischen Strome und wartete geduldig, bis es dem Fährmann drüben am

Brucktor zu Höxter gefiel, ihn herüber zu holen. Und er sah trotz seinem

geistlichen Gewande wahrlich aus wie ein Mann, der wohl befähigt war,

seinen Vorgesetzten über die militärischen Zurüstungen und Vorkehrungen

Seiner Herzoglichen Gnaden zu Wickensen Bericht abzustatten, und zwar

einen sach- und fachgemäßen. Der Bruder Henricus von Herstelle trug sein

Benediktinergewand würdig und stattlich genug, doch mußte es auch dem

gänzlich Unbefangenen gar nicht unglaubwürdig erscheinen, daß von dieser

breiten Brust und diesen derben Schultern seiner Zeit der eiserne Panzer

ohne alle Beschwerden getragen worden sei. Daß die runzlige, aber immer

noch kräftige Faust vor Zeiten etwas anderes umschlossen habe als den

harmlosen Stab von Weißdorn, konnte dann einem irgend aufmerksamen

Betrachter auch weiter nicht zweifelhaft bleiben. Der Bruder Henricus

trug dem winterlichen Tage ins Gesicht die Kapuze zurückgeschlagen und

bot die Tonsur dem Wind, den vereinzelten Schneeflocken und den scharfen

Schauern seines Regens frei hin. Ein Kranz grauer, ein wenig borstiger

Haare umgab den runden wohlgeformten Schädel, und eine Narbe auf der

Stirn sprach von anderem und wilderem Zusammentreffen als mit den

Brüdern und Vätern in Gott und Jesu Christ bei der Hora und Mette. Der

Junker Heinrich von Herstelle war jetzt ein alter Mann, doch jung und

frisch auf den Beinen. Sein Räuspern selbst und sein Niesen klang

kräftig und mannhaft, und man konnte es dem Vater Adelhardus, dem

Stiftskellner, vordem ein Herr von Bruch, gar nicht verdenken, wenn er

die Freundschaft und gute Kameradschaft gerade dieses ehrwürdigen

Bruders jeglicher andern innerhalb der Mauern der Abtei vorzog.

»Wo die Brücke geblieben ist, kann ich mir schon deuten,« sagte der

Bruder Henricus kopfschüttelnd. »Ein Ärgernis ist es aber doch!« fügte

er hinzu, die Hand über die Augen legend und nach der Fähre ausschauend.

Er hatte noch zu warten, denn der Fährmann drüben zu Höxter beeilte sich

des einzelnen Fahrgastes wegen nicht. Faul hingestreckt lag er neben der

Wölbung des Brückentors auf seiner Bank und wartete auch; nämlich auf

die Ansammlung mehrerer Leute drüben am braunschweigischen Ufer.

Endlich kam der zweite Fahrgast. Diesmal ein altes Weibchen, das auf dem

Schifferpfade von Lüchtringen her heranhumpelte, keuchend unter einem

schweren Bündel; -- ein altes Judenweib, unter dem Namen Kröppel-Leah

dem Pöbel zu Huxar wohlbekannt, doch hochangesehen bei ihren

Glaubensgenossen; -- wegmatt, zeitmatt, kriegszerzaust und kriegerisch,

ja kriegerisch unter ihrem Packen trotz ihrem Alter und ihrer Müdigkeit

anzuschauen.

Mit tiefen Knixen und schüchternen Verbeugungen näherte sich die Greisin

dem greisen Benediktinermönch, der aber neigte das Haupt, winkte mit der

Hand und sagte:

»Der Gott Abrahams knöpfe dem Schlingel da drüben die Ohren auf. Tretet

heran, Frau: werft Euer Bündel ab und setzet Euch. Um uns beide rührt

sich der lüderliche Bursch fürs erste noch nicht.«

»Ich danke Euch, guter ehrwürdiger Herr,« erwiderte die Greisin. »Alte

Knochen, müde Füße, schweres Herz --, ich kann wohl in Geduldigkeit

warten.«

»Ich auch!« sprach der Mönch, und dann, mit einem Blick auf die durch

die Wirbel des Flusses vorragenden Trümmer der Brückenpfeiler, fragte

er: »Wisset Ihr, Mutter, vielleicht genauer, was das nun wieder zu sagen

hat? Wenn man sich auch das Seinige zurechtlegt, so hört man doch gern

eines andern Bericht. Als ich abging von Corvey, schritt ich noch

trocknen Fußes über die Weser.«

Die Greisin schüttelte den Kopf:

»Ich kann es nicht sagen, ehrwürdiger Herr. Anno Siebenzig am

siebenzehnten Januar hat es der Fluß selber getan. Vordem Anno

Sechsundvierzig tat es der Herr Feldzeugmeister von Wrangel; vordem

taten es Herr Kaspar Pflugk und die Herren Liguisten, -- vordem Herr

Christian von Braunschweig, den sie den tollen Herzog nannten.

Dazwischen dann wieder immer der Strom selber. Ja, wer hat's heute

getan?«

Der Bruder Henricus lächelte ein wenig.

»Was Ihr mir da eben ableiert, Frau, kann ich in seiner Richtigkeit für

mehr als einen Axthieb ^in persona^ bezeugen. Wo kommt Ihr denn her,

Frau?«

»Von Gronau, im Fürstentum Hildesheim. Da ist meiner Schwester Sohn

gestorben. Er war der letzte Mann in meinem Hause. Ich hab' ihn sterben

sehen und mir die Erbschaft geholt nach Höxter.«

»Hm!« murmelte der Bruder Henricus und sah auf das Bündel, auf dem die

Alte zusammengekauert hockte, und von dem sie aus scheu und furchtsam zu

ihm seitwärts aufblickte.

Zweites Kapitel.

»Um einen Mönch und ein altes Weib tu ich keinen Zug am Seil,« brummte

Hans Vogedes, der Fährmann, und räkelte sich auf seiner Bank von der

linken auf die rechte Seite; und die Bürgerwacht unter dem Torbogen

lachte ^in choro^ und stimmte ihm ganz und gar bei.

Es war eine wunderliche Wachtmannschaft, in deren Zusammensetzung

sich die ganze Verwirrung des Gemeinwesens aussprach. Zwei

Münstrisch-Corveysche Infanteristen schulterten da ihre Musketen; ein

Schuster, ein Zimmermann und zwei Schneider aus dem überwiegenden

lutherischen Teile der Stadtbevölkerung vom Rat aufgeboten, hatten sich

sonderlich gewappnet mit Helm und Harnisch aus der Liguisten- und

Schwedenzeit und lehnten martialisch an ihren Spießen und Stangen. Den

Oberkommandanten des Ganzen aber, Korporal Barthold Polhenne, hatte die

katholische Bürgerschaft aus ihrer Mitte unter Beistand des Stiftes und

der Minoritenbrüder in der Stadt gestellt: die Ordnung, die er hielt,

und die Autorität, deren er sich rühmen durfte, waren denn auch danach.

Niedergetreten vom schweren Stiefelabsatz des Herrn von Turenne, mit

Kontributionen bis zum letzten ausgesogen vom Herrn von Fougerais; von

der welschen Besatzung in den Häusern und auf den Gassen bis zum

äußersten in alles Elend und alle Wut hineingequält -- widerspenstige

Untertanen Seiner bischöflichen Gnaden von Münster, hungrige Bürger der

guten »Munizipalstadt Höxar«, -- kurz, armes, notdürftiges, geplagtes,

verwirrtes, deutsches Volkswesen, wie es aus dem Trümmerschutt des

Religionskrieges aufwuchs, gleich den Wurzelsprossen um einen gefällten

Baum -- es sah eben böse aus in Höxter nach dem Abmarsch der hohen

französischen Alliierten!

