Zur kathartischen Wirkung eines Gedichtes ist erforderlich, daß

es das Seelenleben schwelle und steigere, das Gehirn in rege

Associationsarbeit stürze. Nur eine plötzliche Springflut des Geistes

vermag all die eingealterte Trübsal zum Ausbrechen zu treiben, mit

der wir uns herumschleppen. Einen je größeren Teil des Gehirns die

Poesie gleichzeitig in lebhafte Thätigkeit versetzt, je mehr Hirnzellen

sozusagen, die sonst nichts von einander wußten, sie durch kühne,

nie zuvor erlebte Gedankenblitze der Ideenassociation in Verbindung

setzt, je mehr sie den Menschen nötigt, einmal mit dem gesamten Gehirn

seelisch zu functioniren, desto kathartischer ist sie. Die allgemeine

Erregung ist Bedingung der besonderen Entladung. Der Dichter muß

den Menschen zwingen, mit seinem Denken einmal aus den gewohnten

Geleisen herauszugehen, er muß das Bewußtsein ausweiten und es mit

einer Masse sich drängender Vorstellungen füllen, jede einzelne zu

einer Intensität und Lebendigkeit bringen, deren der Mensch für sich

allein unfähig wäre. Dadurch wird dieser für kurze Zeit jener Energie

der Gehirnthätigkeit teilhaftig, mit welcher der Dichter begnadet

ist, und alles wird zum Schmelzen und Abströmen gebracht, was in ihm

der mangelnden Gehirnenergie halber stockte und ihm das Lebensgefühl

ankränkelte. Die Erscheinungsform dieser kathartischen Kraft der Poesie

ist der Schwung des Gedankens, die sinnliche Energie der Sprache, die

Bilderpracht der Metaphern, die nicht nur den Gedanken selbst, sondern

um ihn her auch die geschlossenen und halb geöffneten Knospen von

Gedanken im Bewußtsein aufdämmern machen, das stürmische Pathos. Davon

hat Aristoteles keine Ahnung, er bringt das Kathartische der Tragödie

in keine Beziehung zu ihren poetischen Qualitäten.

Die kathartische, d. h. die pathologische Wirkung der Tragödie,

durch welche die angeschoppten Affecte aus der Seele fortgespült

werden, verschwindet in ihrer Gesamtwirkung, welche sich als eine

Steigerung, Concentrierung des seelischen Lebens darstellt und als

solche unmittelbar als Seligkeit genossen wird. +Die kathartische

Wirkung ist nur eine Nebenerscheinung der Gesamtwirkung.+ Wie überhaupt

die Kunst immer an die praktischen Einrichtungen und Gegenstände der

menschlichen Societät anknüpft, z. B. an Gegenstände und Gebräuche des

religiösen Cultus, so wurden auch die kathartischen Feste des Volkes,

welche die Gemüter purgirten, von den Dichtern benützt, um darauf ihre

Schöpfungen zu pfropfen. Wegen des kathartischen Elementes blieben die

dichterischen Spiele dem Volke Bedürfnis, doch irrig ist es, in der

kathartischen Wirkung das Wesen derselben zu sehen. Man entschließe

sich endlich, die moderne pathologische Auffassungs- und Genußweise

der Kunst auf ihr Gebiet einzuschränken: mittelst des Pathologischen

hat die Kunst noch Beziehung zur unkünstlerischen Masse, nicht zu den

höheren Menschen. Wenn ich eine prächtige Eiche betrachte und den

Anblick dieses herrlichen Stückes Leben genieße, so ist darin nichts

Pathologisches; die Eiche ist schön, ihr Anblick ist Freude, nichts

weiter, von einer kathartischen Lust keine Spur. Ganz so fühle ich

gegenüber dem rasenden Lear. Dieser entzückt mich wie das Gewitter, das

seinen Flüchen secundirt; ein gänzlich unpathologisches Wohlgefallen

ist die in mir vorherrschende Empfindung. Diese ästhetische

Freude liegt jenseits des pathologischen Genußes; vielleicht sind

pathologische Erfahrungen die Vorbedingung, um Lear zu begreifen, aber

die Freude am Lear hat nichts mit Pathologie zu schaffen.

Steigerung und Erweiterung des Bewußtseins ist an sich Seligkeit

und nur nebenbei gesund, um unverarbeitete Rückstände aus der Seele

abzutreiben. Das Glück der Genialität liegt darin, welches durch

Vermittlung der Kunst auch Menschen zugeführt wird, die es ohne fremde

Hilfe nicht aus sich hervorbringen können. Was liegt dem Dichter in

den Stunden seiner Genialität an seinen sogenannten Schicksalen? Das

wahre Leben führt er in seinem Schaffen, die Wirklichkeit ist ihm nur

der Wald, aus dem er das Reisig holt, um sein Geistesfeuer zu schüren.

