Wie ich zuletzt berichtete, hob Santa Anna die Belagerung Mexico’s

auf, um dem, vom Norden der Republik zum Entsatz der Hauptstadt

herbeieilenden, Vizepräsidenten, General Bustamante entgegen zu gehen,

und ihn, wie man glaubte, mit seiner, zu diesem Ende concentrirten,

dem Gegner an Zahl weit überlegenen Macht, ein entscheidendes Treffen

zu liefern. Nach gut mexicanischer Weise begnügte er sich aber damit,

bei Huehuetocla (10 Leguas von hier) Bustamante den Uebergang über

eine der, in diesen Gegenden so häufigen Land-Schluchten (~Barancas~)

streitig zu machen, und sich diesseits derselben zu befestigen.

Hierdurch entstand denn abermals eine Pause in den Kriegs-Operationen,

und es fiel, außer einigen Angriffen auf Santa Anna’s Verschanzungen

von Bustamante’s Cavallerie, die mit Verlust zurückgeschlagen ward,

nichts vor. Mittlerweile marschirte General Quintanas, mit 2000

Mann, von hier aus, nicht etwa, wie man erwartete, um Santa Anna im

Rücken anzugreifen, sondern nur, um sich wo möglich mit Bustamante zu

vereinigen, und auch dies suchte Santa Anna, unbegreiflicher Weise,

nicht zu verhindern. Hätten sich dagegen andererseits die beiden Corps

des Gouvernements stark genug gefühlt, von jeder Seite einen Angriff

auf den Feind zu machen, und ihn so zwischen zwei Feuer zu nehmen,

so hätte man hoffen dürfen, auf +diese Weise+ das Ende des Streits

herbeigeführt zu sehen. Dies geschah aber eben so wenig, und nur die

Vereinigung fand statt, in Folge welcher Santa Anna nun zurück in

eine feste Stellung bei Zumpango fiel, woraus ihn aber die beiden

vereinigten Corps seiner Gegner nicht vertreiben konnten. Bustamante

befand sich mit seinen Truppen in einer, von Lebensmitteln sehr

entblößten Gegend, und mußte damit von der Hauptstadt aus versorgt

werden. Wochenlang bemühete er sich vergebens, Santa Anna ins offene

Feld zu locken, und nur erst, als eine, für diesen bestimmte,

Geld-Conducte, aus Puebla kommend, von den Gouvernements-Truppen

angegriffen ward, verließ Santa Anna seine Stellung, um jene zu retten

(was ihm auch gelang) und marschirte nun eilend mit seinem ganzen Corps

nach Puebla zurück, wohin ihm Bustamante auf dem Fuß folgte, so daß er

gleichzeitig mit ihm daselbst eintraf. Dort nun, d. h. vor den Thoren

und in der Vorstadt von Puebla, soll sich zwischen beiden Parteien ein

heftiger Kampf entsponnen haben, und zwar zum Nachtheil Bustamante’s

ausgefallen seyn. Bestätigt sich das +gestern so+ in Umlauf gekommene

Gerücht über die Schlacht, so muß das Gouvernement unterliegen, weiset

es sich aber aus, wie man +heute+ erzählt, daß Santa Anna den Tag

verloren habe, so ist die Sache damit noch nicht am Ende; denn so lange

er noch am Leben, und nicht so aufgerieben ist, daß er Vera-Cruz nicht

wieder erreichen kann, sind und bleiben wir, wo wir vor 6 Monaten

waren, und das jetzige Gouvernement muß und +wird+ dann erst an der

Finanz-Auszehrung sterben. Es ermangelt jetzt aller Resourcen und ist

damit auf die Föderatif-+Stadt+ angewiesen; man hat schon zweimal zu

gezwungenen Anleihen Zuflucht genommen, und besteuert nun Häuser,

Fenster, Thüren, Kutschen, Pferde[17] u. dgl. m., alles +monatlich+,

weil man noch immer, von einem Tage zum andern -- ja bis zu diesem

Augenblick, den Sieg über Santa Anna, und damit das Ende der Revolution

erwartet. Man täuscht sich aber, davon bin ich überzeugt, und man

wird finden, daß die Revolution und die Opposition gegen das jetzige

Gouvernement im Allgemeinen zu weit verbreitet ist, um ihrer Herr zu

werden, und zöge sich der Krieg auch noch in die Länge, so reichen

die oben angedeuteten Mittel und überhaupt die Mittel +der Hauptstadt

allein+ nicht hin, ihn fortzuführen. Von dem nach meiner Ansicht

einzigen Wege, dem Lande den Frieden zu geben, von der Vermittlung

