Regierung in Mexico keineswegs ruhige Zuschauerin der Ereignisse.
Obwohl man anfänglich ziemlich allgemein die Gefangennehmung von Santa
Anna für eine mit ihm selbst verabredete Comödie hielt, ließ sich doch
der, jetzt am Ruder des Staats stehende, Vice-Präsident Farias dadurch
nicht in seinem Glauben an die Redlichkeit der Gesinnungen seines
Collegen irre machen; er donnerte in seinen Proclamationen und Decreten
gegen die begangene Verrätherei, und schilderte mit grellen Farben den
Hochverrath des Attentats auf die geheiligte Person des Oberhaupts
der Republik! Die Generäle +Vittoria+, +Anaya+, +Mejia+ und +Arago+
(letzterer von Geburt ein Franzose, der in dieser Zeit der Sache des
Volks die wichtigsten Dienste geleistet hatte) waren der Regierung treu
geblieben, und der Vice-Präsident bediente sich ihrer mit Kraft und
Gewandtheit, um den Aufstand der Truppen in der Hauptstadt und Umgegend
zu unterdrücken. -- Der durch sich selbst befreite Präsident Santa Anna
kam mittlerweile zurück und sammelte mit der ihm eignen Gewandtheit und
Energie eine neue Armee, mit der es ihm endlich gelang die Rebellen,
in Guanajuato, gänzlich zu besiegen! -- Die Chefs der Insurgenten und
dieser Contrerevolution wurden des Landes verwiesen; +auch nicht eine
Hinrichtung fand statt+! Die neue Ordnung der Dinge stand fest.
Santa Anna aber, krank und von Fatiguen aller Art fast aufgerieben,
zog sich nunmehr im December v. J. mit sechsmonatlichem Urlaub des
Congresses, nach seinem Landgute Manga de Clavo bei Vera-Cruz,
zurück, um sich wo möglich wieder herzustellen und für die Führung
der öffentlichen Geschäfte wieder zu befähigen. Die geistliche und
militairische Aristokratie wird nicht unterlassen ihn in seiner
Zurückgezogenheit aufs neue zu versuchen, aber er wird nicht wanken und
der Constitution treu bleiben!
Während nun der +Präsident+ damit beschäftigt war den Feind im offenen
Felde zu bekämpfen, gingen vom +Congreß+ wichtige Reform-Decrete aus.
Unter andern Männern von Kraft und Kenntnissen saß in demselben der
bekannte Don +Lorenzo de Zavala+, der seine Stelle als Civil-Gouverneur
des Staates Mexico niedergelegt hatte und zum Repräsentanten desselben
erwählt worden war. -- Unter seiner Mitwirkung beschloß der Congreß:
1. Daß die Entrichtung des +Zehnten+ an die Geistlichkeit, dem
Gewissen, und mithin dem eignen Ermessen der Gläubigen anheim
gestellt seyn solle.
2. Daß die +klösterlichen Gelübde+ vor dem Civil-Gesetz als nicht
bindend erachtet werden, und es allen männlichen und weiblichen
Bewohnern der Klöster freistehen solle, sie zu verlassen und ins
bürgerliche Leben wieder einzutreten.
3. Daß die unter der vorigen Administration eingesetzten +Canonicate+
wieder aufgehoben seyn sollten.
Die rebellischen Militair-Corps wurden aufgelöst und mehr als +tausend+
Offiziere aller Grade aus der Armeeliste gestrichen, wodurch die Finanz
der Republik sich einer drückenden, dem Gemeinwesen völlig unnützen,
Last entledigte.
Unter Discussion im Congreß, mit Wahrscheinlichkeit der Annahme, sind
noch folgende Propositionen Zavala’s:
~a~) Umänderung des Zoll-Tarifs, d. h. Verminderung der eingehenden
Rechte, in einigen Fällen um die Hälfte, in andern um Zweidrittheil
der jetzt erhobenen; Aufhebung aller Einfuhr-Verbote.
~b~) Abschaffung des unsinnigen Gesetzes, welches den Ausländern
verbietet Grundeigentum in der Republik zu erwerben.
~c~) Verwendung der Kloster-Güter zur Bezahlung der National-Schuld.
