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Kapitälchen: ~Tilden~

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ARISTOTELES’ POETIK

ÜBERSETZT UND EINGELEITET

VON

THEODOR GOMPERZ.

MIT EINER ABHANDLUNG:

WAHRHEIT UND IRRTUM IN DER KATHARSIS-THEORIE

DES ARISTOTELES

VON

ALFRED FREIHERRN VON BERGER.

[Illustration]

LEIPZIG,

+VERLAG VON VEIT & COMP.+

1897.

Druck von Metzger & Wittig in Leipzig.

_Vorwort._

Eine Übersetzung gleicht einem Fensterglas. Ist ein solches

staubbedeckt oder rauchgeschwärzt, so zieht es die Aufmerksamkeit auf

sich; erfüllt es hingegen seine Aufgabe in annähernd vollkommener

Weise, so gleitet der Blick hindurch ohne seiner zu achten. Kein

anderes Los erstrebt diese Übertragung der Poetik. Möge man sie so

wenig als möglich gewahren, aber gar oft durch sie hindurchblicken auf

das Original, das häufiger und eindringender Betrachtung in hohem Maße

wert ist als das reife Erzeugnis eines der feinsten und umfassendsten,

wenn auch vielleicht nicht der tiefsten Geister aller Zeiten.

Als Aristoteles nahe am Ende seiner Laufbahn (nach der Abfassung

seiner „Politik“ und vor jener der „Rhetorik“) seine Lehrvorträge

über die Dichtkunst endgültig in einem Werke zusammenstellte, dessen

zweite Hälfte uns unwiederbringlich verloren scheint, hatte er

vornehmlich einen aus Künstlern, Kunstkritikern und Kunstfreunden

gebildeten Leserkreis vor Augen. Es galt den in Fragen der Poesie und

der Beurteilung ihrer Schöpfungen hin- und herwogenden Meinungsstreit

in engere Grenzen zu bannen und dem Urteil über Wert und Unwert der

einzelnen Dichtwerke eine feste Grundlage zu bereiten. Wie muß das

Heldengedicht, wie vor allem das Trauerspiel beschaffen sein, um den

mit Fug an sie zu stellenden Forderungen zu genügen? Dies ist das

Problem, mit welchem der uns erhaltene Teil der Poetik sich vornehmlich

beschäftigt. Das zweite Buch war, so viel wir wissen, ausschließlich

oder nahezu ausschließlich der von denselben Gesichtspunkten

ausgehenden Betrachtung des Lustspieles gewidmet. Und wo -- so fragt

wohl nicht ohne Erstaunen gar mancher unserer Leser -- wo ward von

anderem als von Epik und Dramatik, wo ward insbesondere von der Lyrik

gehandelt? Nirgendwo, so können wir mit Zuversicht antworten, und

zwar auf Grund einer Reihe von Thatsachen, die für die Denkweise des

Aristoteles bezeichnend genug sind, um ein längeres Verweilen zu

rechtfertigen. Die Lyrik wird bei der Aufzählung der musischen Künste

übergangen (Cap. 1), während die halb-lyrische und halb-dramatische

Dithyrambik (s. Register) in diesem Zusammenhange genannt und überdies

noch zweimal innerhalb des einleitenden Abschnittes erwähnt wird.

Dazu kommt, daß so oft in diesen Eingangscapiteln rein lyrischer

Dichtungsarten gedacht wird, dies nur in historischer Rücksicht und in

der Weise geschieht, dass sie als bloße Vorstufen und Ansätze zu höher

stehenden Gattungen erscheinen. Nur in diesem Sinne ist von „Hymnen und

Lobliedern“ nicht minder als von „Rügeliedern“ die Rede. Auch dort, wo

die sprachlichen Ziermittel unter die verschiedenen Zweige der Poesie

hohen Stiles verteilt werden, umfassen diese neben Tragödie und Epos

wieder nur den Dithyrambos (Cap. 22 Ende). Auch findet sich unter den

zahlreichen Beispielen, die Aristoteles zum Behufe der Erläuterung

seiner Regeln den unterschiedlichen Gebieten der ernsten Poesie

entlehnt, nur ein einziges, das man mit einiger Wahrscheinlichkeit

auf das Werk eines Lyrikers, des ~Pindar~, bezogen hat. Ist hier noch

ein Zweifel möglich, so wird ein solcher durch die Art und Weise

ausgeschlossen, in welcher der Verfasser der Poetik sofort in den

allerersten Zeilen die Lyrik bei Seite schiebt, indem er die Lehre vom

„Aufbau der Fabel“ nahezu an die Spitze seines Unternehmens stellt.

Konnte aber bei einem Liebesliede der Sappho oder bei einem Trinkliede

des Anakreon wohl von einer Fabel oder selbst (um gleich einem neueren

Erklärer die Worte mit weitreichendster Freiheit wiederzugeben) von

einem „componirten Sujet“ gesprochen werden? Ich glaube daher nicht

zu viel zu behaupten, wenn ich sage, daß Aristoteles für die lyrische

Poesie einfach kein Auge besitzt und von allem Anfang an den Blick mit

einseitiger Ausschließlichkeit auf Epos und Drama nebst ihren Abarten

und Mischgattungen geheftet hat.

Diese Einseitigkeit ist keineswegs ein vereinzeltes Phänomen. Sie

findet ihre Erklärung zum geringeren Teil in der allgemein-hellenischen

Sinnesart, zum größeren in der geistigen Eigenart des Aristoteles.

Die Überschätzung des Verstandesmäßigen, die Unterschätzung alles

Triebartigen und Spontanen war ein Erbstück der Aufklärungsepoche und

ihres vornehmsten Vertreters ~Sokrates~, dem ~Platons~ künstlerisch

reich veranlagte Natur in gewissem Maß ein Gegengewicht bot, das

bei Aristoteles fehlte. Nicht mit Unrecht hat ~Schiller~ in einem

an ~Goethe~ gerichteten Briefe (Nr. 311) den Autor der Poetik einen

„Verstandesmenschen“ genannt. Als solcher bewährt er sich vornehmlich

an zwei Punkten. Einmal dort, wo er es unternimmt, das Wesen aller

Kunstfreude zu erklären, und wo er diese auf die Lernfreude und auf die

Lust am Combinieren, somit auf etwas rein Intellectuelles zurückführt

(Cap. 4). Und wieder dort, wo er die Wertabstufung oder Rangfolge der

verschiedenen Bestandteile der Tragödie zu ermitteln unternimmt. Hier

wird der „Fabel“ oder der Composition des Dramas, also eben jenem

Elemente die Palme gereicht, welches ganz und gar eine Leistung des

Kunstverstandes ist. Von demjenigen, worin wir Neueren den Kern und

Quellpunkt aller Poesie erblicken, von der Tiefe des Empfindens und

von dem Reichtum der Einbildungkraft, von +Phantasie und Gemüt+ ist

in der Poetik überhaupt nicht die Rede. Und es würde wenig frommen,

wollte man diese Lücke durch die Behauptung zu verdecken suchen, es

gelte dem Aristoteles, Normen und Regeln der Dichtkunst aufzustellen,

während das Gemüt und die Phantasie des Joches aller Normen spotten.