Drüben am rechten Ufer der Weser stand der Mönch bewegungslos auf seinen

Stock gelehnt, und Kröppel-Leah saß auf dem Bündel mit dem Nachlaß des

Schwestersohnes. Sie warteten ruhig ab, daß das Schicksal ihnen den

dritten Mann sende, um den Hans Vogedes vielleicht wohl fahren mochte;

und dieser dritte Mann erschien jetzt wirklich. Er kam durch das niedere

Feld und die Allerwiese vom Dorfe Boffzen her, -- auch ein alter Mensch,

hochgewachsen, dürr, im schwarzen Rock und Untergewand, weitbeinig und

energisch-eilig -- Ehrn Helmrich Vollbort, der Pfarrherr der

lutherischen Kilianikirche zu Höxter. Es schien ihm gut zu dünken, bald

nach Hause zu kommen, denn die Witterung wurde nicht freundlicher, und

die Dämmerung nahm immer mehr zu. Ob der Pastor auch noch andere Gründe

für seine Hast hatte, werden wir ja wohl erfahren; fürs erste, als er

die stattliche Gestalt des Benediktiners an der Fährstelle zu Gesicht

bekam, mäßigte er seinen Schritt; jedoch nur für die kürzeste Weile,

denn sofort trat er um so kräftiger auf und heran und grüßte kurz und

schweigend.

Höflich erwiderte der Bruder Henricus den Gruß; die Judenfrau erhob sich

mühsam von ihrem Sitze und knixte. Es war eine seltsame Gruppe, die

unter dem stürmischen, dunklen Himmel, vor den gelben grollenden, wild

hinstürzenden Wassern auf das Höxtersche Fährschiff zu warten hatte; der

Mönch von Corvey aber war der erste, dem das Schweigen peinlich wurde,

und der also auch zuerst den Mund auftat. Wahrhaftig, es ist zweihundert

Jahre her, aber auch der Bruder Heinrich von Herstelle begann mit einer

Bemerkung über das Wetter, und sie hatte dieselbe Wirkung wie

heutzutage.

»Es ist freilich ein rauher Tag,« erwiderte Ehrn Helmrich Vollbort, der

Pfarrherr zu Sankt Kilian, nach der Stadt hinüber und auf die

zertrümmerte Brücke sehend. »Ein Tag oder Abend, wie er wohl für Ort und

Zeit paßt.«

»Sie haben das richtige Wort gesprochen, Herr Pastor,« sagte der Mönch.

»Obgleich ich vom Hause abwesend war, so nehm' ich gern jede Anmerkung,

die hier und heute ^tempora et mores^ in ein Gleichnis bringt,

vollgeltend hin.«

Die jüdische Greisin, die sich wieder auf ihr Bündel niedergekauert

hatte, bedeckte das Gesicht mit der rechten Hand und seufzte schwer und

nickte verstohlen gleichfalls.

»Sie befanden sich nicht beim französischen Abmarsch im Stift, mein

Pater?« fragte der Pfarrherr.

»Ich trug einen Brief zum Herrn Herzog Rudolfus Augustus, -- nämlich ich

traf ihn mit Heeresmacht zu Wickensen, auf seinem Amtshause, -- ich traf

ihn mit Heeresmacht dort im Walde, im Solling.«

»Ei!« murmelte der Prediger von Sankt Kilian, hoch aufhorchend. »Die

Herren zu Corvey waren sich dessen vermutend? Hat der welsche Holofer

--«

Er brach ab und schloß -- seinerseits mit einem schweren Seufzer: »Es

ist gleich; wir bleiben, wie wir sind, in der Not. Der Wille des Herrn

geschehe, jetzt und immerdar.«

»Amen!« sagte der Bruder Henricus.

Das Fährschiff ließ noch immer auf sich warten; aber das Gespräch auf

dem rechten Weserufer war in Gang gekommen. Der Mönch fragte höflich und

der lutherische geistliche Hirt antwortete ebenso höflich, wenngleich

viel finsterer oder, sozusagen, verdrossener. Sie erfuhren beide

mancherlei voneinander, was ihnen wissenswert sein mußte. Was den Bruder

Henricus im besonderen anbetraf, so erfuhr der nunmehr ganz genau, in

welcher Weise diesmal die Höxtersche Brücke stromab geschwommen sei und

wie drüben, wieder einmal, das Haus wandlos und dachlos stehe, jedem

Regen- und Sturmstoß preisgegeben. Die jüdische Greisin murmelte

eintönig ihre Gebete vor sich hin, der schmutzige Fluß rauschte

mürrisch, und am Brucktor von Huxar rüstete Hans Vogedes sich endlich

zur Fahrt. Die sonderbare Wachtgesellschaft unter dem Tor hatte sich um

einen sonderbaren Menschen vermehrt, und dieser war's auch, der den

faulen Schiffer an sein Amt trieb.

Er war die Straße herabgekommen, die Hände in den Taschen, den Hut

schief auf den verwilderten Lockenkopf gedrückt, in abgetragenes

gelehrtes Schwarz gekleidet, eine kurze, gestopfte, doch nicht brennende

Tonpfeife im Munde, sein einziges Eigentum in dieser lustigen

Welt, ^Quinti Horatii Flacci poemata^ in einem abgegriffenen

Schweinslederbande im Sack und -- seine eigene Version des römischen

Poeten zwischen den Zähnen:

»Nun herrschet mit lockeren Flammen im Herzen

Die Thrakerin Chloe zu Lachen und Scherzen,

Nun singt sie, nun schlägt sie die Laute mir fein;

Zu doppeln ihr Leben setz' meines ich ein.«

Da wir mehr mit dem jungen Mann zu tun haben werden, so wollen wir

sofort sagen, wie er hieß, wer er war, und wie es mit ihm stand.

Mit Namen hieß er Lambertus Tewes, er war der Schwestersohn Ehrn

Helmrich Vollborts, des Predigers zu Sankt Kilian, und seines Zeichens

war er leider ein vor acht Tagen von der berühmten Universität, der

Julia Karolina zu Helmstedt, relegierter Studiosus der Jurisprudenz.

Sein Alter belief sich auf neunzehn Jahre und vielleicht ein halbes

drüber; sonsten war er heute wahrscheinlich der einzige Mensch

vergnügten, wohlwollenden und unbesorgten Gemütes in der Stadt Höxter an

der Weser, und der sich auch dergestalt natürlich gab. Zu der

schmauchenden Wachtmannschaft trat er heran, um sich Feuer auf seinen

Tabak geben zu lassen; zu versäumen hatte er sonst nichts und sah es

gern, wenn man ihm irgendwo, wie zum Exempel hier, augenblicklich Platz

auf der Bank machte.

»Rück zu, Schulkamerad, wenn du nichts Besseres vor hast,« rief einer

von der lutherischen Wacht, der mit dem Studenten vordem dem Höxterschen

Scholarchen durch die Hände gelaufen war. »Willst du aber über die

Weser, so wird dich Hans Vogedes sogleich mitnehmen und sogar umsonst,

das heißt, für ein Stück Latein aus deinem Tröster, während er das

Schiff löst. Nicht wahr, der Handel gilt?«

»Nicht wahr? Ei so!« lachte der verwilderte Helmstedter Bursch. »Du

fielst der alten Mutter Philosophia freilich eher aus der vielgeflickten

Schürze, als sie dich in den römischen und griechischen Topf schütteln

konnte! Nun, du hättest den Höxteranischen gelehrten Sauerkohl auch

nicht fetter gemacht.«

»Meister Polhenne, er fängt an, die Gemütlichkeit zu stören, sowie er

kommt. Man kennt deine Redensarten, du Träbernfresser.«

»Ruhe auf der Wacht. Magister Lambert, haltet den Mund; und Ihr,

Schuster Kappes, das Maul! Sonsten aber stimme ich auch für ein Stück

aus dem alten Heiden,« brummte der Korporal Polhenne.

