Dichtkunst, sondern der Schauspiel- und der Vortragskunst _überhaupt_;
denn in der Pointierung ein übriges leisten, das kann auch der
Rhapsode, wie Sosistratos, und der Concertsänger, wie Mnasitheos der
Opuntier es that. Ferner ist auch nicht jede Bewegung verwerflich,
sonst müßte es ja auch der Tanz sein, sondern nur jene gemeiner
Personen; war doch dies der Tadel, den man gegen Kallippides erhob
und jetzt gegen Andere erhebt, denen man vorwirft, sie stellen
_in ihren Frauenrollen_ keine freien Frauen dar. Endlich thut das
Trauerspiel auch ohne jede Bewegung seine Wirkung, nicht anders als
das Heldengedicht; giebt sich doch der Wert jedes seiner Werke auch
bei der bloßen Lectüre kund. Verdient es nun aus anderen Gründen
den Vorzug, so darf man dieses Element, da es ihm nicht als ein
notwendiges anhaftet, nicht mit in Rechnung stellen. Es verdient ihn
aber, weil es all das besitzt, was dem Heldengedicht eigen ist (steht
ihm doch sogar auch dessen Versmaß zu Gebote) und überdies ein nicht
gering anzuschlagendes Kunstmittel, die Musik, welche dem Genusse die
höchste Lebendigkeit verleiht, und die Scenerie. Ferner eignet ihm das
Packende des Eindrucks, und zwar sowohl bei der Lectüre als bei der
Bühnenaufführung, nicht minder der Vorzug, daß die Darstellung sich in
einem engeren Rahmen abspielt. Ist doch das einigermaßen Concentrierte
genußreicher als das stark Verdünnte. Ich denke hierbei an Fälle der
Art, wie wenn jemand den Ödipus des ~Sophokles~ in so viele Verse
brächte, als die Iliade enthält. Schließlich ist die Darstellung der
Ependichter eine minder einheitliche, was daraus erhellt, daß jedes
ihrer Werke den Stoff zu mehreren Trauerspielen abgiebt. So geschieht
es denn, daß, sobald sie einen einheitlichen Stoff behandeln, die
Bearbeitung bei knapper Ausführung wie abgehackt erscheint, wenn sie
aber die dem Versmaß entsprechende volle Entfaltung gewinnt, den
Eindruck des Verwässerten hervorbringt. Im anderen Fall aber erhält sie
ein buntscheckiges Ansehen. Ich meine dann, wenn das Heldengedicht aus
mehreren Handlungen besteht, wie ja auch die Iliade viele derartige
Partien enthält und desgleichen die Odyssee --, Partien, die auch
für sich genommen, eine gewisse, _zur Selbständigkeit ausreichende_,
Ausdehnung besitzen; und doch ist der Bau dieser Dichtwerke der denkbar
beste und sie sind so weit als möglich Darstellungen einheitlicher
Handlungen. Wenn somit das Trauerspiel in all diesen Punkten und
außerdem noch in der specifischen Kunstleistung einen Vorzug besitzt
-- denn die Dichtungen sollen nicht jede beliebige Lust, sondern
die hier schon oft genannte gewähren --, so ist es klar, daß es das
_gemeinsame_ Ziel vollständiger erreicht und mithin höher steht als das
Heldengedicht.
Über das Trauerspiel und Heldengedicht nun, über sie selbst, ihre Arten
und Teile, deren Zahl und Beschaffenheit und über die Ursachen des
Gelingens und Mißlingens, desgleichen über Ausstellungen und Rettungen
mag das Gesagte genügen.
WAHRHEIT UND IRRTUM
IN DER
KATHARSISTHEORIE DES ARISTOTELES
VON
ALFRED FREIHERRN VON BERGER.
Die Auslegung der Definition der Tragödie, welche die Poetik (Cap. 6)
enthält, im streng aristotelischen Sinne wird am stärksten gehemmt
durch die Neigung, die Frage nach dem richtigen aristotelischen Sinne
derselben zu vermengen mit der Frage nach ihrer sachlichen Richtigkeit.
