Da das Trauerspiel ferner eine nachahmende Darstellung von besseren

als Durchschnittsmenschen ist, so muß man es den guten Porträtmalern

gleich thun. Geben doch auch diese die individuellen Züge wieder und

machen so das Bild ähnlich, während sie es zugleich verschönern. Ebenso

soll der Dichter, wenn er Zornmütige, Unbesonnene und andere mit

Charaktermängeln Behaftete darstellt, sie als solche und zugleich als

edel schildern. So ist die Darstellung des Achilleus bei ~Homer~ und

~Agathon~ ein Beispiel von der Art, wie man den Starrsinn behandeln

soll. Dies alles muß man im Auge behalten und desgleichen dasjenige,

was sich aus der notwendigen Verknüpfung der Poesie mit dem Bereiche

des Sinnfälligen ergiebt. Denn auch hier giebt es Fehlerquellen in

Fülle. Doch darüber haben wir in den veröffentlichten Schriften[6]

bereits sattsam gehandelt.

=16.= Was aber die Erkennung sei, ist bereits früher gesagt worden. In

Ansehung ihrer Arten ist zuerst die geistloseste zu nennen, deren man

sich als eines bequemen Notbehelfes am häufigsten bedient, nämlich die

Erkennung durch Zeichen. Von diesen sind wieder die einen angeboren,

wie „die Lanze, so die Erdgebornen tragen“ oder die Sterne, welche

~Karkinos~ im „Thyestes“ verwendet; die übrigen sind erworbene Zeichen,

und von diesen haften einige am Körper, wie z. B. Narben, die anderen

sind äußere Gegenstände, wie die Halsbänder oder die Mulde in der

„Tyro“. Auch von diesen läßt sich ein besserer oder schlechterer

Gebrauch machen, wie denn Odysseus an der Narbe anders von der Amme

und anders von den Sauhirten erkannt wird. Denn die der Beglaubigung

dienenden Erkennungen sind die schlechtesten; einigermaßen geistlos

ist freilich die ganze Gattung; wenn aber die Erkennung durch eine

Schicksalswendung vermittelt wird, wie jene in der Badescene _der

Odyssee_, so ist ihre Verwendung eine bessere. Die zweite Art bilden

die vom Dichter veranstalteten und eben darum ziemlich geistesarmen

Erkennungen. Dahin gehört es, wenn Iphigenie _im gleichnamigen Drama_

den Orestes erkennt; sie freilich ward durch den Brief erkannt; er

aber sagt selbst, nicht was die Fabel heischt, sondern was der Dichter

will. Darum steht dieser Fall den oben besprochenen fehlerhaften nahe;

hätte doch Orestes eben so wohl auch einiges _der Erkennung Dienliche_

am Leibe tragen können. Und nicht anders steht es mit der „Stimme des

Gewebes“ im „Tereus“ des ~Sophokles~. Die dritte Erkennungsweise ist

die durch das Gedächtnis vermittelte, indem ein Anblick schmerzliche

Empfindungen wachruft. Man denke an die „Kyprier“ des ~Dikäogenes~,

wo er (_Teukros_) beim Anblicke des Gemäldes aufschluchzt, oder an

den „Apolog des Alkinoos“, wo er (_Odysseus_) in Thränen ausbricht,

als er den Gesang des Spielmannes vernimmt und sich der Vergangenheit

erinnert;[7] und auf diesem Wege werden beide erkannt. Der vierte Fall

beruht auf Schlußfolgerung; so in den „Choëphoren“, wo es heißt: „ein

mir Ähnlicher ist angekommen; ähnlich ist mir kein anderer als Orest;

also ist Orestes angekommen“. Und eben dahin gehört auch das, was

~Polyeidos~ der Sophist zum Behufe der Erkennung in der Iphigenienfabel

ersonnen hat. Denn gar nicht uneben ist die Reflexion des Orestes:

seine Schwester habe den Opfertod erlitten, und nun erwarte auch

ihn das gleiche Schicksal! Von ähnlicher Art ist jene Reflexion im

„Tydeus“ des ~Theodektes~: er sei gekommen, einen Sohn zu finden,

und müsse nun selbst das Leben lassen! Desgleichen die Erkennung in

den „Phineussöhnen“, wo die Frauen beim Anblicke der Örtlichkeit

ihr Schicksal erschließen: es sei ihnen bestimmt, hier zu sterben,

denn hier seien sie auch ausgesetzt gewesen. Es giebt endlich eine

Erkennungsweise, bei der der falsche Schluß einer zweiten Person eine

Rolle spielt. So im „Trugboten Odysseus“. Behauptete dieser doch, er

werde den Bogen erkennen, den er in Wahrheit niemals gesehen hatte;

in der Befürchtung nun, mittelst des Bogens selbst erkannt zu werden,

zündet der Andere diesen an -- ein Vorgehen, dessen Grundlage somit ein

falscher Schluß ist. Die vorzüglichste aller Erkennungsweisen ist aber

diejenige, die sich aus dem Verlaufe der Begebenheiten selbst ergiebt,

indem die Überraschung durch _innerlich_ wahrscheinliche Vorgänge

erfolgt, wie im „Ödipus“ des ~Sophokles~ und in der „Iphigenie“.

Denn nichts kann natürlicher sein als ihr Wunsch, einen Brief _in

die Heimat_ abzusenden. Der zweite Rang aber gebührt den durch eine

Schlußfolgerung vermittelten Erkennungen.

=17.= Man soll aber während der Composition der Fabel und der

gleichzeitigen sprachlichen Ausarbeitung des Trauerspieles sich

die Vorgänge so lebendig als möglich vergegenwärtigen. Denn wenn

der Dichter ihnen dergestalt wie ein Augenzeuge beiwohnt und sie

leibhaftig vor sich sieht, wird er das Angemessene treffen und was

dagegen verstößt am ehesten vermeiden. Einen Beleg hierfür bietet der

Tadel, der den ~Karkinos~ getroffen hat. Amphiaraos hatte nämlich

das Heiligtum bereits verlassen (_zu einer Zeit nämlich, da die

Bühnenvorgänge sein Verweilen im Heiligtum erheischten_). Dies war dem

Dichter, so lange er das Stück nicht spielen sah, entgangen, auf der

Bühne aber erlitt er ein Fiasco, da das Publicum den Verstoß übel

vermerkte. So weit als möglich soll ferner der Dichter zu gleicher

Zeit auch das Geberdenspiel feststellen. Denn am allerüberzeugendsten

wirkt die Naturkraft der Leidenschaft selbst und nichts gleicht der

Wahrheit, mit welcher der Zornerfüllte schilt, der wild Erregte rast.

Darum ist auch das Dichten Sache teils ungemein geist-, teils überaus

temperamentvoller Naturen. Denn diese geraten leicht außer sich, jene

finden sich leicht in alles.

Von den Fabeln ferner -- den componierten nicht weniger als jenen,

deren Composition ihn eben beschäftigt -- soll der Dichter sich den

Wesenskern klar machen, dann erst (_im letzteren Falle_) die Zuthaten

beifügen und den Umfang erweitern. Das Wesentliche, das es zu erfassen

gilt, verstehe ich z. B. bei der Iphigenienfabel also: ein Mädchen

ward geopfert, ohne Vorwissen der Opfernden aber in ein anderes Land

entrückt, wo der Brauch bestand, fremde Ankömmlinge der Landesgöttin

zu opfern. Sie ward deren Priesterin, und nach geraumer Zeit traf

es sich, daß ihr Bruder dahin kam (daß, aus welcher Ursache und zu

welchem Zweck ein Orakel ihn dahin gehen hieß, gehört nicht zur Sache).