»Gefällt Euch der alte Heide so gut, Korporal?«

»Hier am Ort ist niemand, der es da Euch gleich tut. Das Latein kommt

immer mehr ab in der Welt. Jesus, wenn ich an meine Jugendzeit denke,

und wie sie da es uns von den Kanzeln an die Köpfe warfen!«

»^O nata mecum consule Manlio^,« summte der Student, aber brach sogleich

ab, um seine Perlen nicht vor die Säue zu werfen, klopfte den Korporal

auf die Schulter und rief: »Lasset nur das Latein, Polhenne --

Corvinus vermahnt uns

Bedachtvoll und klug,

Das Faß aufzuwinden,

Zu heben den Krug.

Wie Sokrates redet,

Doch trinkt auch wie er!

So klingt schon beim Alten,

Beim Cato die Lehr.

Sagt, Jungen, was gibt es denn zu trinken am Ufer

des gelben Tibers -- will sagen, der gelben Weser?

Was hat euch der falsche Punier, der grimmige Unhold

Hannibal für euren und meinen Durst übrig gelassen?«

»Wenn Ihr den Fougerais meint, Magister -- da! da läuft es!« schrie wie

ein Mann wütend die Wacht am Brucktor zu Huxar, auf den Weserstrom

deutend.

»Dieses Faß wird Euch so leicht nicht auslaufen, Herr Doktor!« brummte

einer der Münsterschen Musketierer über die Schulter; der Student aber

schüttelte sich:

»Brr! -- er ist zuletzt abmarschiert, seinem Meister Turennius nach; --

^ultimo scabies^, die Krätze auf den Letzten. Bei den unsterblichen

Göttern, ihr Herren, da mag selbst dem Gutherzigsten der Germanen sein

kimmerischer Tag allzu grau werden, um den Horaz zu zitieren. Gebt mir

Feuer auf meine Pfeife.«

Das geschah, und in dem nämlichen Augenblick kam von drüben her über den

Fluß ein heiserer Ruf, und ein schwarzer Mann winkte durch die

Abenddämmerung mit seinem weißen Sacktuch. Herr Lambert Tewes, der sich

zweier Augen von Falkenart rühmte, sagte:

»Ich hab' ihn zu Hause gesucht, um noch einmal kläglich vor ihm zu tun.

Doch ^chère tante^, ehe sie mir die Haustür vor der Nase zuschlug und

verriegelte, tat mir kund, der Herr Oheim sei nicht zu Hause, sei über

die Weser zum Herrn Amtsbruder in Boffzen. ^Ecce vir excellentissimus^

-- ^avunculus divinus ac singularis^, -- und siehe ein Mönch und ein alt

Weib in den Handel! Hinüber, Fährmann, und holt mir den Herrn Oheim, ich

brauche ihn notwendiger, als ihr euch vorstellen möget, ihr Herren und

guten Freunde.«

»Ich hab' es dir schon lange gesagt, daß du dich endlich aufmachest,

Hans,« fiel einer der Spießträger bei. »Es ist unser Herr Pastore, der

zuletzt ungeduldig geworden ist.«

Das wirkte. Der Fährmann stand auf, reckte sich, gähnte, stieg in sein

Schiff und griff nach dem Seil. Seinen Platz auf der Bank nahm, wie

gesagt, der Student ein.

Schwer arbeitete sich der Schiffer mit seinem Kahn, gegen die mächtig

drängenden, winterlich geschwollenen Fluten an, hinüber zum anderen

Ufer. Die Wacht sah ihm mit behaglich-träger Anteilnehmung nach, und

Herr Lambert Tewes, den Rauch aus seiner kurzen Tonpfeife blasend,

summte:

»Mit Gleichmut nimm, was frommt, was dreut,

Die Welt fleußt gleich dem Strome her,

Der sanft in seinem Bette heut

Abgleitet zum Etruskermeer;

Doch morgen in Empörung schwillt,

Aus seinen Ufern überquillt,

Gesteine schiebt,

Den Wald zerstiebt,

Die Herde schluckt in seinen Bauch,

Den Hirten und die Hütte auch;

Wenn Jupiter der Menschheit grollt

Und schwarz Gewölk vom Pol her rollt.«

Drittes Kapitel.

Der Student hatte sich eben in solcher Weise die Ode seines römischen

Poeten an den Gönner Mäcenas mundgerecht gemacht, als das Fährschiff das

jenseitige Ufer der Weser erreichte. Mit einer höflichen Mützabnehmung

und mit einem Kratzfuß lud Hans Vogedes den lutherischen Geistlichen

ein, einzusteigen. Den Mönch von Corvey, den Bruder Henricus, grüßte er

auch, doch um ein bedeutendes formloser. Was die alte Jüdin anbetraf, so

machte er selbstverständlich Miene, vom Lande wieder abzustoßen, ohne

sie mit nach Höxter hinüberzunehmen.

Der Mönch aber hatte ihr für ihr Geld zu ihrem Rechte verholfen, zu

einem Sitze im Kahn, und auch der Prediger von Sankt Kilian war

zugerückt, um ihrem Bündel Platz zu machen.

Nun schwamm die Fähre von neuem der Stadt zu. Die beiden geistlichen

Herren saßen still, die Jüdin zusammengeduckt gleichfalls: der rohe

Fährmann murrte bei seiner freilich nicht leichten Arbeit immerfort

leise Schimpfworte vor sich hin und warf von Zeit zu Zeit einen

verstohlenen Blick auf den Sack, der die Erbschaft der Kröppel-Leah

enthielt. In der Mitte des Stromes fragte der Mönch:

»Wie geht es Euch da -- zu Hause, Schiffsmann, seit das fremde Volk

Abschied genommen hat?«

»Der Teufel hat sein Hauptquartier da behalten, Pater,« lautete die

Antwort. »In Corvey war groß Jubilieren -- sie werden auch Euch das

Essen warm gestellt haben. Höxar hungert und kaut Wut; Ihr werdet dort

wenige Hauswände finden, durch die der Wind nicht pfeift. ^Sacré^, wie

die französischen Hunde sagten, ich pfeife auch darauf, ich hab'

wenigstens nicht Weib und Kind zu versorgen. Um ein wenig besser

Handgeld wär' ich auch mit dem Fougerais abgezogen.«

Der Bruder Henricus seufzte: auch der Pastor Helmrich Vollbort seufzte

und schlug mit der Faust auf den Rand des schwerfälligen Fahrzeuges.

Der Pastor sagte dann:

»Der Mann spricht Ihnen die Wahrheit, Herr Pater, wie ich schon vorhin

sie sagte. Es sieht übel aus in der armen Stadt; der Herr bewahre uns

vor weiterem Schaden.«

Der wilde Fluß wand sich unter dem Kahn gleich einem bösen Tier.

