Abgang der Post, und ich mußte mich auf die, einmal angefangene,
Reisebeschreibung nach dem Bergwerk-Revier beschränken. Auch habe
ich Dir von hier nicht viel mehr zu erzählen. Es geht unter der
Regierung Pedraza’s alles seinen ruhigen Gang, und selbst die jetzt
stattfindenden +Wahlen+ eines neuen Präsidenten und anderer hohen
Magistratspersonen, obgleich sie +öffentlich in den Straßen, in elegant
decorirten Buden+ gehalten werden, in denen die Bezirks-Beamten das
Votum eines jeden Eingebornen entgegen nehmen, (~universal suffrage~)
erregt weder Enthusiasmus noch Unruhe; so wenig nimmt das eigentliche
Volk bis jetzt noch Antheil an der Selbst-Regierung. Ich denke aber,
daß dies besser werden wird, wenn einmal das Militair mehr in den
Hintergrund gedrängt ist, worauf die jetzt am Ruder stehende Partei
hinzuarbeiten sucht. Pedraza ist ein kluger Mann, und sieht ein, daß
republikanische Civil-Institutionen nicht durch militairisches Regiment
befördert und befestigt werden können. Dies scheint er besonders in den
vereinigten Staaten von Nordamerika erkannt zu haben, und nun bemüht
zu seyn, einen Theil des dort herrschenden Geistes in sein Vaterland
zu übertragen, was er denn auch unverhohlen in seinen officiellen
Antworten an die Diplomaten, die ihm zum Regierungs-Antritt Glück
wünschten, geäußert hat. Ich habe mich gestern, wo ich das Vergnügen
hatte, in seiner Gesellschaft zu Mittag zu essen, und neben ihm zu
sitzen, sehr angenehm, über diesen Gegenstand sowohl, wie über seine
Reisen in Europa, mit ihm unterhalten, wobei es mich überraschte,
zu hören, welch einen lebendigen Eindruck er von unsern schönen
Rheingegenden behalten hat, und wie er sich einzelner Orte und
Gegenstände, und nicht minder der dort vorherrschenden politischen
Einrichtungen, erinnerte! Seine junge, liebenswürdige und geistreiche
Frau war leider nicht mit ihm in Europa gewesen, sie war ihm nur in
der letzten Zeit nach Nordamerika gefolgt, schien sich aber dort
recht gut gefallen zu haben, und hat von daher eine Vorliebe für die
englische Sprache mitgebracht, die der Präsident selbst aber nicht
mit ihr theilt, er zieht das Französische vor, spricht aber auch
dies nur unvollkommen. Von den vielen, in diesen Tagen gemachten und
empfangenen, Abschiedsbesuchen sage ich Dir nichts, sondern verspare es
auf mündliche Unterhaltung. Einen kann ich aber doch nicht unerwähnt
lassen, nämlich den bei den Damen D--’s (der Mutter nebst ihren zwei
liebenswürdigen Töchtern, mit welchen ich von Bordeaux nach Vera-Cruz
kam, und von da, wie Du Dich erinnern wirst, nach Jalapa reiste).
