Die Anpflanzungen nehmen einen großen Flächenraum ein, denn sie

enthalten oft 1000 Maguay’s oder Aloe’s, welche wegen ihrer, sich nach

allen Seiten ausbreitenden, mitunter acht Fuß langen und mehrere Zoll

dicken Blätter, 4 Varas auseinander gepflanzt werden müssen, wobei

denn, wie Du denken kannst, der Umstand, daß sie keiner Bewässerung

bedürfen, ein sehr glücklicher ist. Bekanntlich wächst die Aloe sehr

langsam und schießt erst nach vielen Jahren in die Blüthe; was aber

minder bekannt seyn dürfte, ist die große Verschiedenheit dieses

Reifwerdens; es wechselt zwischen acht bis sechszehn ja selbst bis

zu achtzehn Jahren, doch kann man als Durchschnitt zehn Jahre dafür

annehmen, dergestalt, daß, wenn einmal eine solche Anpflanzung im

Zuge ist, alljährlich der zehnte Theil Pulque abwirft. Dieser wird nun

folgendermaßen gewonnen. In dem, von den Indianern genau beobachteten

und eben so genau gekannten Moment des Schießens des, aus der Mitte

der Pflanze, riesenmäßig in die Höhe strebenden Stammes, aus dem die

Blüthe sich bildet, wird das sogenannte Herz der Aloe (~el corazon~)

herausgeschnitten, und es zeigt sich nun ein solcher Andrang von

Saft, daß während zwei bis drei Monaten +täglich+ beinah drei Maaß

Honig-Wasser, (~Aguamiel~) wie es die Indianer nennen, gewonnen wird.

Man saugt es durch ein Horn, einem graden Kuhhorn nicht unähnlich, aus

der Pflanze heraus, und läßt einen Theil davon, in dazu bestimmten

Gefäßen, in Gährung übergehen. Von diesem so gegohrenen Stoff,

~madre pulque~ (Mutter-Pulque) genannt, wird dem, sich fortwährend

andrängenden Honig-Wasser eine Kleinigkeit beigefügt, wodurch es sofort

in trinkbaren, an Farbe dünner Milch oder Molken ähnlichen, Pulque

verwandelt wird. So lange das Getränk frisch ist, mithin da, wo es

bereitet wird, soll es wohlschmeckend und erfrischend seyn, was um so

größeren Werth hat, als die Gegenden der großen Maguay-Pflanzungen

gewöhnlich Mangel an gutem Wasser haben. Wenn nun aber der Pulque nach

den Städten u. s. w. versandt wird, was in Schläuchen von Thierfellen

auf Esel oder Maulthieren geschieht, so verliert er natürlich seine

Frische, und nimmt nun den höchst unangenehmen Geruch von faulen

Eiern an, weshalb ich mich auch nie dazu entschließen konnte, das

Getränk selbst nur zu versuchen, so sehr die Eingebornen und mitunter

sogar Ausländer, die guten Eigenschaften desselben auch rühmen! Jener

Geruch hält auch die Masse des Volks nicht ab, den Pulque als ihr

Favorit-Getränk zu behandeln, und ihm in den zahllosen Pulquerien in

den Städten und auf dem Lande eben so zuzusprechen, wie man es bei

uns dem Bier und Branntewein thut. Da Pulque weniger berauschend als

Branntewein und minder schwer als Bier ist, so halte ich es für gesund,

und nur schädlich, wenn im Extrem genossen, was aber freilich oft genug

geschieht.