Die beiden letzteren Vorschläge werden um so eher durchgehen,
als sich eine unwiderstehliche Tendenz für die +Einführung der
Religionsfreiheit+ bemerklich macht, und man nicht glaubt, daß
diese hochwichtige Maßregel nun noch länger als zwei Jahre (zwei
Congreß-Sitzungen) hinausgeschoben werden kann!
Im Fache des öffentlichen Unterrichts haben bereits bedeutende
Verbesserungen stattgefunden. Die Gouverneure und Congresse der Staaten
sind davon durchdrungen, daß es zu nichts führen kann, Proclamationen
und Manifeste im republikanischen Sinne und in dem der Freiheit
ergehen zu lassen, so lange das Volk nicht in intellectueller und
materieller Hinsicht größere Fortschritte gemacht haben wird, und sie
sehen ein, daß dies nur auf dem Wege der Volks-Erziehung zu erzielen
ist. Man hat daher angefangen an Orten, wo bis jetzt noch +keine
Schulen+ waren, deren anzulegen; am meisten zeichnen sich hierbei die
Staaten von Zacatecas, Jalisco, Tamaulipas, Coahuila und Texas aus.
-- Im Staat von Mexico hat Zavala eine Normal-Schule errichtet und
viele Schulen des +ersten Unterrichts+ wieder hergestellt, welche die
frühere Administration hatte eingehen lassen; so rief er auch das
gleichfalls eingegangene literarische Institut wieder ins Leben. In dem
besagten Staat von Mexico, der bekanntlich eine Bevölkerung von circa
einer Million in sich faßt, bestehen jetzt 1059 +Schulen des ersten
Unterrichts+, worin 49960 Knaben und 9786 Mädchen, zusammen 59746
Kinder lesen und schreiben lernen.
Da der General-Congreß der executiven Gewalt die Befugniß ertheilt hat,
die wissenschaftlichen Institute der Föderativstadt neu zu organisiren,
so hat der Vice-Präsident Farias eine heilsame Verschmelzung der
ältern Collegien von Mexico veranlaßt und daraus ein Institut nach der
Lehrmethode des civilisirten Europa’s gebildet. Man lehrt jetzt auf
dieser Hochschule: allgemeine Grammatik; Lateinisch, Griechisch und
Hebräisch; Theologie (nach heiliger Schrift); Geschichte; Philosophie;
Metaphysik; Ideologie; Natur-Geschichte; Mineralogie; Mathematik;
Mechanik; Astronomie; Physik und Chemie; Anatomie; Medicin; Natur-,
Civil- und Völkerrecht; politische Oeconomie u. s. w.
Diese Maßregel muß binnen wenig Jahren große Resultate
hervorbringen![22]
Die schwierigste Reform in der mexicanischen Administration ist die
der Finanzen und wird es noch für längere Zeit bleiben, denn es konnte
in dieser Hinsicht bis jetzt nur wenig geschehen. Die Regierung
Bustamante’s hatte während des Revolutions-Krieges von 1832 nicht
allein den Schatz gänzlich erschöpft, sondern auch eine fernere Schuld
von +fünf Millionen Pesos+ contrahirt und sie auf die Zölle angewiesen,
welche bekanntlich die bei weitem größte Einnahme des Staates bilden.
Der neuen Regierung waren somit alle Resourcen abgeschnitten, und
sie fand Niemand geneigt, ihr in dieser Crisis Geld vorzuschießen;
dennoch bedurfte sie dessen und konnte es nur von Agioteurs erhalten,
denen sie für Eine Million Pesos Ein und eine halbe Million aus die
Zölle anweisen mußte. Die vorherige Regierung hatte, besonders während
sie in den letzten Zügen lag, noch größere Opfer bringen und selbst
bei ihren gewöhnlichen Anleihen 3, 4, ja 5 pCt. Zinsen pr. +Monat+!!
bezahlen müssen, und zwar gegen Anweisung auf die Zölle, welche sich
stets binnen mäßiger Frist realisirten und somit den Darleihern
einen ungeheuren Nutzen abwarfen! -- Ein solches Leih-System von
Hand zu Mund ist aber für einen Staat von so vielen Hülfsquellen wie
Mexico nicht ehrenvoll und jedenfalls verderblicher, als es selbst
die Anleihen vom Jahr 1823 in England waren, denn wenn diese auch
der Nation 12½ und 9 pCt. jährliche Zinsen von der empfangenen Summe
kosten,[23] so sind doch, wie man sieht, jene Platz-Anleihen, bei
unendlich größerer Sicherheit für den Darleiher und weit schnellerer
Rückzahlung, noch viel nachtheiliger und müssen zum gänzlichen Ruin, ja
zum National-Banquerott führen, wenn das System nicht geändert wird!