Dort angelangt ward er ergriffen und sollte geopfert werden, als die

Erkennung stattfand, sei es nun wie ~Euripides~, sei es wie ~Polyeidos~

sie vor sich gehen läßt. Der letztere läßt nämlich den Orestes

natürlich genug ausrufen, so sei denn nicht nur der Schwester, sondern

auch ihm der Opfertod bestimmt gewesen; und hieraus ergiebt sich die

Rettung. Nachträglich soll man den Figuren die _individualisierenden_

Namen beilegen und die Episoden hinzufügen, wobei man darauf zu achten

hat, daß diese dem Stoff innerlich verwandt seien, wie es beim Orestes

der Wahnsinnsanfall ist, der seine Ergreifung, und die Sühnceremonie,

die seine Rettung herbeiführt.[8] In den Dramen nehmen nun die Episoden

einen _vergleichsweise_ geringen Raum ein, dem Epos hingegen verleihen

sie seinen beträchtlichen Umfang. Denn auch die Fabel der Odyssee ist

nicht eben eine große: ein Mann weilt lange Jahre hindurch einsam in

der Fremde; daheim aber stehen die Dinge so, daß sein Besitz aufgezehrt

und seinem Sohne nach dem Leben getrachtet wird; da kehrt er endlich,

vom Sturm umhergetrieben, heim, wird von Einigen erkannt und wagt so

den Angriff, der ihm zum Heile, den Feinden zum Verderben ausschlägt.

Dies allein ist der Kern, der Rest ist Zuthat.

=18.= Eine Partie jedes Trauerspieles bildet die Schürzung, eine

andere die Lösung des Knotens. Zur ersteren gehört häufig was der

Handlung vorausliegt, und ferner ein Teil der Handlung selbst; den

Rest macht die Lösung aus. Ich verstehe also unter Schürzung alles vom

Beginn an bis zu dem Teile, der dem Umschlage zum Unglück oder Glück

unmittelbar vorangeht; unter Lösung hingegen alles vom Anfange des

Umschlages an bis zum Ende. So bilden in dem „Lynkeus“ des ~Theodektes~

die Vorbegebenheiten, die Ergreifung des Kindes und dann wieder die

Aufhellung des Sachverhaltes die Schürzung; die Lösung aber reicht von

der Anschuldigung des Danaos bis zum Ende.

Von Arten des Trauerspieles giebt es vier; haben wir doch eben

so viele Arten der Fabel kennen gelernt. Wir unterscheiden das

verflochtene Trauerspiel, das ganz in Peripetie und Erkennung besteht

und das einfache, das pathetische von der Art der „Aias-“ und der

„Ixion-“Dramen und das ethische, wohin die „Phthiotinnen“ und der

„Peleus“ gehören. Die miraculöse Gattung aber wie die „Phorkystöchter“,

der „Prometheus“ und die Hades-(Unterwelts-)Dramen. *

In erster Reihe muß man nun darnach streben, alle Vorzüge zu

vereinigen, oder doch jedenfalls die meisten und bedeutendsten, zumal

jetzt, da man die Dichter gar sehr zu chicanieren liebt. Denn da es

bereits in jeder Richtung ausgezeichnete Dichter gegeben hat, so

verlangt man von dem einzelnen, er solle jeden in seinen besonderen

Vorzügen übertreffen.

Man kann ein Trauerspiel mit Fug von einem anderen verschieden und doch

wieder mit ihm identisch nennen; jenes in sofern die beiden einander

stofflich fremd sind, dies aber in sofern sie dieselbe Verflechtung

und Lösung besitzen. _Nebenbei bemerkt_: Vielen gelingt die Schürzung

wohl, während ihnen die Lösung mißrät; es gilt aber stets, beider

Aufgaben Herr zu werden.

