=7.= Nachdem wir nunmehr soweit im Klaren sind, wollen wir davon

handeln, wie der Aufbau der Begebenheiten -- das Erste und das

Wichtigste im Trauerspiel -- beschaffen sein soll. Als ausgemacht gilt

es uns, daß das Trauerspiel Darstellung einer in sich abgeschlossenen

und ganzen Handlung ist, die eine gewisse Ausdehnung besitzt; denn es

giebt auch ein Ganzes, welches keine _nennenswerte_ Ausdehnung besitzt.

Ein Ganzes nun ist dasjenige, was Anfang, Mitte und Ende hat. Ein

Anfang aber ist das, was nicht selbst mit Notwendigkeit einem anderen

nachfolgt, nach welchem jedoch naturgemäß ein anderes vorhanden ist

oder entsteht; ein Ende ist im Gegenteil das, was selbst entweder

notwendig oder in der Regel einem anderen nachfolgt, während ihm nichts

anderes nachfolgt; eine Mitte endlich, was selbst auf ein anderes und

auf das wieder ein anderes folgt. So dürfen denn die Fabeln, wenn ihr

Bau ein befriedigender sein soll, weder an einem beliebigen Punkt

anfangen, noch an einem solchen aufhören; sie sollen vielmehr den

soeben angegebenen Bestimmungen entsprechen. Ferner bedarf das Schöne,

sei es nun ein lebendes Wesen oder sonst ein zusammengesetztes Ding,

nicht nur einer Ordnung seiner Teile, sondern auch einer gewissen,

nicht eben beliebigen Größe. Beruht doch alle Schönheit auf Größe

und Ordnung. Darum kann weder ein winzig kleines Geschöpf schön sein

-- denn die Anschauung wird verworren, sobald sie sich der Grenze

des Wahrnehmbaren nähert --, noch auch ein ungeheuer großes; denn

bei diesem hört die Anschauung auf eine gleichzeitige zu sein, dem

Betrachtenden geht vielmehr ihre Einheit und Ganzheit verloren. Es

wäre dies z. B., _um einen extremen Fall zu nennen_, bei einem Tiere

der Fall, dessen Länge zehntausend Stadien (_nahe an zweitausend

Kilometer_) betrüge. Aus dem Gesagten ergiebt sich folgendes. Wie bei

Körpern und belebten Wesen, _wenn sie schön heissen sollen_, eine zwar

ansehnliche, aber nicht eine der Übersicht abträgliche Grösse vorhanden

sein soll, so müssen auch die Fabeln eine stattliche, aber nicht eine

der Erinnerung abträgliche Länge besitzen. Was nun das Maß dieser

Länge betrifft, so ist eine Bestimmung derselben mit Rücksicht auf die

actuelle Bühnenaufführung nicht Sache der Poetik; denn wenn hundert

Trauerspiele in einer Concurrenz-Aufführung vereinigt sein sollten,

so müßte man die Aufführung nach der Uhr bemessen. Die aus der Natur

der Sache fließende Maßbestimmung aber ist diese: je größer innerhalb

der Grenzen der Übersichtlichkeit die Ausdehnung einer Fabel ist, um

so größer ist auch in soweit ihre Schönheit. In groben Umrissen läßt

sich aber die Sache also darlegen: ein Umfang, innerhalb dessen sich

durch einen nach den Normen der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit

erfolgenden Ablauf von Vorgängen ein Umschlag von Glück in Unglück

oder von Unglück in Glück ergiebt, -- dies darf als eine zulängliche

Maßbestimmung gelten.