Das führte dahin, daß jeder diejenige Auffassung der Tragödie, die ihm
die wahre und würdige dünkte, in Aristoteles’ Definition hineinzudeuten
suchte. Auch die nachscholastische Philosophie stand eben noch lange
unter der Denknötigung, eine Frage für entschieden zu halten durch
einen autoritativen Ausspruch des Aristoteles; selbst ~Lessing~ war
nicht frei von dieser Neigung. Als die der Tragödie eigentümliche
Wirkung hat Aristoteles in der Poetik die durch Mitleid und Furcht
erfolgende „Katharsis“ dieser beiden Affecte bezeichnet. An dieses
Endglied der aristotelischen Definition der Tragödie knüpft sich die
berühmte Streitfrage über die Bedeutung des Ausdruckes „Katharsis der
Affecte Mitleid und Furcht“. Indem die vorliegende Verdeutschung der
Poetik das griechische Wort „Katharsis“ mit „Entladung“ wiedergiebt,
hat sie in dieser Streitfrage Stellung genommen und sich für die von
~Jakob Bernays~ gegen andere Ansichten zur Geltung gebrachte Auffassung
entschieden, die in dieser „Katharsis“ eine Reinigung nicht +der
Affecte+, sondern +von Affecten+ erblickt. Mit Benützung einer Stelle
im achten Buche der Politik des Aristoteles, so wie einiger Äußerungen
späterer, neuplatonischer griechischer Schriftsteller hat ~Jakob
Bernays~ unwiderleglich bewiesen, was übrigens schon vor ihm andere
Forscher mehr oder minder deutlich erkannt hatten, daß der Ausdruck
Katharsis der Medicin entnommen ist, in welcher er die Austreibung
eines Krankheitsstoffes aus dem Körper bedeutet. In der erwähnten
Stelle der Politik vergleicht Aristoteles mit dieser körperlichen Cur
die Heilung jener Nervenkrankheit, die er „Enthusiasmus“ nennt, durch
Musik. Indem diese Musik, die „Olymposweisen“, dem Kranken zu einem
heftigen Anfall und Ausbruche seines Übels verhilft, verschafft sie
ihm für einige Zeit Beruhigung, „gleichsam als hätte er ärztliche Cur
und Katharsis erfahren“ (VIII, 7). Ganz ebenso wird nun mittelst der
Tragödie den zu Mitleid und Furcht Geneigten durch Erregung dieser
Affecte erleichternde, lustvolle Entladung gewährt.
Diese Auslegung beseitigt alle älteren Auffassungen, welche unter
Katharsis irgend welche innere Umwandlung oder Läuterung der durch die
Tragödie erregten Affecte Mitleid und Furcht verstanden, sei es, daß
diese Läuterung im ethischen oder im hedonischen Sinne gedacht war.
Es ist völlig gewiß, daß nach Aristoteles nicht die Affecte durch
die Tragödie gereinigt, sondern der Mensch von ihnen für einige Zeit
befreit werden sollte.
In den nachfolgenden Betrachtungen, in welchen eine Prüfung der
aristotelischen Katharsistheorie auf ihre sachliche Wahrheit und
Zulänglichkeit versucht wird, ist die ~Jakob Bernays~’sche Auffassung
derselben in der Hauptsache zugrunde gelegt.
Daß diese als die Ansicht des Aristoteles, insbesondere von
Ästhetikern, nicht unbedingt anerkannt wird, ist die Folge davon, daß
die von ~Bernays~ als aristotelisch nachgewiesene Katharsistheorie den
Ästhetiker sachlich nicht voll zu befriedigen vermag.
Diese Unbefriedigung, unter dem Einflusse des scholastischen
Vorurteiles, erweckt den Wunsch, daß die Theorie nicht die des
Aristoteles sein möge, und dieser Wunsch ist der Vater all der
Gedanken, mit welchen die zahlreichen Streitschriften angefüllt sind,
die noch immer wider den Stachel der medicinischen Auffassung löcken.
