Auch einen +Sonntag+ habe ich in New-York verlebt, kann aber nicht

sagen, daß ich die Feier desselben so übertrieben und für Europäer

so abstoßend gefunden hätte, wie sie noch neuerlich, in mehreren

Reisebeschreibungen durch Nordamerika, geschildert worden ist; nur

+das+ genirte mich, daß keine Miethkutsche an dem Tage in den Straßen

zu haben war. Vielleicht bin ich überhaupt toleranter, vielleicht ist

es aber auch in andern Städten der Republik ärger damit als hier, wo

es mir, bei großer Aehnlichkeit der Sitten und Gebräuche mit denen

Englands, überhaupt recht gut gefiel; ob auf die Dauer? -- darüber

könnte mich nur ein längerer Aufenthalt belehren; +das+ aber weiß ich

schon im Voraus, daß mich die hier herrschende +Blut-Aristokratie+,

diese souveraine Verachtung aller derer, welche aus afrikanischem

Blute stammen, sehr unangenehm berühren würde; denn obgleich ich

selbst alteuropäisches Blut genug in den Adern fließen habe, um

persönlich unter jenem Vorurtheil nicht zu leiden, so empört es mich

darum nicht minder, es gegen meine Mitmenschen von zufällig anderer

Hautfarbe, in solchem Grade ausgedehnt zu sehen, daß selbst weiße

und schwarze Dienstboten, und es sind beinahe in allen Familien von

beiden Gattungen, in der Küche nicht an einem und demselben Tische

essen, weil sich die Weißen zu gut dafür halten, ungeachtet die

Schwarzen eben so freie Menschen sind wie sie, da es bekanntlich im

Staat von New-York keine Sclaven giebt. Wie mag das also erst in den

Staaten der Union hergehen, wo Sclaverei gesetzlich gestattet ist. Man

versichert mich, daß wenn ein Schwarzer, und wäre er selbst General

in den Diensten einer freien Nation, es wagen wollte, in New-York

sich an eine Wirthstafel zu setzen, man es ihm entweder untersagen,

oder die ganze Gesellschaft das Zimmer verlassen würde! Und dies in

einem Lande, welches sich rühmt, die Menschenrechte zu ehren, Freiheit

und Gleichheit zu besitzen und dessen +Constitution+ unter den

freien Bürgern des Landes keinen Unterschied des Blutes anerkennt!

Dieses, wie es scheint hier nicht zu vertilgende, Vorurtheil setzt

den Präsidenten diesen Augenblick in eine nicht geringe Verlegenheit,

gegenüber der Republik Haity, mit welcher die Vereinigten Staaten

einige Mißverständnisse auszugleichen haben, zu deren Beseitigung der

Präsident gerne einen Diplomaten nach Portauprince senden möchte; er

weiß aber, daß man ihm von dort sogleich eine Gegensendung machen

und dazu vorsätzlich den schwärzesten Neger, der dafür tauglich

wäre, wählen würde. Diesen könnte er nun zwar in seinen öffentlichen

Audienzen ohne Bedenken empfangen, aber in der bürgerlichen

Gesellschaft würde der Mann überall Zurücksetzungen und Kränkungen

erfahren, die den Bruch zwischen beiden Republiken nur vermehren

müßten, und +deshalb unterbleibt die ganze Negotiation+!

Dies dürfte jedoch leicht der geringste Nachtheil seyn, welcher den

Vereinigten Staaten aus diesem Vorurtheile erwächst. Die zunehmende

Sclavenbevölkerung, durchgehends afrikanischen Ursprungs, wird

sich einst schrecklich für diese unverdiente Schmach und für eine

Unterdrückung rächen, die so weit geht, daß mehrere der südlichen

Staaten dieser +aufgeklärten+ Republik die Todesstrafe darauf gesetzt

haben, einen Neger lesen und schreiben zu lehren!!! Wehe dann der

Generation, welche den Ausbruch des fortwährend unter der Asche

glimmenden Rachegefühls der Schwarzen in diesem Lande erlebt. Die jetzt

hier mit Eifer betriebene Colonisirung freier Schwarzen -- auf Liberia,

an der Küste von Afrika, -- so edel der Gedanke und so brav die

Ausführung auch ist, wird, nach meiner Ueberzeugung, das drohende Uebel

nicht abwenden! Was hilft die Erlösung von Hunderten, wo +Millionen+ in

Ketten und Banden schmachten, ja jene macht diesen die Fesseln nur noch

um so unerträglicher! Aber, wirst du fragen, was sonst soll geschehen?