-- Darauf arbeitet denn auch die jetzige Administration hin und hat
bereits bedeutende Ersparnisse in der Verwaltung eingeführt; auch geht
sie damit um das Uebel an der Wurzel zu fassen, nämlich die Armee zu
reduciren! denn so lange nicht die bewaffnete Macht, nach dem Vorbild
der nordamerikanischen Staaten, auf eine verhältnismäßig kleine Armee
zurückgeführt wird, ist kein Heil für die Republik zu erwarten.
Auch in Hinsicht einer zweckmäßigeren Behandlung der Staats-Resourcen
und verbesserten Finanz-Verwaltung hat Zavala der Regierung höchst
beachtenswerte Vorschläge gemacht, die am Ende gewiß durchdringen
werden; belehrt durch das Beispiel der civilisirten Staaten von Europa
und Nordamerika, welche er mit Nutzen bereis’t hat,[24] will er, daß
man auf alle Weise den National-Credit zu befestigen und dem Ausland
Vertrauen einzuflößen suchen solle; die Republik würde alsdann von
diesem mit Leichtigkeit und zu mäßigen Bedingungen Vorschüsse auf
längere Zeit erhalten und so die Regierung in den Stand gesetzt werden,
die Finanzen des Staates zu ordnen, und die unermeßlichen Resourcen des
Landes mit den Bedürfnissen desselben in Einklang zu bringen.
Aus dem Gesammtinhalt des Gesagten läßt sich übrigens unstreitig der
Schluß ziehen, daß die +vereinigten Staaten von Mexico+, sowohl in
moralischer wie in materieller Hinsicht einer glücklichen Zukunft
entgegen gehen. Die practische Schule der öffentlichen Geschäfte,
welche die Führer des Staats täglich über diejenige Politik erleuchtet,
die sie zum Wohl der Nation zu befolgen haben; die bitteren Erfahrungen
früherer Unordnungen und die Beispiele der civilisirten Nationen,
mit denen sie nun in steter und lebendiger Berührung stehen; -- die
Fortschritte, welche die einflußreiche Classe an Kenntnissen jeder
Art täglich macht; das brennende Verlangen eines großen Theils der
jetzigen Jugend, sich zu unterrichten; der Andrang so vieler Fremden,
welche, außer Capital und Verbesserung der Gewerbe, das Beispiel der
Liebe zur Arbeit mitbringen; der Geist der Toleranz, der dadurch
geweckt und verbreitet wird; die nützliche Reform, welche im Clerus
stattgefunden und die dadurch hervorgerufene Neigung, das heilbringende
Prinzip der Religionsfreiheit und der gänzlichen Trennung von Kirche
und Staat anzuerkennen, -- alles dies wird +die vereinigten Staaten
von Mexico+ dem Zustande des Glücks und der Wohlfahrt mit raschen
Schritten entgegen führen, dessen sie durch ihre Lage, ihr Clima, und
die außerordentliche Fruchtbarkeit ihres Bodens, so wie durch die
Unabhängigkeit und Freiheit ihrer Institutionen offenbar fähig sind.
[21] Daß Gomez Farias ein Mann von Geistes-Energie und großem
Geschäftseifer ist, davon habe ich selbst Gelegenheit gehabt mich zu
überzeugen. Denn als er kurz nach Pedraza’s Regierungs-Antritt das
Finanz-Ministerium übernahm und der leeren Cassen wegen es für nöthig
hielt, seine Zuflucht zu den fremden Kaufleuten zu nehmen, ließ er
sich, gegen den Willen der Aerzte, durch eine +schwere+ Krankheit nicht
abhalten, uns zu sich zu berufen, und hielt uns vom Krankenlager aus,
+unter den größten Anstrengungen+, eine lange, eindringliche Rede, in
der er uns zu beweisen suchte, daß unser eigner Vortheil es erheische,
dem Gouvernement in seiner jetzigen Geldnoth die erforderliche Hülfe
nicht zu versagen. -- Seine Rede blieb nicht ohne Erfolg; es kam
wirklich eine Anleihe zu Stande.