Einem so gestimmten Forscher wird es nun nicht schwer werden, in der
Poetik allerlei Spuren anderer Auffassungsweisen der Tragödie, als
die medicinische, zu entdecken. Aristoteles war kein doctrinärer
Principienreiter, der seine Augen geflissentlich vor anderen Seiten
eines Problems verschloß, als jene, von welcher aus er es mit seiner
Speculation anging. In der Poetik fehlt es nicht an Stellen und
Wendungen, die sich nicht mit strenger Folgerichtigkeit aus ihren
Grundgedanken ableiten lassen, sondern vielmehr den unbewußten Einfluß
von Ideen verraten, die Aristoteles, weil er sich dieselben nicht zu
klarem Bewußtsein gebracht hatte, nicht unter seine Grundprincipien
aufnahm, die ihn aber trotzdem bestimmten, seine Folgerungen im
Einklange mit Erfahrung und aufrichtigem Gefühle zu ergänzen, zu
berichtigen und abzuschwächen. Man mag diesen Einfluß noch nicht
deutlich erfaßter, unentdeckter Gedanken den astronomischen Störungen
vergleichen, durch welche ein noch unbekanntes Gestirn sein Dasein
verrät. Wer nun seine Aufmerksamkeit auf solche Stellen der Poetik
sammelt, vermag unter dem Vorgeben, den tiefsten Gehalt der Poetik
aufzudecken, diejenige Ästhetik, die ihm zusagt, in sie hineinzudeuten,
wofür überdies die Lücken des Textes und vieldeutige Ausdrücke, wie
z. B. gerade Katharsis, genügenden Spielraum lassen. Doch wird durch
übertreibendes Betonen von Ideen, an welche der Geist des Aristoteles
vielleicht gelegentlich heranstreift, ohne daß er sie in sein System
aufnähme, nur die eigenartige Physiognomie seines Werkes verzerrt und
verwischt. Richtiger und wertvoller als der unfruchtbare Versuch,
die ästhetische Weisheit späterer Tage in und zwischen die Zeilen
der Poetik hineinzuinterpretiren, wie dies so viele thaten, welche
die Poetik auszulegen meinten, scheint es mir, ihre psychologischen
und ästhetischen Grundannahmen frisch an den Thatsachen zu prüfen.
Wir wollen einmal als endgiltig bewiesen und jedem weiteren Streit
entrückt annehmen, daß Aristoteles die erleichternde Entladung von
Mitleid und Furcht als Wirkung der Tragödie betrachtete, und dafür die
Frage aufwerfen, ob dergleichen in der tragischen Wirkung überhaupt
stattfindet.
I
Vor allem gilt es eine Unklarheit, einen verworrenen Doppelsinn
auflösen, der ein deutliches Verständnis des seelischen Vorganges
„Katharsis“ unmöglich macht. Man kann das Kathartische sehen in der
Befriedigung eines menschlichen Bedürfnisses nach Affecten. Die
Ursache eines solchen Affecthungers wäre keine seelische, sondern rein
leiblich. Das ruhende Gehirn erzeugt einen Überschuß an seelischer
Energie, der abströmen muß. Dieses Abströmen kann in verschiedenen
Formen erfolgen, durch körperliche Anstrengung und Bewegung, durch
geistige Arbeit, durch Leidenschaften und Affecte. In diesem Zustand
befindet sich sehr oft der gesunde, junge Mensch. Er erklettert Berge,
er stürzt sich in Leidenschaften, fühlt sich durch sie himmelhoch
jauchzend, zum Tode betrübt, zerarbeitet sein Gehirn an philosophischen
Problemen. Was ihn dazu treibt, ist der Überschuß an nervöser,
seelischer und geistiger Energie, der ihm keine Ruhe läßt. Solche junge
Menschen haben einen wahren Lebenshunger, selbst Schmerzen sind ihnen
willkommen, weil sie in ihnen ihre Überfülle fühlen und auslassen
können, daher in den Schmerzen sorgenfreier, begabter Jünglinge so
viel Unwahres und Gespieltes ist. Gewollter Schmerz ist unwahrer
Schmerz, ist Gefühlsschwelgerei. Für diesen Kraftüberschuß liegt die
Katharsis in heftigen Gemütsbewegungen. Der Heißhunger nach starken
Lebensgefühlen ist so wenig wählerisch als ein anderer Heißhunger.
Er findet in jeder Erregung seine Befriedigung, auch wenn diese
Erregung ein Begehren ist, das selbst wieder Stillung fordert. Jungen
Menschen liegt mehr an der Begierde, als am Genuß, die Leidenschaft
ist das Element, in dem ihnen wohl ist, und Gegenstand und Ziel der
Leidenschaft kann daneben beinahe gleichgiltig werden. „Wenn’s dir in
Kopf und Busen schwirrt, was willst du Bess’res haben?“, sang ~Goethe~.