Dieser braven Frau ist es hier im Anfang gar übel ergangen; ihr
Plan, in Mexico ein Detail- und Modegeschäft zu errichten, schlug
gänzlich fehl; sie verlor Alles, ward krank, und war hier fremd
und verlassen! Ihre Lage war in der That eine traurige, und es war
schwer, zu sagen, wie zu helfen sei. Als Frau von starkem Geiste aber
faßte sie unter diesen Umständen den Entschluß, die Talente ihrer
wohlerzogenen Töchter, durch Anlegung einer Tagsschule, geltend zu
machen; ich gab mir, in Vereinigung mit mehreren Freunden, Mühe, ihr
Schüler zu verschaffen, und es gelang über Erwartung; die Zahl der
kleinen Zöglinge wuchs bald auf 12 bis 15, welche für den Unterricht
im Französischen, Rechnen, Schreiben, Zeichnen, Malen und Händearbeit
monatlich 10 à 12 Pesos zahlen, und ich habe nun die Satisfaction,
meine Freundinnen nicht allein sorgenfrei, sondern selbst in ganz
guten Umständen zu verlassen, und bedaure nur, dem ersten Examen in
ihrer Schule, welches schon in 8 bis 14 Tagen stattfinden soll, und
worin sich mehrere der kleinen Schülerinnen vortheilhaft auszeichnen
werden, nicht beiwohnen zu können! Das geht aber nicht, denn morgen mit
dem Frühesten verlasse ich diese gerühmte Hauptstadt der neuen Welt,
in welcher ich vor 13 Monaten ankam, ohne damals zu ahnden, daß ich
darin so lange verweilen, so Vieles würde erleben müssen! Wenn mich
aber mein Aufenthalt in diesem Lande nicht so befriedigt hat, wie ich
es damals hoffte, wenn ich des Unangenehmen hier vieles erlebt und
erduldet habe, so muß ich, um gerecht zu seyn, doch auch gestehen, daß
mir manches Angenehme zu Theil geworden ist! Ich habe den eignen Sohn
im selbstständigen Wirken in der Fremde gesehen, habe viel Merkwürdiges
und Neues zu beobachten Gelegenheit gehabt, manche interessante
Bekanntschaft theils erneuert, theils gemacht, selbst hier und da
Freundschaft geschlossen, und bin außerdem überall so zuvorkommend
aufgenommen und mit so viel Höflichkeit und Güte behandelt worden, daß
eine dankbare Erinnerung daran nie in mir erlöschen wird. Ich habe
daher nicht über das Land und die Menschen zu klagen, sondern nur +über
Ereignisse, welche dem Schicksal angehören+!
Nichts desto weniger freue ich mich der Rückkehr nach Europa; und --
wie wäre dies auch anders möglich, da ich dort Alles besitze was dem
Leben höhern Werth verleiht, Dich, die Kinder und erprobte Freunde!
Allein, es bedarf auch der ganzen Stärke dieses Magnets, um mich in
meinem Vorsatze, die Rückreise +jetzt+ anzutreten, verharren zu
machen, denn, ich darf es Dir ja nicht verhehlen, ich bin seit ein
paar Wochen sehr leidend, und die hiesigen Aerzte fordern mich auf,
meine Wiederherstellung +hier+ abzuwarten; da sie diese aber selbst
nicht unter 3 Monaten versprechen zu können glauben, und ich mithin
dadurch genöthigt seyn würde, der, im May eintretenden, ungesunden
Küsten-Jahrszeit wegen, bis October hier zu bleiben, so kann ich mich
nicht dazu entschließen, sondern reise ab, in der Hoffnung, mich
wenigstens nicht zu verschlimmern, und mich dann einer Radical-Cur
in der Heimath zu unterwerfen! Möglich wäre es ja auch, daß mir die
Seereise gut thäte, deshalb wiederhole ich nochmals, +ich reise morgen
ab+!
Gegenwärtiges geht mit dem Paket, ich dagegen gehe diesmal über die
vereinigten Staaten von Nordamerika, schreib Dir aber noch einmal von
Vera-Cruz aus. Lebe wohl.
Vera-Cruz, den 3. März 1833.
Wenn Du den Namen des Ortes liest, von wo aus ich heute datire, so
wirst Du nicht mehr zweifeln, daß ich mich Dir mit jedem Tage nähere,
daß ich wirklich +unterwegs nach Hause bin+.
Am 14. v. M. verließ ich Mexico in der Diligence, und kam, auf dem Dir
schon mehrmals beschriebenen Wege, am 16., des Abends, ohne Unfall
(~sin novedad~, wie es der Mexicaner nennt) in Jalapa an, wo ich den
Sonntag über blieb, und den dort ewig herrschenden Frühling auf einigen
paradiesischen Spatziergängen genoß. Am 17. Februar Alles in Duft und
Blüthe! und die Orangen-Bäume so voll von Früchten, daß man 50 bis
60 der schönsten, reifen Orangen für den Werth eines Silbergroschens
erhält! Doch ich habe Dir ja bereits alles von diesem herrlichen Clima
erzählt!
Auf dem Wege abwärts zur Küste ward es schon sehr heiß, und ich schlief
diesmal, in Puente national, unter freiem Himmel in meiner Litera,
nachdem ich mich vorher, im nahen Fluß, durch ein Bad abgekühlt hatte.