IV

Die ästhetische Schwäche der Katharsistheorie liegt darin, daß sie

die Gemütsbewegung, welche in Mitleid und Furcht besteht, nur als

Mittel ansieht, durch welche der Hang zu solcher Aufregung für einige

Zeit beschwichtigt, oder der belästigende Überschuß an seelischer

Energie zum Abströmen gebracht wird. Der Gedanke, daß in einer

leidenschaftlichen Erhöhung des Bewußtseins an und für sich eine

Seligkeit liegen könne, welche es völlig überflüssig macht, erst noch

nach einem Zwecke zu suchen, der die Herbeiführung dieses erhöhten

Zustandes rechtfertigen soll, ist bei Aristoteles nirgends zu finden,

wenn man nicht in der gelegentlichen Betonung des hedonischen Elementes

in der tragischen Wirkung seinen Keim erblicken will. Im Gegentheile,

es liegt mehr im Sinne der Poetik, die Affecterregung als ein Mittel

zur zeitweiligen Beseitigung der Affecte aufzufassen, so daß das Ziel

der Tragödie eher ein Zustand der Unempfänglichkeit für ihre Wirkung

wäre, der aber bei der Schwäche der menschlichen Natur eben nur

um den Preis zeitweiliger Erregung tragischer Wirkung verwirklicht

werden kann. An sich wünschenswert ist nach dieser Auffassung nur

die Seelenruhe, die nicht leicht gestört werden kann. +Der Zweck der

Begeisterung ist die Nüchternheit+, der Zweck der Poesie die Prosa,

so könnte man das Princip dieser Gesinnung formulieren. Der Gedanke,

der jedem Künstler vorschwebt, in einer gewaltigen Steigerung des

Bewußtseins, die sich leider nur für kurze Zeit festhalten läßt, die

Krone des Lebens zu sehen, die keinem weiteren Ziele dient, tritt in

der Poetik niemals klar hervor.

Hierin liegt das Unkünstlerische der Katharsislehre. Diese bringt die

Wirkung der Tragödie unter die Kategorie eines Mittels zu einem Zwecke,

der Beschwichtigung nämlich eben jener Affecte, welche die Tragödie

aufregt. Der Künstler aber und künstlerisch Fühlende meint auch im

tragischen Kunstgenusse eine Seligkeit zu erleben, deren Wert in ihr

selbst vollinhaltlich beschlossen liegt und nicht in der Beziehung

dieser Seligkeit zu einem ruhigen Gemütszustande, den sie herbeiführt,

enthalten ist.

Ganz fremd ist Aristoteles dieser Gedanke insofern nicht, als

ihm der lustvolle, der freudige Charakter der tragischen Wirkung

selbstverständlich ist und diese daher unter die Bestimmungen fällt,

durch welche Aristoteles in der Ethik die Lust und ihren Wert

charakterisirt.

Aber unter allen Umständen muß ihm diese Lust im erleichternden

Sich-Entladen von Mitleid und Furcht als pathologisch verursacht

gelten, so daß der innerlich vollendete Mensch derselben unbedürftig

und unfähig wäre. Die reine, tiefe Freude an der Schönheit einer

grandiosen Tragödie unter diesen Gesichtspunkt zu bringen, widerstrebt

uns, und hier =nimmt= ein gewisser dumpfer Widerstand gegen die

Triftigkeit der Katharsistheorie seinen Ursprung.

Diese Unzulänglichkeit, aus dem Zwecke, Mitleid und Furcht zu erregen,

alle ästhetischen Postulate abzuleiten, die wir der Tragödie gegenüber

erheben, kommt in der Poetik des Aristoteles von selbst zum Vorschein.

Er mag sein Princip für ein durchgreifendes gehalten haben, in Wahrheit

aber folgerte er aus demselben nur die Qualitäten, durch welche eine

dramatische Dichtung zur Tragödie wird, keineswegs alle jene, welche

ihren sonstigen geistigen Werth bedingen und bestimmen, ihr Vermögen,

dem Menschen höhere, reichere und feinere Freuden zu gewähren, als

den pathologischen oder pathogenen karthartischen Genuß. Die berühmte

Stelle über ~Euripides~, ganz abgesehen davon, daß sie sich auch nur

auf das Verfahren des ~Euripides~ beziehen läßt, seiner Fabel einen

einfachen und zwar einen unglücklichen Ausgang zu geben, was oft

nicht genug beachtet wird, beweist, daß ihm die Vereinbarkeit starker

tragischer Wirksamkeit mit dem Mangel höheren Werthes als möglich galt.