=8.= Die Fabel aber ist eine einheitliche nicht, wie Manche meinen,

dadurch, daß sie +eine+ Person zu ihrem Mittelpunkte hat. Denn

gleichwie +Einem+ viele, ja unzählige Eigenschaften innewohnen, von

denen manche sich zu keiner Einheit zusammenschließen, so giebt es

auch unter den Handlungen +einer+ Person viele, die sich nicht zu

einer einheitlichen Handlung verbinden. Darum begingen alle jene

augenscheinlich einen Mißgriff, die eine Herakleis, eine Theseis und

dergleichen mehr geschaffen haben. Denn sie meinen, daß, weil Herakles

+eine+ Person war, darum auch der Fabel Einheit zukomme. ~Homer~ aber

hat, gleichwie er in jedem anderen Betracht hervorragt, offenbar auch

hier, sei es durch Kunstverstand, sei es durch Genie, das Richtige

gesehen. Indem er nämlich eine Odysseusdichtung schuf, machte er zum

Object seiner Darstellung nicht all das, was dem Odysseus begegnet ist,

wie seine Verwundung auf dem Parnaß oder seinen erheuchelten Wahnsinn

beim Heeresaufgebot[3] -- Begebnisse, von denen das eine sich ereignen

konnte, ohne daß das andere darum mit Notwendigkeit erfolgen mußte. Er

hat vielmehr die Odyssee und nicht minder die Iliade um eine in unserem

Sinn einheitliche Handlung gruppiert. So soll denn, gleichwie in den

anderen darstellenden Künsten je eine Darstellung ein Object besitzt,

auch die Fabel, da sie Handlung darstellt, +eine+ und zwar eine

ganze Handlung nachbilden. Und desgleichen sollen ihre Teile derart

zusammenhängen, daß durch Wegnahme oder Verrückung irgend eines Teiles

das Ganze verschoben wird und aus den Fugen gerät; denn dasjenige,

dessen An- oder Abwesenheit sich durch nichts bemerklich macht, ist

_streng genommen_ gar kein Bestandteil eines Ganzen.

=9.= Aus dem Gesagten erhellt aber auch, daß nicht das die Aufgabe

des Dichters ist, das Geschehene zu berichten, sondern solcherlei,

was _gegebenen Falls_ nach _innerer_ Wahrscheinlichkeit oder

Notwendigkeit geschehen würde. Denn der Geschichtschreiber und der

Dichter unterscheiden sich nicht durch den Gebrauch der ungebundenen

und der gebundenen Rede. Ließe sich doch auch das Werk ~Herodot~’s in

Verse bringen; es wäre aber in Versform nicht weniger Geschichte als

in Prosa. Der Unterschied ist vielmehr dieser: der Eine berichtet das

Geschehene, der Andere solcherlei, was _gegebenen Falls_ geschehen

würde. Darum ist auch die Poesie eine philosophischere und eine

ernstere Sache als die Geschichte. Denn jene befaßt sich mehr mit

dem Allgemeinen, diese mit dem Einzelnen. Ein Allgemeines ist es, daß

dem so oder so Gearteten solches oder anderes zu thun oder zu sagen

notwendig oder naturgemäß ist; und das ist es, worauf die Poesie

abzielt, wenn sie gleich ihren Personen _individualisierende_ Namen

beilegt. Das Einzelne aber ist, was ein Alkibiades gethan oder erlitten

hat. Im Bereiche des Lustspiels nun ist dieser Sachverhalt bereits

deutlich geworden. Seine Dichter bauen nämlich die Fabel auf Grund

der Wahrscheinlichkeitsnormen auf und schieben dann _ihren Figuren_

beliebige Namen unter; nicht aber machen sie wie _vordem_ die Jambiker

Individuen zum Object ihrer Dichtung. Im Gebiete des Trauerspiels

aber hält man an den gegebenen Namen fest. Der Grund liegt darin, daß

uns das Mögliche glaubhaft dünkt. Nun sind wir von der Möglichkeit

dessen, was sich nicht ereignet hat, noch nicht überzeugt. Was sich

aber ereignet hat, das ist augenscheinlich möglich; denn wäre es

unmöglich, so hätte es sich eben nicht ereignet. Allein auch in den

Trauerspielen _findet sich manches Derartige_; in manchen gehören

nur ein oder zwei Namen zu den bekannten, während die übrigen frei

erfunden sind; und in manchen kommt gar kein solcher Name vor, wie

in der „Blume“ des ~Agathon~. Sind doch in diesem Drama Namen und

Begebenheiten gleichmäßig frei erfunden. Sie bereiten uns darum aber

keinen geringeren Genuß. So darf man denn nicht um jeden Preis an

den überkommenen Tragödien-Stoffen festhalten wollen. Ja, dieses

Streben ist ein lächerliches, da doch auch das Bekannte nur Wenigen

bekannt ist, nichts desto weniger aber Allen Genuß gewährt. Klar ist

es nach alle dem, daß der Dichter mehr ein Schöpfer von Fabeln als

von Versgebilden sein soll; ist er doch vermöge der nachahmenden

Darstellung ein Dichter, und was er darstellt sind Handlungen. Wenn

es sich also auch trifft, daß Wirkliches den Inhalt seiner Dichtung

bildet, so ist er darum nicht weniger ein Dichter. Denn nichts hindert,

daß Einiges von dem Wirklichen so geschehen sei, wie man es nach den

Normen _innerer_ Wahrscheinlichkeit erwarten kann; und insofern verhält

er sich zu seinem Stoff als ein Dichter.