Die Fasern der, wie schon gesagt, sehr starken Blätter der

Maguay-Pflanze sind unserm Hanf nicht unähnlich, und werden zu

Bindfäden und Stricken verarbeitet, wovon natürlich ein großer

Verbrauch im Lande existirt; Du siehst also, daß die Aloe hier eine

wichtige und nützliche Rolle spielt! und auch den Pflanzer lohnt

sie, denn da, wie aus dem oben Gesagten hervorgeht, eine einzige

Maguay-Pflanze oft 200 Maaß Pulque abwirft und, bei einer Pflanzung von

1000 Stück, im Durchschnitt jährlich 100 in Ausbeute sind, die sich

stets bis zum zehnten Jahre wieder erneuern, so hat der Eigentümer

einer solchen Anlage, wenn einmal im Zuge, eine permanente Einnahme von

5 bis 10,000 Pesos! Es ist überhaupt in Mexico, nach meiner Meinung,

mehr in Ackerbau-Unternehmungen, als in den so gepriesenen Bergwerken

zu gewinnen. Zu beiden gehört aber freilich Capital und Ausdauer!

Daß übrigens ein Land, welches, wie Mexico, alle Climate und

den verschiedenartigsten Boden besitzt, auch alle Naturproducte

hervorbringen +kann+, versteht sich von selbst, und wenn bisher

manche Gegenstände, die in den wärmeren Zonen besonders gut gedeihen,

wie z. B. Oliven und Wein, hier fast gänzlich fehlten, so hat das

allein darin seinen Grund, daß die Colonial-Tyrannei der Spanier den

Mexicanern den Anbau dieser und anderer edlen Erzeugnisse untersagten,

um das Monopol des Mutterlandes nicht zu beeinträchtigen. Gegenwärtig

werden hier schon viele Oliven gezogen, und man schmeichelt sich mit

der Hoffnung, in Zukunft den ganzen Bedarf an Oel im Lande selbst zu

gewinnen. Ueberhaupt wird europäische Cultur aller Art sich auch über

dieses Land in raschem Gange immer mehr verbreiten. Mitunter äußert

sich ihr Einfluß auf eine gar drollige Weise, von unten heraus, und man

kann sich in der That des Lachens nicht erwehren über die Eitelkeit

der Mädchen, die in den Straßen von Mexico, mit ihren langen, nackten,

braunen Beinen und bloßen Füßen in weißen seidenen Schuhen umherlaufen,

in Ballschuhen, die aus Frankreich zum Verkauf hierher gesandt werden!

Doch in anderer Beziehung, und in der Regel, übt die Sitte der Fremden

einen zweckmäßigeren Einfluß. Wie sehr das in Betreff der Sicherheit

und Bequemlichkeit auf Reisen der Fall ist, habe ich Dir schon in

früheren Briefen erzählt. Auch in Bezug auf die Lebensweise, auf den

Tisch insbesondre, ist das unverkennbar. Unter den vielen Fremden

selbst ist es schon nicht ungewöhnlich mehr, die Speisen ganz auf

europäische Weise zurichten zu lassen, wodurch das Gedeihen mancher,

von ihnen dahin verpflanzten, Anlagen gar sehr erleichtert wird. So

z. B. haben ein Amerikaner und ein Engländer in der Nähe der Hauptstadt

Meierhöfe angelegt, welche ganz vortreffliche Butter zum Verkauf dahin

senden, während die einheimische Butter durchaus schlecht von Geschmack

ist. Auch sind bereits zwei von Engländern angelegte Bierbrauereien in

der Stadt selbst im Gange, welche sehr gutes Bier, sowohl in der Art

von Porter, wie in der von Ale, liefern. Mit dem Weinbau, dessen ich

oben gedachte, und der ohne Zweifel in manchen Gegenden der Republik

sehr wohl gedeihen könnte, hat man, meines Wissens bis jetzt nur einen

einzigen Versuch gemacht, und zwar weit von hier, in Californien

unterm 35. Breitengrade. Ein Rheinländer, Namens Carl v. Geroldt, hat

sich dort mit einer Eingeborenen verheiratet, und in dem als ganz

vortrefflich gerühmten Clima, mit dem besten Erfolg, eine Weinpflanzung

angelegt. Ich habe von dem dort erzeugten und hierhergesandten Wein

selbst gekostet, und ihn sehr gut gefunden. Es ist eine wohlschmeckende

Sorte Rothwein, dem Catalloner ähnlich, aber zu stark, um unvermischt

getrunken zu werden. Leider ist aber Herr v. Geroldt vor Kurzem

gestorben, und dieser interessante Versuch wird also, fürchte ich,

wieder in’s Stocken gerathen, bis ihn ein anderer unserer Landsleute

aufnimmt und fortsetzt. Das möchte jedoch sobald wohl nicht geschehen;