In diesem Sinne genießt denn die Jugend auch die Dichtung. Vor allem
muß sie ihr starke Emotionen geben. Im modernen deutschen Naturalismus,
wie einst in der Sturm- und Drangbewegung, ist dieses Jugendmerkmal
unverkennbar. Um jeden Preis Emotionen, je heftiger, desto lieber, „je
weher, desto bester“, wie ~Mörike~’s Mägdlein sagt, dem der Geliebte
beim Küssen die Lippe beißt.
Das ist +eine+ Art Katharsis. Sie wird in ihrem inneren Wesen am
klarsten durch den Hinweis auf Affecte, welche an ein bestimmtes
körperliches Organ geknüpft sind. Der kraftstrotzende Sexualapparat
fordert und erzeugt die Gefühle, durch welche er in Function tritt. Nun
hat zwar der Mensch keine sichtbaren, am oder im Körper als Einheit
nachweisbaren, Organe für all die Freuden, Schmerzen, Leidenschaften,
aus welchen wesentlich das Leben besteht, aber er tritt doch gerüstet
für das Leben in die Welt, für Furcht, Haß, Stolz, Ehrgeiz, Liebe,
Rachsucht u. s. w. mit Gehirndispositionen ausgestattet, welche, wenn
ein gewisser Reifegrad erreicht ist, gerade so ihre eigentümlichen
Bethätigungen fordern, wie der sexuale Apparat die Sexualgefühle.
Daher lechzt der jugendliche Mensch nach allen möglichen Affecten,
giebt sich ihnen hin, sobald sich ihm nur ein Vorwand bietet, sie zu
empfinden; Studentenmensuren, Liebesschwärmerei, Jugendtragödien,
Vereinswesen, Alpensport u. s. w. sind die Erscheinungsform davon,
überhaupt das ganze Spiel des Lebens, welches dem Ernst und der
Realität desselben vorherläuft. Es läßt sich denken, daß im antiken
Athen unter den Vornehmen dieser Zustand sehr verbreitet war und sich
tiefer ins Leben hinein erhielt, als bei uns, weil die Sklaverei für
die herrschende Minderheit eine große Freiheit ermöglichte, in der
unermeßliche Kräfte müßig waren und nicht, wie bei uns, im Schleppen
der Lebenslasten, in der Arbeit, sich aufbrauchten. Die ganze
Geschichte Athens, die leidenschaftliche Zerrissenheit der Demokratie,
die dialektische Aufgeregtheit des debattirenden Volkes, die jähe
Selbstzerstörung durch abenteuerndes Überspannen der Kräfte über die
materielle Macht hinaus, bezeugt, daß in dem athenischen Gemeinwesen
ein gewaltiger Überschuß an geistiger Kraft unablässig und fieberhaft
sich mannigfaltig zu äußern suchte. ~Thukydides~ sah tief in diese
athenische Tragödie der Überkraft hinein. Ein guter Beobachter mußte
diesen Entladungsdrang in jeder großen Erscheinung des athenischen
Volkslebens sehen, auch in der leidenschaftlichen Lust an tragischen
Spielen. So war dem Aristoteles die Katharsistheorie, in diesem Sinne
verstanden, nahe gelegt.
Aber es giebt außer dieser „Katharsis“ des allgemeinen seelischen
Kraftüberschusses an Affecten, diesem Lebenshunger, der sich wenigstens
durch Mitempfinden abzufinden sucht, noch eine andere Art von
Katharsis. Bei dieser ist nicht der Affect selbst die Entladung der
Kraftfülle, sondern sie besteht in der Entladung des Affectes durch
die ihm entsprechenden Äußerungen, durch Wort, That, Thränen, Geberde
u. s. w.
