[15] Von den kleinen Götzenbildern, (nemlich aus Stein verfertigte

kleine Köpfe und Figuren, welche die Asteken wahrscheinlich in ihren

Hütten und Wohnungen zur Verehrung aufstellten) werden in Mexico noch

immer sehr viele ausgegraben, und von den nach der Stadt kommenden

Indianern zum Verkauf ausgeboten. Einer unserer Landsleute, Herr Carl

Uhde, ein sehr interessanter und wohlunterrichteter Mann, hat eine so

große, mit Obsidian-Gegenständen aller Art vervollständigte Sammlung

mexicanischer Antiquitäten, daß sich ihr wohl nicht leicht eine

andere an die Seite stellen dürfte. Er wird bei seiner nahen Rückkehr

in’s Vaterland irgend ein Museum damit bereichern, und, da er seine

Nachforschungen wissenschaftlich betrieben hat, solche historische

Nachweise über den Gegenstand geben können, wie wir deren noch keine

besitzen.

Herr Uhde versichert mich übrigens, daß bei den +jetzigen+ Einkäufen

die größte Vorsicht vonnöthen sei, um nicht betrogen zu werden, und

neue, jetzt verfertigte Gegenstände statt der wirklichen antiquen

zu erhalten. Die Indianer beschäftigen sich nemlich damit, seitdem

sie bemerkt haben, daß man solche Dinge sucht und aufkauft, sie

nachzumachen und zu vergraben, dann aber aus der Erde wieder hervor zu

holen, und sie als eben aufgefundene Alterthümer auszubieten.

Bei dieser Nachahmung mögen die jetzigen Mexicaner, bei den bessern

und vollkommnern Werkzeugen der Gegenwart leichtes Spiel im Vergleich

zu ihren Vorfahren, den Asteken, haben. Sodann kommt ihnen dabei das,

der ganzen Nation innewohnende, Nachbildungs-Talent zu statten; die

Mexicaner besitzen dies in hohem Grade, und haben unter anderm auch

eine große Geschicklichkeit in der Anfertigung von Wachsfiguren, und

Gruppirungen, worin sie alle Classen und Beschäftigungen des Volkes

malerisch und höchst correct ~en miniature~ darzustellen verstehen.

Einiges

aus

der neueren Geschichte von Mexico

bei Gelegenheit des Festes der Unabhängigkeit

am 16ᵗᵉⁿ September 1832.

Bekanntlich wurde Mexico erst im Anfange des 16. Jahrhunderts von

den Spaniern entdeckt und erobert. Der Grad der Civilisation, worin

Hernandez Cortez das Land gefunden, wird sehr verschiedentlich

dargestellt, meistens aber überschätzt, denn selbst Clavigero, der,

obwohl in Mexico geboren, dahin gelangt war, eine hohe geistliche

Stelle in Rom zu bekleiden, und dort eine Geschichte seines Landes

schrieb, konnte, trotz allen Bemühungen, etwas zu Gunsten der

Ureinwohner von Mexico zu sagen, kein Bild von ihnen entwerfen, das

sie höher gestellt hätte als halbcivilisirte Horden, die in einigen

Dingen zu einem gewissen Grade von Kunstfertigkeit gelangt waren. Was

aber spätere Schriftsteller uns darüber berichtet haben, ist eine

durchaus unzuverlässige Kunde; denn, da die Ureinwohner selbst keine

Schriftsprache hatten, so beruht Alles, was man von ihnen weiß, auf

den Ueberlieferungen der ersten Eroberer, die begreiflicherweise ihren

eigenen Ruhm zu erhöhen suchten, indem sie die von ihnen überwundenen

Nationen in ihren Darstellungen auf eine Stufe der Bildung und Macht

erhoben, welche sie in der Wirklichkeit bei weitem nicht erreicht

hatten. Es ist daher auch gewiß von eben so wenig practischem Werth für

die heutige Welt, der Geschichte Mexico’s vor der Eroberung durch die

Spanier nachzuforschen, als es seyn würde, die der vereinigten Staaten

von Nordamerika höher hinauf zu führen, als bis zur Colonisirung durch

die Engländer und Franzosen.

