viel toleranter als früher, und das Nichtbegrüßen eines heiligen
Bildes, oder das Bedecktbleiben beim Einläuten der Oracion u. dgl.,
wird nicht mehr beachtet. Man fordert zwar allerdings noch immer,
selbst von den Fremden, die Kniebeugung vor dem “Allerheiligsten”
wenn dasselbe auf dem Wege nach den Sterbenden, wie üblich, durch die
Straßen gefahren wird. Aber man duldet nun doch ohne Rüge, wenn es im
Innern des Hauses unterbleibt, oder wenn man dem Zuge in der Straße
ausweicht. Dies Letztere kann man denn nun freilich stets zeitig genug
thun, da das vorangetragene, helltönende Glöcklein, und der schrille
Gesang der dabei nie fehlenden Litanei, das Herankommen der Hostie
lange voraus verkünden! Diese Hostie, hier ~nuestro amo~ (unser Herr)
genannt, wird von einem Priester im Ornat, in einer schönen, mit vier
weißen Maulthieren bespannten Glas-Kutsche, getragen, und von einigen
Priestern und Messnern, welche nebenher gehen, begleitet. Zu diesen
gesellen sich aus dem Volke eine doppelte Reihe von Alt und Jung,
welche die Litanei singen, und wenn es Nacht ist, Kerzen und Fackeln
tragen, wodurch sich denn der Zug ganz stattlich ausnimmt! Die Wachen
treten vor demselben ins Gewehr, und die erste detachirt ein paar Mann,
welche die Procession begleiten, zwar bewaffnet, aber mit unbedecktem
Haupte, den Chaco in der Hand, und auch der reitende Kutscher hält den
Hut in der Hand. Wo dann der Zug hinkommt, stürzt alle Welt auf die
Kniee, und bleibt in dieser Stellung, bis der Schall des Glöckleins
fast verklungen ist.
Daß dies in einer so volkreichen Stadt, wo so viele Menschen sterben,
und von diesen fast jeder vorher die letzte Oelung erhält, etwas häufig
vorkommt, kannst Du Dir denken. Der besagte Staatswagen steht fast
immer fertig angespannt bei der Cathedrale, um jeden Augenblick für den
“ernsten letzten Gang” parat zu seyn. Friede sei mit jedem, der ihn
wandelt! Adieu, Adieu.
Mexico, den 7. Februar 1833.
Heute habe ich denn endlich wirklich gepackt, und meine Koffer durch
einen Ariero nach Vera-Cruz vorausgesandt, um ihnen in wenig Tagen
selbst zu folgen; mein Herz freut sich dessen, denn es rückt mir den
seligen Augenblick des Wiedersehens näher und näher.
Du wirst begreifen, daß ich Mexico nicht gerne verlassen wollte,
ohne die Werke gesehen zu haben, welche der deutsch-amerikanische
Bergwerks-Verein zu Elberfeld in diesem Lande besitzt. Dieser Verein
ist für das ganze Vaterland ein zu wichtiges Unternehmen, als daß es
nicht das Interesse eines jeden hier anwesenden Deutschen in Anspruch
nehmen sollte, um wie viel mehr also das meinige, der ich der Sache in
so vieler Beziehung so nahe stehe. Da nun S. wünschte, mich noch vor
meiner Abreise auf den Werken selbst zu sehen, so entschloß ich mich
vor ungefähr 14 Tagen, ihn in +Anganguco+, so heißt das Revier wo er
wohnt, zu besuchen. Dies war denn eine kleine Reise von 3 Tagen hin,
und eben so viel zurück, die ich Dir beschreiben will, um Dir das Land
auch nach dieser Richtung hin zu zeigen.