Das hellste Licht über die Eigenart der aristotelischen Kunstauffassung

verbreitet jene Stelle unseres Buches, in der von der zwiefachen Art

dichterischer Veranlagung gesprochen wird. Diese findet sich, so

ungefähr heißt es an jenem Orte (Cap. 17), einerseits bei Naturen,

die sich vermöge ihrer bildsamen Geschmeidigkeit leicht in fremde

Geistes- und Gemütszustände zu versetzen wissen, andererseits bei

solchen, denen ihr zum Affect neigendes Temperament dieselbe Fähigkeit

verliehen hat. Bei den ersteren, so mag man den Gedanken weiter führen,

besitzt das Vermögen, sich in psychische Zustände Anderer zu finden,

eine große, bei den letzteren der Widerstand gegen die ansteckende

Kraft des Affectes eine geringe Stärke. Allein in beiden Fällen -- dies

lehrt der Zusammenhang unwidersprechlich -- ist von der Darstellung

fremder Gemütszustände und von dem hierfür erforderlichen Eingehen auf

dieselben, ganz und gar nicht von der +Selbstdarstellung+ des eigenen

Gefühlslebens die Rede. Wie kann es uns da Wunder nehmen, wenn die

aristotelische Kunstlehre dem Ausströmen der gesteigerten Empfindung im

Liede nicht das kleinste Plätzchen einräumt? Wenn wir es gewohnt sind,

die Quellen auch dramatischer Schöpfungen in inneren +Erlebnissen+ des

Dichters zu suchen (man denke an den Faust oder Tasso oder auch an die

Selbstbekenntnisse, die man in ~Shakespeare~’s Dramen gefunden hat), so

ist dieser Gesichtspunkt dem Aristoteles völlig fremd, ja er wäre ihm

kaum verständlich gewesen. Wird doch damit das Dramatische auf etwas

Lyrisches, die +pragmatische oder objective Dichtungsart+ auf eine

subjective zurückgeführt.

+Die gelungene Wiedergabe von etwas Gegenständlichem+ -- dies ist für

Aristoteles, der hier und anderwärts keineswegs (nach ~Wilhelm von

Humboldt~’s viel mißbrauchtem Wort) als „Halb-Grieche“, sondern weit

eher, wenn man so sagen darf, als Über-Grieche erscheint, Alpha und

Omega aller Kunstübung. Die Anfertigung von Bildwerken, die Plastik,

ist ihr Typus, aber auch die von der Plastik am weitesten entfernten

Kunstzweige, die Poesie und Musik, haben nach seiner und zum Teil

auch nach ~Platons~ Auffassung die Aufgabe, Objectives nachbildend

darzustellen, „Gesinnungen, Affecte und Handlungen“ Anderer zu

lebensvoller Anschauung zu bringen. Vor allem „Handlungen“, und damit

stoßen wir an die zweite Schranke der aristotelischen Kunstansicht.

Ganz nah am Beginne der Poetik geht er mit einem kühnen Satze von dem

Begriffe der nachahmenden Darstellung überhaupt ohne jede Vermittlung

zur Darstellung +handelnder Wesen+ über (Cap. 2 Anfang). Dieser Sprung

setzt über ganze weite Kunstgebiete hinweg. Das Landschaftsbild und

das Stillleben in Malerei und Sculptur, das Tierepos und die eigentlich

mythologische Dichtung, gleichwie das gesamte freie Spiel, das die

Phantasie mit imaginären Geschöpfen jeder Art treibt, wird hierbei

ignoriert oder mit Absicht aus dem Bereiche der Kunst hinausgewiesen.

Man wende nicht ein, daß ja auch Götter, Nymphen, Kentauren oder Tiere

„Handelnde“ seien. Daß Aristoteles hier lediglich an Menschen denkt,

das zeigt die sofort nachfolgende Erörterung, die jene handelnden

Wesen nach rein menschlichen Kategorien unterscheidet und nur auf

solche Abstufungen ihrer Sinnesart Bedacht nimmt, die innerhalb der

Menschennatur thatsächliche Verwirklichung gefunden haben. Tragödie,

Epos und Komödie stehen eben derart nahezu ausschließlich im

Vordergrunde seines Interesses, daß er das daneben Befindliche kaum

gewahr wird. Und ganz ebenso ist sein Augenmerk wieder so überwiegend

auf das (durch seine concentrierte Kraft und leibhafte Lebendigkeit ihn

vor allem anziehende) Drama gerichtet, daß er den Vorzügen des Epos

schwerlich gerecht wird und jedenfalls jene Quellen des Interesses,

die dem Epos, nicht aber dem Drama zu Gebote stehen, ganz und gar

übersieht-- ein Mangel, auf den bereits im Altertum die Ästhetik der

Epikureer hingewiesen hat.

Wir sind unvermerkt mit einigen Schwächen des aristotelischen

Buches bekannt geworden. Da ziemt es sich, auch seiner leuchtenden

Vorzüge nicht zu vergessen. Diese sind vornehmlich dort zu suchen,

wo die Stärke dieses großen Kopfes überhaupt zu finden ist: in der

Meisterschaft des Beobachtens und Einteilens, in der Freiheit, Schärfe

und Treffsicherheit des Blickes. +Das Gleichartige zu verbinden,

das Ungleichartige zu scheiden+, auch dort, wo der äußere Anschein,

wo Herkommen und Gewöhnung jene Verbindung und diese Scheidung aufs

äußerste erschweren -- das versteht Aristoteles wie kaum ein Anderer

und darin erreicht der im übrigen vor allem durch die reichste

Wissensfülle und durch die gelenkigste Biegsamkeit des Denkens

hervorragende Geist die Höhe des echten Genies. Nur einem solchen war

es vorbehalten, den Begriff der Poesie von dem äußerlichen Merkmale

der Versform zu befreien und künstlerisch gestaltete Gespräche, wie es

die platonischen sind, ihr nicht weniger einzureihen, als die in Prosa

abgefaßten Genrebildchen eines ~Sophron~ und ~Xenarchos~ (s. Register).