[22] Vorausgesetzt, daß die angestellten +Lehrer+ der umfassenden
Idee des Stifters dieser Universität entsprechen, was +vorerst+ wohl
schwerlich der Fall seyn dürfte.
[23] +Erstes+ mexicanisches Anlehen in England contrahirt
zu 5 pCt. ~per annum~ 16,000,000 $ zu 50 pCt. negociirt ergaben
$ 8,000,000
Provision 5 pCt. $ 400,000
Dividende des ersten Jahrs „ 800,000
Tilgungsfond „ 400,000
-----------
„ 1,600,000
-------------
disponible Summe $ 6,400,000
hiervon jährlich zu zahlen 800,000 $, macht 12½ pCt.
+Zweites+ mexicanisches Anlehen in England, contrahirt zu 6 pCt.
~per annum~ 16,000,000 $ zu 82 pCt. negociirt ergaben
$ 13,120,000
Provision 5 pCt. auf den Nominalwerth $ 800,000
Dividende des ersten Jahrs „ 960,000
Tilgungsfond „ 540,000
---------
„ 2,300,000
-------------
disponible Summe $ 10,820,000
hiervon jährlich zu zahlen 960,000$ macht circa 9 pCt.
[24] Don Lorenz Zavala, Verfasser des ~ensayo historico de las
revoluciones de Megico. tom. I. Paris~ 1831 und ~tom. II. New-York~
1832, ist jetzt bevollmächtigter Minister der vereinigten Staaten von
Mexico am Hofe von Frankreich und mithin zu Paris!
Zweite Abtheilung.
Mercantilische und statistische Notizen.
Handel mit Mexico.
Bordeaux, Havre, Hamburg und Bremen.
+Bordeaux+ hat durch seine geregelte Packetfahrt einen Umfang in dem
Handel mit Mexico erlangt, den es ohne dieselbe wohl mit Havre hätte
theilen müssen. Die französische General-Post-Direction hat nämlich mit
einer Gesellschaft von Schiffs-Rhedern in Bordeaux eine Uebereinkunft
getroffen, nach welcher diese, gegen eine Vergütung von 10000 Francs
für die Hin- und Herreise, jeden ersten des Monats ein Schiff mit der
Correspondez nach und von Mexico abzufertigen und dabei den einen
Monat die Briefe nach der Insel Martinique, den andern nach Haity (St.
Domingo) mitzunehmen verpflichtet sind.
Diese regelmäßige monatliche Abfahrt von Packetbooten, welche zugleich
Kauffahrteischiffe sind, giebt Bordeaux’s Verkehr mit Mexico eine
Zuverlässigkeit, welche man anderwärts nicht findet, obgleich Havre
in seinen Bemühungen, Theil an dem mexicanischen Handel zu nehmen,
nicht ganz zurückbleibt. -- Frankreich und die Schweiz senden daher
ihre für Mexico bestimmten Fabrikate vorzugsweise über Bordeaux,
und selbst die preußischen Seidenfabriken am Rhein thun, bei dem
jetzt freigegebenen Transit durch Frankreich, häufig ein Gleiches.
Bordeaux hat überdies einen, diesem Hafen bekanntlich eigenthümlich
angehörigen, nicht unbedeutenden, und sich stets mehrenden Handel in
Wein mit den mexicanischen Häfen, und ist zugleich der Hauptmarkt für
die wichtigste +Waaren+-Retour, welche Mexico zu machen hat, nämlich
für +Cochenille+. Hiervon empfängt Bordeaux jährlich den Werth von
circa 3 bis 4 Millionen Francs aus dem Hafen von Vera-Cruz, und findet
seinen Hauptabsatz dafür theils nach St. Petersburg, theils nach der
Levante.