Mein Weg ging diesmal nördlich, und führte zuerst über ein hohes, mit
dichten Waldungen bewachsenes, Gebirge, Las Cruzes genannt, wo man
mehreren, von Holz erbaueten und mit guten Brettern beschlagenen
Indianer-Wohnungen, mit Erfrischungen für Reisende, begegnet, und unter
andern auch eine große, recht hübsche Herberge (~fonda~) antrifft,
welche einen gemauerten Hofraum und Quell-Wasser genug für eine ganze
Caravane von Maulthieren besitzt, weshalb denn auch die Arieros, bei
ihren Transporten von Mais, Weizen u. dgl., nach der Hauptstadt, hier,
als in ihrer letzten Station, übernachten. Am jenseitigen Fuße dieses
Gebirges beginnt das, 1200 Fuß höher als Mexico gelegene, mithin viel
kältere, aber nichts desto weniger schöne und fruchtbare Thal von
Toluca; man hat hier im Winter häufig Schnee und Eis, und von den,
das Thal einschließenden Bergen, sahen auch wir die meisten noch mit
weißbeschneieten Häuptern in die Wolken ragen; aber dennoch wächst hier
vortrefflicher Weizen, aus dessen Mehl für uns in Mexico das schönste
Brodt, welches man nur wünschen kann, bereitet wird. Die große Masse
des Volks ißt aber überall in der Republik kein Weizenbrodt, sondern
eine Art dünner und weicher, aus Mais-Mehl angefertigter Fladen,
Tortillas genannt, welche in jeder Hütte von den weiblichen Bewohnern
frisch bereitet und gebacken, und meistens warm gegessen werden. Der
gemeine Mann kennt keine andere Art Brodt, und ißt es meistens so, daß
er Fleisch oder andere Speise in seine Tortilla einwickelt, und so,
ohne Hülfe von Messer und Gabel, seine Mahlzeit macht.
Im Thal angelangt, kommt man zuerst nach Lerma, einem kleinen
unbedeutenden Flecken, der jedoch durch seine Situation, umgeben von
Sümpfen und Gewässern, öfter schon als fester Waffenplatz gedient hat.
Von hier führt der Weg durch eine fruchtbare Ebene nach dem nicht sehr
entfernten Toluca, bekanntlich jetzt die Hauptstadt des Staates Mexico.
Da bis hierher täglich eine der schon früher erwähnten amerikanischen
Diligencen fährt, so bedienten wir uns derselben, und sandten unsere
Pferde u. s. w. Tags zuvor voraus, um den nächsten Morgen mit frischen
Thieren weiter gehen zu können. Wir kamen schon um 4 Uhr Nachmittags
an, und hätten also Zeit genug gehabt, die Merkwürdigkeiten Toluca’s
zu besehen, wenn deren vorhanden gewesen wären; ich wüßte jedoch
von dieser Hauptstadt weiter nichts zu sagen, als daß es ein ganz
freundlicher Ort ist, welcher sich zu heben scheint; es wird wenigstens
viel daselbst gebaut. Nichts kann jedoch erbärmlicher seyn, als der
Gasthof, worin wir übernachteten, und der uns als der +beste+ empfohlen
war. Die Zimmer, welche man uns anwies, hatten zwar allerdings eine
Thüre und auch ein Fenster ohne Glasscheiben, nur mit hölzernen Läden,
ferner 4 weißgewaschene Wände, einen steinernen Fußboden, einen kleinen
hölzernen Tisch und Stuhl, endlich einen sogenannten Bock, in der
Ecke, um das, von uns selbst mitgebrachte, Bett darauf auszubreiten!
Das war aber auch alles! Einen +zweiten+ Stuhl, um am Abend mit meinem
Reisegefährten den, versteht sich, auch mitgebrachten und von unserm
Bedienten bereiteten Thee in demselben Zimmer zusammen zu trinken,
konnten wir nur nach vielem Bitten, als eine Gefälligkeit von der
Wirthin, erlangen. Du kannst hieraus auf den “Comfort” dieses Hotels
schließen! Zu essen bekamen wir daselbst auch nicht das mindeste, man
verwies uns damit an die Garküchen in der Stadt, unter welchen wir denn
auch eine erträgliche fanden, und dort ein Mittagsmahl einnahmen, womit
wir uns in Europa, in einer Stadt gleichen Ranges, wohl schwerlich
begnügt hätten.