Der typische Träger dieses kathartischen Vorganges ist nicht der
lebensdurstige, affecthungrige Jüngling, sondern der Mann, der alternde
Mensch, der nicht nach Affecten, sondern ernstlich nach realer
Befriedigung der verschiedenen Begierden strebt, die das Leben in ihm
entwickelt hat, der namentlich schmerzliche Gemütsbewegungen abzuwehren
trachtet und doch nicht verhindern kann, daß sie ihn heimsuchen,
teils wirklich motivirt, teils der Phantasie entstammend, welche den
Erfahrenen durch die Gespenster allerlei trauriger Möglichkeiten
beunruhigt.
Jeder ältere Mensch trägt eine Masse von fix gewordenen Affecten
in sich, die das Leben in ihm geprägt hat, in dieser Münze besitzt
er den Schatz von seelischer Energie, der noch vag, ins Unbestimmte
gerichtet im Jüngling gährt. Diese verlangen periodisch die ihnen
gemässe Entladung. Namentlich die Sorgen, die Befürchtungen vor
Lebensübeln. Ferner die nie verwundenen Schmerzen, die gewisse
Erlebnisse in der Seele so fixirt haben, wie Erfahrung und Nachdenken
gewisse Begriffe im Geist. So schleppt jeder typische Lebensschmerzen
mit sich herum, stumm, wie einen Teil seiner selbst. Wenn ein solcher
Mensch einer Tragödie zusieht, deren Held ihm ähnlich ist, deren Fabel
den Schicksalen verwandt ist, welche seinem Herzen jene empfindlichen
Stellen eingedrückt haben, so erlebt er eine Entladung jener alten
ungelösten Affectspannungen, die in ihm habituell und unbewußt geworden
sind. Da er nicht an die concreten eigenen schmerzlichen Schicksale
denkt, so hält er die Rührung, die ihn ergreift, die Teilnahme, mit
welchen er die Klagereden des Helden als ihm aus der Seele gesprochen
leise mitredet, die Thränen, die ihm kommen, für Äußerungen seines
+Mit+leids mit dem Helden, während es ihm in Wahrheit, ohne daß er es
ahnt, so ergeht, wie jenen Mägden des Achilleus, welche, anscheinend
den toten Patroklos beweinend, ihr eigenes Unglück beklagen. Die
Lust im tragischen Mitleid halte ich für dadurch bedingt, daß eine
persönliche concrete Affectspannung sich entladet ohne Erinnerung an
ihre reale Ursache und im Wahn, die Entladung sei nicht Entladung
eines Leides, sondern eines Mitleidens.
Wie sich diese Katharsis von der ersten unterscheidet, ist
einleuchtend. Sie ist pathologischer Natur, ist Entladung einer alten
Affectspannung im Gemüte.
Daß Aristoteles auch diese Katharsis im Sinne gehabt hat, ist
zweifellos. Zählt er doch in der Rhetorik (II, 8) die dem Mitleid
ausgesetzten Menschen auf, also offenbar jene, welche der kathartischen
Cur durch Tragödie bedürftig sind, und unter diesen sind die Menschen
besonders erwähnt, welche die Spuren erlittenen Unglücks im Gemüte mit
sich herumtragen.
Er nennt die Schwachen und Feigherzigen, diejenigen, die selbst
schon Unglück erlitten haben, jene, die Eltern, Gattinnen und Kinder
besitzen, welche dem Unglück unterworfen sind, die sich in keiner den
Mut erhöhenden Gemütsstimmung befinden, diejenigen, welche andere
Menschen für gut und daher deren Unglück für unverdient halten, als
die zum Mitleid Geneigten. Diese Schaar von seelisch Bedrückten,
Bekümmerten und Beladenen wird es denn auch sein, für welche der
heisse Gesundbrunnen der Tragödie sprudelt. Das sind die eleḗmones
und phobētikoí, von welchen das achte Buch der Politik redet. Die
Mitleidsdisposition liegt zum großen Teil, wie man sieht, in einem
Bangen vor möglichem Übel.
Dem gegenüber wird es deutlich, wie Aristoteles sich die Katharsis
dachte. Durch die Tragödie wird all dieser schleichenden
Sorghaftigkeit, mit denen sich die Menschen herumtragen und die ihnen
das Lebensgefühl verleidet, ein Anlaß zum Ausbruch gegeben. Es kommt
einerseits zum kräftigen Empfinden und anderseits zum lebhaften
affectvollen sich vom Herzen Sprechen der Empfindungen. Namentlich im
Letzteren liegt das Kathartische. Der Dichter, der seinen Helden in
machtvoller Weise sagen läßt, was er leide, spricht damit auch dem
Hörer befreiend aus der Seele. Man braucht sich nicht selbst Luft zu
machen, wenn man sich heftig aufgeregt fühlt; wenn es ein Anderer für
uns tüchtig thut, giebt das auch Erleichterung.