Meine Antwort ist: Das, was hier nicht geschehen wird; die allmählige,

stufenweise, aber gänzliche und +jetzt schon ausgesprochene+ Aufhebung

aller Sclaverei.[20]

Von dem großen Gewühl in den Straßen von New-York in den geschäftigen

Stunden des Tages, von der Menge der an die Börse kommenden und

gehenden, zwei- und vierspännigen, öffentlichen Kutschen, dem Treiben

im Hafen u. s. w. -- sage ich dir nichts. Du hast ja London gesehen,

und das ist doch noch weit mehr! Ich schließe nunmehr diese lange

Epistel, an welcher ich seit meinem Hiersein täglich ein paar Zeilen

geschrieben, heute, am 9. des Morgens, und lasse sie via England an

Dich abgehen, während ich in einer Stunde das Packet besteigen werde,

welches mich nach Frankreich bringen soll. -- Alle Vorbereitungen sind

bereits getroffen, und ich habe daher nur noch den Himmel um guten Wind

zu bitten. Lebe wohl.

Am Bord des amerikanischen Packetboots the

Sully, Capt. Forbes, am 30. April 1833.

Wir sind, nach einer sehr guten und angenehmen Fahrt von 20 Tagen,

heute schon im Angesicht von Alderney und der französischen Küste! Der

Pilote ist so eben an Bord gekommen und verspricht uns morgen nach

Havre zu bringen, so daß wir die Entfernung von 3200 englischen Meilen

in drei Wochen zurückgelegt und mithin eine der besseren Ueberfahrten

gemacht haben werden.

Wir sind aber auch von Anfang an durch Wind und Wetter begünstigt

worden und legten schon in den ersten zwei Tagen über 500 Meilen

zurück. Um den, in dieser Jahrszeit, oft bis zum 40sten Grad der Breite

(in welchem New-York liegt) sich zeigenden, gefährlichen Eisbergen zu

entgehen, durchschnitt der Capitain den ganzen Golphstrom und ging

sehr weit südlich, ehe er den Weg nach Europa einschlug; aber seine

Berechnungen waren, wie es sich nun zeigt, alle sehr gut und richtig,

so wie er sich denn überhaupt als ein tüchtiger Seemann bewährte.

-- Er machte viele interessante Beobachtungen mit dem Thermometer,

um Strömungen in der See zu entdecken und seine Richtung darnach zu

nehmen; diese Strömungen haben immer eine wärmere Temperatur, als

das gewöhnliche Wasser des großen Oceans, und der Golphstrom, dessen

ungeheure Wassermasse aus dem mexikanischen Meerbusen, um die Spitze

von Florida herum, der Küste von Amerika entlang, bis zur Höhe von

Madeira hin, gleich einem reißenden Flusse im Meere selbst, durch bis

jetzt noch nicht hinlänglich erklärte Ursachen, vorwärts geschnellt

wird, -- dieser große Strom, sage ich, ist 8 bis 10 Grad wärmer, als

das Wasser an beiden Seiten desselben. Dem Auge ist diese Strömung aber

nicht sichtbar und die Oberfläche des Meeres erscheint überall dieselbe.