Am nächsten Morgen setzten wir unsere Reise zu Pferde fort, und kamen,
in einem offenen und fruchtbaren Landstriche, durch mehrere schöne
und große Dörfer, und an andern ähnlichen vorbei, deren indianische
Namen ich Dir aber nicht nenne, weil es kein Interesse für Dich haben
kann, von Ortschaften wie Dejagégé, Amaloya u. dgl. zu hören, die
Du doch auf keiner Charte finden würdest. Gegen Abend erreichten
wir die Ventilla, ein einzeln stehendes Wirthshaus, worin wir
übernachteten, und wo wir früher eingetroffen seyn würden, wenn wir
nicht, durch das Wiedereinfangen unserer häufig entlaufenen Handpferde
und Maulthiere, so viel Zeit verloren hätten. Dies ist wirklich
eine große Unannehmlichkeit bei dem Reisen hier zu Lande, aber eine
unausbleibliche, weil man die Mozos (Reitknechte) nicht dahin bringen
kann, die Thiere an einander zu binden; sie lassen sie immer einzeln
laufen, und suchen sie durch Hin- und Hergalloppiren in einem Trupp
zusammen zu halten. Dies gelingt ihnen denn auch so lange man auf
gebahnten Wegen bleibt, kommt man aber auf offne Felder, so sprengen
natürlich die ungebundenen Thiere nach allen Richtungen hin, und müssen
dann von den, ihnen nachjagenden, Mozos mit dem Lazo, (dem bekannten
Fangseil, ohne welches kein Mozo zu Pferde steigt) wieder eingefangen
werden. Obgleich nun hierdurch viel Zeit verloren geht, und die Thiere
mehr als nöthig, ermüdet werden, so hilft doch alles Schelten und
Tadeln nichts; die Geschichte wiederholt sich stets von Neuem, und der
Herr muß sich zuletzt in die Laune des Dieners, christlich-geduldig!
fügen. Kommt man alsdann auf dem Nachtquartier an, (was in der Regel
früh geschieht, weil man früh aufbricht, nirgends förmlichen Mittag
hält, und ungefähr 10 Stunden lang in einem fortreitet) so kann man die
Pferde der Sorgfalt der Mozos ruhig überlassen, indem sie einestheils
gehörig von ihnen gepflegt werden, und anderntheils hier zu Lande nicht
verwöhnt sind, sondern mit einem Lager und Futter vorlieb nehmen, wie
wir es den Pferden in Deutschland nicht bieten würden.
Da die Ventilla sehr hoch, und auf einem Punkt liegt, wo sie von allen
Winden gepackt werden kann, an jenem Tage aber kein freundlicher
blies, so war es am Abend tüchtig kalt geworden. Wir hatten Besitz von
dem einzigen Raum genommen, der für einkehrende Fremde hier vorhanden
ist, und suchten uns so bequem einzurichten, als es eben gehen wollte.
Der Fußboden dieses brillanten Locals war weder gediehlt noch getäfelt,
sondern ziemlich uneben aus Lehm-Erde festgestampft; das Tageslicht
erhielten wir, spärlich genug, durch die Thüre und durch das Fenster
ohne Glasscheiben. Ein Tisch und eine Bank in einer Ecke, nebst dem
Bettgestell in der andern, machten das ganze Ameublement aus. Wir
vermehrten dasselbe mit unsern Betten und sonstigem Gepäcke, ließen
uns ein Huhn in Reis abkochen, und auf diese Weise eine gute Suppe
bereiten, so daß wir, mit Hülfe einiger frischen Eier, und dem, in
unserm Proviant-Korbe noch vorhandenen, kalten Braten, ein ganz gutes
Mahl einnehmen, und darauf, bei geschlossenen Thüren und Fenstern,
bequem zu Bette gehen konnten. Unsere Leute schienen sich aber weniger
behaglich zu fühlen, sie zündeten, um sich zu erwärmen, vor unserer
Thüre ein tüchtiges Feuer an, in dessen Nähe sie sich lagerten, und so
die Nacht im Freien zubrachten. Die recht hübsche, junge Frau eines
der Mozos, den sie nach Anganguco, seiner Heimath, begleitete, war
von dieser Nachtparthie im Freien nicht ausgeschlossen, und theilte
überhaupt alle Strapazen der Reise, wie es mir schien, mit frohem
Muthe. Sie verstand das Reiten recht gut, ritt aber, wie das schöne
Geschlecht hier zu Lande überhaupt, oder doch meistens, auf einem
Quersattel. So wie wir diese Nacht zubrachten, hatten wir, trotz der