Auch fordert Aristoteles vieles von einer guten Tragödie, was sich

nur höchst gezwungen und oft nur scheinbar aus ihrem Katharsiszwecke

ableiten läßt. Der Vorrang z. B., welchen er der Poesie vor der

Geschichte zuerkennt, welche, weil sie das Allgemeine, das Typische

vorführt, nicht das zufällig wirklich Geschehene, philosophischer

ist, als die Geschichte, muß doch als eine geistige Freude im Genuß

des poetischen Kunstwerkes zum Vorschein kommen. Nun läßt sich zwar

behaupten, daß die kathartische Wirkung die Qualität des Typischen

insofern erheische, als Held und Fabel einer Tragödie typisch sein

müssen, damit sämtliche Zuschauer dadurch zu der Furcht angeregt

werden, daß derlei auch ihnen zustoßen könne. Aber die geistreiche

philosophische Freude am Typischen, auf welche Aristoteles anspielt,

ist ein selbständiger geistiger Genuß, nicht nur die an sich

gleichgiltige Vorbedingung der Furcht, deren Wert nur im Anregen der

Furcht liegt. Diese philosophische Erkenntnisfreude, die gar nichts

Pathologisches an sich hat, fällt, wenn man die Katharsistheorie zu

Grunde legt, nur als zufälliger Nebengewinn für den höheren Zuschauer

ab. Weil aber eine gewisse rohe Allgemeingiltigkeit der tragischen

Fabel durch den kathartischen Zweck gefordert wird, wähnte Aristoteles

den feineren, philosophischen Reiz des Typischen durch jenen Zweck

erschöpfend motivirt. Wenn eine Tragödie nichts ist, als in hohem Grade

kathartisch, kann sie, wie Aristoteles wohl weiß, ein geringwertiges

poetisches Machwerk sein. Denn dem kathartischen Zweck genügen die

Rudimente jener geistigen Qualitäten, die ein hoher Dichtergeist zu

feineren Reizen entwickeln kann, deren Wirkung mit der Katharsis nichts

mehr zu thun hat. Ohne Zweifel führt die übertreibende Betonung des

Kathartischen zur Begünstigung der Rühr- und Schauertragödie.

In der Politik unterscheidet Aristoteles die kathartische Musik von

der charakterbildenden und Erholung gewährenden. Er verlangt sogar,

daß kathartische Musik auch für die entarteten Seelen des unfreien

und ungebildeten Volkes gemacht werde. Ich neige zu der Meinung, daß

Aristoteles der Tragödie, welche sich an Menschen wendet, die an den

unvornehmen Affecten „Mitleid“ und „Furcht“ leiden, diesen niedrigen

Rang, welcher dem der kathartischen Musik entspricht, anzuweisen

gestimmt war. Die Stelle der Politik legt ja die Annahme nahe, daß

hauptsächlich der gemeine Teil des Publikums kathartischer Musik

bedürftig sei.

Warum, so fragt man sich, unterschied nun Aristoteles neben dem

kathartischen Drama, der Tragödie, nicht auch ein nicht kathartisches

ethisches und praktisch anregendes Drama für gebildete Zuschauer? Wohl

deshalb, weil der „tragische“, d. i. kathartische Charakter auf der

attischen Bühne unerläßlich war und sich daher das Drama, in welchem

die kathartischen Qualitäten neben den höheren, rein ästhetischen,

verschwanden, nicht zur gesonderten dramatischen Gattung entwickeln,

sondern nur im Rahmen des dem Dionysos geheiligten kathartischen Dramas

solche Qualitäten desselben sich ausbilden konnten, die nicht mehr

direct und brutal auf Mitleid- und Furchterweckung abzielen. Cap. 18

und 24 der Poetik beweisen, daß Aristoteles neben der pathetischen die

„ethische“ Tragödie als Unterart anerkannte, ohne daß dies jedoch im

Verlauf der Abhandlung jemals bedeutungsvoll würde.

V

Aristoteles hat als Wirkung der Tragödie nicht bezeichnet die Erregung

von Mitleid und Furcht, sondern die Katharsis dieser Affecte.

Die Frage ist, ob Katharsis nur eine wohlthätige Nachwirkung davon

ist, daß die genannten Affecte einmal kräftig empfunden wurden, oder

ob Katharsis eine unter der unmittelbaren Einwirkung der Tragödie, im

Theater, vom Zuschauer erlebte Empfindung ist, ein zu jenen Affecten

Hinzutretendes und sie Abschließendes.