Nur ein solcher vermochte es, ein Höchstes menschlichen Geisteslebens,

den Kunsttrieb und die Kunstfreude, auf ein Animalisches, dem

Menschen mit den höheren Tieren Gemeinsames, den Nachahmungstrieb,

zurückzuführen und in dem Vorzuge des Menschen hierbei nur einen

Unterschied des Grades anzuerkennen (Cap. 4) -- ein Versuch, der uns

Bewunderung abnötigt, wenngleich seine Durchführung in einer Weise

erfolgt, in der wir, wie vorhin bemerkt, die Überschätzung +eines+

psychischen Elementes zu erblicken nicht umhin können. Kein anderer

Irrtum war im Altertum weiter verbreitet und ward zäher festgehalten

als die Verwechslung oder doch Vermengung der Poesie einerseits mit

Moral, andererseits mit Wissenschaft. Kaum irgend etwas gereicht

dem Autor der Poetik zu höherer Ehre als die sichere, durch keine

Verlockung, auch nicht durch die Autorität seines Meisters ~Platon~

beirrte Festigkeit, mit welcher er jeder derartigen Grenzverwirrung

entgegentritt, den specifischen Wert einer Dichtung unverrückt im Auge

behält und von der moralischen ebenso sehr wie von jeder lehrhaften

Abzweckung der Poesie abzusehen gelernt hat. „Das Wesentliche in

der Kunst ist das Können“, dieses Wort ~Schopenhauers~ könnte man

einigen Abschnitten der Poetik als Motto voranstellen. Der Blick für

das Wesentliche zeigt sich ferner ebenso sehr in der Strenge, mit

der aus der Sache selbst geschöpfte Normen eingeschärft, wie in der

Läßlichkeit, mit welcher eine Regel preisgegeben wird, sobald ihre

Verletzung der Dichtung höheren Gewinn bringt als ihre unnachgiebige

Wahrung. Von der so schwer zu vermeidenden Neigung, das zur Zeit

Geltende und Vorhandene für das allein Mögliche zu halten, zeigt sich

Aristoteles hier in erstaunlichem Maße frei. Eine Äußerung, deren

knappe Fassung nicht wenig zu bedauern ist, deutet seinen Glauben an

eine weitere Entwickelungsfähigkeit der Tragödie vernehmlich genug

an (Cap. 4), wobei angesichts dessen, was über die Entbehrlichkeit

traditioneller Stoffe und bekannter Namen der Bühnenfiguren gesagt

wird, „die ja doch nicht Allen bekannt sind, während sie Allen Genuß

gewähren“ (Cap. 9), sich kaum an etwas anderes denken läßt, als an das

zur Zeit noch gar nicht oder doch nur in ganz vereinzelten Ansätzen

vorhandene +bürgerliche Trauerspiel+. Und daß diese Annahme keine

allzu gewagte ist, das erhellt auch aus der Art, in der Aristoteles

heroische und halb-mythische Dichtungsstoffe auf ihren wesentlichen,

allgemein menschlichen Kern zurückzuführen weiß. Man vergleiche in

diesem Betracht die Inhaltsangaben der Iphigenienfabel: „ein Mädchen

ward geopfert, ohne Vorwissen der Opfernden entrückt“ u. s. w. und

der Odysseussage: „ein Mann weilt viele Jahre hindurch einsam in der

Fremde, während in der Heimat die Dinge so stehen, daß sein Besitz

aufgezehrt und seinem Sohne nach dem Leben getrachtet wird“ u. s. w.

Die Weite und Größe des Umblickes thut jedoch der liebevollen

Vertiefung in das Einzelne nicht den mindesten Eintrag. Die Poetik ist

voll von dem, was man Atelier-Weisheit nennen möchte, von vielsagenden,

einer bewunderungswürdigen Breite der Erfahrung entstammenden

technischen Winken und Beobachtungen. Sollte ihr Verfasser sich hierbei

nicht der fördernden Mithilfe eines fachmännischen Beraters erfreut

haben? Man darf die Frage, wie ich meine, bejahen. Der reichbegabte,

als Rhetor wie als Tragödiendichter gleich hervorragende ~Theodektes~

aus Phaselis war ein Schüler des Aristoteles und mit dem wenig älteren

Meister auf’s innigste befreundet. Den frühverstorbenen Jünger hat der

Lehrer ebensowohl durch die Herausgabe seines Nachlasses (einer Schrift

rhetorisch-grammatischen Inhaltes), wie dadurch geehrt, daß er seiner

Aussprüche und vor allem seiner Dichtungen wo es nur immer anging

gedachte, in der Poetik einmal neben dem Ödipus des ~Sophokles~ (Cap.

10), und auch in solchen Fällen, in denen das Werk jedes beliebigen

anderen Dichters als Beispiel denselben Dienst leisten konnte (Cap.

17). Wir irren schwerlich, wenn wir hierin auch die antiker Sitte

gemäß erfolgende Abstattung einer Dankesschuld erblicken. Daß der

Schauspieldichter den nach jeder Art von Belehrung eifrig ausspähenden

Universalgelehrten, dem er persönlich so nahe stand wie ~Alkibiades~

dem ~Sokrates~, in manches Geheimnis seiner Kunst eingeweiht hat, wie

sollte diese Annahme nicht hohe Wahrscheinlichkeit besitzen?

Die Anordnung des Buches bereitet dem Verständnis an einigen Stellen

nicht geringe Schwierigkeiten. Diesen zu begegnen, dürfte eine kurze,

den Leser vorweg orientierende Inhaltsangabe wohl geeignet sein. Der

Eingang des Werkes dient in naturgemäßer Weise der Aussonderung der

Poesie aus dem Gesamtbereiche der ihr nahe verwandten Künste. Daran

schließt sich nicht minder naturgemäß die Gliederung der Dichtkunst

in ihre Unterarten an. Die nächste Stelle nimmt die Untersuchung

des Ursprungs und der Entwickelung der von Aristoteles anerkannten

dichterischen Hauptgattungen ein. Durch diese bahnt er sich

unmerklich den Weg zur Feststellung der Rangfolge und der durch sie

bestimmten Folgeordnung in der Betrachtung jener drei Hauptgattungen:

Tragödie, Epos und Komödie. Die Behandlung der Tragödie führt ihn

zur Unterscheidung ihrer (inneren) Bestandteile oder Elemente und

im Anschlusse hieran zur Ermittelung der Rangordnung derselben. In

eben dieser Reihenfolge werden sie nunmehr besprochen. Zuvörderst

und der ihr vom Stagiriten zuerkannten überragenden Bedeutung gemäß

mit größter Ausführlichkeit der Bau der „Fabel“. Hieran reiht sich

die Erörterung des zweiten Hauptbestandteiles, der „Charaktere“. Bis

hierher (Cap. 15 Schluß) bietet der Verlauf der Darstellung keinerlei

Anstoß. Hier ereignet sich jedoch etwas Wundersames. Der „Erkennung“,

die im antiken Drama eine so bedeutsame Rolle spielt und die, wie sie

selbstverständlich einen Teil der Fabel bildet, so auch ausdrücklich

als ein solcher bezeichnet wird, ist das Capitel 16 gewidmet, obgleich

der Autor im Beginne des Capitels 15 die Behandlung der Fabel bereits

abgeschlossen und die Erörterung der Charaktere (wie bemerkt) in

Angriff genommen hatte. Der Widersinn dieser Anordnung spottet jeder

Rechtfertigung. Hier kann unmöglich absichtsvolle Überlegung gewaltet

haben. Die naheliegende Mutmaßung einiger Kritiker, daß die Capitel

15 und 16 ihre Stelle zu tauschen haben, leidet jedoch an manchen

Schwierigkeiten. Sie ist vor allem darum unglaubhaft, weil zufällige

Irrungen, Blattvertauschungen u. dgl. nicht den Platzwechsel ganzer,

in sich wohl abgeschlossener Abschnitte zu erzeugen pflegen. Wir

haben anderwärts die Vermutung zu begründen versucht, daß uns hier

eine nachträgliche Zuthat des Verfassers vor Augen liegt, die mit der

Umgebung nicht mehr in angemessener Weise verwoben worden ist. Solch

ein Nachtrag, die genauere Ausführung eines vorher nur angedeuteten

Themas konnte sehr wohl durch die Wiederholung desselben Vortragscurses

veranlaßt werden. Dazu stimmt auch der Umstand, daß die auf die

Iphigeniendichtung des ~Polyeidos~ bezügliche Bemerkung in Capitel 17

in einer Weise erfolgt, als wäre die denselben Gegenstand betreffende

Äußerung des Capitels 16 zur Zeit nicht vorhanden gewesen.

Die beiden folgenden Capitel sind von einer Reihe einzelner, wenig

systematisch angeordneter Winke und Bemerkungen eingenommen, die sich

zum Teil auf den Schaffensproceß des tragischen Dichters beziehen (Cap.

17), zum Teil die Absicht verraten, mit der Behandlung der Tragödie

aufzuräumen und von ihren sechs Bestandteilen nur mehr zwei (die

„Reflexion“ und die „Diction“) weiterer Besprechung vorzubehalten. Die

Verwirklichung dieser Absicht bieten die Capitel 19-22, und zwar in der

Art, daß die „Reflexion“ fast nur erwähnt wird, um aus dem Bereiche der

Poetik hinaus- und jenem der Rhetorik zugewiesen zu werden, während

die „Diction“ eine nicht nur durch ihre übergroße Weitläufigkeit das

Befremden des Lesers erregende Erörterung erfahren hat. Denn auch

darüber mag sich derselbe zunächst verwundern, daß der Autor diesen

und nur diesen Bestandteil dort behandelt, wo die nachtragsweise

Hinzufügung jener oberwähnten langen Reihe zerstreuter Bemerkungen

bereits seine Absicht bekundet hat, die Lehre von der Tragödie zum

Abschlusse zu bringen. Beides hängt auf’s engste zusammen. Und der

Zusammenhang ist dieser. Die Sprachlehre war in jenem Zeitalter kaum

über ihre ersten Anfänge hinaus gediehen. Sie bot nicht Stoff genug dar

zu einer selbständigen Behandlung. Was Wunder, daß der allumfassende

Encyklopädist den ersten ihm begegnenden Anlaß benützte, um einiges

von dem vorzubringen, was er über diesen Gegenstand zu sagen hatte.

Solch einen Anlaß gewährte ihm die Notwendigkeit, sich über die

Erfordernisse der dichterischen Sprache zu äußern (Cap. 22). Diese

bestanden für Aristoteles in der richtigen Verwendung der Metapher und

der sonstigen Mittel des poetischen Ausdrucks. So mußten denn vorerst

diese und ihre Abarten dem Leser vorgeführt werden (Cap. 21). Allein

dem systematischen Geiste des Stagiriten widerstrebte es, die Mittel

des poetischen Ausdrucks abzuhandeln, ohne vorher jene des sprachlichen

Ausdrucks überhaupt durchmustert zu haben. Da galt es denn zunächst,

die verschiedenen Redeteile oder Wortarten von einander zu sondern. Vom

Wort aber führt der Weg einerseits nach abwärts durch die Silbe bis zum

Sprachlaut, andererseits nach aufwärts zur Rede oder zum Wortgefüge,

mochte dieses nun eine bloße Wortgruppe, ein Satz im eigentlichen

Sinne, oder auch ein so vielteiliges Sprachgebilde sein, wie die Ilias

eines ist (Cap. 20). Daher der große Umfang dieser Sprachcapitel,

daher auch die auf den ersten Blick so verwunderliche Stelle, die sie

einnehmen. In Wahrheit ist diese mit bestem Bedacht gewählt worden. An

jedem früheren Orte hätte die übergroße Ausdehnung dieser Abschnitte

das Ebenmaß der Darstellung empfindlich geschädigt. Noch schwerer aber

wog ein anderer Bestimmungsgrund. Die „Diction“ mag immerhin, wie

Aristoteles sie nennt, ein „Bestandtheil“ der Tragödie heißen; aber sie

kann mit demselben Recht als ein Bestandteil des Epos und jeder anderen

dichterischen Gattung gelten. Da war es denn ein überaus glücklicher

Griff, dieses Stück an den Schluß der von der Tragödie handelnden

Partie des Buches und damit zugleich unmittelbar vor den Anfang der die

übrigen Dichtungsarten, zunächst der das Epos betreffenden Abschnitte

zu setzen.

Nicht minder wohlerwogen ist die Anordnung der nunmehr folgenden

letzten vier Capitel. Das 23. und 24. handeln vom Epos; das 25.

erörtert das Thema der „Probleme und Lösungen“, deren Stoff in

überwiegendem Maße dem Epos entnommen ist. Sind es doch die Muster-Epen

~Homers~, an denen der Scharfsinn der Kritiker und Ausleger von früh

auf sich zu üben gewohnt war. Dabei verschlägt es nichts, daß der Autor

hier und da Erzeugnisse der anderen echten Dichtungsarten herbeizieht,

deren Behandlung ja in unserem Büchlein niemals eine streng

gesonderte ist. Gelegentlich werden in diesem seltsamen Leitfaden

der Disputierkunst über poetische Gegenstände auch grundsätzliche

Ergebnisse gewonnen und auf die Tragödie nicht minder als auf das Epos

angewendet. Den Schluß bildet die Vergleichung der zwei im ersten

Buch allein besprochenen Dichtungsarten (Cap. 26), welche die schon

vorher sattsam angedeutete Bevorzugung der Tragödie vor dem Epos

mittelst einer der Spitzfindigkeit nicht entbehrenden Beweisführung zu

rechtfertigen bestimmt ist.