»Die Welt ist gleich dem Strom,« fuhr der Pastor fort, »sie gehet

bedeckt mit Trümmern; aber der Herr wandelt dennoch auf den Wassern. Er

wird's wohl zwingen.«

»Amen!« erwiderte der Bruder Henricus, und dann wurde nichts weiter

gesprochen, bis der Kahn unter der Höxterschen ruinierten Stadtmauer ans

Ufer stieß. In demselben Augenblick schon sprang der Student von seiner

Bank am Brucktor auf und an den Rand der Fähre, zog den Hut zierlich,

bot dem Pfarrherrn von Sankt Kilian die Hand zum Aussteigen und sprach:

»Ehrwürden Herr Onkel, ich hab' mir vorhin wieder einmal die Ehre

gegeben, Ihnen in Ihrer Behausung aufwarten zu wollen. Die Frau Tante

hat mich hierher gewiesen ^ab ostio ad Ostiam^, von der Tür -- die sie

mir leider vor der Nase verschloß -- nach Ostia, will sagen an den

Hafen. Ich mache mein Kompliment, Herr Oheim.«

»Und ich habe Euch nichts weiter zu sagen, Herr! Was stellt Ihr Euch

immer von neuem mir in den Weg?«

»Heraus, Alte! marsch, -- her den Fährlohn und fort mit dir, du Hexe!«

schrie der Fährmann die Jüdin an.

»Gott Abrahams, gleich, lieber Mann!« rief die Greisin. »O, Erbarmen,

werdet nicht böse -- da, da!«

Sie reichte mit zitternder Hand die schlechten Pfennige hin und

stolperte und fiel, als sie mit ihrem Bündel über den Bord des Kahnes

stieg. Die von der Wacht lachten alle über das alte Weib.

Von dem Mönch nahm der Schiffer seinen Lohn, ohne weiter etwas zu

bemerken; aber die beiden Münsterschen Kriegsleute und der

Bürgerkorporal Polhenne hielten die Hüte in der Hand. Mit einem stummen

Gruße für alle und mit einem Kopfneigen für seine Glaubensgenossen

schritt der Bruder Henricus durch das Brucktor, den übrigen voran.

Die Kröppel-Leah trieb einer der wachthaltenden Schneider

spaßhafterweise mit dem Spießende zum eiligeren Forthumpeln an. Ihr sah

der Fährmann am nachdenklichsten jetzo nach und nahm einen und den

andern Kumpan aus dem Volk, das sich sonst noch an der Fährstelle

angesammelt hatte, zu einem Geflüster beiseite.

Der Student Meister Lambert Tewes hatte nach der kurzen und derben

Abweisung seines ehrwürdigen Verwandten den Hut wieder aufgesetzt; aber

als ein braver Bursch, der mit den Philistern umzugehen weiß, ließ er so

leicht nicht locker. Wenn er vorhin vom Etruskermeer gesungen hatte, so

begab er sich jetzt auf ein ander Gewässer, griff rückwärts nach dem

Horaz in seiner Tasche, um sich zu vergewissern, daß dieser Trostbringer

noch vorhanden sei, und summte, was voreinst dem Aelius Lamia

vorgepfiffen worden war, dem unwirschen Onkel Helmrich von Sankt Kilian

hin:

^Musis amicus, tristitiam et metus^

^Tradam protervis in mare Creticum^

^Portare ventis^ --

er sang es aber deutsch in absonderlicher Umschreibung:

»Der Wind pfeift hin zur Kreterflut,

Verdruß und Wut

Und Grämlichkeit

Fährt mit ihm weit!

Dem Musensohn kommt's närrisch vor,

Kratzt sich der Philosoph am Ohr;

es würde mir das Herz abdrücken, Ehrwürden Herr Oheim, wann ich als

Eurer Frauen Schwestersohn Euch so leichthin, ohne nochmals Eure Kniee

umfaßt zu haben, Eures Weges in Übelgewogenheit gehen ließe. Es ist wohl

wahr, sie haben mir ^Consilium abeundi^ gegeben, aber --«

»Und ich und meine Hausfrau haben desgleichen getan!« rief der Pastor

zornig. »Herr, haltet mich nicht länger auf; ich und mein Haus haben

nichts mehr mit Euch zu schaffen.«

Der Prediger ging schneller zu; aber der Neffe hielt sich hartnäckig an

seiner Seite.

»Bei den Penaten Eures Herdes, Herr Oheim --«

Er kam mit seiner Rede wiederum nicht zu Ende. Plötzlich stand der alte,

strenge Herr still und rief:

»Was wollt Ihr eigentlich noch, Monsieur, nachdem ich Euch meine Meinung

so deutlich gesagt habe? Ist das eine Zeit für Narrenteiding? Sehet Euch

um, ist das ein Schauspiel dem Auge, um dabei den Horatius abzuleiern?

Sehet mir in das Herz; -- in dem Hause Gottes haben die Fremden ihre

Rosse gestallt; in meiner Kirchen haben sie ihre Bacchanalia gehalten! O

rufet nur ^Evoë^, ^Evoë^, und lobet den Bacchus und die Venus, die --;

greifet Euch doch in das eigene Herz; ist denn das Volk der Teutschen,

das arme elende Volk -- hauslos und dachlos hier und an so mancher

anderen Statt -- in der Lust und Begierde, des römischen Poeten geile

Reime an sein schmerzend Ohr klingen zu hören?! Sehet um Euch, Mensch,

und gehet und lasset mich meines Weges gehen; was hülfe es Euch, daß Ihr

mit mir kämet? Auch bei mir würdet Ihr eine verwüstete Heimstätte und

einen kalten Herd finden.«

Der geistliche Herr hatte eine Handbewegung um sich her gemacht, und was

diese harte, magere, knochige Hand andeutete, das sah freilich trostlos

genug aus.

Sturm auf Sturm war seit dem Jahre 1618 über das Höxtersche Weichbild

hingefahren. Kein Chronist hat noch gezählt, wie oft dieser Ort, die

Fährstelle und Brücke am großen Völkerübergang zwischen Ost und Westen

dem Schwert und der Brandfackel anheimgefallen war. Aber die Ruinen, die

wüsten Stellen, die Ärmlichkeit der wenigen wieder aufgerichteten

Menschenwohnungen und diese in ihrer allerneuesten Verwüstung zeugten

davon. Gleich einem verwesenden Körper lag die Stadt Huxar in dem grauen

Abendlicht des Dezembers da, und die alten schwarzen Kirchen ragten wie

das Knochengerüst aus dem zerfallenen Fleische der Stadt. Und die Gasse

war voll des zerstampften Strohs, des Schutts, der Asche und Trümmer und

stank auch sonst dem Heer des allerchristlichsten Königs übel nach; der

Student hielt sich die Nase zu, schob den Hut von einem Ohr zum anderen

und nickte:

»Bei den Göttern, es ist ein Elend!«

Das war es; aber das Laster saß eben doch zu tief im Blut. Herr Lambert

zitierte wieder; wenngleich mit kläglichster Miene:

»Wem klagt das Volk des Reiches Fall,

Wen ruft es an mit Seufzerschwall?

Wen schickt uns Zeus als Rächer her,

Wem legt er in die Hand die Wehr?

Dein Licht verhüllt, schwing nieder dich,

Augur Apoll errette mich, --

^ad Augustum Caesarem^ ist die Ode überschrieben, Herr Oheim.«

»Den Herrn sollt Ihr anrufen; sein Name ist Zebaoth! Emanuel ist sein

heiliger Name!« sprach der Pfarrherr, die drohende Hand erhebend und

weiter schreitend. Jetzt ließ der Student und Neffe ihn ziehen und stand

still und sah ihm nach und dann noch einmal sich um in Höxter.

Viertes Kapitel.

»Die Vetternschaft und zärtliche Verwandtschaft hätten wir demnach also

vergeblich begrüßet!« sagte der in die Wildnis ausgetriebene Bürger und

ungeratene Sohn der erlauchten und erleuchteten Mutter Julia Karolina.