isolirten Lage unsers Wirthshauses, wenigstens von einem Ueberfall
nichts zu befürchten; auf der einen Seite unsers Schlafzimmers war
die Küche, und, wie es schien, die allgemeine Schlafstelle der
zahlreichen Familie, groß und klein und alt und jung, deren Oberhaupt
sich aber, wahrscheinlich, weil ihm des Lärms zu viel ward, oder des
Platzes zu wenig, zu uns flüchtete, und in der einen Ecke der Stube,
auf Pferdedecke und Sattelzeug, übernachtete; auf der andern Seite
bivouakirte, wie schon gesagt, unsere Dienerschaft vor der Thüre nach
dem Hofe hin, und wir waren mithin, wie Du siehst, bewacht genug. Am
andern Morgen brachen wir, wie gewöhnlich, früh auf, nachdem wir zuvor
die landesübliche Chocolade eingenommen, und mit unsern behaglichen
Wirthen, welche in ihrer Art sehr wohlhabend zu seyn schienen, die
keineswegs billige Rechnung berichtigt hatten. Solche Leute haben hier
zu Lande, außer einer Schenkwirthschaft und Herberge für übernachtende
Fremde, einen kleinen Laden (~tienda~), und treiben etwas Ackerbau
und Viehzucht (von Schweinen, Federvieh u. dgl.), was sie denn alles
reichlich nährt. Unter dem Geflügel befanden sich auch die hier zu
Lande nicht häufigen Gänse, deren so lange nicht gehörtes Geschnatter
und gellendes Geschrei, mir die vaterländischen Dorfschaften, an die
mich die sonstigen Umgebungen eben nicht erinnern konnten, lebhaft
ins Gedächtniß zurückrief, ohne mir jedoch, wie dem Schweizer der
Kuhreihen, das Heimweh zu geben.
Wir kamen nun sehr bald in andere Gegenden, nämlich in Wälder und
Gebirge, und nachdem wir diese stundenlang durchzogen hatten, gelangten
wir in ein hübsches, freundliches aber enges Thal, durch welches ein
starker Waldbach strömte, und auf dessen Wiesengrund man mit neuen
Bauten beschäftigt war, welche wir bald für Schmelzöfen erkannten, und
wo wir an +den deutschen Begrüßungen, die uns entgegen schallten+,
gewahrten, daß wir uns dem Ziele unserer Reise näherten. Es war dies
nämlich der Anfang der Werke des deutschen Vereins, und der, hier
angesiedelte, deutsche Dirigent dieser Schmelz-Anlage hatte es sich
in seiner, übrigens nur hüttenartig erbauten, Wohnung recht bequem
eingerichtet; er war (gleich mehreren anderen deutschen Bergleuten)
mit einer Eingebornen verheiratet, und schien sehr zufrieden. Die
Anlage ist in einem, von hohen Bergen umgebenen, Kessel, und weit
tiefer gelegen, als der Standpunkt, auf dem wir uns am Morgen befanden,
es ist deshalb hier auch schon wieder viel wärmer, aber dennoch gesund.
Wir erfrischten uns hier auf eine angenehme Weise, mit guter Milch,
Brodt und Butter, nahmen von unserm wackern Landsmann und seiner
etwas braunen Gattin Abschied, und ritten weiter nach Anganguco,
woselbst wir um 4 Uhr Nachmittags ankamen. Der Weg dahin ist ein
sehr beschwerlicher; ehe man den Ort erreicht, von welchem das ganze
Revier seinen Namen entlehnt, muß man über hohe Berge und durch tiefe
Schluchten, die oft so dicht mit Wald ausgefüllt und überwachsen sind,
daß Dir mitunter gewiß schauerlich zu Muthe geworden seyn würde, zumal
wenn Du Dich der Raubthiere erinnert hättest, von denen man so manche
Geschichtchen hört und liest. Du würdest Dich aber in dieser Hinsicht
bald beruhigt haben. Mexico ist überhaupt an wilden Thieren arm. Nur in
Californien giebt es viele und große Bären, in den übrigen Theilen der
Republik ist aber von Raubthieren kaum die Rede. Hie und da finden sich
wohl einzelne Löwen und Tieger, sie sind aber nicht allein sehr selten,
sondern auch weit weniger wild und grimmig, als ihre afrikanischen und
asiatischen Brüder oder Vettern. In einigen Minendistricten werden die
jungen Löwen als eßbares Wild betrachtet, und zu dem Ende förmlich
gejagt, ihr Fleisch ist aber zähe und nicht so wohlschmeckend als unser
Wildpret.