* * * * *

Anmerkungen wurden nur dort hinzugefügt, wo dieselben ganz und gar

nicht zu entbehren waren. Im übrigen soll das +Register+, überwiegend

im Anschluss an Eigennamen, dem Aufklärungsbedürfnisse des Lesers

Genüge leisten. Außerdem hat der Übersetzer sich erlaubt, solche

Ergänzungen des knappen aristotelischen Ausdrucks, deren der moderne

Leser bedürfen mag, dem Texte selbst in cursivem Druck einzuverleiben,

nicht minder Zuthaten, die einen Ersatz für unübersetzbare Beispiele

bilden sollen. Die uns und manchen anderen Kritikern als unecht

geltenden Stücke, nämlich das ganze Capitel 12 und der Schluß des

Capitels 21, wurden in kleinerer Schrift gesetzt. Die Annahme einer

Texteslücke wird durch ein Sternchen bezeichnet. Über die der

Übertragung zu Grunde gelegte Textesgestaltung giebt ein +Anhang+ kurze

Rechenschaft. Eigene Beiträge zur Kritik und Erklärung des Textes der

Poetik hat der Übersetzer in vier Abhandlungen geliefert, von denen

drei in den Sitzungsberichten der Kaiserl. Akademie der Wissenschaften

(„Zu Aristoteles Poetik“ I, II und III. Wien 1888 und 1896), die vierte

in dem Sammelbande „Eranos Vindobonensis“ (Wien 1893) veröffentlicht

wurden.

Th. G.

Inhalt.

Seite

Aristoteles’ Poetik 1

Wahrheit und Irrtum in der Katharsistheorie des Aristoteles

von ~Alfred Freiherrn v. Berger~ 69

Kritischer Anhang 99

Register 109

Nachtrag 128

=1.= Über die Dichtkunst, diese selbst sowohl als ihre Arten und

das Wesen einer jeden derselben, über den Bau der Fabeln, der für

das Gelingen der Dichtung erforderlich ist, über die Zahl und

Beschaffenheit ihrer Teile, desgleichen über alles andere, was in den

Bereich derselben Untersuchung fällt, wollen wir handeln, und zwar

beginnen wir naturgemäß mit dem ersten zuerst. Das Heldengedicht und

das Trauerspiel, ferner das Lustspiel und die Dithyrambendichtung,

nicht minder der größte Teil des Guitarre- und Flötenspieles sind

insgesamt nachahmende Darstellungen, unterscheiden sich aber in drei

Punkten: in den Darstellungsmitteln, den Darstellungsobjecten und der

Darstellungsweise. Denn gleichwie man vielerlei Gegenstände durch

Farben und Formen, teils kunstgerecht, teils routinegemäß, manche

auch durch die Stimme nachbildet, so steht es hierin mit den gesamten

Künsten also. Sie alle stellen durch Rhythmus, Rede und Tonsatz dar,

zum Teil durch einzelne dieser Kunstmittel, zum Teil durch ihre

Vereinigung. Tonsatz und Rhythmus allein verwendet das Guitarre-

und Flötenspiel und wenn es noch irgend welche andere Künste von

der Art giebt, wie das Spiel der Hirtenpfeife eine ist, _Zweige der

Musik nämlich, deren Betrieb Sache des ungeschulten Volkes ist_.

Durch bloßen Rhythmus ohne Tonsatz stellen die feineren unter den

Tänzern etwas dar; denn auch sie bilden durch den Geberden-Rhythmus

Stimmungen, Affecte und Handlungen nach. Der bloßen prosaischen oder

versificierten Rede, und im letzteren Falle +einer+ Gattung oder eines

Gemenges von Versmaßen, bedient sich eine Darstellungsart, die bisher

einer ihr eigentümlichen Bezeichnung ermangelt. Denn es fehlt uns an

einer gemeinsamen Benennung für die Mimen des ~Sophron~ und ~Xenarchos~

und für die sokratischen Gespräche, gleichwie für nachahmende

Darstellungen, welche jemand in das Gewand jambischer Trimeter, des

elegischen oder irgend eines anderen Versmaßes kleiden wollte. Nur

pflegen die Menschen an das Versmaß das Wort „dichten“ zu heften und

die Einen Elegiendichter, die Anderen hexametrische Dichter zu nennen,

indem man ihnen nicht den Dichternamen auf Grund der nachahmenden

Darstellung zuerkennt, sondern je nach dem Versmaß eine gemeinsame

Bezeichnung erteilt. Denn auch wenn sie ein Thema der Heil- oder

Naturkunde in Versen zum Ausdruck bringen, pflegt man sie so zu nennen;

in Wahrheit hat aber ~Homer~ mit ~Empedokles~ nichts als das Versmaß

gemein, weshalb man jenen einen Dichter, diesen aber nicht sowohl

einen solchen als einen Naturforscher nennen sollte. Ebenso stünde es

(_d. h. ebenso ließe uns der herrschende Sprachgebrauch im Stich_),

wenn jemand alle Versmaße durcheinander mengen und in dieser Gestalt

eine nachahmende Darstellung hervorbringen wollte, etwa wie ~Chäremon~

seinen „Kentauren“ gedichtet hat; und doch müßte man ihn einen Dichter

nennen. So viel nun hierüber. Endlich aber giebt es Künste, die sich

all der genannten Mittel, nämlich des Rhythmus, des Liedes und des

Verses bedienen, so einerseits die Dithyramben- und Nomendichtung,[1]

andererseits das Lust- und Trauerspiel, nur mit dem Unterschied,

daß jene alle diese Elemente vereinigt, diese sie in partienweiser

Abwechslung verwenden.

=2.= So unterscheiden sich nun die Künste in Ansehung ihrer

Darstellungsmittel. Da jedoch die Darstellenden Handelnde darstellen,

diese aber notwendig edel oder gemein sein müssen -- sind doch dies

die Grundformen, auf welche so ziemlich sämtliche Charakternüancen

zurückgehen, da sich Alle durch Schlechtigkeit und Güte des Charakters

von einander unterscheiden --, so werden jedesmal Personen dargestellt,

die entweder über das Durchschnittsmaß hervorragen oder unter dieses

herabsinken oder auch ihm entsprechen. Verfahren doch auch die Maler

nicht anders, wie denn Polygnot Idealgestalten, Pauson ihr Gegenteil,

Dionysios aber Conterfeis geschaffen hat. Es leuchtet ein, daß auch

jede der genannten darstellenden Künste diese Unterschiede aufweisen

und eine andere sein wird, je nachdem sie in diesem Sinn anders

Geartete darstellt. Denn auch _wo man es zunächst nicht erwarten

sollte_, in der Tanzkunst gleichwie im Guitarre- und Flötenspiel

ist für diese Unterscheidungen Raum vorhanden; desgleichen bei der

prosaischen und der versificierten Darstellung, wie denn ~Homer~

bessere als Durchschnittsmenschen, ~Kleophon~ eben solche, ~Hegemon~

der Thasier aber, da er das Genre der Parodien schuf, und ~Nikochares~,

der Verfasser der „Deliade“, schlechtere dargestellt haben. Nicht

anders steht es mit Dithyramben und Nomen, wie denn ~Timotheos~ _einen

Nomos_ „die Perser“, er und ~Philoxenos~ _je einen Dithyrambos_ „Der

Kyklope“ gedichtet haben. Eben dies aber ist der Punkt, an dem sich

das Trauerspiel vom Lustspiel scheidet; denn dieses will schlechtere

Charaktere darstellen, jenes aber bessere, als in der Gegenwart

heimisch sind.