Pedraza’s nemlich, wollen aber das eigensinnige Gouvernement und der

noch eigensinnigere Congreß durchaus nichts wissen, und die Parteien

stehen sich jetzt einander so schroff gegenüber, wie nur je. Das

sogenannte Cabinet ist aber über diesen Punct keinesweges einig, und

mehrere Minister rathen zur Unterhandlung mit Pedraza, der nun nicht

allein in Vera-Cruz, wo er bei seiner Landung eine gemäßigte aber

gediegene Proclamation erließ, sondern seit dem 4. dieses auch in

Puebla angekommen, und uns mithin sehr nahe ist; doch die friedlich

Gesinnten wurden überstimmt, und man will durchaus die Waffen

entscheiden lassen. Wir sind deshalb auch hier in der Stadt fortwährend

unter Kriegs-Gesetz, und noch keine der militairisch-polizeilichen

Maaßregeln ist zurückgenommen, obgleich sie jetzt minder streng

beobachtet werden. Dagegen hat uns der Feind so eingeengt, daß nun

schon seit einiger Zeit auch nicht eine einzige Post aus dem Innern

weder hier ankommt noch dahin abgeht; nur die europäischen Briefe

kommen und gehen durch Extra-Couriere, welche von beiden Parteien

ungehindert durchgelassen werden.

Am 13. Nun haben wir endlich officielle Kunde über die Vorfälle bei

Puebla, und Gottlob erwünschte! +Die Revolution hat ihr Ende erreicht+

-- sie hat nämlich den Sieg davon getragen! Das Gefecht vor den Thoren

von Puebla soll wirklich ein blutiges gewesen seyn, und viel Volk

blieb auf beiden Seiten; Bustamante zog indessen den Kürzeren, war

aber nun so vernünftig, oder, wenn man will, so patriotisch, einen

Kampf nicht fortzusetzen, von dem er wohl einsah, daß er ihn am Ende

doch verlieren müsse. Er beauftragte daher den General Cortasar, zu

unterhandeln, und man kam schnell dahin überein, daß beide Armeecorps

fraternisiren und gemeinschaftlich nach Mexico marschiren sollten, um

dort den General Pedraza, nöthigenfalls selbst gegen den Willen des

Congresses, als legitimen Präsidenten für die noch nicht abgelaufene

Zeit seiner Präsidentur, also bis zum 1. April 1833, einzusetzen;

übrigens aber allgemeine Amnestie zu proclamiren. Die von beiden

Seiten ernannten Commissarien sind hier angekommen, um der Regierung

und dem Congresse davon Mittheilung zu machen, welcher Letztere sich

übrigens jetzt gewiß nicht ohne +Protest+ auflösen wird. Dies hat

aber weiter nichts zu sagen; die Revolution wird darum nicht weniger

beendet seyn, und das ist doch die Hauptsache! Da nun Pedraza, was

selbst seine Feinde nicht ableugnen können, ein rechtlicher und

unparteiischer Mann ist, so werden nunmehr ohne Zweifel auch alle

Geld-Transactionen anerkannt werden, auf welche wir Kaufleute, während

des Krieges, +gezwungen waren+, sowohl mit dem Gouvernement wie mit

Santa Anna, einzugehen, und daß dies von der größten Wichtigkeit ist,

muß jedem einleuchten. Ich sehe nun auch wirklich einer besseren Zeit

in diesem Lande entgegen. Du weißt, daß ich stets der Meinung war, es

könne nur auf diesem Wege glücklich enden, nämlich auf dem Wege des

Dazwischentretens einer dritten Partei, und namentlich der von Pedraza,

unstreitig der einzig gesetzlichen. Denn Bustamante verdankte seine

Gewalt dem Aufstande von Jalapa im Jahre 1828, und Santa Anna dem von

Vera-Cruz, im Anfange dieses Jahrs, während Pedraza allein s. Z. auf

gesetzlichem Wege zum Präsidenten gewählt ward. Ich habe mich also, wie

es sich nunmehr ausweiset, nicht geirrt! Obgleich nun aber, bei diesem

Wechsel der Dinge, der Vortheil für uns Fremden und für den ganzen

Handel und Verkehr augenscheinlich ist, so verblendet der Parteigeist

doch noch gar viele so sehr, daß sie lieber eine Fortsetzung des

Kampfes und aller daraus entspringenden, das Land zu Grunde richtenden,

Verhältnisse, als diesen völligen Sieg des, ihnen verhaßten, Santa

Anna’s gesehen hätten. Ich habe diese Ansicht +nie+ getheilt, und freue

mich des Ausgangs, so wie er ist.