Seit einigen Tagen bin ich nun hier, in diesem bald heißen, bald kalten
und windigen Hafen, für den ich übrigens, eben weil es ein Hafen ist,
eine Vorliebe habe, und den ich als Geschäftsplatz der Hauptstadt
Mexico weit vorziehe; in jeder andern Hinsicht aber freilich +nicht+,
denn das Clima hier ist doch gar zu trügerisch und angreifend. Die
drückendste Hitze verwandelt ein Nordwind binnen wenigen Minuten in
die schneidendste Kälte, und führt einen Staub und Sand mit sich, der
bis in das Innerste der Gemächer dringt! In den wenigen Tagen meines
Hierseyns haben wir einen solchen Wechsel schon mehrmals gehabt, und es
weht und stürmt in diesem Augenblicke +so+, daß ich fast zweifle, ob
wir morgen werden an Bord gehen können, was ich doch so sehr wünsche,
da mich, mehr als ich auszudrücken vermag, verlangt, Euch wieder zu
sehen. Diese Eile, nach Europa zurück zu kommen, hält mich ab über
New-Orleans zu gehen, was ich, besonders um des guten Cecils willen,
so gerne gethan hätte; auch wäre da wohl noch manches Interessante zu
sehen und zu beobachten gewesen, aber ich bin noch immer so leidend,
daß ich mich vor der Anstrengung der Reise im Innern von Nordamerika
fürchte, und deshalb meine Passage am Bord des, direct nach New-York
gehenden Pakets, Virginia, genommen habe. In Vera-Cruz habe ich alles
beim Alten gefunden, außer daß die Cathedrale, durch einen Kanonenschuß
während der Belagerung eine ihrer Dachverzierungen verloren, und daß
eine andere Kugel sich in unserm Hause, durch die Azotea, nach einem,
glücklicherweise unbewohnten, Zimmer Bahn gebrochen hat. Die Freunde
in Vera-Cruz sind aber unverändert geblieben, und gegen mich eben
so zuvorkommend und gütig wie früher; ich habe hier zum Abschied
aus diesem Lande ein paar vergnügte Tage zugebracht, und verlasse
es demzufolge, Dank sei es meinen zahlreichen Freunden, mit einer
angenehmen Rückerinnerung.
Am 4. Der Sturm hat aufgehört, und wir gehen in einer Stunde an Bord.
Ich gebe nun diese Zeilen meinem lieben Freunde, dem Capitain Beck, vom
Schiff Esteva, mit, der, wie es ein günstiger Zufall will, in einigen
Tagen nach Bordeaux zurückgeht; ich war in großer Versuchung, die Reise
wieder mit ihm zu machen, denn ich fühle mich sehr zu ihm hingezogen,
und Du weißt, wie gut es mir am Bord der Esteva, auf der Anherreise,
gegangen ist.
New-York, den 1. bis 9. April 1833.
So wäre ich denn, wie Du aus der Ueberschrift siehst, nun auch in
der +nordischen+ Republik Amerikas, und sähe die Vielgepriesene mit
eigenen Augen, jedoch nur auf so kurze Zeit, daß ich wohl nicht viel
werde darüber sagen können. Das Paket, welches mich von hier nach
Europa bringen soll, wird schon am 9. Dieses segeln, und wir kamen von
Vera-Cruz, nach einer langen und beschwerlichen Fahrt von 28 Tagen,
nicht vor dem 1. Dieses hier an.
Von dieser Seereise habe ich Dir jedenfalls nichts Angenehmes zu
berichten; wäre nicht ein, mir sehr lieb gewordener, junger Deutscher
am Bord gewesen, so hätte ich auch nicht den kleinsten Ideen-Austausch
während der ganzen Ueberfahrt haben können. Dadurch, daß wir Anfangs
keinen und nachher (besonders in dem engen, gefahrvollen Golphstrom
von Bahama) contrairen Wind hatten, ward unsere Reise über die Gebühr
verlängert; vielleicht wären wir aber doch einige Tage früher ans Ziel
gelangt, wenn der Capitain, der, obgleich ein roher, ungebildeter
Mensch, doch ein geschickter Seemann seyn soll, nicht gleich Anfangs so
gefährlich krank geworden wäre, daß er vom ersten bis zum letzten Tage
der Reise das Bett hüten mußte. Zum Glücke war unter den Passagieren
ein junger mexicanischer Arzt, der zur Erweiterung seiner Kenntnisse
Paris besuchen wollte, und der nun, durch schnelles Anordnen passender
Mittel, warme Bäder u. s. w., der drohenden Entzündung im Unterleibe
Einhalt thun konnte, sonst hätten wir unfehlbar den Capitain unterwegs
dem Wasser, statt der Erde übergeben müssen; so aber erreichte er
New-York noch lebend, mußte jedoch sofort in ein Hospital gebracht
werden.