Sehr viele Ästhetiker fassen die Sache so auf, daß die Katharsis eine

innere Umwandlung, eine „Läuterung“ der Affecte selbst wäre, durch

welche diese ihren beängstigenden, schmerzlichen Charakter einbüßen

und zu erhebenden, begeisterten Gefühlen werden, welche im Gemüte

uns der Dichter entläßt. Es ist bei der Kürze und Dunkelheit der

Stelle in Aristoteles nicht zu verwundern, wenn jeder in ihr die

Formulirung der ästhetischen, deutlicheren oder dunkleren Anforderungen

an die Tragödie zu erkennen glaubte, welche er selbst an die Tragödie

stellte. Dies tritt in ~Goethe~’s Definition der Katharsis hervor, wo

es von der Handlung der Tragödie heißt, daß sie „nach einem Verlauf

von Mitleid und Furcht mit Ausgleichung solcher Leidenschaften ihr

Geschäft abschließt“. ~Goethe~ suchte den kathartischen Proceß aus

der Seele des Zuschauers möglichst in die dramatische Handlung zu

drängen, wiewohl nicht so sehr, als ~Bernays~ ihm dies vorwirft. Ihm

schwebte der Gedanke vor, daß für eine Tragödie die tumultuarische

Aufregung des Mitleid- und Furchtaffectes ebensowenig genüge, als

eine regellose verworrene Folge von Accorden Musik sei. Der Tragiker

soll nicht nur Affecte aufregen und dann den Aufgeregten sich selbst

überlassen, sondern er muß auf dem Gemüte des Zuschauers so spielen,

daß die kunstreich auf- und abwogende, sich steigernde, gipfelnde

und überschlagende Affectfolge schließlich nicht einfach unmotivirt

abbreche, weil zufällig die Handlung des Dramas zu Ende ist, sondern

einen natürlichen, sich dem Zuschauer mit Notwendigkeit aufdrängenden

Abschluß finde, analog einem Musikstück. Daß es sich hier um ein

ästhetisch Notwendiges handelt, wird uns sofort klar, wenn ein Tragiker

gegen dieses Gebot gröblich verstößt, wenn er uns mit einer ungelösten

Gefühlsdissonanz im Gemüte, oder überhaupt mit einem Gefühl, das nicht

den mit Notwendigkeit abschließenden Schlußpunctcharakter hat, aus dem

Theater schickt. Wir sagen in solchen Fällen, das Stück habe keinen

rechten, habe einen unbefriedigenden Schluß. Diese Unbefriedigung

wird nicht behoben durch die Erwägung, daß die Handlung äußerlich

abgeschlossen ist, also nichts mehr kommen kann. Häufig ist die

Handlung, +rein pragmatisch genommen+, völlig beendigt, ohne daß ein

befreiendes Gefühl, daß es aus ist, sich einstellt, weil eben die durch

die Handlung aufgeregte Gefühlsfolge nicht in der nach dem Contrapunct

des Herzens notwendigen Weise abgeschlossen ist. Diesen Fehler haben

z. ~B. Hebbel~’s „Agnes Bernauer“, ~Kleist~’s „Schroffensteiner“; auch

~Ibsen~’s „Nora“ giebt kein volles Schlußgefühl. Hierin liegt die

ungeheuere Schwierigkeit des Schließens begründet, die jeder Dramatiker

kennt. ~Goethe~’s Auslegung der Katharsisformel bezieht sich auf diese

Forderung nach richtigem Abschluß der Gefühlsreihe.