Die beste Seefahrt ist stets die, von der man am wenigsten zu berichten

hat, und meine diesmalige gehört in diese Kathegorie; wir baten

täglich um guten Wind und gutes Wetter, und wurden täglich erhört. Das

einzige, was ich Dir von +dieser+ Reise erzählen könnte und nicht von

der Hinfahrt schon berichtet hätte, wäre allenfalls der Fang eines

Hayfisches, deren es im mexicanischen Meerbusen so viele giebt, daß man

sich an der dortigen Küste nicht baden kann, ohne Gefahr zu laufen, von

ihnen angefallen zu werden und einen Arm oder ein Bein zu verlieren,

was dann natürlich in der Regel das Versinken und mithin Ertrinken

nach sich zieht. Diese Meerungeheuer folgen den Schiffen unter der

Leitung ihres Piloten, eines kleinen Aal-ähnlichen Fischchens, welches

ihnen, seltsam genug, an der Spitze des Kopfes, gleichsam auf der Nase

spielend, vorausschwimmt. Man versucht alsdann, sie entweder mit einer

Harpune, oder mit der Angel, an welche man ein großes Stück Fleisch

bindet, zu fangen. Es ist aber nicht leicht und auf der Hinreise hat

es uns nicht gelingen wollen; wir trafen zwar einen Hay so tüchtig mit

der Harpune, daß wir ihn schon aus dem Wasser hervorgezogen hatten,

aber er riß sich doch wieder los, überließ uns ein Paar Pfund seines

Fleisches und schwamm davon, die ganze Nähe des Schiffes mit seinem

Blute färbend. Mit der Angel macht er es nicht besser; er verschlingt

selbst das größte Stück Fleisch mitsammt der Angel in seinen ungeheuren

Rachen, der ihm auf der Bauchseite sitzt, weshalb er sich jedesmal,

wenn er etwas erhaschen will, umdrehen muß. Will man ihn nun aber aus

dem Wasser auf das Verdeck des Schiffes ziehen, so reißt er sich durch

seine ungemeine Stärke neun Mal unter zehn Mal los und schwimmt mit

Fleisch und Angel im Magen davon.

Diesmal glückte es uns besser. Die Harpune, mit welcher wir einen

tüchtigen Hayfisch getroffen hatten, hielt fest, und es gelang uns, ihn

aufs Verdeck zu ziehen, wobei er sich sehr ungestüm gebehrdete und mit

seinem Schwanz so heftig an die Planken schlug, daß man glaubte, er

würde sie zertrümmern.

Die Matrosen machten jedoch diesem Toben bald ein Ende, indem sie den

Fisch tödteten und zerlegten. Das merkwürdigste war der Rachen mit

seiner siebenfachen Reihe scharfer, sägenartiger Knorpel-Zähne, und

der Magen, in welchem wir, noch ganz unversehrt, ein großes, mehrere

Pfund wiegendes, Stück Fleisch fanden, umwunden mit Leinen und dem

Seil, woran wahrscheinlich die Angel befestigt war, welche das Ungethüm

losgerissen hatte. Wir ließen uns ein Stück von seinem Fleische

braten; es schmeckte aber thranig und fand mithin, da keine Eskimos

unter uns waren, durchaus keinen Beifall.

* * * * *

Schon am 22. d. sahen wir die Azoren, und in deren Nähe viele

Schildkröten, mitunter sehr große, die, wie man mir versicherte, 1600

bis 1800 ℔ wiegen mogten! Sie sollen während ihres Schlafs aus der

Oberfläche des Wassers leicht zu nehmen seyn, es wollte uns aber doch

nicht damit glücken! Gestern Abend erblickten wir bei dem schönsten

Wetter Eddystone Lights an der englischen Küste, und, gleich einem

schönen Panorama, eine Menge Schiffe im vollen Segeln! Heute früh kamen

wir einem Dreimaster nahe genug, um ihn zu sprechen, und erfuhren,

daß er nach Baltimore bestimmt sei und Emigranten am Bord habe. Wir

erkannten die auf dem Verdeck befindlichen an ihrer Kleidung, besonders

der weiblichen, sehr bald für süddeutsche Landsleute und wünschten

ihnen eine glückliche Ueberfahrt.