Im allgemeinen sind unter Fabeln und Handlungen die episodenhaften

die schlechtesten. Episodenhaft nenne ich eine Fabel, deren einzelne

Abschnitte aufeinander folgen, ohne einem Gebote der _inneren_

Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit zu entsprechen. Geschaffen aber

werden derartige Fabeln von den schlechten Dichtern vermöge ihrer

Talentlosigkeit, von den guten aber vermöge ihrer Rücksichtnahme auf

die Preisrichter. Denn da es Concurrenzstücke sind, die sie dichten,

so gelangen sie leicht dazu, die Fabel über Vermögen zu strecken, und

werden dadurch oft gezwungen, die Folge der Begebenheiten zu verrenken.

Das Object der Darstellung ist ferner ja nicht bloß eine in sich

abgeschlossene Handlung, sondern auch Furcht und Mitleid erregende

Vorgänge. Von dieser Art sind aber Ereignisse zu allermeist dann,

wenn sie überraschend wirken. Auch dies ist ein Grund, warum das nach

einander Erfolgende durch einander erfolgen soll; denn dann werden

die Vorgänge den Charakter des Wunderbaren (_oder Überraschenden_)

in höherem Maße besitzen, als wenn sie von selbst und durch Zufall

eintreten. Erscheinen doch auch unter zufälligen Begebenheiten jene als

die wunderbarsten, die den Eindruck des Absichtlichen hervorbringen.

So die Tötung des Mörders des Mitys durch dessen in Argos befindliche

Bildsäule, die auf ihn niederstürzte, als er sie betrachtete.

Derartiges macht eben den Eindruck, als ob es nicht durch Zufall

geschehen wäre. Somit werden Fabeln dieser Art notwendig die schöneren

sein.

=10.= Unter den Fabeln aber sind die einen einfach, die anderen

verflochten. Weisen doch auch die Handlungen, deren Nachbildungen

die Fabeln sind, an und für sich diesen Unterschied auf. Unter einer

einfachen Handlung verstehe ich eine solche, bei welcher, während sie

den obigen Bestimmungen gemäß innerlich zusammenhängend und einheitlich

ist, die Entwickelung ohne Peripetie oder Erkennung vor sich geht; eine

verflochtene aber ist jene, bei der die Entwickelung mit Erkennung oder

Peripetie oder mit beiden erfolgt. Dies alles muß sich aber aus dem Bau

der Fabel selbst ergeben, so daß die späteren aus den vorhergehenden

Ereignissen mit Notwendigkeit oder doch _innerer_ Wahrscheinlichkeit

gemäß hervorgehen. Denn einen gewaltigen Unterschied macht es, ob

dieses +durch+ jenes, oder ob es nur +nach+ jenem erfolgt.

=11.= Die Peripetie aber ist der Umschlag der Unternehmungen in

ihr Gegenteil, und zwar, wie wir soeben bemerkten, nach _innerer_

Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit. Man denke z. B. an den „Ödipus“.

Hier tritt eine Person auf, die den in Rücksicht der Mutter _und der

auf seine Verbindung mit ihr zielenden Weissagung_ von banger Sorge

Erfüllten von dieser befreien will, durch die Enthüllung seiner

Herkunft aber das gerade Gegenteil bewirkt.[4] Oder an den „Lynkeus“,

der zum Richtplatze geführt wird, während Danaos als sein Henker hinter

ihm herschreitet, wo aber die Handlung schließlich zu dem Ende führt,

daß der letztere getötet, der erstere gerettet wird.