=3.= Der dritte dieser Unterschiede hat auf die Art und Weise der

nachahmenden Darstellung Bezug. Denn diese kann auch bei gleichen

Darstellungs-Mitteln und -Objecten eine verschiedene sein. Einmal

nämlich bedient sich der Dichter der erzählenden Form (und zwar

entweder, wie ~Homer~ dies thut, in der Gestalt eines Anderen oder in

eigener Person und als ein und derselbe), ein andermal führt er die

Dargestellten insgesamt als thätig und handelnd vor. Diese drei Punkte

sind es somit, nach welchen, wie bereits bemerkt, die Darstellung sich

unterscheidet, nämlich nach ihren Mitteln, ihren Gegenständen und

ihrer Form. So kommt denn ~Sophokles~ in einem Betracht neben ~Homer~

zu stehen, da Beide würdige Charaktere darstellen, in einem anderen

neben ~Aristophanes~, denn Beide stellen Handelnde und Wirkende dar.

Eben darum, weil die Bühnenwerke Handelnde darstellen, heißen sie, wie

manche behaupten, „Dramen“. Und damit hängt es zusammen, daß die Dorer

den Anspruch erheben, die Urheber des Trauerspieles und Lustspieles zu

sein. Das Lustspiel wollen nämlich die Megarer geschaffen haben, sowohl

die im Mutterlande -- und zwar zur Zeit, da bei ihnen das demokratische

Regiment bestand -- als die sicilischen, deren Mitbürger ~Epicharm~

war, lange vor _den ältesten attischen Lustspieldichtern_ ~Chionides~

und ~Magnes~. Das Trauerspiel aber wollen einige der peloponnesischen

Dorer ins Leben gerufen haben, wobei sie sich insgesamt auf das

Zeugnis der Sprache berufen.[2] Sie selbst nämlich nennen, wie sie

sagen, die ländlichen Ortschaften „Kōmen“, während die Athener sie als

„Dēmen“, bezeichnen, die „Komöden“ aber seien nicht von „kōmázein“

(umherschwärmen) so benannt, sondern davon, daß sie, denen Mißachtung

die Stadt verschloß, in den Dörfern (Kōmen) umhergezogen seien;

endlich heiße das Tun bei ihnen „drān“ (_woher Drama stammt_), bei den

Athenern aber „prāttein“.

=4.= In Betreff der Unterschiede der nachahmenden Darstellung, ihrer

Anzahl und Artung, mag das Gesagte genügen. Was aber die Entstehung

der Poesie überhaupt anlangt, so haben dabei wohl zwei Ursachen und

zwar solche von natürlicher Art zusammengewirkt. Denn das Nachahmen ist

dem Menschen angeboren und von Jugend auf vertraut; ragt er doch in

Ansehung dieser Begabung und dadurch, daß er seine ersten Kenntnisse

auf diesem Weg erwirbt, vor den anderen Lebewesen hervor: und nicht

minder allgemein ist die Freude an Nachahmungen. Einen Beweis für das

letztere giebt der Eindruck ab, den wir von Kunstwerken empfangen. Denn

Dinge, deren Anblick uns in der Natur peinlich berührt, betrachten

wir in ihren allergetreuesten Nachbildungen mit Vergnügen, so die

widerwärtigsten Tiere oder auch Leichname. Auch dafür läßt sich ein

Grund angeben, und zwar der folgende. Das Lernen ist nicht nur für

die Jünger der Wissenschaft, sondern desgleichen für alle Übrigen

ungemein ergötzlich, wenngleich ihr Anteil daran nicht eben tief geht.

Denn darum betrachtet man Nachbildungen mit Wohlgefallen, weil sich

daraus ein Lernen ergiebt und ein combinierendes Erschließen dessen,

was jegliches bedeutet (z. B. beim Porträt, daß Dieser da eben Jener

ist); denn kennt jemand den Gegenstand nicht schon von früher her,

so wird ihm das Abbild nicht als solches Vergnügen bereiten, sondern

durch seine Technik oder durch das Colorit oder aus einem anderen

derartigen Grunde. Da uns nun der Trieb zu nachahmender Darstellung von

Natur aus eigen ist und nicht minder der Sinn für Musik und Rhythmus

(und daß die Versmaße Teile der Rhythmen sind, ist ja klar), so haben

die Menschen, durch die eigene Veranlagung dazu gedrängt und zumeist

auf dem Wege stufenweiser Vervollkommnung, aus den _bekannten rohen_

Stegreifversuchen die Poesie erzeugt.