* * * * *

Eine so angenehme, wie die unsrige, werden sie wohl schwerlich haben,

denn bekanntlich gehören die Packete, welche zwischen New-York und

Havre fahren, unter die bequemsten und angenehmsten, die es giebt,

und es fehlt in der That zu unserer Bequemlichkeit nichts. Wir haben

geräumige, gute, ja elegant-gebaute Cajüten, und da keine Damen an Bord

sind, so haben wir auch das für diese bestimmte Zimmer, das sogenannte

~drawing room~, in welchem ein Piano-Forte und eine kleine Bibliothek,

zu unserer Disposition, befindlich. Unser Capitain ist ein wackerer

und unterrichteter Mann, und sorgt für einen guten Tisch, und daß uns

Morgens, Mittags und Abends nichts abgehe. Ich habe sodann an einem

meiner Reisegefährten einen höchst angenehmen und vielseitig gebildeten

Mann gefunden, und bin auf der ganzen Reise durch die Erzählung seiner

ganz ungewöhnlichen Schicksale und Erfahrungen angenehm, ja belehrend

unterhalten worden, wovon ich Dir einmal mündlich manches mittheilen

werde.

Jetzt will ich mich an dem sich immer mehr nähernden, schönen Ufer

Frankreichs laben und daher für heute schließen. Ich sende diese

Zeilen übrigens eher ans Land, als ich es selbst erreiche, wodurch

Du vielleicht um mehrere Tage früher meine glückliche Ankunft in

Europa erfährst. Gottlob, daß ich hinzufügen kann, daß ich mich besser

befinde; ich war diesmal auf der Reise ab und zu seekrank, und das

scheint mein Uebel vermindert zu haben.

Der Himmel erhalte auch Dich gesund bis zu unserem nahen, frohen

Wiedersehn.

Paris, am 10. Mai 1833.

Am 1. Mai, Morgens 7 Uhr, erreichten wir, bei noch unfreundlichem

und kaltem Wetter, den Hafen von Havre und was Dich zu hören wundern

wird, gleichzeitig mit dem, neun Tage früher, als wir, von Newyork

abgesegelten, Packet la France! Obgleich es dieselbe Richtung genommen,

welche unser Capitain verfolgte, so hatte es doch auf der ganzen Reise

mit schlechtem Wetter und widrigen Winden zu kämpfen, während uns

beides fortwährend begünstigte; ein solcher Unterschied findet auf der

See, selbst bei geringer Entfernung, häufig statt, und läßt sich nur

dadurch erklären, daß die Luft eben so entgegengesetzte Strömungen hat,

wie das Wasser.

Am Tage unsers Landens in Havre feierte man gerade ~la fête de Louis

Philippe~ und zwar, wie in Frankreich üblich, mit militairischem Pomp.

Die Nationalgarden und Linientruppen mußten Revue passiren und am Abend

ward hie und da -- sehr spärlich -- illuminirt! Da das Paß-Bureau

dieses Festes wegen geschlossen war, so verlor ich einen Tag für die

Weiterreise, hatte aber dafür die Freude, unsere Freunde B... nach

15jähriger Trennung etwas länger zu genießen und einen frohen Abend

bei ihnen zuzubringen, wobei Deiner, wie Du denken kannst, oft und in

Liebe gedacht ward. Sie leben hier sehr häuslich, aber sehr glücklich,

und vereint in musterhafter Einigkeit und Geschwisterliebe; es ward mir

schwer, von ihnen zu scheiden. Havre selbst bietet dem Fremden wenig

Annehmlichkeiten dar; der Hafen ist aber, wegen des starken Verkehrs

mit Amerika, sehr belebt. Alle Schiffe waren in Beschlag genommen, um

deutsche Emigranten, mit denen die Stadt angefüllt war, nach Amerika

zu führen. Die Auswanderung ist stärker als je; auch beim Einsegeln in

den Canal begegneten wir mehreren, mit Emigranten beladenen, Schiffen;