Eine Erkennung aber ist, wie dies auch das Wort selbst besagt, eine

Verwandlung von Unkenntnis in Kenntnis, _und zwar_ mit dem Erfolge, daß

daraus Freundschaft oder Feindschaft oder sonst ein dem Bereiche des

Glücks oder Unglücks zugehöriges Verhältnis erwächst. Den schönsten

Fall bilden jene Erkennungen, die von Peripetie begleitet sind, wie

dies im Ödipus geschieht. Es giebt nun freilich auch andere Arten

der Erkennung. Denn das Gesagte (_die Umwandlung von Unkenntnis in

Kenntnis_) tritt mitunter auch in Bezug auf Unbeseeltes und alles

Mögliche ein; ja, auch das kann Gegenstand der Erkennung sein, ob

jemand eine That vollbracht hat oder nicht. Allein die für die Fabel

und die für die Handlung bedeutsamste Art der Erkennung ist die oben

angegebene. Denn sie wird von Mitleid oder von Furcht begleitet sein,

und so geartete Handlungen sind es ja, als deren Nachbildung uns das

Trauerspiel gilt; und desgleichen wird Unglück und Glück sich an

derartige Erkennungen heften. Da somit die Erkennung _der Hauptsache

nach_ eine Erkennung von Personen ist, so wird es ferner Fälle geben,

in denen nur die eine Person der anderen bekannt wird (wenn nämlich

diese schon bekannt ist), und wieder andere, wo es die Erkennung

beider herbeizuführen gilt. So wird Iphigenie von Orestes infolge des

Briefauftrages erkannt, für diesen bedurfte es aber der Iphigenie

gegenüber wieder einer anderen Erkennung.

Mit dem Gesagten nun haben zwei Bestandteile der Fabel zu thun, die

Peripetie und die Erkennung. Einen dritten aber bildet das Leidelement

(Pathos). Dieses besteht in einer Wehe oder Verderben bringenden

That, wie es die Tötungen auf offener Bühne sind, ferner in maßlosen

Körperschmerzen, Verwundungen und was dergleichen mehr ist.

=12.= Die Teile des Trauerspiels, deren man sich als Arten bedienen

muß (!), haben wir früher angegeben; in quantitativer Rücksicht

aber und als gesonderte Bestandteile sind die folgenden zu nennen:

der Prolog, der Act, der Nachact, das Chorlied, das wieder in das

Einzugs- und Standlied zerfällt. Diese Teile sind allen Trauerspielen

gemein. Nur manchen Trauerspielen eigen sind hingegen die auf der

Bühne gesungenen und die sogenannten Kommoi. Der Prolog nun ist der

Gesamtteil des Trauerspieles, der dem Einzug des Chores vorangeht;

Act ein Gesamtteil des Trauerspiels, der zwischen ganzen Chorliedern

verläuft; Nachact der Gesamtteil des Trauerspieles, dem kein Chorlied

nachfolgt. Das Chorlied aber zerfällt in das Einzugslied oder die

erste Rede des ganzen Chores, in das Standlied, das ein Chorlied ohne

Anapäst und Trochäus ist, und in den Kommos, der ein vom Chore und

von der Bühne aus gemeinsam gesungenes Klaglied ist. Die Teile des

Trauerspiels nun, deren man sich als Arten bedienen muß, haben wir

vorher angegeben, in quantitativer Rücksicht aber und als gesonderte

Bestandteile waren die jetzt angeführten zu nennen.

=13.= Wonach man beim Aufbau der Fabeln zu streben und wovor man

sich zu hüten hat, und ferner, woraus die _specifische_ Wirkung des

Trauerspiels hervorgehen wird, darüber wäre nun im Anschluss an das

Voranstehende zu handeln. Da der Bau des schönsten Trauerspiels

nicht ein einfacher, sondern ein verflochtener sein und furcht-

und mitleiderregende Vorgänge nachbilden soll -- was ja eben das

Eigentümliche einer derartigen Darstellung ist --, so erhellt

zuvörderst folgendes. Es dürfen weder die wackeren Männer einen

Umschlag von Glück zu Unglück, noch auch die schlechten von Unglück

zu Glück erfahren. Denn jenes ist weder furcht- noch mitleiderregend,

sondern entsetzlich, dieses das alleruntragischste. Weist doch

dieser Fall nichts von alle dem auf, was Not thut; denn er ist weder

menschenfreundlich, noch auch furcht- oder mitleiderregend. Endlich

darf auch nicht der von Grund aus Böse aus Glück in Unglück geraten.