Hier hast Du denn einmal ein bloß politisches Sendschreiben, aber Du

wirst begreifen, daß man in dieser bewegten Zeit für nichts anderes

Sinn noch Gedanken hat.

Mit dem Ende der Revolution naht sich denn auch das Ende meines

Hierseyn’s, und ich darf nun hoffen, Euch bald wieder zu umarmen.

Mexico, den 28. December 1832.

Was ich in meiner letzten politischen Abhandlung vom 9/13 Dieses

voraus zu sagen wagte, ist geschehen. Der Congreß hat die friedliche

Uebereinkunft zwischen Bustamante, Santa Anna und Pedraza verworfen,

und unter starkem Protest sich aufgelöst. Der Interims-Präsident

Musquiz, erklärte sich außer Function, und wir sind seit mehreren Tagen

+ohne Regierung+, jedoch darum in keiner Anarchie. Die Sachen gehen

ihren leidlichen Gang, und nur gestern verspürte man einige Bewegung

in den Gemüthern des Volks, welche sich darin auflöste, daß nun auch

die hiesige, mehrere 1000 Mann starke, Garnison sich zu Gunsten von

Pedraza erklärt, und somit der Sache ein Ende gemacht hat. Es ist

dabei Alles mit solcher Ruhe hergegangen, daß man in der Stadt kaum

etwas davon gewahr wurde. Eine Deputation des Militairs ist nun nach

Puebla gesandt, um die dortigen Generale einzuladen, Besitz von der

Hauptstadt zu nehmen und Alles nach der getroffenen Uebereinkunft zu

ordnen. Klage nun hierüber wer da will, ich für meinen Theil freue

mich, daß der Streit ein Ende hat, und daß wir des verhaßten Zwangs

einer militairischen Polizei enthoben sind; nicht daß es mich gerade

besonders ergötzte, die Glocken wieder läuten zu hören, wiewohl

ich nicht läugne, daß es ein eigentümlich angenehmes Gefühl in mir

erweckte, als, nach so langer Unterbrechung, die gewohnten Töne

zum erstenmale wieder in meinen Ohren erklangen; aber ganz andere

Entbehrungen haben nun ihr Ende erreicht, denen wir bisher unterworfen

waren; alle Preßfreiheit war unterdrückt, aller Postenlauf gehemmt,

die Communication mit dem Lande erschwert, die Theater gesperrt, die

Fremden von einem brutalen Militair-Commandanten bei jeder Gelegenheit

insultirt u. dgl. m. Dies hat nun alles aufgehört, und wir athmen

wieder freier. Auch habe ich es mir bereits zu Nutze gemacht, und

einer Landpartie beigewohnt, nach der in Santa Fé, etwa 2 Meilen von

hier, gelegenen Pulvermühle, welche unter der Leitung des Obristen

B., Bruders unserer gereisten Freundin, steht, und von dem wir sehr

freundlich ausgenommen und bewirthet worden sind.

Santa Fé liegt in einem ziemlich hoch situirten Bergthal, jenseits

Tacubaya, und man genießt von den das Dorf umgebenden Bergen einer sehr

schönen Aussicht in das Thal von Mexico.

Diese Pulvermühle ist ein dem Staat gehöriges Etablissement und sehr

zweckmäßig eingerichtet; das Wasser wird mit sehr vieler Oeconomie zur

Kraft benutzt, durch welche das Räderwerk in Bewegung gesetzt wird,

und das Ganze ist nach einem Maaßstabe angelegt, nach welchem, bei

voller Arbeit, täglich 4400 ℔ Pulver fabricirt werden können. Durch

die Belagerung war die Arbeit unterbrochen, die Mühle selbst aber ist

von Santa Anna respectirt und beschützt worden. Er war klug genug,

einzusehen, daß er, in vielleicht nicht langer Zeit, das Etablissement

selbst beschäftigen werde.