Aristoteles selbst hat wohl an derlei nicht gedacht. Ihm war die

kräftige Erregung der beiden tragischen Affecte die Hauptsache, und

die Katharsis wurde dem Zuschauer einfach dadurch zu teil, daß er

die Affecte kräftig empfand. Vergebens wird man in der ganzen Poetik

nach einem ästhetischen Postulat suchen, welches er auf die Katharsis

gegründet hätte. Nirgends sagte er: wenn die Handlung oder der Held

einer Tragödie so oder so beschaffen ist, so wird die Tragödie zwar

Mitleid und Furcht erregen, aber nicht Katharsis von diesen Affecten

bewirken. Beweis genug, daß er in der Katharsis nicht eine Wirkung der

Tragödie sah, aus welcher geschlossen werden kann, wie sie beschaffen

sein müsse, um dieselbe erzielen zu können, sondern nur eine politische

Rechtfertigung ihrer Duldung durch den Staat. Das Einzige, was aus

der Katharsis für ihn folgt, ist der hedonische Charakter, den er für

die tragischen Affecte forderte. In der Politik bezeichnet er die

Katharsis als eine mit Lust erfolgende Erleichterung. Dem entsprechend

dringt Aristoteles in der Poetik darauf, daß vermieden werde, Mitleid

und Furcht zu peinvollen Gefühlen ausarten zu lassen, welche die Lust

ausschließen würden. Sonst, von der Lust abgesehen, ist ihm Katharsis

nichts als eine wohlthätige Nachwirkung der Affecte, nach deren

Empfinden der Mensch ein Bedürfnis hat.

Ohne Zweifel ist die dichterische Praxis der griechischen Tragiker,

namentlich des ~Sophokles~, in dieser Hinsicht weit feinfühliger,

als die Theorie des Aristoteles. Welches gute Gehör des Herzens,

welch’ erlesenen, zarten Tact bethätigt ~Sophokles~ in der Kunst,

die im Zuschauer aufgerührte Reihe mächtiger Gemütsbewegungen zu

einem Abschlußgefühl zu führen, in welchem die völlige Erledigung,

die Stillung des Gemütsprocesses, welchem der Dichter sein Publicum

unterwarf, mit Befriedigung aufathmend empfunden wird. In dieser

Leistung des Abschließens, darin hat ~Goethe~ sicherlich recht,

liegt der Vorzug der künstlerisch planmäßigen Affecterregung vor

jener durch die rohe Wirklichkeit, welche den Affect in uns nur

aufreizt, ohne uns denselben zu Ende empfinden zu lassen. Die sich

von ungefähr einstellenden Anfälle von Verzückung, an welchen die

Enthusiasmuskranken leiden, von denen die Politik spricht, schaffen

diesen keine Erleichterung, im Gegentheil, sie machen sie noch

geneigter zu solchen Anfällen. Doch die durch die Olymposweisen

verursachte Verzückung bringt das seelische Etwas, das im natürlichen

Anfall vergebens nach Durchbruch ringt, zu völliger Entladung und

befreit daher den Kranken für einige Zeit von seinen Anfällen.

Um den Abschluß für das Gemüt zu erzielen, scheute ~Sophokles~ selbst,

wie im Aias, ein Nachspiel nicht, das gar keinen Zweck hat, als das

erschütterte Gemüt des Zuschauers wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Von diesen Feinheiten weiß die Theorie des Aristoteles nichts,

wenigstens nichts in den Theilen der Poetik, die auf uns gekommen sind.

Seine Theorie scheint am meisten der tragischen Poesie des ~Euripides~

zu entsprechen, der es mehr auf heftige Erregung, als auf kunstreiche

Lösung der Affecte abgesehen hat.

Kritischer Anhang.

Verzeichnis der Abweichungen

von dem Texte der dritten ~Vahlen~’schen Ausgabe (Leipzig, S. Hirzel,

1885), welche in der voranstehenden Übertragung befolgt sind. (Die

Seiten- und Zeilenzahlen sind jene der Berliner Akademie-Ausgabe,

wobei jedoch statt 1447 u.s.w. stets nur 47 u.s.w. gesetzt ist.)

Veränderungen der Interpunction sind nicht besonders vermerkt

worden. Wo kein Urheber conjecturaler Änderungen genannt ist, rühren

dieselben vom Übersetzer her. Ap. bedeutet Apographa; Ar.: die

arabische Übersetzung; P.: Codex Parisinus; V.: ~Johannes Vahlen~.

〈 〉 sind Einschub-, [ ] Ausschlußklammern; * Zeichen der Lücke.

=Cap. 1.=

47ᵃ 17 τῷ γένει ἑτέροις P.

47ᵃ 25 οὖσαι τὴν δύναμιν P.

47ᵃ 27 οἱ 〈χαριέστεροι〉 τῶν ὀρχηστῶν.

47ᵃ 29 [ἐποποιία] nach Ar. und V.’s einstigem Vorschlag.

47ᵇ 8 〈ἀνῶνυμος〉 τυγχάνουσα ~Bernays~, Ar.

47ᵇ 16 ἢ +φυσικόν+ τι ~Heinsius~, Ar.

47ᵇ 22f. [μικτὴν ῥαψῳδίαν ἐξ ἁπάντων τῶν μέτρων] die ersten zwei Worte

von ~Tyrwhitt~, die übrigen vom Übers. ausgeschaltet. -- καί〈τοι〉

ποιητὴν προσαγορευτέον der Übers., gleichzeitig ~Rassow~ im Rhein. Mus.