Unweit dieser Küste fanden wir zu meinem großen Leidwesen eine ganz
andere Temperatur vor, als die, welche wir erst vor Kurzem verlassen
hatten; diese hatte dann kalte, östliche Winde, Hagel, Schneegestöber
und Nebel, gleich denen an der Küste von England und Holland, im
Gefolge. Ich habe hier in New-York bereits Tage verlebt, die einem
trüben, neblichten November-Tage in London nichts nachgeben.
Dahingegen läßt sich aber auch eine andere, mehr erfreuliche Parallele
zwischen New-York und London ziehen, nämlich die des geschäftlichen
Treibens, welches im Hafen und am Zollhause hier dem von London
gleicht, und noch immer im Wachsen ist. Um Dir einen Begriff von
der Lebendigkeit des Verkehrs von Nordamerika nur allein mit dem
nördlichen Europa zu geben, genügt es wohl, zu sagen, daß jede Woche
ein schönes, großes Paketboot nach und von Havre und ein anderes
nach und von Liverpool geht und kommt, außer den Schiffen, welche
täglich nach andern englischen, französischen und deutschen Häfen
abgehen; und alles dieses versteht sich nur von diesem einen Hafen der
vereinigten Staaten, der freilich der wichtigste ist, und an raschem
Aufstreben wohl seines Gleichen nicht in der Welt hat. Es sind kaum
etliche und vierzig Jahre her, daß New-York, dessen Verkehr damals
schon ein bedeutender war, nur 20,000 Einwohner zählte, jetzt hat
es deren 225000! und Umfang und Handel sind natürlich in demselben
Maaße gewachsen. Es ist schwer zu sagen, wann und wo dies enden
wird, und die Gränze dürfte sich wohl eher in der Localität als in
andern Verhältnissen finden. Die Stadt New-York ist nämlich auf
einer Halbinsel, oder spitz zulaufenden Erdzunge, erbaut, so daß die
neuen Anbauten immer mehr von dem Geschäfts-Centrum und dem Hafen
zurückgedrängt, und weniger passend für den Handelsstand werden. Sehr
viele der früheren, im untern Theil der Stadt gelegenen Wohnhäuser sind
bereits in Magazine umgewandelt, und dies wird immer mehr der Fall
werden, ja zuletzt wird nicht Raum genug mehr vorhanden seyn, die Masse
von Waaren zu fassen, welche aus allen Welttheilen hierher geschleppt
werden. Von Canton allein werden dieses Jahr nicht weniger als 20
Schiffe in New-York zurückerwartet, wovon der Durchschnittswerth der
Ladungen doch nicht unter 350,000 Lstrl. jede angeschlagen werden kann;
hier ist also in einem Zweige allein, ein jährlicher Umschlag von 7
Millionen Dollars. Alles andere ist im Verhältniß, und erregt mit Recht
das Erstaunen selbst derer, die, wie ich, Vieles der Art in der Welt
gesehen haben.
Die Einwanderung von Europa in die vereinigten Staaten, und namentlich
in New-York, dauert ununterbrochen fort, und wird auf nicht weniger
als 300,000 jährlich, in allen Häfen der Republik angeschlagen, wovon
der vierte Theil auf New-York fällt, von welchen wiederum die gute
Hälfte aus Deutschen besteht. Du kannst Dir also denken, daß man deren
im Hafen und in allen Theilen der Stadt zur Genüge antrifft; indessen
bleiben diese Einwanderer selten lange hier, sondern finden bald ihren
Weg nach dem Innern des Landes; sehr häufig sind die innern Provinzen
schon von vorn herein ihre Bestimmung, und sie halten sich dann in dem
theuren New-York nur so kurze Zeit auf, wie nur immer möglich.