Denn dieser Art des Aufbaues würde es zwar an Menschenfreundlichkeit

nicht fehlen, wohl aber an Mitleid und Furcht -- zwei Affecte, von

denen der erste dem schuldlos Leidenden, der zweite dem Gleichartigen

gilt, so daß hier für keinen von beiden Raum vorhanden ist. So bleibt

denn der in der Mitte stehende Charakter übrig. Ein solcher ist aber

jener, der weder durch Trefflichkeit und Gerechtigkeit hervorragt,

noch auch auf Grund seines Unwertes und seiner Schlechtigkeit ins

Unglück gerät; und zwar soll er zu den in großem Ansehen und in

glücklicher Lebenslage Stehenden gehören, gleich einem Ödipus und

Thyestes und anderen hochstehenden Mitgliedern derartiger Geschlechter.

Die wohlgebaute Fabel muß also notwendig eine einfache und nicht, wie

Manche behaupten, eine doppelseitige sein; und der Umschlag darf nicht

aus Unglück in Glück, sondern umgekehrt erfolgen, und zwar nicht durch

Schlechtigkeit, sondern durch eine gewaltige Verfehlung eines Mannes

von der angegebenen Art oder eines solchen, der allenfalls höher,

keineswegs aber tiefer stehen darf. Einen Beweis _für die Richtigkeit

dieser Lehre_ liefert der thatsächliche Gang der Entwickelung. Während

nämlich die Dichter vordem alle beliebigen Sujets durchgekostet haben,

bietet jetzt ein kleiner Kreis von Geschlechtern den Stoff für die

schönsten Trauerspiele dar: ein Alkmeon, ein Ödipus, ein Orestes, ein

Meleager, ein Thyestes, ein Telephos und wem es sonst beschieden war,

etwas Schreckliches zu erleiden oder zu vollbringen. So gehört denn das

kunstgerechte und schönste Trauerspiel dieser Compositionsweise an.

Den gleichen Irrtum begehen daher diejenigen, die es dem ~Euripides~

zum Vorwurf machen, daß er dies in seinen Trauerspielen thut, und

daß die große Mehrzahl derselben einen unglücklichen Ausgang hat.

Denn dies ist, wie gesagt, das Richtige. Den stärksten Beweis hierfür

liefert das folgende. Auf der Bühne üben derartige Werke, wenn anders

die Aufführung nicht mißrät, die stärkste tragische Wirkung; und was

~Euripides~ betrifft, so bestellt er zwar im übrigen nicht alles aufs

Beste, aber er erweist sich doch als der tragischeste der Dichter.

Nur die zweite Stelle gebührt aber der von manchen zum ersten Rang

erhobenen Compositionsweise, welche, wie dies bei der Odyssee der Fall

ist, eine Doppelcomposition und einen entgegengesetzten Ausgang für

die Guten und für die Schlechten in sich schließt. Ihre Bevorzugung

verdankt sie der Gefühlsschwäche des Theaterpublicums; denn die Dichter

bequemen sich hierin den Zuschauern an, und trachten ihnen alles

Peinliche zu ersparen. Auf diesem Weg entsteht aber nicht die von der

Tragödie zu heischende, sondern weit eher die der Komödie eigene Lust.

Denn die Figuren des Lustspiels gehen, selbst wenn sie dem Sujet nach

die schlimmsten Feinde sind, wie Orest und Ägisth, am Schluss als gute

Freunde aus einander und keiner thut keinem etwas zuleide.

=14.= Die Erregung von Furcht und Mitleid kann nun aus dem Anblicke,

sie kann aber auch aus dem bloßen Aufbau der Begebenheiten hervorgehen,

was das Höhere und die Sache des besseren Dichters ist. Es soll

nämlich, ganz abgesehen von der Anschauung, die Fabel so gebaut sein,

daß denjenigen, welcher von dem Verlaufe der Begebenheiten _auch nur_

vernimmt, Schauder sowohl als Mitleid auf Grund der Ereignisse selbst

anwandelt, wie dies bei der Erzählung der Ödipusfabel der Fall ist.