wenn das Clima in Californien auch noch so schön ist, in ein so weit

entlegenes Land zu ziehen, um Wein zu bauen, das ist nicht jedermanns

Sache, am wenigsten die unserer +deutschen+ Weinbauern.

Doch für heute genug davon. Lebe wohl!

Mexico, den 12. October 1832.

Die Kriegsereignisse nähern sich uns nun auf einmal mit solchen

Riesenschritten und in so ernster Gestalt, daß ich schier befürchte,

Dir von nichts anderm mehr schreiben zu können, und ich würde es mithin

vielleicht gar nicht thun, sondern lieber warten, bis alles vorüber

ist, wenn ich nicht wüßte, daß die hiesigen Vorfälle im Allgemeinen

durch die Zeitungen doch bekannt werden, und es also zu Deiner

Beruhigung gereichen muß, die wahre Lage der Dinge von mir selbst zu

erfahren. Diese glaube ich Dir nun nicht besser schildern, und Dir

kein treueres Bild von dem, was hier vorgeht, geben zu können, als

durch die Abschrift der Bulletins, die ich an mehrere Freunde in Europa

einzusenden mich veranlaßt finde.

Hier folgt sie:

Am 8. October. Nachdem Santa Anna sich der Rückkehr von Pedraza

vergewissert und seine Vorbereitungen getroffen hatte, ging er endlich

von der Defensive, die er bisher beobachtet hatte, zum Angriff über,

und, nachdem er Facio in einem Gefechte, wobei einer der besten

Artillerie-Generale der Regierung das Leben verlor, theils geschlagen,

theils durch kühne, für unmöglich gehaltene Märsche über die Gebirge

überflügelt hatte, stand er mit einem Male ganz unerwartet vor Puebla.

Er forderte den dort commandirenden General Andrade auf, die Stadt

zu übergeben, was jedoch dieser tapfere Soldat nicht nur abschlug,

sondern sich im Gegentheil, mit seiner, etwa 700 Mann starken Garnison,

Santa Anna entgegen warf, um ihm den Eingang zu verwehren. Andrade

ward jedoch gänzlich geworfen, sein Corps zersprengt, und er selbst

verwundet.

Santa Anna zog hierauf in Puebla mit nicht weniger als 3500 Mann ein,

über welche Zahl sich jedermann wundert. Außer der Plünderung des

Hauses, worin der Gouverneur Andrade gewohnt hatte, fand jedoch kein

Unfug Statt. Santa Anna hat die städtische Ordnung sofort hergestellt,

und sich dabei mit so vieler Mäßigung, ja bei einigen Gelegenheiten mit

so viel Edelmuth, benommen, daß er selbst diejenigen seiner Gegner, die

in ihm so gerne nur den Räuber-Hauptmann sehen, zum Schweigen gebracht

hat.