»Sie haben mir immer meinen Weichmut vorgeworfen; aber hier habe ich es

wahrlich nicht an Hartnäckigkeit fehlen lassen. Da hab' ich doch getan

und versucht, was meine seligen Eltern nur verlangen konnten. Ein

anderer wär' längst grob geworden und hätte der lieben Frau Tante und

dem Herrn Onkel den Stuhl vor die Tür geschoben; nur solch ein

gutherziger Gesell wie ich läßt sich dreimal aus ihr herauswerfen, ohne

auf die ihm von früher Jugend an eingebläute Pietas den Teufel

herabzubeschwören. Alle Höllengeister, erlöset mich von dem weichen

Gemüte!«

Er kratzte sich bedenklich am Krauskopf, obgleich er vor zehn Minuten

noch jeden Weltweisen, der dergleichen tun würde, arg in gebundener Rede

gelästert hatte. Dann griff er von neuem hinterwärts in den Sack, traf

aber auch diesmal auf wenig mehr drin als auf den Günstling des Mäcenas,

den Liebhaber Glycerens, den Freund des Varus, -- auf den alten sonnigen

Schäker, den Flaccus. So stand er in der beginnenden deutschen

Winternacht, als plötzlich der weiße Benediktinermönch, der Bruder

Henricus, abermals an ihm vorbeiging. Der Frater hatte noch einen Besuch

bei dem Minoritenprediger, den der Fürstbischof Bernhard von Galen der

katholischen Kirche in Höxter als Hirten vorgesetzt, abgestattet, hatte

ihn jedoch nicht zu Hause angetroffen und war, vom Küster zu Sankt Peter

beschieden, ihm nach dem Hause des Bürgermeisters Thönis Merz

nachgegangen. Er hatte seinen Minoriten richtig gefunden und sein Wort

mit ihm ausgetauscht, und nun war er auf dem Wege zum Corveytor.

»^Salve Domine!^« sagte der Student recht freundlich; und der Mönch

schreckte auf, wie es schien, aus recht unbehaglichem Gedankenspiel. Er

grüßte aber auch freundlich mit einer Verneigung und wollte damit ruhig

an dem jungen Gelehrten vorüber; aber so glatt ging dieses doch nicht.

Herr Lambert Tewes ging sofort mit ihm und führte die Unterhaltung

weiter.

»Sie gehen nach Hause, ehrwürdiger Herr Pater?«

»Ich gehe nach einer langen, mühsamen Wanderung durch die arge Welt heim

in meine Zelle.«

»Und Sie wissen also wohl gar nicht, wie gut Sie es haben, mein Pater?«

Trotz seiner Verstimmung mußte der Alte doch lächeln, und seinen Schritt

mäßigend, fragte er:

»Sie gehen bei diesem üblen Wetter noch nicht heim, gelehrter Herr

Studiosus?«

»Wie gerne!« seufzte der Student; »aber haben Sie auch einmal, Herr

Pater, einen Onkel und eine Tante gehabt? O heiliger Kilianus, in welche

Hände ist dein Haus übergegangen! Ich hatte so sicher da auf eine

Abendmahlzeit und einen Strohsack unter dem Schutze deines Marterzeugs

gezählt! Ehrwürdiger Herr, sehet hier; als sie mich von Helmstedt

wegtrieben, ließ ich ihnen meine Schulden und nahm ihnen diesen

Göttersohn in Schweinsleder aus ihrer Bibliotheka mit. Den werde ich nun

bei dieser lieblichen Witterung die Nacht über in einer dieser

Höxterischen Ruinen an einem eingefallenen Herde als Kopfkissen nehmen

müssen. Was meinen Sie aber, mein Pater, wenn Sie ihn mir abhandelten um

ein Billiges? Wenn Phöbus nicht längst diesem niederträchtigen

Erdenwinkel den Rücken gewendet hätte, würde ich das Volum Ihnen gern

zur genauen Besichtigung ^ad oculos^ rücken. Es ist eine treffliche

Edition -- ^Amstelodami, ex officina Henrici et Theodori Boom^ -- mit

einem Frontispizium vom berühmten Maler und Kupferstecher Romyn de

Hooghe; he?!«

»Ich war ein Reitersmann in meiner Jungheit und habe schon und leider

als Junker Heinrich von Herstelle meines Informators Latein an den

Büschen hängen lassen,« erwiderte der Mönch. »Ich danke Euch herzlich,

mein lieber junger Freund, und befehle Euch dem Schutze des

Allerhöchsten. Sonsten haben wir auch zu Corvey eine mächtige,

fürtreffliche Bücherei, und sie würden mich weidlich auslachen, wenn ich

von der Reise dergleichen ihnen mitbrächte und zutrüge.«

»Eulen nach Athen,« murmelte der Student. »Ich will's aus Höflichkeit

glauben; also -- vergnügliche gute Nacht, mein Pater.«

Der Mönch verneigte sich abermals und ging; der Helmstedtsche Studiosus

blieb und rief, als der Bruder Henricus ihm aus Gehörweite entfernt zu

sein schien:

»Also wiederum abgeblitzt! Da lohnte es sich in Wahrheit, seinen

Musquedonner oder seine Schnapphahnflinte zu laden! Pulver und Blei!

^Palsambleu! mille millions tonnerres!^ kein Fluch in teutscher Zunge

kann da ausreichen, um einem Menschenkind Luft zu machen. Da nimmt der

Pfaff meinen warmen Sitz am Corveyschen Stiftsküchenfeuer in seiner

Kutte mit hin; aber -- das ist die Zeit, so ist die Zeit! so sind sie

alle -- gleichviel ob katholisch oder lutherisch aufgewichst! o du

heiliger Simson von der Kollegienkirche! o ihr Fleischtöpfe der ^alma

mater Julia^! o du lange Burschenbank im Ducksteinkeller! -- Und solch

einem Böotier hab' ich meinen Lauriger für ein Nachtessen angeboten?!

Schäme dich, Lambertus, und geh in dich! Bei den Unsterblichen, es

bleibt also bei einem Nachtquartier in den Ruderibus des Herrn

Feldzeugmeisters von Wrangel. Gesegnet sei sein Angedenken! gesegnet sei

sein Durchmarsch nach dem Allgäu zum Bregenzer Sturm! Gesegnet seien

seine Kartaunen und Bombarden von Anno Sechsundvierzig! Da kriegte man

doch wahrlich Lust, selbst den Tilly und den Generalfeldmarschall von

Gleen und das Jahr Vierunddreißig mit seinem >Salzkotter Quartier!<

hochleben zu lassen. Was finge nun heute unsereiner an ohne die Ruinen

vom Höxterschen Blutbad?!«

Ei ja, aber wer hatte sonst in dieser Nacht ein ruhig, warmes Quartier,

ein sicheres und behagliches Kopfkissen und Deckbett in Huxar an der

Weser? Eigentlich niemand. Es kam keiner zu einem gesunden Schlaf, außer

den gesunden Kindern. Es war eben in der Woche nach der Sündflut, und

wie die übriggebliebene Familie Noah sehr bald in Gezänk und Hohn

gegeneinander ihrem Unbehagen in der verwüsteten Welt Raum gab, so lag

die Höxtersche Bürgerschaft jetzt schon im Hader untereinander und sich

im Haar.