Ferner soll man unserer wiederholten Mahnung eingedenk sein und aus

dem Trauerspiele nicht einen eposartigen Bau machen. Unter „eposartig“

verstehe ich aber hier den allzu großen Stoffreichtum, wie wenn ein

Dramendichter den ganzen Stoff der Iliade _zu einem Trauerspiele_

verarbeiten wollte. Denn dort gewinnen die Teile infolge der Länge

des Gedichtes einen angemessenen Umfang, in den Dramen aber wird eine

_derartige_ Erwartung arg getäuscht. Einen Beleg dafür liefert das

folgende: alle Dramatiker, welche den Stoff von „Ilions Zerstörung“ als

ein Ganzes und nicht partienweise, wie ~Euripides~, oder welche die

Niobe (?) als ein Ganzes und nicht wie ~Äschylos~, behandelt haben,

fallen durch oder ziehen doch den kürzeren; hat doch auch ~Agathon~

darin allein einen Mißerfolg erlitten. * In den Peripetien aber und

in den einfachen Handlungen erreichen sie in wunderbarer Weise ihr

Ziel. * Denn das ist tragisch und menschenfreundlich zugleich. Der

Fall nämlich, wenn der Kluge aber Böse getäuscht wird wie Sisyphos und

wenn der Tapfere aber Ungerechte unterliegt. Es ist dies aber auch

nicht unwahrscheinlich, wie denn ~Agathon~ es wahrscheinlich nennt, daß

vieles sich auch wider die Wahrscheinlichkeit ereigne.

Den Chor soll man endlich wie einen der Schauspieler betrachten;

er soll ein Teil des Ganzen sein und mitspielen, nicht wie bei

~Euripides~, sondern wie bei ~Sophokles~. Bei den Meisten aber stehen

die Gesangstücke der jedesmaligen Fabel um nichts näher als irgend

einem anderen Trauerspiele. Man läßt daher auch geradezu Einlagen

singen, womit ~Agathon~ den Anfang gemacht hat. Wo bleibt aber der

Unterschied, ob nun Einlagen gesungen werden oder ob man eine ganze

Rede oder gar einen ganzen Act aus einem Stück in das andere übertragen

wollte?

=19.= Über alles andere wäre nun gehandelt; noch erübrigt es aber, über

die Diction und über die Reflexion zu sprechen. Das auf die letztere

Bezügliche mag jedoch in den Büchern über die Redekunst seinen Platz

finden; denn dies ist die Disciplin, der es genauer angehört. Zum

Gebiete der Reflexion rechnen wir das, was mittelst der Rede bewirkt

werden soll. Dazu zählt das Beweisen und Widerlegen, das Erregen

von Mitleid, Furcht, Zorn und was dergleichen mehr ist, endlich das

Darstellen einer Sache als gering oder gewichtig. Augenscheinlich hat

man auch im Bereiche der Begebenheiten von denselben Gesichtspunkten

auszugehen, wenn es Vorgänge als rührend oder furchtbar, als gewichtig

oder wahrscheinlich darzustellen gilt. Der Unterschied besteht nur

darin, daß die Eindrücke hier ohne sprachliche Äußerung erzeugt werden

müssen, während sie in der Rede durch diese und vom Redenden bewirkt

werden sollen. Denn was bliebe dem letzteren zu thun übrig, wenn

die Wirkung schon durch den Anblick und nicht erst durch die Rede

hervorgebracht würde?

Im Bereiche der Diction aber bilden die Modalitäten des Ausdrucks einen

Gegenstand der Untersuchung. Davon Kenntnis zu nehmen ist jedoch die

Sache der Vortragskunst und desjenigen, der die obersten Principien

derselben inne hat. Dahin gehört die Unterscheidung von Gebot, Wunsch,

Erzählung, Drohung, Frage und Antwort und was es etwa dergleichen

mehr giebt. Erwächst doch aus der etwaigen Unkenntnis dieser Dinge

dem Dichter und seinem Werke kein irgend nennenswerter Vorwurf. Oder

wer möchte wohl einen Fehler in dem erblicken, was ~Protagoras~ an

~Homer~ getadelt hat, daß dieser nämlich mit den Worten: „Göttin,

singe den Zorn“ einen Wunsch zu äußern meine, während er doch einen

Befehl ausspricht; denn wenn man jemand etwas thun oder lassen heiße,

so sei dies eben ein Befehl. Darum wollen wir diesen Gegenstand als

einer anderen Disciplin und nicht der Poetik angehörig auf sich beruhen

lassen.