Jetzt gilt es, zu wissen, was zunächst geschehen wird. Die Kammern

sind gestern zusammen gewesen, und haben beschlossen, den Congreß zu

suspendiren, und dem Präsidenten, zur Beendigung der Revolution, die

+Dictatur+ zu übertragen; man zweifelt jedoch, daß Musquiz es annehmen

werde. Mittlerweile hat er zwei Unterhändler (persönliche Freunde

von Santa Anna, aber von gemäßigten Ansichten) nach Puebla gesandt,

um zu versuchen, ob nicht eine Uebereinkunft auf friedlichem Wege zu

Stande zu bringen sei; wenige Tage müssen es entscheiden. Hätte Santa

Anna in Puebla gar nicht Halt gemacht, wäre er mit einem Male hierher

marschirt, so hätte er Mexico ohne Schwerdtstreich genommen; so groß

war die Bestürzung über seine Annäherung, und so wenig war man darauf

vorbereitet; jetzt aber sammelt man Truppen zwischen hier und Puebla,

um, falls die Negotiation scheitern sollte, noch einen Widerstand zu

leisten. Die Stadt Mexico selbst soll jedoch nicht verteidigt werden,

weil man dies für eben so unmöglich als unnütz hält. Das ~Ayuntamiento~

(die Municipalität oder der Stadtrath) betrachtet die Sache gleichfalls

so, und hat heute gegen die Verteidigung der Stadt, +in der Stadt

selbst+, feierlichen Protest bei der Regierung eingelegt.

Am 11. Es ist bis heute nichts Wesentliches vorgefallen, wenigstens

nichts bekannt geworden. Mittlerweile hat sich alles bestätigt, was man

von der Besitznahme von Puebla gesagt hat. Es sind dort durchaus keine

Unordnungen von Bedeutung vorgefallen; dem verwundeten General Andrade

hat man freien Abzug verstattet, und er ist hier angekommen, um sich

von seinen Wunden heilen zu lassen. Santa Anna ist in Puebla durch das

Eintreten mehrerer Insurgenten-Chefs um einige Tausend Mann verstärkt

worden, daraufhin aufs Neue aufgebrochen, und bereits in San Martin,

auf dem Wege nach Mexico, eingetroffen. Die Truppen der Regierung

stehen dagegen, 3000 Mann stark, bei Ayotla, 8 Leguas von hier, und

sind mit viel Artillerie versehen, woran es den Insurgenten mangeln

soll. Gestern Abend kamen nun die von hier nach Puebla gesandten

Commissarien zurück, begleitet von vier, von Santa Anna hierher

Deputaten, und man ist nun schon den ganzen Tag über in Unterhandlung

gewesen, ohne zu einem Resultat gekommen zu seyn. Ich gebe jetzt die

Hoffnung einer friedlichen Ausgleichung, auf diesem Wege, auf, und

glaube, daß Santa Anna nur als Krieger hier einrücken wird! Trotz dem

bin ich aber der Meinung, daß die in der Stadt getroffenen Maaßregeln

uns vor Excessen und Unordnungen in derselben schützen werden, Gott

gebe, daß ich mich nicht irre; bis jetzt ist hier noch alles ruhig

geblieben, indessen haben doch einige der Hauptgegner Santa Anna’s

die Stadt verlassen, wie z. B. der ehemalige Minister Alaman, mit

welchem freilich eine Versöhnung nicht zu erwarten steht, denn in

ihm repräsentirt sich die ganze Gegenpartei. Es ist Schade, denn

Alaman ist ein sehr unterrichteter, sehr geschickter Mann, und ein

angenehmer Gesellschafter und, nebenbei gesagt, seine Frau ist noch

liebenswürdiger als er. Er ist übrigens auch ein sehr reicher Mann, und

wird sich somit schon aus der Affaire zu ziehen wissen.

Und nun genug für heute! Ich bin es müde, von der +Politik+ zu reden,

und kann es nicht genug beklagen, daß ich überhaupt +darüber+, von hier

aus, etwas zu sagen habe. Wäre das Land in diesem Jahre eben so ruhig

gewesen, wie in dem vorigen, so war der Zweck meiner Reise schnell

erreicht und ich längst wieder zu Hause, bei Euch, wo allein -- doch

ich will nicht klagen und verzagen, ich habe nun einmal eine sehr

bewegte und unruhige Zeit hier vorgefunden, und es ist meine Pflicht,

das Ende derselben abzuwarten! Ein Ende erreicht ja aber in dieser Welt

Alles! nur nicht meine Liebe zu Dir und den Kindern! Lebe wohl.

Mexico, den 5. November 1832.