Havre war, wie gesagt, damit überfüllt, und zwischen dort und hier

sahen wir -- auf vielen, eigens dazu gebauten Wagen -- wenigstens

Tausend dieser Auswanderer aus Süd-Deutschland, Männer und Weiber,

Kinder und Greise, alle ihr bisheriges Vaterland verlassend und sich

ein neues, jenseits des Meeres, suchend. Möge sie der Himmel vor

Täuschung bewahren! Und welche moralische Umwälzung steht ihren eignen

Begriffen von Menschenrechten bevor! Diese Leute, welche zum großen

Theil vielleicht deshalb auswandern, weil sie sich von einer Classe

ihrer Mitbürger unterdrückt glauben, gehen in einen fremden Welttheil,

um dort, auf noch weit gehässigere Weise, dasselbe zu thun gegen ihre

afrikanischen Brüder, die wohl nirgends mehr der Menschenwürde beraubt

sind, als grade in dem gepriesenen Freistaat von Nordamerika. Ich habe

auf dem Wege von Havre hieher noch wieder ein empörendes Beispiel davon

gesehen. In dem Gasthofe, wo wir Pferde wechselten, hielt um Mittag

eine Diligence an, in welcher sich eine von New-Orleans zurückkehrende

europäische Familie befand, die ein kleines schwarzes Kind von etwa

vier Jahren bei sich hatte. Man setzte sich zu Tische und da ich, wie

du weißt, die kleinen Negerkinder gern leiden mag, so wollte ich den

Knaben neben mir auf einen Stuhl setzen. Sein Zwingherr litt es aber

nicht, sondern wies ihm seinen Platz auf dem Fußboden des Zimmers an,

wo er ihm dann, von Zeit zu Zeit, etwas Fleisch u. a. m. auf einen

Teller hinwarf, gerade wie wir es einem jungen Hunde thun würden. Meine

Bemerkung, daß ein solches Verfahren in Europa höchst unschicklich

sei, wurde -- belächelt! In Deutschland hätte ich ihr wohl eine andere

Beachtung verschafft. -- Der Kleine nahm die Speise mit den Händen und

verschlang sie; er fühlte die Erniedrigung +noch+ nicht; in Europa wird

er aber Begriffe in sich aufnehmen, die ihn, bei seiner dereinstigen

Rückkehr nach Amerika höchst unglücklich machen müssen. Und daß er

zurückgeschleppt werden wird, das leidet wohl keinen Zweifel; sein

Herr hat ihn nach Frankreich geschickt, um ihn dies und jenes lernen

zu lassen, damit er ihn später in New-Orleans für einen desto höheren

Preis -- +verkaufen+ könne!

Der Weg von Havre nach Paris führt durch schöne Gegenden an der Seine,

durch die reizend gelegene, volkreiche, lebendige und gewerbfleißige

Stadt Rouen, bis zu deren Quays selbst große Seeschiffe direct

von Amerika gelangen und ihr die Baumwolle für ihre zahlreichen

Spinnereien zuführen. Die dortige, alterthümliche Cathedrale, mit

ihren ausgezeichnet schönen, gemalten Fenstern, hatte ich Gelegenheit,

im Fluge zu bewundern, und setzte dann meine Reise, bei dem endlich

eingetretenen, vortrefflichen Frühlingswetter, fort. Leider bin ich

nicht so wohl hier angekommen, und befinde mich auch jetzt noch nicht

so wohl, wie ich es wünsche; die auf der See eingetretene Besserung

war nicht von Dauer; ich leide an großen Schmerzen und der Arzt

fordert mich auf, zu bleiben, und meine Kur +hier+ abzuwarten. Wie

kann ich mich aber, nach einer so langen Trennung von Euch, +dazu+

entschließen? -- Giebt mir daher der Doctor in einigen Tagen, wie ich

hoffe, die Erlaubniß zu reisen, so sollen mich +bloße Schmerzen+ nicht

davon abhalten, das versichere ich Dir.

Am 13. -- Ich habe sie -- diese ärztliche Erlaubniß, und reise nun

morgen ab. Bald, sehr bald also werde ich Euch wieder an mein Herz

drücken können!

[16] D. h. Holzkohlen, man brennt in Mexico nur diese.

[17] Dies war ein ganz neuer, bisher noch nicht versuchter Modus in

den mexicanischen Finanz-Operationen, den man wohl gethan haben würde,

beizubehalten, um sich von den hohen Zoll-Einnahmen in den Häfen

unabhängiger zu machen.

[18] Leider! ist meinem Freunde Schleiden die Freude nicht zu Theil

geworden, das Gelingen eines Unternehmens zu erleben, an welches er

zulegt alles setzte was der Mensch zu wagen hat, Gesundheit und Leben!