Sie hatten sich -- beide, Katholiken wie Lutheraner, -- manches von der

fremdländischen Besatzung gefallen lassen müssen, von dem Herrn von

Turenne und dem Herrn von Fougerais. Nun waren die Franzosen abgezogen,

aber das Gift in den Herzen und Köpfen war geblieben. Ein jeglicher

suchte nach jemand, an dem er seine Galle, gestraft oder ungestraft --

freilich am liebsten in letzterer Weise -- los werden konnte, und beim

rechten Lichte besehen, war niemand vorhanden, der sich hätte anmaßen

dürfen, den Wächter über die kochenden Leidenschaften zu spielen und den

Deckel überzustülpen. Sie waren alle Partei! Und der, welcher die

stärkste Hand hätte haben können, nämlich Herr Christoph Bernhard, der

Bischof zu Münster, führte Krieg mit den Herren Generalstaaten, pfiff

auf das Deutsche Reich, versah sich nichts Gutes von dem Herzog Rudolfus

Augustus auf dem Amthause Wickensen und wußte zu allem übrigen, daß

seine »gute Munizipalstadt«, nämlich die Stadt Höxter, der Mehrzahl

ihrer Eingesessenen nach, gleichfalls nach Wickensen ausschaute, jedoch

aus einem ganz anderen Grunde als er, der Bischof.

»Laufe schnell mal einer nach dem Bürgermeister!« heißt es sonst wohl in

einem gutgeordneten Gemeinwesen; aber auch das war leider Gottes hier

und diesmal von wenig Nutzen. Auch der Bürgermeister von Höxter, Herr

Thönis Merz, war Partei. Man hatte von katholischer Seite, um ihn und

seine »arme gute Stadt« unter die Botmäßigkeit des Stiftes und des Herrn

Fürstbischofs zu bringen, ihm und ihr mit Schikanen und sogar auch

Handgreiflichkeiten arg zugesetzt. Seine Berichte und Klageschriften an

den Schutzherrn zu Wickensen schrien laut genug darob.

Wie lange war es her zum Exempel, daß man ihn, den hochedlen

Bürgermeister, samt seinem ehrbaren Rat auf die Sperlingsjagd geschickt

hatte? War das keine Schikane, daß man von Corvey aus der guten und

glorreichen Stadt Huxar wie der geringsten Bauernschaft der Umgegend

auferlegte, ihr Quantum Sperlingsköpfe im Stiftshofe abzuliefern,

vorzuzählen und aufzuschütten?!

^Per vulnera Christi^ hatte die Stadt zum Herzog Rudolfus Augustus um

Hülfe geschrien, und der Bruder Henricus konnte darüber aussagen, wie

die herzoglichen Gnaden über den Fall dachten.

Ja, ja, wie sich der Bischof und der Herzog über die Weser mit Briefen

und von braunschweigischer Seite vor kurzem auch mit einigen Kompagnien

Fußvolks und stattlichen Reiterzügen unter die Nase rückten und

jahrelang hin- und herzogen, das steht auf manchem Blatte zu lesen, das

gelb und muffig aus jener Zeit zu uns herabgekommen ist.

»Die gute, uralte Stadt Höxar, welche umb ihrer Gerechtsamen und ihrer

heiligen Religion halber Leib, Gut und Blut verloren, wird nunmehr als

das geringste Dorf gehalten. Ihre Schlüssel sind ihr benommen, in ihrem

guten Rechte, sich selber einen Scharfrichter zu halten, ist sie

turbiret. Selbst das Judengeleit, so die Stadt doch vor und nach Anno

1624 gehabt, ist ihr auch wieder weggenommen, daß anitzo ein Hauffen

Juden alle in bürgerlichen Häusern allda wohnen, ihren Wucher treiben

und dennoch der Stadt nichts geben!«

So schrie die lutherische Bürgerschaft.

»Wir werden Euch lehren, so anzäpfliche Worte ohngescheut

auszusprengen!« grollte der katholische Teil der Bevölkerung; und von

Corvey aus ließen sich die bischöflichen Gnaden vernehmen:

»Mit sonderbarer Milde und Clementz haben wir bis dato Euch ungeratene,

widerspänstige Leute zu Huxar traktiret. Unser landesfürstliches Recht

haben wir gewahret: wie reimet sich dann, was Ihr zur Bemantelung des

Braunschweigischen feindlichen Einfalls hervorbringet?«

»Sind nicht schon Bürgermeistern Johann Wildenhorern deswegen, daß er

vor 16 Jahren bey weyland Herrn Abts Arnolden Zeiten in damaligen seinem

Bürgermeister-Ampte für der Stadt Jura gestrebet, allererst vor drei

Jahren, wie itztermeldeten Herrn Abts Fürstliche Gnaden schon todt

gewesen, Früchte weggenommen?« klang's vom Rathause.

»Und wer war Schuld daran,« klang's zurück, »daß unserm Fürstlich

Münsterischen Hauptmann Meyer, welcher mit zwanzig Mann bei Euch lag,

das Trommelspiel, womit derselbe durch seinen Tambour die gewöhnliche

Reveli, Scharwacht und Zapfenstreich schlagen lassen, gewaltthätig

weggenommen und zu der Braunschweigischen Munition unterm Rathhaus

hingebracht wurde?«

»Seid Ihr nicht in dieser anhängigen Sache gleichsam ^Judex, pars et

advocatus^?« schrie die Stadt.

»Mit nichten! Von Gottes Gnaden sind Wir, Christoph Bernhard, Bischof zu

Münster, Administrator zu Corvey, Eueres heillosen, rebellischen

Municipii eingesetzter und gesalbter Landesherr!« schallte es zurück.

»Hm, Euer Liebden,« kam's vom jenseitigen Ufer der Weser schriftlich

herüber, »ohne Euer Liebden in Ihrer unstreitigen Gerechtsame und

Landes-Fürstlicher Hoheit zu nahe zu treten, so haben wir doch als

Erb-Schutz-Herr wegen unseres Fürstlichen Hauses Interesse dahin zu

sehen, daß die arme Stadt in solchem desperaten Zustande nicht gleichsam

vor unsern Augen zu Grunde gehen muge.« ^Signatum^: »Rudolff Augustus«

»An den Herrn Bischoffen von Münster.«

In der gehörigen Zeit nach diesem freundnachbarlichen Schreiben war --

eben der Herr von Turenne in Höxter eingerückt. Eine verständlichere

Antwort auf den herzoglichen Brief hatte Herr Christoph Bernhard von

Galen nicht zu geben gewußt, daß aber der gute Nachbar auf dem Amtshause

Wickensen sie sofort verstanden hatte, wird uns deutlich werden, wenn

der alte Reiter Heinrich von Herstelle zu Corvey Kunde davon gibt, was

er im Solling sah.

Was die Judenschaft anbetraf, über deren in Wegfall gekommenes

»Geleitsrecht« die Bürgerschaft von Höxter gleichfalls so sehr erbost

war, so hielt sie sich verständigerweise so still als möglich, ohne daß

es ihr viel half. -- --

Und nun hatte der Herr von Fougerais am Tage vor der Heimkehr des

Bruders Henricus, nach Wesel abmarschierend, die gute Stadt des

Fürstbischofs von Münster verlassen und -- nicht ohne seine Gründe,

vorher die Brücke, die auf das rechte Weserufer überführte, abgebrochen.

Christoph Bernhard mit seiner Macht stand weit in der Ferne gegen

Holland: für eine Zeit waren Höxter und Corvey sich selber

anheimgegeben, und wild und wüst wie in den Häusern und Gassen sah es in

den Gemütern aus.

Der Helmstedter konsiliierte Studente, der, seinem Worte wenigstens

nach, eben im Begriff war, ein Nachtquartier in irgendeiner Ruine

früheren Wohlstandes zu suchen, konnte da vielleicht unter Umständen den

ruhigsten und behaglichsten Platz in ganz Huxar finden. Es war jetzt

ganz Nacht und viel zu dunkel, um den Horatius hervorzuholen und, mit

dem Zeigefinger zwischen die Blätter greifend, sich ein Vaticinium aus

ihm herauszulangen, wie man früher desgleichen sich aus dem Virgilius

holte. Herr Lambert ging deshalb einfach wie jedes andere Menschenkind,

wie das Schicksal ihn führte; und bis jetzt hatte dasselbe ihn, wo nicht

immer behaglich, so doch stets recht vergnüglich durch die arge Welt

geleitet.