Seit meinem, am 11. October geschlossenen, Bericht über den Gang der

Revolution, haben sich die Ereignisse wieder ganz anders gestaltet,

als man damals erwartete, und, statt zu einer raschen Entscheidung zu

kommen, entbehren wir diese, nach mexicanischer Langsamkeit, selbst

heute noch! Die Unterhandlung mit Santa Anna ward, da man sich über

die Basis nicht einigen konnte, abgebrochen. Die Nachgiebigkeit,

welche das Gouvernement jetzt zeigte, und die vor einigen Monaten der

Revolution ein Ende gemacht haben dürfte, genügte Santa Anna nun nicht

mehr, und er bestand aus Punkten, die zwar von den Unterhändlern

und einigen der Minister angenommen, aber von dem Präsidenten und

der Mehrheit des Congresses, welche sich dieser Negotiation halber

wieder versammelt hat, verworfen wurden. Man setzte nunmehro die

militairischen Operationen von beiden Seiten fort, aber mit einem

Mangel an Energie, von dem man sich in Europa nur schwer einen Begriff

machen kann. General Santa Anna, der, wie ich neulich schon bemerkte,

wenn er von Puebla aus seinen Marsch auf hier rasch fortgesetzt

hätte, damals ohne Widerstand in die Hauptstadt eingezogen wäre,

machte unerwarteter Weise Halt, und rückte so langsam vor, daß das

Gouvernement Zeit gewann, Truppen an sich zu ziehen, und nun wohl 5000

Mann von allen Waffengattungen beisammen haben mochte. Da indessen

Santa Anna seine Macht in noch höherem Grade verstärkte, so daß man

sie auf 8 bis 10,000 Mann schätzte, so änderte das Gouvernement

mit einem Male seinen Vertheidigungsplan, zog alle Truppen +in die

Stadt selbst+, durchschnitt die dahin führenden Wege, und erklärte

am 17. October die Föderativstadt +in Belagerungs-Zustand+! --

Santa Anna säumte denn auch nicht, diese Erklärung wahr zu machen,

rückte immer näher, und hatte Mexico sehr bald von allen Seiten

umzingelt. Die üblichen Maaßregeln einer Belagerung blieben nicht

aus. Alles Geläute der Glocken, welches in gewöhnlichen Zeiten, bei

der Mehrzahl von Kirchen dieser Stadt, von 4 Uhr Morgens bis spät in

die Nacht, einem in den Ohren dröhnt, mußte, trotz allem Protestiren

der Geistlichkeit, auf Befehl der Militair-Behörden, nun gänzlich

verstummen (eine bedeutende Erleichterung für die Nerven); Theater

und Stiergefechte wurden geschlossen; alles Reiten in den Straßen

untersagt; Pferde in Requisition gesetzt (ich habe das meinige an

die Behörde abgeliefert); gezwungene Anleihen (~prestamos forzosos~)