Nachdem nun aber die Spanier in den Jahren 1500 bis 1525, unter dem

berühmten Hernandez Cortez, Mexico erobert, und die vorgefundenen

Einwohner, (welche man jetzt mit dem allgemeinen Namen Indianer

bezeichnet, die aber damals aus mehreren Nationen, wie z. B. Asteken,

Otemiten, Chinchimiken u. s. w. bestanden) mit der Geringschätzung

und Grausamkeit behandelt hatten, welche in dem Geist jener Zeit und

jenes Volkes lagen, begingen sie den großen politischen Fehler, selbst

die Abkömmlinge ihrer eignen Landsleute, wenn sie in dem von ihnen

eroberten und unterjochten Lande geboren waren, als nicht ebenbürtig zu

betrachten, und sie, gleich den Indianern, von allen Aemtern und Würden

der Regierung auszuschließen, für deren Besetzung sie immer wieder neue

Einwanderung von Spanien veranlaßten, ohne zu bedenken, daß sie gerade

dadurch die Masse der eingebornen Abkömmlinge der Europäer (die man

Creolen nannte und nennt) vermehrten.

Jahrhunderte lang gelang es Spanien, dieses verderbliche, die

Menschenwürde der transatlantischen Bevölkerung verletzende

Colonial-System in Mexico aufrecht zu erhalten; aber die Aufklärung

über die unvertilgbaren Rechte des Menschen und Bürgers schritt, trotz

Priesterherrschaft und Censurzwang, wenn auch langsam, doch stets

vorwärts, und die Unzufriedenheit über die Ausschließung von der

Teilnahme an einer Administration, die über ihr eigenes Wohl und Wehe

zu entscheiden hatte, stieg bei den Creolen mit jedem Jahre. Als nun

aber gar in den Jahren 1809 und 1810, während das Mutterland von den

Franzosen besetzt, und der König in Gefangenschaft gerathen war, die

in Cadiz niedergesetzte Central-Junta die pecuniäre Mithülfe Mexico’s

in Anspruch nahm, und dennoch das verhaßte Ausschließungs-System

aufrecht erhalten und die Eingebornen als den Europäern untergeordnete

Colonisten behandeln wollte; da brach der Damm durch, und der Retter

erschien! Am 16. September 1810 erklärte nämlich ein Prediger, Namens

+Hidalgo+, in dem kleinen Orte Dolores: “daß der +mexicanischen Nation+

(so nannten sich nun zum ersten Male alle +Eingeborne+ ohne Unterschied

des Ursprungs) nichts anderes übrig bleibe, als: die +Fremden+ (~los

estrangeros~, mit welchem Namen man von nun an die Alt-Spanier

bezeichnete), welche ihr die Theilnahme an den heiligsten Urrechten des

Menschen und des Bürgers so hartnäckig verweigerten, mit Gewalt und mit

den Waffen in der Hand zu vertreiben!

Es bedurfte nur eines solchen Ausspruchs, an irgend einem Punkte, um

das überall unter der Asche glimmende Feuer zur hochauflodernden Flamme

anzufachen! Ganz Mexico stand gegen die Spanier auf! Da diese aber

sehr zahlreich waren, alle Mittel des Angriffs und der Vertheidigung

ausschließlich in ihren Händen hatten, durch dreihundertjährigen

Besitz der Verwaltung des ganzen Landes überall einen großen Einfluß

ausübten und eine gut disciplinirte Armee befehligten, so läßt es

sich begreifen, daß der Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit für die

Mexicaner kein leichter ward! In der That kostete er sie Jahre von

Anstrengung, Kampf und Entbehrung aller Art, und Ströme von Blut mußten

fließen, ehe es gelang die Spanier ganz aus Amerika zu vertreiben.

Doch dem festen Willen von 7 Millionen Menschen kann keine irdische

Macht widerstehen. Die Mexicaner siegten, und traten aus dem Kampfe

als eine freie unabhängige Nation hervor! Am 6. November 1813 ward, zu

Chilpantzingo, von dem Congreß von Anahuac, wie er sich damals nannte,

die Unabhängigkeits-Acte unterzeichnet; es dauerte jedoch noch sieben

Jahre, bis die Spanier ganz aus dem Lande vertrieben waren, und Mexico

sich als völlig befreit betrachten konnte.