Es ließe sich über diese Auswanderung nach Nordamerika und über den
Nutzen, der den vereinigten Staaten daraus erwächst, gar Vieles sagen;
es ließe sich auch füglich die Frage aufstellen, ob der ungeheure
Andrang von Einwanderung es den später Kommenden nicht mit jedem Jahre
schwieriger macht, ein ihnen zusagendes Verhältniß zu finden, und ob
man mithin nicht besser thäte, dieser Völker-Wanderung eine andere
Richtung zu geben, z. B. nach Texas hin, nach dem schönen Staate
Vera-Cruz u. s. w.? Aber eine solche Auseinandersetzung würde mich
heute zu weit führen; auch ist der Gegenstand in Deutschland schon,
wo nicht erschöpft, doch so vielseitig beleuchtet und behandelt, daß
er Dir weder fremd noch neu seyn kann, ich sage Dir daher lieber noch
ein paar Worte von der Stadt New-York selbst. Bei dem Heransegeln
an dieselbe ward ich durch die Gebäude am Quai lebhaft an Rotterdam
erinnert; bekanntlich ist die Stadt durch die Holländer begründet, und
gar viele der ältern Häuser verrathen noch diesen Ursprung; die später
angebauten sind mehr im englischen Geschmack; alle sind übrigens von
rothen Backsteinen aufgeführt, haben meist die Küche im Untergeschoß,
den Eingang zum Hause einige Stufen über gleicher Erde, und ein schön
gegossenes Eisengitter zum Schutz längs der Straße, gerade wie in
Holland und England. Bei den neuesten Bauten, (man hört in New-York nie
auf zu bauen) wird viel Eleganz an den Tag gelegt, und mit dem eisernen
Gitterwerk (alles hier im Lande gegossen) großer Luxus getrieben. Die,
früher ganz in der Nähe gelegenen, Garten-Anlagen werden jetzt alle in
neue Stadtbezirke verwandelt, und der gute Bürger von New-York muß,
gleich allen Einwohnern großer Städte, die über die Gebühr wachsen,
einen weiten Weg machen, ehe er Gottes freie Natur bewundern kann.
Nur ein grüner Fleck ist ihm in der Stadt geblieben, und scheint ihm
für alle Zeiten gesichert, nämlich die schöne Garten-Anlage bei der
frühern Schanze oder Batterie, an der äußersten Spitze der Landzunge,
auf welcher New-York steht. Dorthin wandert die schöne Welt des untern
Theils der Stadt, wenn sie frische Luft schöpfen will, und es ist nicht
zu läugnen, daß man hier, wohlverstanden wenn kein Nebel vorhanden ist,
eine schöne Aussicht auf den, von kommenden und gehenden Dampfböten
wimmelnden, Fluß, den, von Seeschiffen aller Größe strotzenden, Hafen
und das gegenüberliegende, dem Staat von New-Jersey angehörige, Ufer
hat. Die eigentlichen Garten-Wohnungen der New-Yorker Kaufherren liegen
landeinwärts, und sind mitunter äußerst schön an einem Flusse gelegen,
dessen jenseitige, reich angebaute Ufer nahe genug sind, um dem Auge
einen malerischen Anblick zu gewähren. Man kann diese Landsitze aber
nicht so früh wie bei uns beziehen, denn der Winter ist hier strenge,
und die rauhe Jahrszeit z. B. +jetzt noch nicht+ vorüber; noch hat
weder Busch noch Baum ein Blättchen getrieben, und mich fror nicht
wenig bei meiner gestrigen Fahrt nach einem solchen Landhause. In der
Stadt selbst lodert überall ein gutes Kohlenfeuer im (englischen)
Kamin; kurz es ist noch Winter, und nur in der Mitte des Tages wird
es manchmal auf ein paar Stunden sehr heiß! Mein Aufenthalt hier ist
ein zu kurzer, um viel über die Sitten des Landes, oder über die
gesellschaftlichen Verhältnisse sagen zu können, indessen darf ich doch
nicht unerwähnt lassen, daß ich in einigen Familien eine sehr höfliche
Aufnahme gefunden, und bei der Gelegenheit mehrere liebenswürdige,
gebildete und wohlunterrichtete, amerikanische Damen kennen gelernt
habe! Eine derselben, nebenbei gesagt, eine große Verehrerin der
deutschen Sprache, die sie geläufig spricht und schreibt, stand im
Begriff, mit einem Theil ihrer Familie, eine Vergnügungs-Reise nach
Italien, und von da über +Wien+, durch +Deutschland+, die +Schweiz+
und +Frankreich+ zu machen; das nenne ich mir doch noch ~a tour of
pleasure~! Der Herr Gemahl bleibt unterdessen mit dem ältesten Sohn
zurück, und bezieht, ungeachtet er ein sehr reicher Mann ist, während
die Haushaltung aufgegeben und das Haus meublirt vermiethet wird, ein
sogenanntes Boarding- (Kost und Logis) Haus! Dies ist so Landes-Sitte
hier, und Niemand findet etwas daran zu tadeln.