=20.= Die gesamte Diction zerfällt in folgende Bestandteile: das

Sprachelement, die Silbe, das Bindewort, das Gliedwort, das Nennwort,

das Aussagewort, die Flexion, das Wortgefüge. Das Sprachelement ist ein

unzerlegbarer Laut, jedoch nicht jeder solche, sondern jener, der in

einen Lautcomplex eingehen kann; haben doch auch die Tiere unzerlegbare

Laute, von welchen ich jedoch keinen ein Sprachelement nenne.

Dieses besteht aus Selbstlautern, Halblautern und Stummlautern. Ein

Selbstlauter ist jenes Sprachelement, welches ohne Anlegen _der Zunge_

einen hörbaren Ton besitzt; der Halblauter jenes, das mit Anlegen der

Zunge einen hörbaren Ton besitzt, wie das S und das R; ein Stummlauter

endlich jenes, das mit Anlegen der Zunge für sich zwar keinen Ton

besitzt, wohl aber hörbar wird, wenn es mit solchen, die einen Ton

besitzen, verbunden wird, wie das G und das D. Die Unterschiede beruhen

hier auf Stellungen und Orten des Mundes, auf Stärke und Schwäche

des Hauches, auf Länge und Kürze, endlich auf Höhe, Tiefe und der

Mittellage des Tones; die Detailbehandlung dieser Dinge gehört jedoch

der Metrik an. Eine Silbe ist ein unbedeutsames Lautgebilde, das aus

einem Stummlauter und einem lautbesitzenden Elemente zusammengesetzt

ist; denn auch das GR ohne das A ist eine Silbe nicht minder als mit

dem A, als GRA. Aber die Erörterung auch dieser Unterschiede fällt der

Metrik anheim.

Ein Bindewort ist ein unbedeutsames Lautgebilde, welches die

Verschmelzung mehrerer Lautgebilde zu einem bedeutsamen weder hindert

noch bewirkt und ebensowohl an den Grenzpunkten als in der Mitte

zu stehen geeignet ist, -- ferner ein solches, das aus mehreren

bedeutsamen Lautgebilden ein gleichfalls bedeutsames zu machen

geeignet und das nicht an der Spitze der Rede zu stehen fähig ist, wie

(_es folgen unübersetzbare Beispiele von Partikeln_). Ein Gliedwort

aber ist ein unbedeutsames Lautgebilde, welches Anfang, Ende oder eine

Sonderung der Rede bezeichnet * wie das _um_, _über_ u. dgl. m.[9]