Diese Wirkung durch den Anblick hervorzurufen, ist aber geistloser

und mehr von äußerlicher Ausstattung bedingt. Was aber jene Dichter

betrifft, die durch die Vermittlung des Auges nicht den Eindruck des

Furchtbaren, sondern bloß jenen des Miraculösen hervorbringen, so haben

sie mit dem Trauerspiel überhaupt nichts gemein. Denn nicht jede Lust,

sondern nur die diesem eigentümliche darf man von ihm heischen.

Da nun dem Dichter die Aufgabe zufällt, die aus Mitleid und Furcht

mittelst einer nachbildenden Darstellung entspringende Lust zu

erzeugen, so leuchtet ein, daß es den Grund dieser Wirkung in die

Begebenheiten selbst zu legen gilt. So wollen wir denn zusehen, welche

Begebnisse furchtbar oder rührend sind. Die hierhergehörigen Thaten

müssen notwendig von Freunden, von Feinden oder von Solchen, die

keines von beiden sind, gegen einander verübt werden. Wenn nun der

Feind den Feind mißhandelt, so liegt weder in dem vollführten, noch in

dem bevorstehenden Thun -- von der scenischen Wirkung der Unheilsthat

abgesehen -- etwas mitleiderregendes; ebenso wenig, wenn die beiden

weder Freunde noch Feinde sind. Wenn aber die Unglücksthat im Kreise

der Freundschaft erfolgt, wie wenn der Bruder den Bruder, der Sohn den

Vater, die Mutter den Sohn, der Sohn die Mutter tötet oder zu töten

oder sonst zu verderben im Begriffe steht -- das sind die Stoffe,

die man zu suchen hat. An den überlieferten Fabeln nun läßt sich

freilich nicht wohl rütteln. Ich meine z. B. Fälle von der Art, wie

daß Klytämestra von Orestens und Eriphyle durch Alkmeons Hand stirbt.

Der Dichter selbst aber soll in dem, was er hinzu erfindet und in

der Art, wie er die Überlieferung verwendet, sein Geschick bewähren.