Es fehlt in diesem großen Ereignisse nicht an Beispielen der

aufopferndsten Hingebung und des erhabensten Edelmuths, nicht an

Charakterzügen, welche sich den schönsten, die uns die Geschichte

aufbewahrt hat, an die Seite stellen können, und welche der

Wiedergeburt Mexico’s in späteren Zeiten einen Glanz verleihen werden,

den ihr die, noch immer nicht ganz niedergekämpften Leidenschaften

jetzt noch versagen! Was kann z. B. erhabener seyn, was von mehr

Seelengröße und patriotischer Hingebung zeugen, als das Benehmen

eines +Bravo+ oder die Geschichte eines +Vittoria+? Beide waren

Insurgenten-Chefs, wie man sie in der Revolution nannte, oder Generale,

wie sie jetzt richtiger heißen. Bravo, ein Mann von guter Familie,

dessen Vater und Brüder gleichfalls bewaffnete Corps befehligten, war

in seinen Unternehmungen gegen die Spanier sehr glücklich, und hatte

ihnen gerade 300 Gefangene abgenommen, als er erfuhr, daß sein Vater,

an einem andern Punkte, den Feinden in die Hände gefallen sei, und

von diesen als ein sogenannter Rebell hingerichtet werden sollte. Er

sandte schleunigst einen Boten an den spanischen General, und ließ ihm

die 300 Gefangenen als Lösegeld für seinen Vater bieten, doch mit der

Drohung, daß im Weigerungsfall +diese+ dasselbe Schicksal zu erwarten

hätten, welches man seinem Vater bereite. Statt aller Antwort ließ der

+Spanier+ Bravo’s Vater, in Gegenwart des Boten, +erschießen+! Als der

Sohn dies erfuhr, schloß er sich mehrere Stunden lang ein, um seinem

Schmerze durch Thränen Luft zu machen. Nach diesem Tribut kindlicher

Liebe aber befahl er: man solle die gefangenen 300 Spanier sofort

+in Freiheit setzen+, damit er der Versuchung, eine blutige Rache zu

nehmen, nicht länger ausgesetzt bleibe!! -- Der andere Held jener Zeit,

+Vittoria+, war einer der ersten, welche beim Ausbruch der Revolution

die Waffen gegen die Spanier ergriffen, und sie hatten keinen bitterern

Feind, als ihn; er führte im Staat von Vera-Cruz, seiner eigentümlichen

Heimath, einen Guerilla-Krieg gegen sie, der ihnen nirgends Ruhe ließ

und überall den größten Schaden zufügte. Als nun, während einiger

Zeit, die Spanier in dieser Gegend wieder die Oberhand gewannen, ward

Vittoria von aller Amnestie ausgeschlossen, und mit solcher Erbitterung

verfolgt, daß er nirgends mehr sicher war, und sich zuletzt in die

Urwälder des Orizaba-Gebirges flüchten mußte; wo man denn alle Spur

von ihm verlor, und wo er zwei Jahre lang herumirrte, ohne mit einem

menschlichen Wesen in Berührung zu kommen!! Er lebte von den Früchten

des Waldes, und war, nach seiner eigenen Aussage, oft so entkräftet,

daß er nicht hoffen durfte, sein Leben länger fristen zu können. Eines

Tages insbesondere glaubte er seinem Ende nahe zu seyn, und legte

sich hin, um zu sterben; da ereignete sichs, daß einer jener Vögel

(~Zapalote~), welche sich vom Aas nähren, auf seine Brust flog und nach

dem Munde hackte; ein Schauder ergriff ihn, er sammelte die letzten

Kräfte, schnappte nach dem Vogel, riß ihm den Kopf mit den Zähnen ab,

und sog ihm das Blut aus, wodurch er sich, wunderbar genug, hinlänglich

gestärkt fühlte, seine Wanderungen aufs Neue zu beginnen.