Noch ehe diese Blätter zum Druck befördert wurden, erfuhr ich die

traurige Nachricht, daß derselbe an einem Erkältungsfieber, welches er

sich bei dem Löschen eines kleinen Brandes zugezogen, gestorben ist.

Ich bin überzeugt, daß er in Mexico gerettet worden wäre; dort würde

es ihm an guter ärztlicher Hülfe nicht gemangelt haben; in Anganguco

erhielt er diese (von Mexico aus) erst am sechsten Tage, als es zu spät

war und ihm selbst die ausgezeichnet liebevolle Pflege unseres braven

Landsmannes Dr. Schiede, nicht mehr helfen konnte! Ihm und den Seinigen

zum Troste, starb er in den Armen seines ältesten, braven Sohnes; der

nun, als anerkannt geschickter Bergmann, dem Unternehmen vorsteht. Möge

er glücklicher in der Ausführung seyn als der Vater!

[19] Ihre Verdienste haben in Amerika die gehörige Anerkennung

gefunden; sie ist seitdem an einen jungen, reichen Gutsbesitzer in den

vereinigten Staaten verheirathet worden.

[20] Seit dies geschrieben ward, hat England eine solche heilsame

Maaßregel für seine westindischen Colonien adoptirt. Dies macht die

Nothwendigkeit eines ähnlichen Verfahrens in Nordamerika nur um so

dringender!

+Anhang.+

Kurze Darstellung

der

politischen Ereignisse und administrativen Maßregeln in Mexico

seit der Präsidentschaft Santa Anna’s,

so wie der gegenwärtigen Lage des Landes.

(Aus offizieller Quelle, mitgetheilt im Juni 1834.)

Wie aus den vorstehenden Briefen erhellt, war General Pedraza wieder

an die Spitze der Regierung von Mexico gelangt. Die kurze Zeit seiner

“Interims”-Präsidentschaft (vom 1. Januar bis 1. April) gestattete

ihm nicht, durchgreifende Veränderungen im Staate vorzunehmen; er

suchte daher seinen ganzen Stolz darin, die Revolution unterdrückt,

momentane Ordnung wieder eingeführt und den innern Frieden des Landes

so weit hergestellt zu haben, daß unter seinen Auspicien das Volk, in

allen zwanzig Staaten Mexico’s, nicht nur die Repräsentanten, sowohl

für den General-Congreß, wie für die einzelnen Staaten, sondern auch

und insbesondere +die höchsten Magistrats-Personen der Republik+, mit

gehöriger Freiheit erwählen konnte.

Sobald dies jedoch geschehen und General +Santa Anna+ als +Präsident+,

Don +Valentin Gomez Farias+ als +Vice-Präsident+ installirt und der

gesetzgebende Körper der Union neuorganisirt worden war, änderte sich

der Gang und die Tendenz der Administration von Grund aus.

Die überwundene Partei blieb indeß noch immer in einer feindlichen

Stellung der neuen Regierung gegenüber, indem Pedraza mehrere, zur

militairischen Aristokratie gehörige Chefs, welche die Hauptstütze

der gestürzten Administration gewesen waren, in ihrem Commando

gelassen hatte, dergestalt, daß unter andern die beiden, Bustamante

am meisten ergebenen Generäle, +Arista+ und +Duran+, die wichtigsten

Posten bekleideten; ersterer als General-Commandant von Mexico und

letzterer als Befehlshaber eines bedeutenden Cavallerie-Corps in der

Nachbarschaft der Hauptstadt. Dies übelangebrachte Vertrauen Pedraza’s

in die Versprechungen und Schwüre von Männern, welche vor so kurzer

Zeit noch gegen die Sache des Volks gekämpft hatten, war der Grund

und die Veranlassung von zwar vorübergehenden, aber beklagenswerthen

Ereignissen.