Diese spaltete sich aber nach der ihren Pflegern eigenen Sinnesweise,

indem die mehr zum Erhabenen Neigenden die edlen Handlungen und die

Handlungen edler Personen darstellten, die trivialer Angelegten aber

solche von Gemeinen, wobei diese zuerst Rügelieder dichteten, gleichwie

Andere Loblieder und Hymnen schufen. Von Vorgängern ~Homers~ nun kennen

wir kein derartiges Dichtwerk; es wird aber wohl viele solche Dichter

gegeben haben. Gehen wir aber von ~Homer~ aus, so können wir manches

nennen, wie seinen „Margites“ und derartiges mehr. In diesem Gebiete

kam auch das ihm gemäße Versmaß auf, weshalb es jetzt das „jambische“

heißt, weil nämlich die Leute einander in diesem Maße mit Spottversen

(„Jamben“) verfolgten. Und so wurden die Alten zum teil heroische, zum

teil Jambendichter. Gleichwie aber ~Homer~ im ernsten Genre am meisten

Dichter war -- hat doch er allein nicht nur vorzüglich gedichtet,

sondern überdies auch dramatische Nachbildungen geliefert --, so hat

er auch die Formen des Lustspiels zuerst vorgezeichnet, indem er

nicht das Rügelied pflegte, sondern das Lächerliche in dramatischer

Weise gestaltete. Denn der „Margites“ nimmt den Lustspielen gegenüber

dieselbe Stellung ein wie Ilias und Odyssee im Verhältnis zu den

Trauerspielen. Nachdem aber diese Gattungen der Poesie ans Licht

getreten waren, da dichteten die Einen und die Anderen je nach der

Richtung ihrer Sinnesart Lustspiele statt der Spottgedichte und

Trauerspiele anstatt der Heldengedichte, weil diesen Kunstformen eben

mehr Grösse und Ansehen innewohnte als jenen. Die Frage freilich zu

entscheiden, ob das Trauerspiel in der Ausbildung seiner Zweige nichts

mehr zu wünschen übrig lässt, und zwar sowohl an sich als mit Rücksicht

auf die mannigfaltige Artung des Theaterpublicums, ist nicht dieses

Ortes. Hervorgegangen aber ist es jedenfalls aus Stegreifversuchen

nicht minder als das Lustspiel, jenes nämlich aus den Vorträgen der

Vorsänger im Dithyrambos, dieses aus jenen in den Phallosliedern, die

noch jetzt in vielen Städten im Schwange sind. So ist das Trauerspiel

schrittweise herangewachsen, indem man jeden hervortretenden Keim zur

Entfaltung brachte, und nachdem es mannigfaltige Umwandlungen erfahren

hatte, blieb es stehen, sobald es seine naturgemäße Gestaltung gewonnen

hatte. So hat, _um einige dieser Wandlungen namhaft zu machen_,

~Äschylos~ die Zahl der Schauspieler von einem auf zwei erhöht, den

Anteil des Chors verringert und dem Dialog die erste Rolle zugewiesen;

drei Schauspieler und die Kunst der Decoration hat aber ~Sophokles~

eingeführt. Was das Wachstum ihrer Großartigkeit anlangt, so hat

sich das Trauerspiel im Gegensatze zur ursprünglichen Kleinheit der

Fabeln und der zum Possenhaften neigenden Artung der Diction ihres

satyrspielartigen Ursprungs wegen erst spät zu höherer Würde erhoben.

Auch das Versmaß hat sich umgewandelt, indem der Jambus an die Stelle

des Trochäus getreten ist. Ursprünglich hatte man sich nämlich, da

die Dichtung satyrhaft und mehr balletartig war, des trochäischen

Tetrameters bedient. Als jedoch die Wechselrede aufkam, ließ die Natur

der Sache selbst das angemessene Versmaß ergreifen. Passt doch der

Jambus am besten zum Sprechen, wie dies aus der Tatsache erhellt,

dass wir in der Conversation am meisten jambische Verse gebrauchen,

hexametrische aber selten und nur dann, wenn sich die Rede zu nahezu

recitativartigem Schwung erhebt. Die Vermehrung der Zahl der Acte

endlich und alles weitere, wie nämlich ein jegliches im Laufe der Zeit

soll vervollkommnet worden sein, gelte uns als gesagt; denn alles im

einzelnen durchzugehen, würde wohl allzuweit führen.

=5.= Das Lustspiel aber ist wie gesagt eine Darstellung von

Niedrigerem, nicht jedoch im ganzen Umfange des Schlechten, sondern

ein Ausschnitt aus dem Bereiche des Hässlichen ist das Lächerliche.

Besteht dies doch in einer weder Schmerz noch Schaden erzeugenden

Verfehlung und Entstellung, wie denn sogleich die lächerliche

(_komische_) Maske etwas hässliches und verzerrtes ist, was keinen

Schmerz bereitet. Die Wandlungen nun, welche das Trauerspiel erfahren

hat, gleichwie ihre Urheber sind nicht verborgen geblieben; wohl aber

ist es dem Lustspiel so ergangen, weil sein Betrieb nicht von Anfang an

ernst genommen wurde; hat ihm doch auch die Behörde nur spät einen Chor

bewilligt, dessen Stelle vordem Freiwillige einnahmen. Erst aus einer

Zeit, in der das Lustspiel bereits gewisse feste Formen gewonnen hatte,

werden die vorhin angeführten Dichter genannt. Wer aber die Masken

oder die Prologe eingeführt oder die Zahl der Schauspieler erhöht hat

und derartiges mehr, ist nicht bekannt. Die Composition der Fabel nun

stammt aus Sicilien; von den zu Athen heimischen Lustspieldichtern

aber war es ~Krates~, der unter Verzicht auf die jambische

(_pasquillartige_) Richtung zuerst Reden und Fabeln von allgemeinem

Charakter zu dichten begonnen hat.

Das Heldengedicht hält nun mit dem Trauerspiel in so weit gleichen

Schritt, dass es eine versificierte umfangreiche Darstellung von

Würdigem ist, unterscheidet sich aber von ihm durch die mangelnde

Mannigfaltigkeit des Versmasses und durch die erzählende Form. Ferner

bildet auch die Länge _der Handlung_ einen Unterschied, indem das

Trauerspiel wenn irgend möglich mit einem Sonnenumlauf auszukommen

oder diese Grenze doch nur wenig zu überschreiten trachtet, während die

Zeitdauer des Heldengedichtes eine unbestimmte ist. Freilich hielt man

es mit dem Trauerspiel in diesem Betracht anfänglich nicht anders als

mit den Heldengedichten. Die Bestandteile _der Dichtwerke_ sind zum

Teil beiden Gattungen gemein, zum Teil dem Trauerspiel allein eigen.

Wer daher über die Vorzüge und Mängel eines Trauerspiels zu urteilen

versteht, der weiss ebenso in Betreff der Heldengedichte Bescheid. Denn

was das Heldengedicht besitzt, das gehört auch dem Trauerspiel an,

nicht aber umgekehrt.

=6.= Über die nachahmende Darstellung nun, welche sich des

hexametrischen Versmasses bedient (_über das Heldengedicht nämlich_)

und über das Lustspiel werden wir später handeln; vom Trauerspiel

aber wollen wir zunächst sprechen, nachdem wir vorerst die aus dem

Gesagten sich ergebende Bestimmung seines Wesens dargelegt haben.

Das Trauerspiel ist nämlich die Darstellung einer würdigen und in

sich abgeschlossenen, eine gewisse Größe besitzenden Handlung in

verschönter Rede, unter partienweise gesonderter Verwendung der

Verschönerungsarten, nicht in erzählender Form sondern durch handelnde

Personen -- eine Darstellung, welche durch Erregung von Mitleid und

Furcht die Entladung dieser Affecte herbeiführt. Unter verschönter Rede

verstehe ich jene, welche Rhythmus, Tonsatz und Gesang besitzt; unter

partienweise gesonderter Verwendung der Verschönerungsarten aber, daß

einige Teile bloß in Versform, andere wieder in Gesangsform verlaufen.