II
Die kathartische Behandlung der Hysterie, welche die Ärzte Dr. ~Josef
Breuer~ und Dr. ~Sigmund Freud~ beschrieben haben[20], ist sehr
geeignet, die kathartische Wirkung der Tragödie verständlich zu machen.
Diese Cur beruht auf dem Gedanken, dass ein Affect, der „unterdrückt,“
d. h. nicht durch Wort, That, Thränenerguss u. dergl. abreagirt wurde,
sich in jene nervösen Symptome umwandle, welche das Krankheitsbild des
Hysteriefalles ausmachen. Diese hysterischen Symptome sind als anomaler
Ausdruck einer Gemütsbewegung zu betrachten, welcher die normale
Entladung versagt blieb. Gelingt es dem Arzt, den affecterregenden
Anlass zu entdecken, welcher das hysterische Symptom zuerst verursacht
hat, und den Patienten zu lebhafter nachträglicher Reaction auf
das Trauma zu bringen, welches die Psyche damals erlitten hat, so
verschwindet das entsprechende hysterische Symptom spurlos.
In diesen pathologischen Fällen erhält sich das Quantum seelischer
Energie, welches ursprünglich im Affect vorhanden war und nicht
abströmen durfte, in der auffälligen und krankhaften Form eines
hysterischen Symptoms, dessen Zusammenhang mit dem seelischen Anlass
dem Selbstbewusstsein des Kranken keineswegs durchsichtig ist und nur
durch die Heilung nachgewiesen wird. Diese pathologischen Fälle lehren
uns Vorgänge im gesunden Menschen begreifen.
Krankhaft ist daran die Umwandlung des nicht abreagirten Affectes in
ein hysterisches Symptom, nicht das Unterbleiben des Abreagirens.
Abreagirt werden im allgemeinen nur ausnahmsweise heftigere Affecte,
welche die habituelle Selbstbeherrschung, durch welche die Menschen
sich im Zaum halten, durchbrechen. In dieser Hinsicht bestehen
Unterschiede des individuellen Temperaments. Viele reagiren leicht,
lebhaft und häufig, andere verbeißen alles, ja manchen (ein Teil der
„Bildung“ besteht hierin) wird es zur zweiten Natur, die Affecterregung
gar nicht mehr in die peripheren Nervenbahnen abströmen zu lassen. Die
nicht abreagirten Affecte, auch wenn sie sich nicht in pathologische
Symptome verwandeln, verbleiben irgendwie als eine Art ungelöster
Spannung in der Seele, und ihr Dasein verrät sich in der Färbung des
Lebensgefühles, welches der vorherrschenden Stimmung zu Grunde liegt,
in der Geneigtheit zu Ausbrüchen von Affecten von jener Art, welcher
die ungelöst in der Seele verharrenden angehören. Wir nennen das
Reizbarkeit. Poeten, Schauspieler verwenden diese aufgesparten Affecte
für ihre Leistungen, die ihnen nur durch dieselben ermöglicht werden.
Für andere wird die Summe ungelöster Spannungen, die sie mit sich
herumtragen, zur Beschwerde, die sie beklommen macht. Erleichterung,
Katharsis, finden sie, wenn sie sich gelegentlich eines neuen
Affectanlasses Luft machen und sich die alten Affectspannungen in Einem
vom Herzen reden und rasen.
Je nach Empfänglichkeit und Lebenslage werden sich in dem einzelnen
Menschen mehr Affecte von einerlei Art unentladen aufstauen. Dies
bestimmt die Richtung der ihm eigenthümlichen Reizbarkeit.