Seit Spanien seine Colonieen und mithin Cadix sein Monopol des
Cochenille-Handels verloren hat, theilen sich hauptsächlich Bordeaux
und London in diesen wichtigen Geschäftszweig. -- Bordeaux aber, wo
bei der mexicanischen Revolution sich viele Spanier und mehrere reiche
Mexicaner angesiedelt haben, scheint die, früher in Cadix geheimnißvoll
betriebene, Umarbeitung der Cochenille besser zu verstehen, als London
und dadurch wo nicht größere, doch jedenfalls gleich große Geschäfte
darin zu machen. Auch hierbei zieht Bordeaux Vortheil von seiner
Packetfahrt mit Vera-Cruz, indem durch +diese+ regelmäßige Sendungen
von Cochenille und andern Waaren gemacht werden können, während den
englischen Packeten nicht erlaubt ist, etwas anderes als Comptanten
an Bord zu nehmen, und man daher häufig genöthigt ist, aus Mangel an
directer Schiffsgelegenheit, Cochenille und sonstige nach England
bestimmte +Waaren+ über New-York, oder andere Häfen von Nordamerika zu
versenden.
Xalapa und Sasseparila hat Bordeaux gleichfalls viel aus Mexico
bezogen, besonders in der letzten Zeit, wo diese Artikel in Folge der
Cholera so sehr gestiegen sind. Vanille bildet auch noch einen nicht
unbedeutenden Einfuhr-Artikel, er ist jedoch, des leichten Verderbens
wegen, ein sehr mißlicher und giebt nur periodisch einen, dann aber
freilich oft sehr großen, Gewinn.
Baarsendungen, sowohl in +Piastern+ als auch insbesondere in
+Doublonen+, rendiren in Bordeaux deshalb besser als irgendwo, weil
sie, des benachbarten Spaniens wegen, in ihrem gemünzten Zustande
Cours haben und deshalb oft sehr hoch stehen, während sie anderwärts,
in der Regel, erst umgeschmolzen werden müssen und mithin nur ihren
Metallwerth aufbringen.
Unter Frankreichs verschiedenen Ausfuhr-Artikeln (unter welchen
Seiden-Waaren natürlich obenan stehen) verdient +Papier+ noch einer
besondern Erwähnung. Die unfern Bordeaux gelegenen Papiermühlen
lieferten Ende 1831 das 500 Bogen starke Ries des sogenannten
Florete, als der geeignetesten Sorte, zu 6 Fr. 15 Cent., und mithin
weit wohlfeiler, als es nach allen gemachten Versuchen Deutschland
herzustellen möglich ist. In Genua, wo die für Mexico passendste
Qualität verfertigt wird, steht der Preis noch niedriger. Es ist zu
beklagen, daß Deutschland dergestalt bei einem Geschäftszweige nicht
concurriren kann, welcher eine so große Rolle im Handel nach Mexico
spielt. Es werden daselbst jährlich nicht weniger als 500,000 Ries
Papier eingeführt, oft mehr, und es wird außerdem noch Papier im Lande
selbst fabricirt. Der Verbrauch dieses Artikels ist in Mexico deshalb
so groß, weil alle Einwohner (selbst die Damen nicht ausgenommen)
Papier-Cigarren rauchen, was natürlich einen +täglichen+ Consum von
Millionen solcher Cigarren zur Folge hat.
Der Versuch, in Bordeaux eine Niederlage von deutschen Leinen für
die Assortirung der Ladungen nach Mexico und Südamerika zu bilden,
schlug fehl und mußte fehlschlagen, weil Deutschlands +directer+
Ausfuhr-Handel nach jenen Landen zu lebhaft und bedeutend ist, um
einer Vermittlung dabei zu bedürfen; er übersteigt im Werthe den der
französischen Häfen und die Ausfuhr von Hamburg und Brennen nach
Mexico allein, beträgt, in Leinen und andern Gegenständen +deutscher+
Industrie, wohl an acht Millionen Mark Banco im Jahr! Rechnet man
hinzu, was an +deutschen+ Waaren über Nordamerika, England, ja sogar
über Chili und Peru nach Mexico geht, so leidet es keinen Zweifel,
daß das Minimum des jährlichen Consums in der Republik Mexico, an
+deutschen+ Waaren aller Art, auf zehn Millionen Mark Banco (5 Mill.
preußischer Thaler) veranschlagt werden kann, und wobei die unter dem
Namen von ~Platilles reales~ bekannten schlesischen Leinen mit 120 bis
140,000 Stück figuriren.