Was wir darunter verstehen, wollen wir sogleich genauer darlegen. Es

kann nämlich die That so vor sich gehen, wie die Alten sie vor sich

gehen ließen, nämlich mit Bewußtsein und mit Kenntnis der Personen,

in der Weise, wie auch ~Euripides~ _noch_ die Medea ihre Kinder

töten läßt. Eine andere Möglichkeit ist die, daß die betreffenden

Personen das Schreckliche zwar vollbringen, es jedoch ohne Bewußtsein

vollbringen und erst nachträglich das Freundschaftsverhältnis inne

werden, etwa wie der „Ödipus“ des ~Sophokles~, wo jedoch freilich

die That außerhalb des Dramas liegt. Ein Beispiel innerhalb des

Dramas liefert der „Alkmeon“ des ~Astydamas~ und der Telegonos im

„Verwundeten Odysseus“. Eine dritte Möglichkeit ferner ist die, daß

ein Wissender die That vollführen will, aber nicht vollführt. Eine

vierte endlich begreift den Fall, daß jemand im Begriffe steht, eine

Unheilsthat infolge seiner Unkenntnis zu vollbringen, durch die

Erkennung aber davon zurückgehalten wird. Und außer diesen _vier

Fällen_ giebt es keinen mehr. Denn notwendig muß die That entweder

unterbleiben oder geschehen, und zwar entweder von Wissenden oder von

Nichtwissenden. Der verwerflichste dieser Fälle ist nun der, daß ein

Wissender die That beabsichtigt, aber nicht ausführt; denn hier ist

das Gräßliche vorhanden, das Tragische aber fehlt, weil den Affecten

nicht ausreichende Nahrung geboten wird. Darum dichtet auch niemand

in dieser Weise, mit seltenen Ausnahmen, etwa wie Hämons Verhalten

gegen Kreon in der Antigone eine ist. Daß es unter gleichen Umständen

zur That kommt, ist das nächstbessere. Höher aber steht der Fall,

daß einer die That unwissentlich vollbringt und ihr die Erkenntnis

nachfolgt. Denn hier fehlt das Gräßliche und die Erkennung wirkt

ergreifend. Der vorzüglichste Fall ist aber der letzte, wie wenn Merope

im „Kresphontes“ im Begriffe steht, den eigenen Sohn zu töten, ihn aber

nicht tötet, sondern vorher erkennt, oder in der „Iphigenie“ dasselbe

mit der Schwester dem Bruder gegenüber geschieht, und in der „Helle“

(?) der Sohn die Mutter erkennt, die er eben ausliefern wollte. Und

eben dies ist der Grund, weshalb, wie wir schon vorhin bemerkten, nur

wenige Geschlechter den Stoff von Trauerspielen abgeben. Denn auf der

Suche nach Stoffen sind die Dichter mehr freilich durch blindes Tasten

als durch wählende Einsicht dazu gelangt, die erforderlichen Wirkungen

vermittelst der Fabeln selbst zu erzeugen. Und so treffen sie denn

notwendig bei den Geschlechtern zusammen, denen derartige Schicksale zu

teil wurden.

=15.= Über die Composition der Begebenheiten und über die

wünschenswerte Beschaffenheit der Fabeln wäre nun genügend gehandelt.

In Betreff der +Charaktere+ aber giebt es viererlei, wonach man zu

streben hat. Eine, und zwar die erste Forderung, geht dahin, daß

dieselben gut seien. Charakter wird, wie bereits bemerkt, eine Figur

des Dramas besitzen, wenn sie durch Wort oder That den Besitz einer

wie immer gearteten Willensrichtung kundgiebt, einen guten aber, wenn

diese eine gute ist. Güte des Charakters ist aber keinem Lebenskreise

versagt. Denn auch einer Frau kann diese eignen und nicht minder einem

Sklaven; und doch darf der weibliche Typus wohl ein minderwertiger,

jener des Sklaven aber ein völlig wertloser heißen. Die zweite

Forderung zielt auf Angemessenheit der Charaktere. Ist doch z. B. der

Charakter eines Tapferen zwar ein guter, aber nicht paßt es für ein

Weib, männlich tapfer oder schrecklich zu sein. Den Inhalt der dritten

Forderung bildet die Ähnlichkeit (_oder Treue_). Denn diese ist, wie

schon früher bemerkt, etwas anderes als die zu erstrebende Güte oder

die Angemessenheit. Das vierte aber ist die Consequenz. Denn selbst

wenn das Urbild der Darstellung inconsequent ist und einen Typus

dieser Art darbietet, so soll er doch consequent in der Inconsequenz

sein. Ein Beispiel nun von Charakterschlechtigkeit bietet die Figur

des Menelaos im „Orestes“ dar, vom Unziemlichen und Unangemessenen der

Klaggesang des Odysseus in der „Skylla“ oder auch die große Tirade der

Melanippe; von _unstatthafter_ Inconsequenz endlich die Iphigenie in

Aulis; denn dort, wo sie um ihr Leben fleht, ist sie eine ganz andere

als im späteren Verlaufe des Stückes. Auch in der Charakteristik muß

man aber nicht minder als in der Composition der Begebenheiten nach

Notwendigkeit oder nach _innerer_ Wahrscheinlichkeit streben, so daß

es notwendig oder wahrscheinlich wird, daß ein so oder so Gearteter so

oder so Geartetes spreche oder thue, gerade so, wie es notwendig oder

_innerlich_ wahrscheinlich sein soll, daß dieses nach jenem geschehe.

Klar ist es nun, daß auch die Lösungen aus der Fabel selbst hervorgehen

und nicht, wie in der „Medea“, durch den Maschinengott erfolgen oder in

der Art, wie die auf die Abfahrt _der Griechen von Troia_ bezüglichen

Vorgänge[5] in der Iliade verlaufen sollen. Der Theatermaschine

muß man sich vielmehr für das bedienen, was außerhalb des Dramas

gelegen ist, seien dies nun frühere Ereignisse, die ein Mensch nicht

kennen kann, oder Begebnisse der Zukunft, die der Vorhersagung und

Verkündigung bedürfen; denn den Göttern räumen wir Allwissenheit ein.

Etwas Ungereimtes sollen die Begebenheiten nicht enthalten, oder es

soll doch mindestens außerhalb des Dramas gelegen sein, wie dies im

sophokleischen „Ödipus“ der Fall ist.

Aristoteles' Poetik · 第 2 / 8 段