Man ist hier übrigens nicht mehr im Staat von Mexico, sondern in dem
von Michoacan, in welchem die Verwaltung leider minder liberal ist als
in jenem, wo der aufgeklärte Zavala an der Spitze steht. Der Flecken
Anganguco ist klein und unansehnlich, und besteht, außer dem nirgends
fehlenden Marktplatze, aus fast nur einer Straße, in deren Mitte das
einstockige Haus steht, welches dem Vereine gehört, und von S. und
einigen der Beamten des Vereins bewohnt wird. Ich hatte mir das Local
schöner gedacht, aber von aller Schönheit und Annehmlichkeit weit
entfernt, ermangelt es sogar mancher notwendigen Bequemlichkeit, und
+Schleiden+ hat in der That dem Vereine kein kleines Opfer gebracht,
indem er die brillante Wohnung in dem schönen Mexico verließ und hieher
zog. Nur ein strenges Pflichtgefühl und die Ueberzeugung, daß der
Verein nur durch die größte Oeconomie und unausgesetzte Aufsicht an
Ort und Stelle zu retten sei, konnte ihn bewegen, zu thun, was seine
Vorgänger längst hätten thun sollen. Tausende, ja viele Tausende wären
erspart worden, und der Verein wohl nie in die Verlegenheiten gekommen,
in denen er sich jetzt befindet, wenn man die Geschäftsverwaltung schon
vor Jahren nach Anganguco verlegt hätte. Ob diese Maaßregel jetzt noch
helfen kann, wage ich nicht zu entscheiden; es bleibt darum aber nicht
minder ein großer Entschluß, nach einem Orte zu ziehen, wo es so kalt
und feucht ist, daß man das ganze Jahr hindurch Feuer im Kamin haben
muß, wo keine Resource von Gesellschaft oder Unterhaltung zu finden
ist, und wo die Umgebungen der Natur eben so wenig Ersatz für all diese
Entbehrungen darbieten, und mithin der ganze Genuß des Lebens aus den
sehr zweifelhaften Hoffnungen des Gelingens eines höchst precairen
Unternehmens geschöpft werden soll.[18] Ganz nahe hinter dem Wohnhause
ist eine Silbergrube des Vereins (~Carmen~), welche zwar die reichern
Erze liefert, aber mit der Gewaltigung des Wassers beständig zu kämpfen
hat; etwa eine halbe Legua oberhalb des Orts liegen sodann Valencia,
Purissima u. s. w., alles Gruben, welche nur arme Silber-Erze, aber
von diesen ein unermeßliches Quantum besitzen, so daß, wenn die
jetzt eingeführte deutsche Schmelzmethode sich bewährt, woran ich
wenigstens nicht zweifle, die Sache dennoch zu einem guten Endresultate
geführt werden kann, was der Himmel geben wolle. Die Bergwerke selbst
beschreibe ich Dir nicht, denn sie gleichen den unsrigen in Europa, und
zeichnen sich auch nicht, wie einige, den englischen Gesellschaften in
diesem Lande angehörige, durch kostbare Bauten, Dampfmaschinen u. dgl.
aus.
Die Schmelzöfen, welche nach deutschem Model erbaut sind, und auf
welchen die ärmern Erze zu gute gemacht werden, liegen mehrere Leguas
in der Runde; man kann diese natürlich nur da errichten, wo man
hinlängliche Wasserkraft findet, das Gebläse zu treiben, und auch von
den Kohlenbrennereien nicht zu weit entfernt ist.
Die Handarbeit bei der Erz-Gewinnung aus den Gruben, beim Bauen,
Schmelzen u. s. w. geschieht durch Indianer, die, bei der geringen
Bevölkerung dieses Reviers, oft zum großen Nachtheil des Geschäfts,
aus entfernten Gegenden herangezogen werden müssen. Die Aufseher,
die Schmelzer und Beamten des Vereins -- sind alles +Deutsche+, von
denen sich manche, durch Verheirathung mit Eingebornen, schon ganz
einheimisch gemacht haben.