Nächst dem Leinen sind die Seiden-Waaren aus den Rhein-Provinzen der
wichtigste deutsche Artikel in dem mexicanischen Markt; auch spielt
das böhmische Glas bei der Ausfuhr von Hamburg nach Vera-Cruz eine
große Rolle. -- In den letzten beiden Jahren sind allein von Hamburg
jährlich 20 bis 22 Schiffe, mit Manufactur-Waaren beladen, +direct+
nach Vera-Cruz und Tampico abgefertigt worden, und zwar alles deutsche,
nämlich Hamburger, Bremer, preußische und Altonaer, welche letztere
allerdings unter dänischer Flagge fahren, aber darum nicht minder
+deutsch+ sind; denn wenn auch +Altona+ unter dänischer Oberherrschaft
steht, so liegt es doch in Holstein und +Hamburg+ so nahe, daß die
beiden Häfen gleichsam nur ein und denselben bilden; die Altonaer Börse
wird aber wirklich an jener von Hamburg abgehalten.
Ausfuhr von Mexico.
Staat von Oaxaca.
Cochenille (~Grana~).
Obwohl Cochenille (span. ~Grana~) jetzt auch in Honduras und Guatimala
in guter Qualität erzeugt und nach Europa ausgeführt wird, so kann
man doch noch immer Mexico als die Hauptquelle für diesen wichtigen
Farbestoff betrachten. In Mexico selbst aber wird Cochenille
ausschließlich in dem Staate von Oaxaca gezogen, und wird daselbst auch
nie aufhören gezogen zu werden, wie dieses bei sehr niedrigen Preisen
in Honduras und Guatimala wohl der Fall seyn könnte, wo die Zucht
derselben bloß speculative Unternehmung von Pflanzern ist, während
sich in Oaxaca die indianische Bevölkerung ihren Unterhalt dadurch
verschafft und, bei wenig Auslagen und noch wenigeren Bedürfnissen,
den Erlös des Products, gleichsam als den Jahres-Verdienst betrachtet,
wovon sie leben muß. Die Cochenille-Zucht ist nämlich der Art, daß sie
ganze Familien Indianer, jung und alt, auf eine, ihren beschränkten
Geistes- und Körperfähigkeiten sehr zusagende, Weise beschäftigt,
weshalb sie denn auch, so lange der Artikel nur noch zu irgend einem
Preise Käufer findet, gewiß zu keiner andern Arbeit übergehen werden.
Die Pflanzer, welche die Cochenille im Tagelohn bearbeiten lassen, und
deren es in Oaxaca auch giebt, behaupten, bei Preisen unter 9½ und
10 Realen pr. ℔ nicht bestehen zu können. Die Zucht der Cochenille,
bis sie als Handelsartikel in den Markt kommt, erfordert ungefähr ein
ganzes Jahr Zeit.
Das junge Insect wird auf den Pflanzungen in den Gebirgen geboren, da
die Temperatur und der frühe Regen im Thale der Brut nicht günstig
sind. Erst im Juli wird es von den Gebirgen gebracht, und in den
Thal-Pflanzungen auf den Naupal (Cactus) gesetzt, und sowohl gegen
Regen als gegen Sonnenhitze durch Mattendächer geschützt, welche nur
eine kurze Zeit am Morgen gelüftet werden. Auf diese Weise wird das
Insect gehegt, bis es im Monat October und November gebiert, wo alsdann
dieser Saame, wie man das junge Insect nennt, über die ganze Pflanzung
verbreitet wird.
Das Product der ersten Aussaat schlägt man auf das Fünffache, das der
zweiten, von der Jahrszeit mehr begünstigten, auf das +Zehn+- bis
+Eilffache+ an, dergestalt, daß eine +funfzigfache+ Vermehrung des
Insects in den beiden Jahres-Abtheilungen angenommen werden kann,
wenn nicht Unglücksfälle, z. B. plötzlich eintretender Frost oder
Wegschwemmnng durch allzu heftige Regengüsse, was allerdings manchmal
geschieht, eine Aenderung darin hervorbringen.