Derselbe Bach, der mit einem Theil seines überaus schönen und

kristalreinen Wassers diese Pulvermühle in Bewegung setzt, versorgt die

Stadt Mexico durch den früher schon erwähnten Aquaduct mit dem nöthigen

Trinkwasser, und ist daher von nicht geringer Bedeutung. Er entspringt

in einem Garten von Santa Fé, den wir besuchten und wo wir die Quelle,

unter einer schönen Gruppe von frisch ausschlagenden Bäumen, umgeben

von einer Masse von üppig prangenden Rosenbüschen, aus der Erde

aufsprudeln sahen, und alles dies am heiligen Christfeste!

Die Sonne scheint so rein am Himmel, daß auch kein Wölkchen am

entferntesten Horizont zu erblicken ist, und verbreitet eine Hitze,

die einem die Schattenseite in den Straßen suchen macht, um aus

~tierra caliente~ nach tierra templada zu gelangen. Schönere Tage als

die jetzigen habe ich wirklich selbst hier noch nicht gesehen, und

doch ist es eine ganz eigene Sache mit dem hiesigen Clima. Der Winter

(und es ist jetzt auch in Mexico Winter) hat seine unfreundlichen und

nach hiesigem Sprachgebrauch, kalten Tage, die es aber nach unsern

nordischen Begriffen so wenig sind, daß man ihnen bei Euch höchstens

nur in den Hundstagen einen solchen Namen beilegen würde, denn sie

haben weder Eis, noch Schnee, noch Reif, ja selbst nicht einmal

Regen im Gefolge. Da indessen der Körper, durch die noch unendlich

mildere, oft sehr heiße Luft der 10 bis 11 übrigen Monate des Jahrs

an eine ganz andre Temperatur gewöhnt und dadurch verwöhnt ist,

so bringt diese herbstliche Kühle eine Empfindung hervor, die man

vergleichungsweise mit Recht Frost nennen kann, und dieses Frieren

und Frösteln verursacht Rheumatismus, Gesichtsschmerzen und allerlei

dergleichen Erfreulichkeiten, tout comme chez nous. Es ist daher auch

sehr zweckmäßig in dieser Jahrszeit hier wollene Strümpfe, Flanell und

überhaupt wollene Bekleidung zu tragen.

Mittlerweile gakeln meine Hennen jeden Morgen lustig beim Eierlegen,

und andere sitzen und brüten. Die hier zu Lande etwas seltenen

Singvögel, von denen ich mir einige angeschafft habe, zwitschern

fröhlich in freier Luft ihr drolliges Lied; besonders der eine, ~cien

voces~ (hundert Stimmen) genannt, der alle nachmacht und mitunter

sogar den volltönigen harmonischen Schlag der Nachtigall hören läßt.

In unserm Gärtchen blühen Rosen, Veilchen und Reseda! bei Euch aber

wirft man sich jetzt wohl mit Schneeballen! So hat denn jeder das

Seine! Ihr friert und wir schwitzen; das ist der ganze Unterschied!

Das Letztere that ich noch gestern zur Genüge auf einem Ritt nach

Guadeloupe, der berühmten Kirche und Capelle auf einem hohen Felsen

unweit von hier, wovon ich Dir schon früher sprach. Es geht damit

aber, wie mit vielen andern Dingen, d. h. es nimmt sich besser in der

Ferne aus, als in der Nähe, denn obwohl das Kloster (eine Stiftung für

geistliche Frauen) sehr reich ist, weshalb denn auch Santa Anna den

frommen Nonnen während seiner Belagerung einen Besuch abgestattet, und

sich in aller Höflichkeit einen kleinen Beitrag zu seinen Kriegskosten

von ihnen erbeten und +erhoben+ hat, so geräth hier doch alles Aeußere,

namentlich die steinerne Treppe, welche nach der höchst gelegenen

Capelle führt, sehr in Verfall, und nur das +steinerne Schiff+ hat bis

jetzt noch dem Zahn der Zeit getrotzt. Mit diesem Schiff hat es aber

folgende Bewandniß:

Ein reicher Kaufmann in Mexico hatte schon lange seinen Sohn von Cadix

zurückerwartet, und fing endlich in der stürmischen Jahrszeit an, zu

befürchten, daß demselben ein Unglück ans der See zugestoßen sei! Der

Vater richtete nun seine Gebete an die hier waltende Heilige nuestra

Señora de Gouadeloupe, und gelobte ihr eine +Fregatte+ zum Geschenk,

wenn ihm der Sohn erhalten und in die Arme zurückgeführt würde. Es

dauerte nicht lange, so kam der verloren geglaubte Sohn in Vera-Cruz

glücklich und wohlbehalten an; der Vater aber hielt Wort, und ließ der

Schutzpatronin, nahe bei der Capelle, auf hohem Felsen, ein Monument

von weißen Steinen hinsetzen, das, vom Thale aus, weit mehr als in der

Nähe, einer Fregatte mit vollen Segeln täuschend ähnlich sieht! Die

Heilige scheint indeß bis jetzt noch nicht Lust gehabt zu haben, sich

damit auf den Ocean zu wagen; das Schiff steht noch immer auf dem alten

Fleck, obwohl der Wind seit 100 Jahren ihm die Segel schwellt!

Zum Schluß habe ich Dir aber noch die traurige Nachricht mitzutheilen,

daß unser alter Freund Sulzer vor einigen Tagen gestorben ist. Er hat

das hohe Alter von 82 Jahren erreicht, und blieb kräftig an Geist und

Körper, bis etwa 14 Tage vor seinem Ende, wo er anfing bettlägerig

und immer schwächer zu werden, bis er zuletzt, ohne Leiden, sanft

entschlief. Er war natürlich der Veteran aller Fremden hier, und

einer der Wenigen, die schon +vor+ Humboldt hier gewesen. Vor 10

Jahren besuchte er Mexico zum zweiten Male, und zwar als Agent der

rheinisch-westindischen Compagnie. Er versah darauf bis zur Ankunft

des ersten preußischen General-Consuls, Geheimen-Raths Koppe, die

Functionen des preußischen Consulats, und zuletzt die der deutschen

Hansestädte. Er hinterläßt den Ruf eines braven Mannes, und sein, von

Einheimischen und Fremden zahlreich begleitetes Leichenbegängniß,

beweist, daß er hier in allgemeiner Achtung stand. Friede sei mit

seiner Asche!

Mexico, den 9. Januar 1833.

Pedraza, der nunmehrige Präsident, und sein College, Santa Anna, der

sich schon längst den Namen des +Befreiers+, ~el liberator~ beigelegt

hatte, haben nicht lange auf sich warten lassen. Gleich nach der

Einladung der hiesigen Garnison, von der ich Dir in meinem Letzten

sprach, brachen sie von Puebla auf, zögerten aber vorsätzlich bis zum

ersten Tage des Jahrs, weil mit dem letzten des vorigen der Congreß

gesetzlich zu Ende ging, und sie auf diese Weise einen neuen zusammen

berufen können, ohne den alten gewaltsam auflösen zu müssen. Da nun der

2. Januar der Jahrestag der Revolution von Vera-Cruz ist, so beschloß

man, den Einmarsch der vereinigten Armee auf diesen Tag zu verlegen,

wo er denn auch unter Glocken-Geläute und Kanonen-Donner, jedoch ohne

besonders großen Volks-Jubel statt fand. Es mogten ungefähr 10,000

Mann von allen Waffen-Gattungen seyn, welche (abwechselnd ein Corps

von Santa Anna, und dann wieder eins von Bustamante) an dem genannten

Tage einmarschirten, und keine andere Abzeichen hatten, als ein

grün-seidenes Bändchen, das die Santanisten, und ein rothes, das die

Bustamantisten an den Mützen und Hüten trugen. Kenntlicher waren die

Truppen von Santa Anna durch ihre mehr südlich-braune Gesichtsfarbe

und minder pünktliche Uniformirung; man sah es besonders der Reiterei

an, daß sie in der Eile formirt war, und aus Landleuten bestand,

welche freilich hier zu Lande alle gut zu Pferde sind, während die

Gouvernements-Cavallerie, die überhaupt für die beste Waffengattung der

Mexicaner gilt, eine schöne militairische Haltung hatte.