Der erste Schritt, welchen die besiegte, aber nicht vernichtete Partei

zu einem neuen Aufstande that, war der Versuch, den nunmehrigen

Präsidenten Santa Anna, durch das schmeichelhafte Anerbieten, ihn

zum Dictator zu machen, auf ihre Seite zu bekommen. “Er sei es,” so

sprachen sie zu ihm, “der triumphirt habe, -- in +seiner+ Person

liege mithin die Garantie künftiger Stabilität, -- ihm wollten sie

vertrauen, nicht aber ihr Schicksal in die Hände jener Horden von

Anarchisten legen, welche die Kammern und die Staaten-Regierungen

füllten! -- Die Religion sei bedroht, das Eigenthum gefährdet, und

Er, Santa Anna selbst, werde das Opfer dieser Wüthenden werden, wenn

er ihren Umtrieben nicht bei Zeiten einen Damm entgegensetze! Auf die

Truppen könne er zählen, so wie auf die Reichthümer des Clerus und der

Geld-Aristokratie des Landes. ‘Verlassen Sie, General! -- so hieß es am

Schluß -- diese anarchistische Partei, empfangen Sie die +Dictatur+ aus

unsern +Händen+, wer wird es alsdann noch wagen, das Haupt zu erheben?’”

Dies waren die Lockungen, womit die Generäle, die Canonici und der

Bischof von Puebla, nebst mehreren einflußreichen Personen in Mexico,

Santa Anna zu verführen suchten. Aber, wenn auch der Präsident solchen

Vorschlägen einen Augenblick Gehör gab, so muß doch zur Steuer der

Wahrheit gesagt werden, daß er nie daran dachte, darauf einzugehen.

Obgleich -- aus Mangel an hinlänglicher Aufklärung -- schwankend

in seiner Politik, will Santa Anna doch aufrichtig das Wohl seines

Vaterlandes; er mogte aber in der That befürchten, daß die Volkspartei

zu weit gehen und die Gränzen einer gemäßigten Reform überschreiten

würde; er hatte überdies +religiöse+ Scrupel und hielt es für Sünde,

die Prärogative der Kirche zu schmälern! In diesen beschränkten Ideen

ward ihm jedoch kräftig von den übrigen Gliedern des Gouvernements

und der Majorität des Congresses opponirt; insbesondere von dem

Vice-Präsidenten Gomez Farias. Dieser ist nicht Militair, sondern

Civilist, aber ein Mann von Ehre, welcher sich auf der Laufbahn der

Reform kein unübersteigbares Ziel gesetzt hat; er ist durchaus kein

Doctrinair, aber ein aufgeklärter Mann, der gewiß stets mit der Zeit

fortschreiten wird; auch besitzt er viel Energie, ja eine, an Eigensinn

gränzende, Charakterstärke. Hätte er eine glücklichere Wahl in seinen

Umgebungen getroffen, es würden jetzt schon große Dinge ausgeführt

seyn.[21]

Mittlerweile erklärten sich schon am Ende des zweiten Monats der

neuen Regierung, nämlich Ende Mai 1833, mehrere Militair-Chefs offen

gegen dieselbe. Obrist Escalada in Morelia, der Hauptstadt des Staats

Michoacan, General Duran in Chalco, unweit Mexico, und ein gewisser

Unda in Tlalpam, ganz in der Nähe der Hauptstadt, fielen mit ihren

Truppen vom Gouvernement ab, protestirten gegen das Föderativ- oder

Repräsentativ-System und proclamirten, ohne weiteres, Santa Anna zum

+Dictator+. Dieser, mit Recht hierüber entrüstet, rückte in Person

gegen die Rebellen aus und nahm Arista als seinen General-Adjutanten

mit sich; letzterer war aber kaum aus Mexico ausmarschirt, als auch

er zur Gegenpartei überging, die unter ihm stehenden Truppen, mit

Ausnahme einiger Offiziere, zu gleichem Schritte verführte und nun

den eignen General, +den Präsidenten der Republik+, gefangen nahm, um

ihm die +Dictatur+ gleichsam aufzudringen. -- Aber man hatte sich in

ihm verrechnet. Santa Anna weigerte sich standhaft, die Proposition

anzunehmen; er wollte lieber mit Ehren sterben, als auf den Trümmern

des Vaterlandes sich erheben. Nach einigen Tagen gelang es ihm, sich

aus den Händen der Rebellen zu befreien; er flüchtete in die Gebirge

und nahm von da aus seinen Weg nach Puebla.

Mexico in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833 · 第 15 / 19 段