43, 585.

=Cap. 2.=

48ᵃ 12f. Ἡγήμων δὲ ὁ Θάσιος τὰς παρῳδίας ποιήσας P.

48ᵃ 15 ὡς +Πέρσας+ 〈καὶ〉 Κύκλωπας ~Francesco Medici~.

48ᵃ 16 [μιμήσαιτο ἄν τις] nach V.’s und ~Ussing~’s Vorschlag. -- ἐν

αὐτῇ δὲ τῇ〈δε τῇ〉 διαφορᾷ nach einem gleichartigen Vorschlag des

~Casaubonus~.

=Cap. 4.=

48ᵇ 12f. αἴτιον δὲ καὶ +τούτου+ Ap.

48ᵇ 18 οὑχ ᾗ μίμημα ~G. Hermann~.

48ᵇ 22 ἐξ ἀρχῆς πεφυκότες 〈εἰς〉 αὐτὰ καὶ --. Ähnlich ~Imm. Bekker~.

48ᵇ 30f. ἐν οἷς καὶ τὸ ἁρμόττον [ἰαμβεῖον] ἦλθε μέτρον teils mit der

Aldina, teils mit ~Stahr~ und ~Ussing~.

48ᵇ 35 ἀλλ〈ὰ〉 [ὅτι] καὶ μιμήσεις ~Bonitz~.

49ᵃ 8 καθ’ αὑτὸ κρῖ[ΝΕΤΑΙΗ]ναι nach ~Forchhammer~’s und V.’s Vorschlag.

49ᵃ 9 γενομένη (Ap.) δ’ οὖν ἀπ’ ἀρχῆς ~I. Bekker~.

49ᵃ 27f. ἐκβαίνοντες 〈εἰς〉 τὴν λεκτικὴν ἁρμονίαν ~Wecklein~ im Rhein.

Mus. 35, 152.

=Cap. 5.=

49ᵇ 6 [Επίχαρμος καὶ Φόρμις] ~Susemihl~.

49ᵇ 9f. μέχρι μὲν τοῦ μέτρῳ μεγάλη μίμησις εἶναι teils nach ~Tyrwhitt~,

teils in Übereinstimmung mit ~Lasson~ (bei ~Überweg~).

49ᵇ 12 ἔτι δὲ τῷ μήκει, 〈ἐπεὶ〉 ἡ μὲν κτἑ. dem Sinne nach mit Ap.

=Cap. 6.=

49ᵇ 35f. φανερὰν ἔχει +πᾶσιν+ ~Maggi~.

49ᵇ 38ff. πέφυκεν αἴτια δύο τῶν πράξεων εἶναι, διάνοια καὶ ἦθος· διὰ

γὰρ τούτων καὶ τὰς πράξεις εἶναί φαµεν ποιάς τινας καὶ κατὰ ταύτας

κτἑ. (Umstellung von je 45 Buchstaben, d. h. von je 3 Zeilen des von

~Ussing~ reconstruierten Archetypus).

50ᵃ 12f. οὐκ ὀλίγοι αὐτῶν, 〈ἀλλ’ ἐν πᾶσι πάντες〉 ὡς εἰπεῖν nach

verwandten Vorschlägen Anderer.

50ᵃ 17f. καὶ [εὐδαιμονίας καὶ ἡ κακοδαιμονία] 〈ὁ βίος δ’〉 ἐν πράξει

κτἑ. im wesentlichen mit ~Margoliouth~ und ~Diels~ nach Ar.

50ᵃ 29f. λέξεις καὶ διανοίας P.

50ᵃ 33f. Hierher stelle ich nach ~Castelvetro~’s Vorschlag die Worte

παραπλήσιον -- εἰκόνα (50ᵃ 39ff.), d. h. 5 Zeilen zu 16 und 3 zu 15

Buchstaben.

50ᵇ 3 ἔστιν +γὰρ+ μίμησις ~G. Hermann~.

50ᵇ 9ff. ὁποῖά τις αἱρεῖται ἢ φεύγει· διόπερ οὐκ ἔχουσιν ἦθος τῶν

λόγων ἐν οἷς οὐκ ἔστι δῆλον ἢ ἐν οἷς μηδ’ ὅλως ἔστιν ὅ τι αἱρεῖται ἢ

φεύγει ὁ λέγων nach verwandten Vorschlägen Anderer.

50ᵇ 12 τέταρτον δὲ τῶν +λεγομένων+ ἡ λέξις.