decretirt, zu welchen auch wir Fremden, trotz dem Proteste unserer

respectiven Diplomaten, beitragen mußten, und endlich ein Maximum der

Preise für die notwendigsten Lebensmittel anbefohlen! Auch die Magazine

und Läden sind geschlossen, die Furchtsamen haben sogar die Häuser

barricadirt; Handwerker und Arbeitsleute haben nichts zu thun, und es

ist alle Tage Sonntag! übrigens aber bis jetzt noch alles so ruhig in

der Stadt, daß, hörte man nicht von Zeit zu Zeit einige Kanonen- und

Flintenschüsse vor den Thoren, und sähe man nicht von den Dächern der

Häuser die Truppenbewegungen der Belagerer, man wahrlich nicht ahnden

könnte, es sei Krieg im Lande, geschweige denn, der Feind stehe so

nahe vor den Thoren, daß, wenn mitunter einmal ein kleines Gefecht

vorfällt, was selten genug geschieht, man es mit bloßen Augen von den

Azoteeen sehen und beobachten kann. Wie lange dieser Zustand der Dinge

noch dauern wird, weiß der Himmel, denn man scheint von beiden Seiten

nicht angreifen zu wollen, wobei sich indessen Santa Anna, bei freier

Communication mit der Küste, und umgeben von allen Resourcen einer

fruchtbaren Landschaft, augenscheinlich weit besser steht, als wir, in

einer Stadt von 170,000 Einwohnern, denen er Lebensmittel und Wasser

abschneiden +kann+ und wahrscheinlich bald +wird+. Fürchtet sich nun

das Gouvernement ferner, wie bisher, einen starken Ausfall zu machen,

um den Feind auf diese Weise zurückzutreiben, so kann sich die Stadt

unmöglich lange halten, denn schon fangen mehrere Artikel der ersten

Nothwendigkeit an zu mangeln, wie z. B. Mais, Kohlen[16] u. dgl. m. Die

große Masse der Bevölkerung, die von ihrer Hände Arbeit, und von einem

Tage zum andern lebt, ist ohne Beschäftigung, und mithin dem Mangel

preisgegeben, während aller Handel und Wandel paralisirt ist; der

Verkehr stockt, es kommen und gehen keine Posten, und wir sind heute,

am Abend, völlig auf dem Stadtbezirk eingeschlossen.

So weit hatte ich am 22. October geschrieben, als wir am nächsten

Morgen durch Kanonen-Donner aufgeweckt wurden. Wahrscheinlich hatte

man sich doch endlich geschämt, bei einer Garnison von 5000 Mann und

nicht weniger als 30 Generalen! alten und jungen, die wir das Glück

haben, in der Stadt zu besitzen, nicht einmal einen Ausfall zu wagen;

man marschirte daher mit 2 bis 3000 Mann in die Ebenen von Tacubaya,

2 Leguas von hier, und versuchte dort, unter dem Schutze der Kanonen

von Chapultepec, Santa Anna aus seiner Position herauszulocken, was

jedoch nicht gelang. Er begnügte sich damit, die Gouvernements-Truppen

von seinen Batterien aus zu beschießen, ihnen mehrere Officiere und

Soldaten zu tödten und zu verwunden, und sie am Abend, unverrichteter

Sache wieder abziehen zu lassen. Wir konnten das ganze Manöver von

den Dächern mit ansehen, und wunderten uns, mit unsern europäischen

Begriffen von Kriegs-Operationen, nicht wenig darüber, daß die,

wirklich gut, und weit besser als Santa Anna’s Reiterei, berittene

Cavallerie des Gouvernements keinen Angriff auf das ganz offene

Tacubaya, das Hauptquartier des Feindes, zu machen wagte. Es blieb

aber, wie gesagt, bei einer bloßen Demonstration, die zu keinem

Resultat führte, die man aber dennoch nicht verfehlen wird, auf ächt

mexicanische Weise mit dem pompösen Namen des “Treffens bei Tacubaya”

zu belegen. Jetzt schmeichelt man sich denn mit einer Entsetzung durch

Bustamante, von dem man Nachricht haben will, daß er in Eilmärschen

vom Norden zurückkehre, um die Hauptstadt zu befreien. Ganz grundlos

scheint dies Gerücht nicht zu seyn, denn es setzt auch Santa Anna in

Bewegung, der nunmehr auf alle Weise trachtet, sich in den Besitz von

Mexico zu setzen! Eine der Wasserleitungen ist bereits abgeschnitten,

und die Zugänge zur Stadt sind so eng besetzt, daß das Maximum-Gesetz

für die Lebensmittel aufgehoben werden mußte, um, durch den Reiz hoher

Preise, deren überhaupt zu erhalten; die meisten sind denn auch schon

auf das Dreifache, Mais und Kohlen aber auf das Sechsfache gestiegen.