Diese ~boarding-houses~ sind zum Theil sehr elegant meublirt, und
bieten, besonders durch die große Ordnung und Pünktlichkeit, womit
darin alles zugeht, den Bewohnern derselben, wo nicht alle, doch gar
manche +Comforts+ der eignen Menage dar. Ich bin hier in einer solchen
Anstalt eingekehrt, in ~Mansion-house, Broadstreet~, und kann Dir
mithin eine Beschreibung davon geben. Des Morgens um 8 oder 9 Uhr
wird gefrühstückt; eine Glocke versammelt die Bewohner des Hauses in
einem großen, geräumigen, schön meublirten Saal; Thee, Kaffee, Toast
und Butter, Eier, Fisch und Fleisch wird aufgetragen, und die Dame
des Hauses, die Wirthin, präsidirt in geschmackvoller Morgenkleidung,
wie es nur immer eine elegante Dame in Europa thun könnte, welche die
zahlreiche, nicht minder gut gekleidete, Gesellschaft in ihrem Hotel,
auf +eigene Kosten+ unterhielte. Um 2 Uhr wird zu Mittag gespeist, und
es geht bei der, über 100 Personen starken ~table d’hôte~ wieder eben
so anständig zu, und auch hier präsidirt die besagte Dame des Hauses,
die nun in vollem Staate des Tags-Anzugs erscheint, was diejenigen
Damen gleichfalls thun, welche als Gäste mit bei Tische sitzen; auch
der männliche Theil der Gesellschaft ist elegant gekleidet, und es
herrscht überhaupt großer Kleider-Luxus in Nordamerika. Die Tafel ist
gut bedient, alle Speisen sind schmackhaft bereitet, und der Wein wird
ad libitum gefordert. Madeira und Champagner sind die Favoritweine
der Amerikaner. Nach Tische zieht sich die Wirthin mit den fremden
Damen und den Herren, die sie zu begleiten wünschen, nach einem schön
meublirten, mit Sopha und Pianoforte versehenen, Salon (~parlour~)
zurück. Abends 7 Uhr wird Thee servirt, und auch diesmal erscheint die
Dame des Hauses wieder als die zwar etwas preciöse, jedoch gefällige
Wirthin; aber bei dem Finale dieser Tages-Abfütterung, nämlich bei
dem kalten Essen, welches spät um 10 oder 11 Uhr auf dem Tische
steht, um diejenigen zu laben, die aus dem Theater kommen und dort
nichts genossen haben, läßt die Wirthin sich nicht wieder blicken,
und Niemand wird ihr das verdenken, denn sie hat sich wahrscheinlich
um diese Zeit schon zur Ruhe begeben. Du siehst übrigens, daß man in
einem solchen Hause gut aufgehoben ist; man muß jedoch ja nichts außer
der Zeit und etwa auf seinem Zimmer begehren, darauf sind sie hier
nicht eingerichtet, und in dieser Hinsicht dürfte man sich wohl viel
besser in einem europäischen Gasthofe befinden. Wohlfeil sind diese
~boarding-houses~, wie Du denken kannst, auch nicht, und dennoch soll
es in den eigentlichen Hotels hier in New-York noch weit theurer seyn.