Da nun die Darstellung durch handelnde Personen erfolgt, so ergiebt

sich zuvörderst als ein Bestandteil des Trauerspiels der für das Auge

berechnete _scenische_ Schmuck, desgleichen die Gesangscomposition

und die Diction, da dies die Mittel der Darstellung sind. Unter

Diction verstehe ich die bloße Composition der versificierten Rede;

was die Gesangscomposition ist, das leuchtet jedem ein _und bedarf

daher keiner näheren Erklärung_. Da nun das Trauerspiel weiters die

Darstellung einer Handlung ist, eine solche aber durch irgendwelche

handelnde Personen erfolgt, die notwendiger Weise nach Charakter und

Intellect qualitativ bestimmt sein müssen, so ergeben sich naturgemäß

zwei Ursachen der Handlungen, eben der Intellect und der Charakter.

Denn je nach der Beschaffenheit derselben legen wir auch den Handlungen

bestimmte Eigenschaften bei und aus dieser Artung der Handlungen

ergiebt sich der Erfolg und Mißerfolg aller handelnden Personen. Die

Darstellung der Handlung nun ist gleichbedeutend mit der Fabel; ich

verstehe hier nämlich unter Fabel die Composition der Begebenheiten.

Die Charaktere aber sind das, wonach wir den Handelnden eine bestimmte

Beschaffenheit zusprechen. Die Gedankenschöpfung (oder Reflexion)

endlich -- _das Widerspiel des Intellects im Drama_ -- umfaßt all

das, wodurch die Personen in ihren Reden etwas beweisen oder auch

eine Ansicht äußern. So ergeben sich denn mit Notwendigkeit sechs

Bestandteile jedes Trauerspiels, auf Grund deren es diese oder jene

Beschaffenheit besitzt, _d. h. Lob oder Tadel verdient_. Es sind dies:

die Fabel, die Charaktere, die Diction, die Reflexion, der scenische

Apparat und die Gesangscomposition. Zwei Bestandteile nämlich gehören

den Darstellungsmitteln an, einer der Darstellungsweise, drei den

Darstellungsobjecten; und außer diesen giebt es keinen. Dieser bedienen

sich nun nicht etwa wenige Dichter, sondern man darf wohl sagen alle in

allen Arten des Trauerspiels. Denn jedes solche Dichtwerk besitzt einen

scenischen Apparat, Charaktere und Fabel, nicht minder Diction, Gesang

und Reflexion.

Der wichtigste dieser Bestandteile ist der Aufbau der Begebenheiten;

denn das Trauerspiel ist eine nachahmende Darstellung nicht von

Menschen, sondern von Handlung und Leben. Und auch das Leben besteht

im Handeln und das Lebensziel (_die Glückseligkeit nämlich_) ist

ein Thun, nicht eine Beschaffenheit. Es sind aber die Menschen je

nach ihren Charakteren so oder so beschaffen, nach ihren Handlungen

jedoch glückselig oder das Gegenteil davon. So agieren sie denn (_die

Bühnenfiguren nämlich_) nicht um Charaktere darzustellen, sondern

sie nehmen die Charaktere um der Handlungen willen in den Kauf. Die

Begebenheiten und die Fabel sind somit der Zweck des Trauerspiels; der

Zweck aber ist das wichtigste von allen. Ferner könnte ein Trauerspiel

nicht ohne Handlung zu Stande kommen, wohl aber ohne Charaktere. Sind

doch die Werke der meisten Neueren charakterlos, und überhaupt gilt

von vielen Dichtern das was unter den Malern von Zeuxis gilt, wenn

man ihn mit Polygnot vergleicht. Denn Polygnot ist ein trefflicher

Charaktermaler, den Gemälden des Zeuxis aber fehlt aller Charakter.

Ferner wenn jemand meisterliche Charakter-Reden, Glanzstücke der

Diction und der Reflexion an einander reihen wollte, so würde er nicht

das leisten, was sich uns als die Aufgabe des Trauerspiels gezeigt hat.

Weit eher wird dies eine Dichtung thun, welche in diesen Rücksichten

mit geringeren Mitteln arbeitet, aber einer Fabel und eines Aufbaus

der Begebenheiten nicht entbehrt. Nicht anders steht es ja auch um die

Malerei. Wenn nämlich jemand die schönsten Farben planlos auftrüge,

so würde er uns nicht den gleichen Genuss gewähren als durch die

wenngleich nur grau in grau ausgeführte Zeichnung eines Gegenstandes.

Dazu kommt noch, dass die bedeutendsten Stücke, durch die uns das

Trauerspiel fesselt, Bestandteile der Fabel sind, die Peripetien

(_Schicksalswendungen_) nämlich und die Wiedererkennungen. Endlich

ist auch das ein Beweis _für die Richtigkeit unserer Behauptung_,

dass die angehenden Dichter früher dazu gelangen in der Diction und

Charakteristik etwas erkleckliches zu leisten als im Bau der Fabel;

und das gleiche gilt auch fast ausnahmslos von den Dichtern der

Frühzeit. Grundelement also und gleichsam Seele des Trauerspiels

ist die Fabel. Zunächst aber kommen die Charaktere; gilt es doch die

Darstellung einer Handlung und vermöge dieser in erster Reihe der

handelnden Personen. Das dritte aber ist das Reflexionselement. Dieses

besteht in dem Vermögen, erschöpfend und angemessen zu sprechen, was

für den Redner die Sache politischer und rhetorischer Schulung ist;

lassen doch auch die alten Tragiker ihre Personen wie Staatsmänner,

die jetzigen wie Redekünstler sprechen. (_Um aber von dem Unterschied

zwischen der Charakteristik und dem Reflexionselement zu handeln:_)

Die Charakteristik ist das, was die (_Gesinnung oder_) Willensrichtung

offenbart, wie nämlich das beschaffen ist, was jemand wählt oder

meidet. Darum ermangeln dieses Elementes jene Reden, bei welchen

es nicht klar wird oder die überhaupt nichts enthalten, was der

Sprechende wählt oder meidet. Das Reflexionselement aber umfasst jene

Äußerungen, in welchen die Sprechenden das Dasein oder das Nichtdasein

von etwas erweisen oder allgemeine Gedanken kund thun. Der vierte

der genannten Bestandteile aber ist die Diction. Darunter verstehe

ich, wie schon bemerkt, den sprachlichen Ausdruck, dessen Wesen in

gebundener und in ungebundener Rede dasselbe ist. Unter den übrigen

Bestandteilen folgt dann (als fünfter) die Gesangscomposition, welche

die wirksamste der Würzen ist. Die scenische Ausstattung entbehrt zwar

nicht bestrickenden Reizes, doch ist sie das geistesärmste Element und

hat mit der Dichtkunst am wenigsten zu schaffen; thut doch überhaupt

das Trauerspiel auch ohne schauspielerische Aufführung seine Wirkung,

und zudem ist bei der Anfertigung der Bühnenrequisite die Kunst des

Theatermeisters maßgebender als jene des Dichters.

Aristoteles' Poetik · 第 1 / 8 段