Uebrigens hatten alle Truppen gleiche Uniform, gleiche Waffen, gleiche

Fahnen, und verdienten die ihnen nunmehr beigelegte Benennung der

+vereinten mexicanischen Armee+ um so mehr, da mittlerweile auch einige

Corps von Moctezuma dazu gestoßen waren. Am 3. hielten darauf Pedraza

und Santa Anna persönlich ihren feierlichen Einzug. Alle Truppen

waren auf dem großen Platze vor dem National-Pallaste aufgestellt,

eine Abtheilung von jeder Waffengattung marschirte den Helden des

Tags entgegen, und holte sie, begleitet von der Magistratur und den

Honoratioren der Stadt, gleichsam im Triumph ein. Santa Anna (in

reicher Generals-Uniform) und Pedraza (in Civil-Kleidung, schwarz)

fuhren in einem mit Vieren bespannten Wagen vorauf; (Bustamante zog

es vor, diesem Einzuge nicht beizuwohnen, und ging auf andern Wegen

allein nach seiner Wohnung in der Stadt). Das Officier-Corps war zu

Pferde, und so ging der Zug nach der Cathedrale, woselbst die hohe

Geistlichkeit den Präsidenten und den Befreier am Eingange der Kirche

empfing und bewillkommte! Nach gehaltener Messe ging der Zug durch

doppelte und dreifache Truppen-Spaliere, nach dem nahen Pallaste,

und endete so die erste Abtheilung der Tagesfeier! Daß dabei die

ganze Zeit über, an Glockengeläute, Kanonendonner, Gewehrfeuer und

Hurrahrufen kein Mangel gewesen, bedarf wohl keiner Erwähnung. Der

Einzug war übrigens in der That recht glänzend, und die Truppen hatten

eine bessere Haltung, als man nach den vorangegangenen Strapazen und

Märschen hätte erwarten sollen; ihre Musik war mitunter vortrefflich.

Abends war Illumination, Schauspiel u. s. w., aber wenn auch hier und

da ein allegorischer Aufzug durch die Straßen fuhr, und dem Befreier

ein Vivat brachte, so konnte man das Ganze doch nur ein militairisches

und keineswegs ein Volksfest nennen! Die große Masse blieb eben so kalt

bei der Einsetzung der neuen Regierung, wie früher bei dem Abtreten der

alten, und sobald der Einzug vorüber war, ging Jedermann, der nicht

durch eine amtliche Stellung dabei bleiben mußte, seinen Geschäften

wieder nach. Nichts desto weniger läßt es sich nicht läugnen, daß

die Revolution kein glücklicheres Ende hätte nehmen können, als durch

die Dazwischenkunft und nunmehrige Anerkennung des, (wie ich oben

bemerkte) im Grunde doch allein rechtmäßig erwählten, Präsidenten

Gomez Pedraza. Nur auf diesem Wege war es möglich, dem Bürgerkriege

Einhalt zu thun, der auf nichts weniger als Vertilgung der einen

oder andern Partei auszugehen schien. Nun aber, da eine Autorität

aufgetreten und anerkannt ist, welche allen Theilen gerecht zu werden

verspricht, ist allen den Nachtheilen vorgebeugt, die eine gewaltsame

Umwälzung, durch einen vollständigen Sieg einer Partei über die andere,

gewöhnlich im Gefolge hat. Die hier Handel treibenden Fremden werden

sich bei diesem Wechsel der Dinge auch nicht schlecht stehen, und mehr

persönliche Sicherheit genießen, als unter dem nunmehr gestürzten

Gouvernement, welches allen, nicht altspanischen, Europäern abhold

war, und einer großen Intoleranz fröhnte. Dieser Haß gegen die nicht

spanischen Fremden, ward von den vorigen Machthabern, und namentlich,

von dem jetzt aufgelösten, aristokratisch und theokratisch gesinnten

Congreß, besonders in der allerletzten Zeit, zu einer Höhe getrieben,

von der man sich kaum einen Begriff machen kann, und der gewiß

Personen und Eigenthum in Gefahr gesetzt haben würde, wenn diese, sich

selbstgefällig legitim nennende, Partei, den Sieg davon getragen hätte.

Von der jetzigen Regierung läßt sich mit Grund Besseres erwarten; sie

hegt liberalere Ansichten, legt mehr Werth auf ein gutes Einverständniß

mit allen europäischen Nationen, und ist in religiöser Hinsicht

tolerant. Es scheint mir überhaupt, daß dies die erste Revolution

in Mexico war, welche nicht als eine bloß persönliche zwischen zwei

Partei-Chefs anzusehen ist, sondern einen gänzlichen Wechsel von

Principien, zum Grunde und zur Folge gehabt hat. Irre ich hierin nicht,

so steht diesem Lande eine schöne und große Zukunft bevor; man wird

Religionsfreiheit gestatten, und dadurch Einwanderung veranlassen; eine

vermehrte Bevölkerung wird den Werth des Grund-Eigenthums erhöhen, und

namentlich der Ackerbau-Industrie einen Aufschwung geben, wie man ihn

jetzt noch für unmöglich hält.