Auch hat Santa Anna die Stadt vor einigen Tagen aufgefordert, sich

binnen 24 Stunden zu übergeben, damit hat er sich aber blamirt, denn

so leicht wird man es ihm nicht machen, besonders jetzt, wo man, wie

gesagt, auf Bustamante wie auf den Messias hofft, und fest glaubt, daß

dieser den gefürchteten Santa Anna vernichten werde. Hieran scheiterte

denn auch ein abermaliger Versuch, den Frieden zu unterhandeln, den

einige Gutgesinnte in diesen Tagen eingeleitet hatten. Kein Theil will

nachgaben. Mittlerweile gefallen sich die jetzigen Militair-Machthaber

dieser Stadt darin, die +Fremden+, welchen bekanntlich die

Gouvernements-Partei überhaupt abhold ist, auf alle Weise zu chicaniren

und bei jeder Gelegenheit mit Grobheit und Arroganz zu behandeln! Wir

Fremden können daher bei einem Wechsel der Dinge nur gewinnen, und ich

gestehe gerne, daß ich ihn, so wie die Sachen jetzt stehen, je eher

je lieber herbeiwünsche; aber das geht nun einmal nicht so rasch in

diesem Lande. Es ist z. B. heute wieder Alles stille und beim Alten!

Das herrlichste Wetter von Morgens bis Abends, die größte Stille in den

Geschäften von Morgens bis Abends und die langweiligste Politik, denn

es fällt auch gar nichts vor! Santa Anna ist +vor+ den Thoren, und wir

+dahinter+! Er ist übrigens höflich genug, auf Ansuchen der englischen

und französischen Geschäftsträger, die Couriere der europäischen

Paketboote, kommend und gehend, durch seine Linie passiren zu lassen,

so daß wir doch von Euch hören, und, wie Du siehst, Euch auch schreiben

können.

Ich benutze dazu jede sich darbietende Gelegenheit, und wünsche nur,

Dir bald Angenehmeres berichten zu können. Adieu.

~P. S.~ vom 8. November 1832.

Der Abgang des Couriers ist bis heute verschoben worden, weil man

Bewegungen bei den Truppen des Feindes bemerkte, deren Ausgang man

zuvor abwarten wollte, um ihn nach Europa berichten zu können. Dieser

Ausgang liegt denn nun vor, und ist ganz erfreulicher Art; -- +die

Belagerung ist aufgehoben+! Santa Anna ist mit seiner ganzen Armee

aufgebrochen, um dem, von Norden heranrückenden, General Bustamante

entgegen zu marschiren; schlägt er ihn nun, so kommt er natürlich

zurück, und nichts kann ihn dann hindern, Mexico zu nehmen und aus

diese Weise die Revolution zu +beendigen+! Gebe denn der Himmel, daß

es bald geschehe. Mittlerweile athmen wir hier wieder freier, und die

Aufhebung der Belagerung ist, selbst als temporaires Ereigniß, ein

erwünschtes, denn die Noth in den niedern Classen war bereits sehr

hoch gestiegen. Jetzt sind alle Lebensbedürfnisse schon wieder auf die

alten Preise gesunken, die Wasserleitung ist wieder im Gange und die

Springbrunnen in der Alameda sprudeln ihre Wasser so kräftig in die

Höhe, als ob sie nie unterbrochen worden wären. Wir selbst aber können

nun wieder aufs Land, und wollen auch nächstens dahin, um das über alle

Maaßen köstliche Wetter (bei Euch wohl um diese Zeit ein ganz anderes)

zu genießen. Lebe wohl.

Mexico, den 9. December 1832.

Ich habe Dir seit dem 8. November nicht geschrieben, und thue es

deshalb erst heute wieder, weil früher keine Aussicht vorhanden war,

etwas Entscheidendes über unsere Lage zu berichten; ob dies jetzt

der Fall seyn wird, muß sich binnen wenig Tagen zeigen; ich setze

mich mittlerweile hin, Dir in wenigen Worten zu sagen, was bis heute

vorgefallen ist. Du lernst auf diese Weise denn auch die hiesige Art

Krieg zu führen kennen.

Mexico in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833 · 第 11 / 19 段