Fünftes Kapitel.

Wir sind allesamt in dieser argen Welt gleich Kindern, denen das

Schreiben gelehrt und vom Meister die Hand geführt wird. Nun gingen wir

nur allzu gern sofort dem Bruder Henricus nach; allein schon hat man uns

auf die Schulter geklopft und nach einer anderen Richtung hingedeutet.

Wie die beiden anderen, die mit ihr den wilden Strom überschifft hatten,

war die Kröppel-Leah nach Hause gegangen. Und wenn der Pfarrherr von St.

Kilian hinter der vor dem Neffen verriegelten Tür sein Weib am warmen

Ofen, wenn der Mönch von Corvey seine Zelle fand, so fand die Greisin

ihre Heimat in Ordnung -- wie die Zeitläufte es erlaubten. Fünfzig Mann

von einem pikardischen Musketierregimente hatten in ihrem Hause gelegen

und es sich darin während ihrer Abwesenheit behaglich gemacht! Die

Haustür war halb aus den Angeln gerissen, der größte Teil der

Fensterscheiben auch hier zertrümmert. Sämtliches Gerät war in Stücke

zerschlagen worden. Die Wände waren vom Rauch geschwärzt und sonst

besudelt und mit Namen und wüsten Zeichnungen versaut: die fremden Gäste

hatten nicht alle schreiben können, aber sie hatten sämtlich zu zeichnen

verstanden -- und wie!

Die fünfzig französischen Kriegsmänner hatten das Judenhaus für sich

allein gehabt; aber noch am Tage ihres Abzuges mit dem Herrn von

Fougerais oder vielmehr am Abende dieses Tages hatte sich jemand

eingefunden, der eine Weile starr mit gefalteten Händen und

unterdrücktem Schluchzen ob der Wüstenei dastand, bis er in ein lautes

Weinen ausbrach; und dieser Jemand war ein kleines Mädchen von vierzehn

Jahren, der Greisin letzte Enkelin, gewesen. Wo das Kind sich während

der letzten wilden Wochen verborgen gehalten hatte, war dem Stift und

der Stadt gleichgültig; wenn auch uns nicht. Jetzt war es wieder da und

weinte auf den Trümmern des Hauses seiner Großmutter gerade so laut und

bitterlich wie weiland der Prophet Jeremias auf den Trümmern der großen

Stadt Jerusalem.

Doch das Kind hatte sich gefaßt. Es war eben auch ein Sprößling jenes

tapfersten aller Völker, das sich auf jedem Brandschutt seines Glückes

schier noch hartnäckiger als das deutsche Volk mit seinen Wurzelfasern

wieder anzuheften wußte. Vor allen Dingen hatte das Kind aus dem Hause

der Glaubensgenossen, in welchem es von der Barmherzigkeit aufgenommen

worden war, ein Lämpchen geholt und mit diesem in der Hand seine schwere

Arbeit angefangen. Das kleine Judenmädchen hatte das Haus gereinigt!

Mit seinem Lämpchen in der armen, winzigen, zitternden Hand suchte es

das verwüstete Haus ab vom Keller bis zum Boden, und häufig stöhnte es

und rief den Gott seines Volkes an, wenn es wieder ein schlau und sicher

angelegtes Versteck von der in diesen Angelegenheiten noch schlaueren,

auch auf dergleichen ausstudierten Soldateska des Herrn Marschalls von

Turenne aufgefunden und ausgestöbert fand. Und das Kind war ganz allein

in seiner Not gewesen. Niemand hatte sich darum gekümmert in Höxter,

wenn der Schimmer der kleinen Lampe bald hier, bald dort an einer der

leeren, schwarzen Fensteröffnungen vorüberflimmerte. Der Volks- und

Glaubensgenosse Meister Samuel hatte die Lampe hergeliehen; sein Weib

Siphra hatte einen Handkorb mit einem schwarzen Brot, einem schlechten

Messer ohne Griff, einen irdenen Krug und einen mit Draht umflochtenen

Kochtopf dazugetan:

»Wir würden dir die Taschen mit Gold und Silber füllen und dir eine

Herde von Zicklein und Böcklein voraufgehen und dir einen Wagen voll

Mehl und Honig und Öl und Gewürz nachfahren lassen, wenn wir's könnten;

aber wir können's nicht, Simeath!« hatte man in Meister Samuels Hause

gesagt.

»Da hast du noch einen Besen; es ist wohl der schlechteste, aber wir

brauchen alle übrigen selber,« hatte die Frau Siphra hinzugefügt, und so

war das Kind mit herzlichem Dank und überströmenden Dankestränen

gegangen und hatte es dem König Louis, dem Bischof von Münster, dem

Herrn von Turenne, dem Herrn von Fougerais, dem Stift und der Stadt zum

Trotz möglich gemacht, sich einzurichten, bis die Großmutter heimkehrte.

Nach dem Hofe zu gelegen, befand sich im oberen Stockwerke des Hauses

ein enges, dunkles Gemach, in welchem ^monsieur le Sergeant^ mit seiner

Zuhälterin, einer dicken Champenoise aus Troyes, sein Quartier

aufgeschlagen gehabt hatte und das demnach nicht ganz so ruiniert worden

war als die übrigen Räume. In dieser Kammer stand noch das Bett

aufrecht, sowie auch ein Tisch, dem nicht mehr als ein Bein abgeschlagen

worden war. Zwei oder drei noch sitzgerechte Schemel waren auch dem

scherzhaften Mutwillen des abziehenden Heeres entgangen. Schlimm genug

sah es freilich auch hier auf dem Estrich, in den Winkeln und an den

Wänden aus, und das Bettzeug warf Simeath sofort mit Schaudern in den

Hof hinunter. Jedoch da war der Besen und die fleißige, harte, kleine

Hand! Um Mitternacht war das Stübchen gekehrt, der Tisch festgestellt

und vom nächsten verlassenen Kavallerieposten in der Gasse ein

zurückgelassenes Bund Stroh in die Bettstelle der Mamzelle Genevion

heraufgeschleppt: eine Viertelstunde nach Mitternacht lag Simeath in

diesem Stroh und schlief der Heimkunft der Großmutter entgegen.

Wie das Kind erwachte -- vielleicht aus einem glücklichen Traume! -- wie

es aufrecht saß und sich verstört zum Bewußtsein kommend, in der

Scheußlichkeit rings umher umsah; wie es den Tag bis zur abermaligen

Dämmerung des Abends hinbrachte, wollen wir auch nicht beschreiben. Wir

sahen die Großmutter mit ihrem Bündel, von dem Spott und den bösen

Blicken der Wachtmannschaft an der Weserfähre verfolgt, humpelnd ihren

Weg nach ihrer Behausung zu nehmen. Wir malen uns in der Phantasie aus,

wie sie vor dem Hause stand und nach den zerbrochenen Scheiben

hinaufstarrte, wie sie dann über die zertrümmerte Schwelle durch die

türlose Pforte trat, und wie ihre Enkelin aufschreiend und mit

ausgebreiteten Armen ihr entgegenlief und umherdeutete:

»Sieh! sieh! -- Alles hin! nichts heil; -- alles voll Ekel und Graus; --

alles wüste, alles von den schlechten, wilden Menschen zugrunde

gerichtet!«

Nachher hat die Greisin das Haupt gesenkt und einen Spruch in der

Sprache ihrer Väter gesagt. Nachher hat das kleine Mädchen die alte

Mutter die Treppe hinaufgeleitet und sie in das gereinigte Stübchen

geführt. Nachher ist es wieder ganz Nacht geworden; die kleine Lampe aus

dem Hause des Meisters Samuel und der guten Frau Siphra brennt auf dem

Tische, der von Simeath so künstlich zum Stehen gebracht wurde.