50ᵇ 18 〈ὅλ〉ως γὰρ τῆς τραγῳδίας δύναμις.

=Cap. 7.=

50ᵇ 39 [χρόνου] ~Bonitz~.

51ᵃ 6 ὅρος πρὸς μὲν ~Aldina~.

51ᵃ 8 κλεψύδραν Ap.

51ᵃ 9. Die unverständlichen Worte ὥσπερ ποτὲ καὶ ἄλλοτέ φασιν hier

entfernt; nicht unwahrscheinlich ist es, daß sie mit ~G. Hermann~ nach

ἄπειρα τῷ ἑνί συμβαίνει (51ᵃ 17) zu versetzen sind, wo sie etwa also

lauten müßten: ὅθενπερ „ποτὲ“ καὶ „ἄλλοτ’“ ἀεί φασιν.

=Cap. 8.=

51ᵃ 28f. οἵαν λέγομεν Ap.

51ᵃ 32 καὶ ταύτης P.

=Cap. 9.=

51ᵃ 38 [καὶ τὰ δυνατὰ] ~Maggi~ und Andere.

51ᵇ 19 〈ἐν〉 ἐνίαις Ap.

51ᵇ 31f. [καὶ δυνατὰ γενέσθαι] ~Vorländer~.

51ᵇ 33 ἁπλῶς δὲ τῶν μύθων ~Castelvetro~.

51ᵇ 37 κριτὰς Ap.

51ᵇ 38 [καὶ] ~M. Schmidt~.

52ᵃ 3f. ταῦτα δὲ γίνεται καὶ μάλιστα [καὶ μᾶλλον] ὅταν γένηται παρὰ τὴν

δόξαν, δι’ ἄλληλα 〈καὶ κατὰ τοῦτο δῆλον ὡς δεῖ γίνεσθαι τὰ μετ’ ἄλληλα〉.

=Cap. 10.=

52ᵃ 20 γίνεσθαι τὰ ὕ〈σ〉τ〈ερ〉α.

52ᵃ 31f. ἢ εὶς ἔχθραν 〈ἢ ἄλλο τι〉 τῆν κτἑ.

52ᵃ 32f. καλλίστη δὲ ἀναγνώρισις, ὅταν ἅμα περιπετείᾳ (περιπετεῖαι P.)

γίνωνται.

52ᵃ 35 ἔστιν ὅθ’ ὅπερ εἴρηται συμβαίνει zum Teil mit ~Spengel~ und ~M.

Schmidt~.

=Cap. 11.=

52ᵇ 10 [τούτων -- εἴρηται] mit Ar. und ~Susemihl~.

=Cap. 12= gilt mir wie vielen Anderen als unecht, und habe ich nur

mit ~Susemihl~ nach Ap. im Schlußsatz 〈ὡς εἴδεσι〉 auf Grund des

Anfangssatzes hergestellt.

=Cap. 13.=

53ᵃ 25 καὶ 〈αἱ〉 πολλαὶ ~Knebel~.

=Cap. 14.=

53ᵇ 34 ἔτι δὲ τρίτον [παρὰ ταῦτα]* mit ~Ussing~ und ~M. Schmidt~ nach

V.’s ehemaligem Vorschlag.

=Cap. 15.=

54ᵃ 18f. προαίρεσίν τινα 〈ἔχοντα, ὁποία τις ἄν〉 ᾖ zum kleineren Teil

mit V.

54ᵃ 22 +τὸ+ ἁρμόττοντα wie ehemals V. wollte.

54ᵃ 22ff. χρηστὸν γὰρ ἀνδρείου μὲν τὸ ἦθος, ἀλλ’ οὐχ ἁρμόττον γυναικὶ

τὸ ἀνδρείαν ἢ δεινὴν εἶναι nach verwandten Vorschlägen V.’s, ~Usener~’s

und Ap.

54ᵃ 29 [μὴ ἀνανκαῖον].

54ᵇ 8f. βελτιόνων 〈ἢ καθ’〉 ἡμᾶς ~Stahr~.

54ᵇ 15 ταῦτα +δεῖ+ διατηρεῖν καὶ πρὸς τούτοις τὰ παρὰ τὰς κτἑ. Ap. und

~Bekker~.

=Cap. 16.=

54ᵇ 28f. εἰσὶ γὰρ αἱ μὲν πίστεως ἕνεκα 〈χείρους〉· ἀτεχνότεραι 〈γὰρ〉 καὶ

αἱ τοιαῦται πᾶσαι zum Teil mit ~Spengel~.

54ᵇ 31 οἷον [Ὀρέστης] ἐν τῇ Ἰφιγενείᾳ ~Diels~ nach Ar.