Man wird beobachten, daß Frauen, die viel wirkliche oder vermeintliche
Kränkungen von ihren Männern niederschlucken mussten, wenn sie von
einem ähnlichen Frauenschicksal hören, zu lebhafter Teilnahme, zu
Thränen des Mitgefühles mit grösster Leichtigkeit bewogen werden. So
sind Mütter, infolge der langen Serie gleichförmiger Sorgenaffecte
um ihre Kinder, für ähnliche Eindrücke abnorm empfänglich. Andere,
Männer z. B., sind überfüllt mit Erwerbssorgen, Reminiscenzen von
Kränkungen ihres Selbst- und Rechtsgefühles u. s. w., und daher zu den
entsprechenden Affecten disponirt.
Im Ganzen ist das Muster, nach welchem der Weltlauf gewebt ist, so
gleichförmig, daß in jedem Menschengemüt so ziemlich alle wesentlichen
Affectspannungen vollzählig beisammen sind, wenn auch verschieden
accentuirt. Die Katharsis ist nun eine Erleichterung dieses Zustandes.
Der Tragiker stellt eine Begebenheit vor die Phantasie der Zuschauer,
welche im Ganzen und Einzelnen solcher Art ist, dass die Zuschauer,
indem sie den Schicksalen der Bühnenpersonen Teilnahme schenken, eine
grosse Masse der in ihnen aufgehäuften Affectspannungen mitentladen,
wie jene Mägde des Achilleus beim Tode des Patroklos.
Was sich entladet, ist persönliches Leid, wirklich erlittenes oder von
der Phantasie selbstquälerisch vorgespiegeltes.
Hier liegt der grosse Irrtum des Aristoteles. Er meinte: was sich
entladet, ist Mitleid und Furcht.
Bezüglich der Furcht bleibe die Sache in Schwebe. Unrecht aber hat
er mit dem Mitleid. Der Mensch hat ein Bedürfnis, die leidvollen
Affectspannungen, die in ihm selbst vorhanden sind, zu entladen, und
dies erfolgt auf Anlass der durch einen gespielten Vorgang angeregten
Vibration von Mitleid. +Aber er hat kein Bedürfnis, zu bemitleiden.+
Für oberflächliche Analyse aber hat es den Anschein, als ob die
Gefühlswirkung der Tragödie durch und durch Mitleid wäre, während
sich Leid in der +Form+ von Mitleid, +gelegentlich+ einer minimalen
Mitleidsanwandlung entladet. Katharsis findet also nur statt bezüglich
des +Leidens+, nicht des Mitleidens. Das Mitleid ist der zündende
Funke, nicht die Mine, die losgeht.
Dass aber Leid in der Form von Mitleid sich entlade, ist der tragischen
Wirkung wesentlich.
In der Rhetorik (II, 8) sagt Aristoteles mit großer Feinheit, daß wir
nur uns ferner Stehende bemitleiden. Nächste Freunde und Angehörige
erregen durch ihr Unglück in uns nicht Mitleid, sondern ein dem
Leiden, das sie trifft, congruentes Gefühl. Dieses aber schließt
durch seine Schmerzlichkeit die Lust aus, die zur Katharsis gehört.
Feine Beobachter werden wissen, daß, wenn ein Unglück uns trifft, die
Tröstung damit beginnt, daß sich dem Schmerz ein Element wehmütig süßen
Selbstbedauerns beimengt. Darum können sich wehevolle Affectspannungen
nur in der Form von Mitleid lustvoll entladen, und wenn eine Tragödie
uns an concrete schmerzliche Ereignisse erinnert, weckt sie Leid in uns
auf und löscht die Freude aus.
Diese Betrachtungen erledigen jenen Einwand, daß doch auch andere
Affecte als Mitleid und Furcht durch die Tragödie Katharsis finden.
Das Mitleid ist die Gemütsbewegung, durch welche die Seele mit den
mannigfaltigsten Leidenschaften, die Schmerzen bringen, in Fühlung
tritt. Mit dem Ehrgeiz, mit der Muttersorge, mit dem verletzten
Rechts- und Ehrgefühl. All diese Schmerzen, deren Reminiscenzen wir in
uns tragen, finden durch Vermittlung des Mitleidens ihre Entladung.
Diese Einsicht hat Aristoteles dadurch verdeckt, daß er für das sich
Entladende das Mitleid hielt, während dieses nur Anreiz und Form der
Katharsis mannigfaltiger Affecte ist.
III