Das Insect wirft lebendige Jungen; manche bis zu 200 an der Zahl! wovon
jedoch viele verloren gehen. Nach der zweiten Aussaat, wo das Wetter
beständiger und zuverlässiger geworden ist, werden die Pflanzen nur
mit Busch und Laubwerk bedeckt, obgleich sie dadurch der Beschädigung
durch Regen mehr ausgesetzt sind; eine Mattenbedeckung für die ganze
Pflanzung würde aber zu theuer kommen, und eine Auslage von $ 3 für
jedes Pfund Saamen erfordern.
Das Insect der zweiten Aussaat läßt man nicht zum Gebären kommen;
man sammelt es schon im Januar und Februar und tödtet es entweder in
kochendem Wasser oder, nach einer jetzt öfter angewandten, bessern
Methode, in heißen Oefen, wobei dem Thiere seine Farbe besser erhalten
wird. Wenn die “+Grana+” alsdann ganz getrocknet ist, wird sie gesiebt
und von allen fremdartigen Theilen gereinigt, und in +dem+ Zustande zum
Verkauf ausgeboten, wie wir sie auf den europäischen Märkten sehen. Die
+schwarze+ Cochenille, oder Zaccatilla, ist die Mutter-Grana, nachdem
sie geboren hat und eines natürlichen Todes gestorben ist. Die beste
Zeit für den Einkauf in Oaxaca sind die Monate November und December.
-- Die silbergraue Cochenille ist das Thier, wenn es vor dem Gebären
auf oben beschriebene Weise getödtet wird.
Die Qualität hängt viel von der Sorgfalt ab, womit man das Insect
behandelt während es lebt, und von der Art und Weise des Tödtens;
jedoch haben auch allerhand Verfälschungen, besonders früher als die
Preise hoch standen, Statt gehabt, und man versucht sie auch jetzt
noch, obgleich, des niedrigen Preises wegen, minder häufig. Die
dermalen am meisten übliche Verfälschung besteht aus einer Nachahmung;
-- theils von dem Staub und Bruch, welcher aus der bessern Qualität
ausgesiebt worden ist, theils von dem Bodensatz der schon gebrauchten
Cochenille. Mit einiger Aufmerksamkeit sind aber beide Arten der
Verfälschung leicht zu entdecken, -- und noch leichter zwei geringere
Gattungen -- todte Cochenille (~Grana muerta~) und wilde Cochenille
(~Grana silvestre~) genannt, -- welche sich manchmal mit einschleichen;
-- erstere hat eine runde Gestalt und gleicht der nachgemachten, zeigt
jedoch Streifen wie die ächte Cochenille; letztere ist derselben aber
gar nicht ähnlich und hat durchaus keine gewisse und gleichmäßige
Form. Wenn, wie manchmal geschieht, die Zaccatilla (die Mutter-Grana
nach dem Gebären) gleichfalls durch heißes Wasser getödtet wird, so
bekommt sie ein schlechteres Ansehen, nämlich röthlich-schwarz und
fuchsig, und wird deshalb wohlfeiler verkauft; da diese Gattung aber
eben so viel Farbestoff enthalten soll, wie die besser aussehende, so
verdient sie die Aufmerksamkeit derer, welche für den, die Waare selbst
verarbeitenden, Fabrikanten in Europa einkaufen, indem dieser alsdann
dasselbe Quantum Farbe billiger erhält.
Granilla nennt man die ganz kleinen Insecten und den Bruch der bessern
Cochenille; sie wird für den halben Preis und oft noch billiger
verkauft, ist aber auch in Europa nicht beliebt.
Die ächte Zacatilla ist leichter als die silbergraue und nimmt bei
gleichem Gewicht mehr Volumen ein, sie wird daher auch schon deshalb
für den levantischen Markt, wo Cochenille nicht wie in Europa nach dem
Gewichte, sondern nach dem Maaße verkauft wird, vorgezogen. Um auch die
silbergraue möglichst leicht zu machen, wird sie vor dem Einpacken sehr
gut getrocknet. Staub kann jedoch nicht vermieden werden; denn, wenn
auch noch so rein gesiebt und noch so fest verpackt worden ist, erzeugt
er sich dennoch auf der Reise, und zwar am meisten bei den feinsten
Qualitäten, sowohl bei Zacatilla, wie bei der silbergrauen.