54ᵇ 37 τῷ +ἄχθεσθαί+ τι ἰδόντα.

55ᵃ 13 θατέρου ~G. Hermann~.

55ᵃ 15 διὰ τοῦτο (ein Ap.) ὑποπρῆσαι (d. Übers.), παραλογισμός (V.’s

Vorschlag).

55ᵃ 19f. [αἱ γὰρ τοιαῦται μόναι ἄνευ τῶν πεποιημένων σημείων καὶ

δεραίων]. Es bleibt ungewiß, wie viel davon oder was anstatt der

eingeklammerten, in ihrer Gesamtheit unmöglichen Worte einst hier

gestanden hat.

=Cap. 17.=

55ᵃ 24 ἐναργέστατα [ὁ] ὁρῶν Ap.

55ᵃ 27f. ὃ μὴ ὁρῶντ’ α〈ὐ〉τὸν [θεατὴν] ἐλάνθανεν.

55ᵃ 30f. ἀπ’ αὐτῆς τῆς φύσεως (die Umstellung mit ~Tyrwhitt~ und

Anderen).

55ᵃ 34 ἐκστατικοί εἰσιν ~Tyrwhitt~ und ein Ap. -- τούς τε λόγους mit

einigen Ap.

55ᵇ 2 παρατείνειν ~Vettori~.

55ᵇ 6 ἐλθεῖν 〈ἐκεῖ〉 ~I. Bekker~.

55ᵇ 7f. [ἔξω τοῦ καθόλου ἐλθεῖν ἐκεῖ] nach ~M. Schmidt~’s allerdings

weitergehendem Vorschlag.

55ᵇ 17 〈οὐ〉 μακρὸς ὁ λόγος mit Ar.

55ᵇ 18 [καὶ παραφυλαττομένου ὑπὸ τοῦ Ποσειδῶνος] nach ~Castelvetro~ und

~Tyrwhitt~’s wenn gleich zweifelndem Vorschlage.

55ᵇ 20 [ὑπὸ μνηστήρων] ~Torstrik~.

55ᵇ 21f. δὴ nach einstigem Vorschlage V.’s. -- οὕτως (~M. Schmidt~)

ἐπιθέμενος κτἑ.

=Cap. 18.=

55ᵇ 25 πολλάκις statt nach ἔσωθεν nach ἔξωθεν ~Überweg~ und ~M.

Schmidt~.

55ᵇ 27f. ἐξ οὗ μεταβαίνειν 〈εἰς δυστυχίαν συμβαίνει ἢ〉 εἰς εὐτυχίαν,

λύσιν δὲ κτἑ. Modification älterer Vorschläge.

55ᵇ 31 καὶ πάλιν ἡ αὐτῶν δή〈λωσις; λύσις δ’ ἡ〉 ἀπὸ κτἑ. in der

Hauptsache nach ~Christ~ und übereinstimmend mit Ar. -- τοῦ Δαναοῦ mit

V. und ~Spengel~.

55ᵇ 32f. τοσαῦτα γὰρ καὶ τὰ +τοῦ μύθου+ ἐλέχθη in der Hauptsache mit

~Tyrwhitt~ und ~Überweg~.

56ᵃ 3 καὶ ὅσα ἐν Ἅιδου* mit ~Überweg~.

56ᵃ 8 οὐδὲν ἴσως 〈κοινωνούσας〉 τῷ μύθῳ.

56ᵃ 17 Νιόβην? mit manchen Kritikern.

56ᵃ 19 ἐν τούτῳ μόνῳ*.

56ᵃ 19f. καὶ ἁπλῶς ἐν τοῖς πράγμασι.

56ᵃ 20 ὧν βούλονται θαυμαστῶς*.

56ᵃ 22 ὁ σοφὸς [μὲν] μετὰ πονηρίας Ar.

56ᵃ 23f. ἔστιν δὲ τοῦτο 〈καὶ〉 εἰκός nach ~Susemihl~ und Ar.

56ᵃ 27f. τοῖς δὲ +πολλοῖς+ Ar.

=Cap. 19.=

56ᵃ 38 καὶ τὸ [πάθη] παρασκευάζειν ~Bernays~.

56ᵇ 7f. εἰ φανοῖτο ἤδη (~Castelvetro~) τῇ θέᾳ (auf ~Spengel~’s Anregung

hin) καὶ μὴ κτἑ.

=Cap. 20.=

56ᵇ 23 συνθετὴ Ap. und Ar.

Aristoteles' Poetik · 第 6 / 8 段