Ein Nennwort (Nomen) ist ein zusammengesetztes bedeutsames, keine

Zeitbestimmung enthaltendes Lautgebilde, das keinen für sich

bedeutsamen Teil enthält; denn bei den Doppelworten bedienen wir uns

der Teile nicht als für sich selbst bedeutender, wie z. B. im Namen

_Gottlieb_ das _lieb_ nichts bedeutet. Ein Aussagewort (Verbum) ist

ein zusammengesetztes bedeutsames, eine Zeitbestimmung enthaltendes

Lautgebilde, welches gleich den Nennworten keinen etwas für sich

bedeutenden Teil besitzt. Denn das Wort „Mensch“ oder „Weißes“ bedeutet

nicht das Wann, die Worte „geht“ oder „ging“ bezeichnen nebst anderem

auch das eine die gegenwärtige, das andere die vergangene Zeit. Eine

Flexion eines Nenn- oder Aussagewortes ist teils eine das „dessen“ oder

„dem“ und was dergleichen mehr ist, bedeutende, teils eine das „eine“

oder „viele“ besagende wie „Mensch“ oder „Menschen“, endlich eine

die verschiedenen Vortragsweisen wie Frage und Befehl bezeichnende,

wonach z. B. „ging (er)?“ oder „geh!“ Flexionsformen des Verbums nach

diesen Gesichtspunkten sind. Ein Redegefüge ist ein zusammengesetztes

bedeutsames Lautgebilde, das _mindestens_ einige durch sich selbst

bedeutsame Teile besitzt. Denn nicht jedes Redegefüge besteht _ganz

und gar_ aus Nenn- und Aussageworten, wie etwa die Definition des

Menschen[10] (kann ein solches doch sogar der Aussageworte entrathen);

irgend ein selbstbedeutsamer Bestandteil wird aber immer vorhanden

sein, wie z. B. in den Sätzen: „in dem Gehen“, „Kleon der Kleonide“.

Einheitlich endlich ist ein Wortgefüge in zwiefachem Sinne: entweder

nämlich, weil es ein Einheitliches bedeutet, oder weil mehreres in ihm

enthalten, aber zu einer Einheit verbunden ist. Im letzteren Sinne ist

die Iliade, im ersteren die Definition des Menschen ein einheitliches

Wortgefüge.

=21.= Die Arten des Nennwortes sind die folgenden: das einfache,

worunter ich dasjenige verstehe, das aus unbedeutsamen Elementen

besteht wie das Wort „_Erde_“; dann das Doppelwort, das wieder in

zwei Unterarten zerfällt, je nachdem es aus einem bedeutsamen (nur

freilich nicht mehr in der Zusammensetzung bedeutsamen) und einem

unbedeutsamen Elemente, oder hingegen nur aus bedeutsamen Elementen

zusammengesetzt ist. Es kann auch ein drei- oder vierfach, ja ein

vielfach zusammengesetztes Nennwort geben, wie jene massaliotischen

Namen, z. B. _in dem Verse_: „Hermokaïkoxanthos zu Zeus die Hände

erhebend“. Jedes Nennwort ist entweder ein Alltags- oder ein Fremdwort

oder eine Metapher oder ein Schmuckwort oder eine Neubildung oder ein

solches, das eine Erweiterung, Verkürzung oder Umänderung erfahren hat.

Ich verstehe unter dem Alltagswort ein solches, dessen sich jedermann

_im betreffenden Lande_ bedient; unter dem Fremdwort eines, dessen sich

Andere bedienen; so daß augenscheinlich dasselbe Wort ein Fremd- und

ein Alltagswort sein kann, nur freilich nicht für dieselben Personen.

So ist z. B. (_„Port“ für die Franzosen ein Alltags-, für uns ein

dichterisches Fremdwort_).

Die Metapher ist die Übertragung eines Ausdrucks auf ein ihm fremdes

Gebiet, und zwar entweder von der Gattung auf eine Art oder von

der Art auf die Gattung oder von einer Art auf eine andere oder

endlich auf Grund einer Proportion. Ein Beispiel des ersten ist _der

Versteil_: „dort ruhet das Schiff mir“;[11] denn das Vor-Anker-Liegen

ist eine Art des Ruhens. Eine Übertragung der zweiten Art ist jenes:

„Tausendfaches bereits hat er und Gutes vollendet“;[12] denn tausend

ist eine Vielheit, deren sich der Dichter hier statt des Vielen

schlechtweg bedient. Eine Übertragung von einer Art auf eine andere

enthält das folgende: „weg schöpft mit dem Erz er das Leben“ und

wieder: „ab schnitt er das Naß mit dauerndem Erze“;[13] denn hier

wird einmal das Schneiden ein Schöpfen, das andere mal das Schöpfen

ein Schneiden genannt; ist doch beides eine Art des Wegnehmens. Die

Proportion aber verstehe ich derart, daß das zweite sich zum ersten

verhält wie das vierte zum dritten. Dann kann man statt des zweiten das

vierte, oder statt des vierten das zweite setzen; und bisweilen fügt

man der Metapher noch das hinzu, zu dem das durch sie Ersetzte in einem

Verhältnisse steht. Ein Beispiel: die Trinkschale steht zu Dionysos

in einem ähnlichen Verhältnisse wie der Schild zu Ares. Da wird denn

der Dichter die Trinkschale den Schild des Dionysos und den Schild die

Trinkschale des Ares nennen. Ein anderes Beispiel: was das Alter in

Betreff des Lebens, das ist der Abend in Betreff des Tages; da wird man

denn den Abend das Alter des Tages nennen (oder mit etwas verändertem

Ausdrucke, wie dies ~Empedokles~ gethan hat) und desgleichen das

Alter den Abend oder den Niedergang des Lebens. Mitunter entbehrt ein

Proportionsglied einer Sonderbezeichnung; nichts desto weniger kann man

auch dann in ähnlicher Weise verfahren. So heißt z. B. das Entsenden

(_oder Ausstreuen_) des Samens „säen“, jenes des Strahles durch die

Sonne aber entbehrt einer Benennung; dennoch verhält sich dies zur

Sonne wie das Säen zum Ausstreuer des Samens, daher man denn gesagt

hat: „er sät den gottgeschaffnen Strahl“. Diese Abart der Metapher

gestattet noch eine andere Verwendungsweise. Man kann nämlich, indem

man das Andersartige durch den metaphorischen Ausdruck bezeichnet,

diesem einen Teil seiner Eigenart aberkennen. So wenn jemand den Schild

eine Trinkschale nennen wollte, aber statt zu sagen: „die Trinkschale

des Ares“ die Wendung vorzöge: „eine des Weines bare Trinkschale“. *

Eine Neubildung ist ein Ausdruck, der von Anderen überhaupt nicht

gebraucht, sondern vom Dichter geschaffen wird; es scheint nämlich in

Wahrheit einiges derartige zu geben, (_wie etwa „Gesprühe“, „Gespröße“

und dergleichen_). Erweitert ist ein Wort, wenn ein Vocal in ihm

verlängert oder eine Silbe eingeschoben, verkürzt, wenn ihm etwas

weggenommen wird. Ein Beispiel der ersteren Art ist der „Peleiade“

statt der „Pelide“. (_Beispiele der letzteren Art sind weß’, deß’, dein

statt wessen, dessen, deiner._) Umgeändert ist das Wort, wenn ein Teil

desselben beibehalten, ein anderer neu gebildet wird, wie jenes: „an

der rechteren Brust“ statt „an der rechten“.[14]

Von den Nennworten sind die einen männlich, die anderen weiblich,

wieder andere keines von beiden. Die männlichen gehen auf N, R und

S aus und auf die mit diesen zusammengesetzten Buchstaben (_die

zwei Schriftzeichen für ps und ks_). Weiblich sind jene, die von

den langen Vokalen auf ē und ō (_die im griechischen besondere

Zeichen besitzen_), und von den mitunter gedehnten auf _A_ ausgehen.

So ergeben sich denn gleiche Zahlen für die männlichen und die

weiblichen Ausgänge, da ps und ks mit S identisch sind. Auf einen

Stummlauter aber geht kein Nennwort aus und eben so wenig auf einen

_immer_ kurzen Vokal; auf I aber nur drei, nämlich méli (Honig),

kómmi (Gummi) und péperi (Pfeffer); auf Y aber fünf. Die Neutra aber

gehen auf diese Buchstaben und außerdem auf N und auf S aus.

Aristoteles' Poetik · 第 3 / 8 段