Großmutter und Enkelin sitzen an diesem Tisch einander gegenüber. Das

Bündel mit der Erbschaft aus Gronau im Fürstentum Hildesheim liegt unter

dem Tische.

»Mein gut Kind, wie oft hat der Feind oder das böse Volk in der Stadt

dieses Haus umgestürzt, seit ich Atem ziehe? Wer so weit herkommt aus

der Zeit wie ich; wer den tollen Christian und den Tilly, den Herrn von

Gleen, die Herzogin von Hessen, den Feldmarschall Holzappel, den Wrangel

und so viele kleinere wilde Heeresführer vorüberreiten oder über sich

wegtreten ließ, der macht sich wenig mehr aus dem Herrn von Turenne und

dem Herrn von Fougerais! Ich sehe nur wieder, was ich schon ein Dutzend

Male sah. Es ist eine Zeit, in welcher der Mensch das Schlimmste als das

Gewöhnlichste hinnimmt. Weine nicht, mein liebes Herzchen, du bist jung

und magst noch in eine reinlichere, bessere Zeit hineinleben!«

So hatte die Kröppel-Leah getröstet, und währenddessen hatte der Pastor

zu St. Kilian in der bekannten Weise seinem Neffen eine recht gute Nacht

gewünscht; währenddessen hatte der Student seinen Tröster im Jammer, den

Horatius, dem Bruder Henricus zum Kauf oder für ein Abendessen und

Nachtquartier hingehalten; währenddessen -- war von der Erbschaft der

alten Jüdin an einem Orte, den wir jetzt erst betreten, die Rede.

Am Corveytor in einer Schenke, die im Schild als Zeichen einen Mann

führte, welcher in einem Ölkessel tanzte, in der Kneipe »zum heiligen

Vitus«, wurde von dem Bündel der Kröppel-Leah gesprochen.

Der Student, Herr Lambert Tewes, war dreimal in das zerbrochene

Mauerwerk früheren städtischen Wohlbehagens hineingetappt und hatte sich

nach den Ruderibus der Herdstellen hingetastet:

»Brr,« hatte er jedesmal geächzt, und zum vierten Male wiederholte er

den Versuch, sich ein Nachtlager unter den Ruinen des Dreißigjährigen

Krieges in Höxter zu suchen, nicht.

»^Basolamano, messieurs^, meine hochgünstigen Herren!« sagte er höflich

beim Eintritt in die Kneipe zu Sankt Veit am Corveytor; ein heller Jubel

und lautstimmiges Halloh begrüßten ihn dagegen.

Bis auf den Stadtkorporal Polhenne waren sie allesamt wieder vorhanden

und noch einige ihres Gelichters dazu. Eine saubere Gesellschaft,

meistenteils auch bereits halb angetrunken und zu jeglichem Schabernack

und Unfug bereit! Da war auch der Schulkamerad Wigand Säuberlich, mit

dem die Höxterianischen Scholarchen ihren gelehrten Kohl nicht hatten

schmalzen können; und dieser, nämlich der Säuberlich, war's auch hier,

der den Studenten zuerst wieder am Knopfe faßte, ihm mit einem

schäumenden Bierkrug unter den Bart trat und schrie:

»Da haben wir ihn! Kerl, wo hast du gesteckt? Seit einer Stunde sehnen

wir uns nach dir wie eine alte Jungfer nach dem Hochzeiter. Juchhe,

jetzt ist der Ofen geheizt und der Braten fertig! Tragt auf, gute

Gesellen; Messer und Gabel heraus! Du gehst doch mit uns, Lambert?«

»Wohin, Signor Strillone?«

»Keine fremden Zungen jetzo, Alter! Wir verbitten uns das. Du gehst mit

uns, wohin wir dich führen werden.«

»Schlecht Wetter draußen --«

»Aber gut genug, um eine lustige Nacht daraus zu machen in Höxter!

Sämtliche gegenwärtige, ehrbare und fröhliche Kumpanei, Mann für Mann,

geht mit.«

»Aber zuerst will ich doch wissen, was es gibt, Gevattern.«

»Hunger und Wut, Herr Doktor!« schrie's aus dem Haufen. »Alles, was die

Franzosen uns gelassen haben.«

»Und einen elenden Durst dazu!«

»Ja saufen könnt Ihr, aber es ist das letzte vom Faß, und kein

allerletztes gibt es offenkundig in Höxter! Gerade deshalb wollen wir

die Kellerschlüssel holen. Die Lutherischen fallen auf die Katholiken

und umgekehrt. Daß wir deinem Onkel auch in der Vergadderung einen

Besuch machen, wirst du sicherlich nicht übelnehmen, Lambert.«

»^Scabies capiat^ -- der Teufel hole meinen Herrn Onkel!« rief der

Student; doch jetzt nahm ihn Hans Vogedes am Arm und flüsterte ihm zu,

um, wie er meinte, sein letztes Schwanken und Überlegen triumphvoll zu

besiegen:

»Und nachher oder darzwischen fallen wir auch den Juden auf die Köpfe!

Was? He? Was sagt Ihr?«

Der Student sah den Verführer einen langen Augenblick an, und dann sagte

er:

»Ihr seid eben aus Merxhausen, Fährmann!« Als worauf beinahe schon jetzt

der allgemeine Judenprügel hier in der Kneipe zum heiligen Veit

losgegangen wäre. Um aber die Erwiderung des Studenten und die Erbosung

des Biedermannes Hans Vogedes vollkommen zu würdigen, bedarf es einer

kurzen Erläuterung des Wortes.

Als nämlich der böse Feind, der Versucher, unsern Herrn Jesus Christus

auf die Zinne des Tempels führte, sprach er zu ihm -- nach einer

Tradition, die sich an der Weser erhalten hat --: »Wenn du niederfällst

und mich anbetest, soll dir dieses alles gehören, bis -- bis auf

Merxhausen und Sievershausen dort im Solling; -- die beiden Dörfer

behalte ich mir vor.«

»Aus Sievershausen bist du nicht, Tewes,« brüllte Hans der Schiffer mit

erhobener Faust, »aber deiner Ehrbarkeit wegen haben sie dich auch in

Helmstedt nicht mit Fußtritten aus dem Tor gejagt. Du aufgeblasener

Windsack, du Holzbock, willst hier und in jetziger Stunde einem braven

Kerl aufmucken? Wahre deinen lateinischen Schädel, du Bettelstudent!«

Von oben bis unten betrachtete Meister Lambert sich den wütenden Strolch

von neuem; dann trat er gleichmütig einen Schritt weiter an den Tisch,

ergriff den ersten besten Krug, hob ihn an den Mund, ließ den Inhalt

bedächtig die Gurgel herniederlaufen, seufzte, stieß das leere Gefäß mit

einem Krach auf die Platte nieder und deklamierte mit vollem Pathos:

»Wie Lamm und Wolf befehden sich

Von Anfang an, so hass' ich dich.

Denk du an den Ibererstrick

Und an die Striemen im Genick,

Item am Bein der Schellenring,

Monsieur, war ein beschwerlich Ding!

Höxter und Corvey: Erzählung · 第 4 / 7 题