Die Amalgamir-Anstalt ist auf der andern Seite von Anganguco, etwa eine
Legua von den Gruben entfernt, dort werden die Erze gestoßen, in Wasser
abgeschlemmt, und wenn sie ganz breiartig geworden sind, in Haufen
abgetheilt und mit Quecksilber gemischt, durch welches das Silber
alsdann abgetrieben wird; da dies jedoch nur mit Verlust eines großen
Theils (40 à 50 ~pCt.~) des edlen Metalls geschehen kann, so ist diese
Methode des Zugutemachens (wie es genannt wird) nur bei den reichern
Erzen anwendbar. Die Mischung des Erzes mit dem Quecksilber geschieht
durch das Treten eines Indianers, welcher wochenlang einen solchen
abgemessenen Haufen, täglich wohl ganze 10 Stunden hindurch, mit
seinen bloßen Füßen auf eine höchst gleichmäßige Weise durchstampft;
er setzt dabei die nackten Arme in die nackten Seiten, und macht, mit
den eben so nackten Beinen und auswärts gekehrten Füßen, die Runde in
dem breiartigen Erze, mit der Formalität eines Tanzmeisters. Die guten
schmutzbraunen Leute, welche diese ermüdende Arbeit verrichten, sind
sehr kräftig und besonders muskulös, auch schienen sie mir munter und
mit ihrer Beschäftigung zufrieden; eine seltsame Erscheinung dabei ist,
daß sie nicht die geringste üble Wirkung von der Masse von Quecksilber
verspüren, mit welcher ihr bloßer Körper doch stets in Berührung kömmt.
Nachdem wir nun während einigen Tagen alle Merkwürdigkeiten des
Bergwerk-Reviers besehen, und der Abfertigung eines Transports von
Silberbarren, von circa 10,000 Pesos an Werth, beigewohnt hatten
(welche für die Münze bestimmt, auf Maulthieren, unter der sehr mäßigen
Bedeckung einiger wohlbewaffneten Mozos, und der Anführung eines
deutschen Conducteurs, zweimal im Monat von hier nach Mexico gesandt
werden) machten wir uns auf den Rückweg, und erreichten den ersten
Tag die Ventilla bei sehr guter Zeit. Wir hatten nämlich einen nähern
Weg gewählt, und eine Anhöhe (~Cuesta~) erstiegen, welche so steil
ist, daß das Herunterreiten seine Gefahren hat. Aufwärts ging es aber
mit den sehr vorsichtigen Maulthieren ganz nach Wunsch, und ersparte
uns einen bedeutenden Umweg. Die Aussicht, welche man stufenweise bei
Ersteigung dieses steilen Berges, nach entfernten Thälern hin genießt,
ist ausnehmend schön und großartig.
In der Regel hat man hier in dieser Jahrszeit gar keinen Regen,
und unternimmt, in voller Zuversicht darauf, eine jede Reise, ohne
Schutzmittel gegen Wasser von oben herab. Das alte Sprichwort, “keine
Regel ohne Ausnahme,” sollte sich aber diesmal recht practisch an uns
bewähren, denn wir hatten die Ventilla kaum erreicht, als ein Gewitter
ausbrach, welches die ganze Nacht hindurch dauerte, und so viel Regen
im Gefolge hatte, daß er erst am nächsten Abend aufhörte. Da wir nun,
wie Du begreifen wirst, nicht Lust hatten, einen so traurigen Tag in
der noch traurigern Ventilla zuzubringen, so wagten wir es, uns auf
den Weg zu machen, in der Hoffnung, daß sich das Wetter aufklären
würde; darin hatten wir uns aber geirrt, und wir mußten 10 Stunden
lang in einem beständigen Regen reiten, ehe wir Lerma erreichten,
wohin wir unsern Weg, mit Umgehung von Toluca gerichtet hatten! Nie
in meinem Leben bin ich noch so durchnäßt gewesen; ich mußte mir die
Stiefel von den Füßen +schneiden+ lassen, alle Kleidungsstücke waren
triefend naß, und selbst unsere Betten feucht geworden! dennoch lief
alles gut ab. Wir fanden in Lerma ein ganz gutes Quartier, ließen Alles
trocknen, nahmen vor dem Schlafengehen etwas warme Speise und Trank,
und erwachten den nächsten Morgen ohne alle Erkältung. Der Himmel war
heiter, und die bald sehr heiß werdende Sonne hatte, lange ehe wir das
Thal von Mexico erreichten, die noch übrig gebliebene Feuchtigkeit aus
den Kleidern herausgezogen! So kamen wir denn ganz trocken zu Hause,
eben als man sich zu Tisch setzen wollte. Wir nahmen Platz an der
Tafel, und ließen es uns gut schmecken.
Mexico, den 13. Februar 1833.