Ich hatte gestern Gelegenheit, eine große Menge der hiesigen Damen
beisammen zu sehen, und zwar bei einer Veranlassung, wo man bei uns
in Deutschland das schöne Geschlecht weder in so großer Masse noch
in so eleganter Kleidung versammelt zu sehen pflegt, sage, bei einer
+Auction+! Es ist nämlich Sitte hier, wenn das Ameublement eines
Hauses verkauft wird, was häufig der Fall seyn soll, alle Zimmer
schön aufzuputzen, und die Meubles, Sopha’s und Betten, Lüstres und
Gemälde u. s. w. da stehen und hängen zu lassen, wo sie bisher waren,
und sie dann Stück für Stück an den Meistbietenden zu verkaufen, ohne
daß jedoch etwas weggenommen werden dürfte, bis das Ganze, mithin
das letzte Stück, realisirt ist. Wenn nun eine solche, vorher schon
angekündigte Auction ihren Anfang nimmt, so wird eine rothe Fahne am
Hause befestigt, und alle Welt strömt dahin, theils um zu kaufen,
theils um das schöne Ameublement zu sehen, wobei alles so anständig
hergeht, daß ungeachtet z. B. das Haus, wo ich gestern diesen Aufzug
erlebte, so gedrängt voll war, daß man nur mit Mühe die Stiegen auf
und ab gehen konnte, auch nicht die geringste Unordnung vorfiel, und
daß man alle Muße und Gelegenheit hatte, die große Menge wirklich
schöner Frauenzimmer und ihren geschmackvollen Anzug zu bewundern.
Die liebenswürdigen New-Yorkerinnen werden es mir ja wohl verzeihen,
wenn sie es etwa je erfahren sollten, daß ich nicht umhin konnte, mich
zu +freuen+, als ich eine Gruppe der, in meinen Augen wenigstens,
schönsten Damen auf jener Auction, durch das liebliche Deutsch, welches
sie unter einander sprachen, für Landsmänninnen erkannte! Es soll
übrigens hier kein Mangel an diesen seyn.
Daß die reiche Stadt New-York der öffentlichen Gebäude, Kirchen,
Museen, wohlthätiger und gemeinnütziger Anstalten aller Art gar viele
hat, kannst Du Dir denken, Du mußt aber keine Beschreibung derselben
von mir erwarten, ich müßte sonst ein Buch schreiben wie der Herzog
Bernhard von Weimar, an dessen Reise-Beschreibung ich Dich dieserhalb
verweise; dort ist der Gegenstand erschöpft! --
Auch das Theater habe ich einmal besucht; ich konnte, trotz meiner
Unpäßlichkeit, der Versuchung nicht widerstehen, Charles Kemble und
seine Tochter Fanny, in der Tragödie “~the grecian daughter~” zu sehen,
und bin durch hohen dramatischen Genuß für die Anstrengung belohnt
worden. Des Vaters vortreffliches Spiel hatte ich schon in England zu
bewundern Gelegenheit gehabt, aber Miß Fanny hatte erst nach meiner
Zeit die Bühne betreten, und in ihrem Vaterlande ~furore~ gemacht; ich
war daher auf ihr Spiel sehr gespannt! Sie bemüht sich augenscheinlich,
in die Fußstapfen ihrer berühmten Tante, Mrs. Siddons zu treten, das
will aber nicht gelingen, und schadet ihr also bei denen, welchen
jenes, freilich fast unerreichbare Ideal noch so lebhaft vorschwebt
wie mir! Miß Fanny Kemble ist zu monoton in ihrer Rede, zu einförmig
in ihrer Action und die Haltung ihres Körpers ist schief. Nichts desto
weniger macht ihr Spiel einen tiefen Eindruck auf die Zuschauer, und
ließ auch mich nicht unbefriedigt. Miß Fanny ist noch sehr jung, und
soll in Gesellschaft eben so liebenswürdig seyn, als ihr Betragen gegen
ihre Aeltern ein wahrhaft edles und musterhaftes ist.[19]
Von dem Schauspielhause wüßte ich Dir nicht viel zu sagen; es ist weder
so groß noch so schön, als ich mir es von New-York gedacht, indessen
ist’s doch auch nicht schlecht; es war an jenem Abend zum Ersticken
voll, und soll bei allen Vorstellungen der Kembles so gewesen seyn.
Eine italienische Oper haben die New-Yorker zwar gehabt, das
Etablissement ist aber ins Stocken gerathen; man macht indessen
jetzt neue Efforts, um es wieder ins Leben zu rufen, und hat bereits
einen Actien-Fond von 90,000 Dollars dafür zusammen geschossen; ein
Commissarius der Gesellschaft wird (in demselben Paketboot mit mir)
nach Paris gehen, um dort das erforderliche Personal für die Oper zu
engagiren, welche alsdann jährlich 6 Monate in New-York, 2 Monate in
Philadelphia und 2 Monate in Boston die Gehörsnerven der Amerikaner
delectiren soll.