Der jetzige Präsident, Pedraza, hat in den letzten Jahren einen großen

Theil von Europa (unter andern auch unsere schönen Rheinprovinzen)

bereist, und ist von den Vorzügen europäischer Civilisation

durchdrungen; die vereinigten Staaten bewundert er nicht minder, und

die Wahl seiner Minister zeigt, daß er in einem Geiste zu regieren

gedenkt, der es bedauern läßt, daß die noch übrige Frist seiner

constitutionellen Regierungs-Periode so kurz ist. Es wäre zu wünschen,

daß sie ausnahmsweise durch einen National-Congreß verlängert würde.

Alles hat hier bereits eine freundlichere Gestalt angenommen; das Land

geht gewiß einer besseren Zukunft entgegen, und, als natürliche Folge

davon, dessen Handel mit Europa nicht minder.

Mit der Befreiungs-Armee kam denn auch mancher wieder, der früher die

Hauptstadt aus politischen Gründen verlassen und gemieden hatte, und

so sahen wir denn auch unsern Landsmann H., der, wie Du aus meinen

frühern Briefen weißt, in der Schlacht von Tolome gefangen, nachher

aber wieder entkommen war, als wirklichen Obristlieutenant bei der

Artillerie von Santa Anna angestellt, mit einem Paar schweren goldenen

Epaulets einherziehen! Ein für Mexico weit wichtigerer Mann, der

verbannt gewesen und jetzt zurückgekehrt ist, ist aber Don Lorenzo

de Zavala, früher Finanz-Minister und Civil-Gouverneur vom Staat von

Mexico, welche letztere Stelle er denn auch sofort in Toluca wieder

eingenommen hat. Stets ein gescheuter und gewandter Mann, hat er

während seiner Verbannung Europa und die vereinigten Staaten mit Nutzen

bereist, und soll nun, von liberalen Ideen durchdrungen, entschlossen

seyn, Alles aufzubieten, seinem Vaterlande die Segnungen der Toleranz

und Civilisation zu Theil werden zu lassen. Er hat in Europa ein Buch

über die neuesten Revolutionen dieses Landes geschrieben, welches

sehr freisinnig abgefaßt ist; wir erhielten es von Nordamerika aus,

kurz vor dem Umsturze der vorigen Regierung, und es erregte damals

ungemeines Aufsehen. Sollte Zavala, wie man glaubt, ins Ministerium

kommen, so wird er, davon bin ich überzeugt, große Veränderungen im

liberalen Geiste hervorbringen, und besonders der Geistlichkeit die

Flügel beschneiden, was ihm gar nicht einmal so schwer fallen wird wie

manche glauben, denn so weit meine Beobachtungen reichen, herrscht

in der gebildeteren Classe, die denn doch am Ende hier wie überall

das Schicksal einer Nation leitet und lenkt, durchaus kein solcher

religiöser Fanatismus, wie von manchen behauptet wird, und selbst

unter den Geistlichen zeigen sich mitunter liberale und zeitgemäße

Ideen, die sie zu äußern keinen Anstand nehmen. Hätte +Canning+ zur

Zeit der Unabhängigkeits-Anerkennung des spanischen Südamerika’s auf

Religionsfreiheit bestanden, er würde sie erlangt, und diesen Ländern

eine unberechenbare Wohlthat erzeigt haben! Aber es galt damals weniger

den Grundsätzen der Freiheit und der Menschenrechte zu huldigen, als

der Politik in Europa zu imponiren, und deshalb ward die Sache so

übereilt, daß in dem Tractate mit Mexico nicht einmal das, bei den

englischen Gesandschaften fast überall erlangte Privilegium einer

+eignen Capelle+, vorbehalten ward, was doch als erster Schritt in der

Religionsfreiheit, einen mächtigen Einfluß hätte ausüben müssen.

Indessen haben Preßfreiheit und der Umgang mit Ausländern bereits

vieles bewirkt. Der in Europa, als der erste mexicanische Gesandte in

England, bekannt gewordene Roccafuerte, hat in einer geistreichen,

hier gedruckten Schrift förmlich auf Einführung von Religionsfreiheit

angetragen; und wenn er auch damit nicht durchgedrungen ist, so hat er

doch die Sache zur öffentlichen Discussion gebracht, und Ideen geweckt,

die gute Früchte tragen werden.

Mexico in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833 · 第 12 / 19 段