Selbst die Indianer, welche Vittoria, der mütterlicher Seits von

indianischer Herkunft ist, wie ihren Schutzpatron verehrten, und ihn

häufig, mit Gefahr ihres Lebens und Eigenthums, beherbergten (denn die

Spanier vertilgten jeden Flecken, wo sie die Spuren ihres Todfeindes

fanden), selbst diese, sage ich, hatten jetzt alle Kunde von ihm

verloren! Als nun aber, durch den Sieg +Iturbide’s+ über die Reste

der spanischen Macht, Mexico wieder freier athmete, erinnerten sich

einige Indianer, die bei Vittoria treu bis zuletzt ausgehalten, daß

er ihnen beim Abschiede an der Gränze des Urwaldes gesagt habe: sie

mögten ihn dort aufsuchen, wenn wieder einmal eine Zeit käme, wo seine

Dienste dem Vaterlande nutzen könnten! Lebe er dann noch, so wollte

er ihnen wieder zur Seite stehen und mit ihnen gegen den gemeinsamen

Feind fechten; wäre er aber gestorben und sie fänden seinen Leichnam,

so mögten sie diesen zur Erde bestatten. Bei solchen Erinnerungen,

war es kein Wunder, daß nunmehr die ganze Bevölkerung jener Gegend

aufbrach, um den geliebten Kriegsgefährten und Führer aufzusuchen;

doch alles schien vergebens, keine Spur war zu finden, und schon

wollte man die Hoffnung aufgeben, als einer der Eingebornen einen

Fußstapfen entdeckte, den er sogleich für den des Generals erkannte.

Er kam auf den glücklichen Gedanken, an diese Stelle etwas Brod und

andere Lebensmittel an einen Baum zu hängen, “denn,” dachte oder

sagte er, “kömmt Vittoria noch einmal hieher und findet diese Zeichen

des Friedens, so weiß er, daß ihn seine Freunde suchen, und er wird

wiederkehren zu seinen Landsleuten!” Als nun dieser wackere Bursche

nach zwei Tagen wieder dahin kam, und die Lebensmittel nicht mehr fand,

glaubte er seiner Sache gewiß zu seyn. Vittoria mußte dagewesen seyn

und die stumme Sprache der Freunde verstanden haben, er mußte also auch

wiederkehren. Der Indianer verließ nun die Stelle nicht mehr, sondern

harrte auf den Ersehnten, und siehe da, -- es dauerte keinen Tag, so

erschien er wirklich; aber, großer Gott! in welcher Gestalt! Einem

Menschen nicht mehr ähnlich, und so abschreckend in seinem Aeußern, daß

der gute Indianer, aus Furcht vor dieser, ihm unbekannten, gräßlichen

Erscheinung, floh, und nur mit Mühe von Vittoria eingeholt, und durch

dessen Stimme und Zureden von der Wirklichkeit, daß +er+ es sei,

überzeugt werden konnte! Er ward nun im Triumph zurückgeführt zu den

Seinen, und ein Jubel verbreitete sich über ganz Mexico, als es hieß:

der todt geglaubte Vittoria sei noch am Leben und wiedergefunden!

-- +Iturbide+, damals am Ruder, wollte ihn an seinen +Hof+ ziehen,

aber er hatte sich in ihm geirrt. Der alte Freiheits-Märtyrer wollte

nicht bloß ein Joch mit dem andern vertauscht haben, er wollte nicht

allein selbst kein Fürstendiener seyn, sondern auch sein Vaterland

frei sehen. Er arbeitete daher mit an dem Falle des ephemeren Kaisers,

und als dieser gestürzt, und die Republik proclamirt war, da wählte

die Nation +Vittoria+, mehr aus Dankbarkeit und zum Lohn für seine

Leiden, als um seiner Fähigkeiten willen (deren er denn auch wirklich

keine ausgezeichnete besitzt), zum +Präsidenten der Republik+; +Bravo+

aber zum +Vice-Präsidenten+. Beide sind später in das Privatleben

zurückgekehrt, wohin sie die Achtung ihrer Mitbürger begleitete.

Noch ein erhabener Charakterzug aus der Revolution darf um so weniger

unerwähnt bleiben, als er dem schönen Geschlecht zur Ehre und zum

Ruhme gereicht. Eine Dame, Rayon, hatte drei Söhne, welche sämmtlich

bei den Rebellen als Generale dienten und mit großer Tapferkeit

gegen die Spanier fochten, besonders der jetzt noch lebende, den ich

persönlich kenne. Die Mutter und einer der Söhne geriethen in spanische

Gefangenschaft, wo man jener den Vorschlag machte, an die beiden andern

Söhne zu schreiben und sie zur Uebergabe einer festen Stellung, die sie

gerade hartnäckig verteidigten, zu vermögen; dann und +nur dann+ solle

das Leben des gefangenen Sohnes geschont werden! Die würdige Matrone

antwortete mit der Seelengröße einer Spartanerin, “+sie wolle das Leben

eines ihrer Kinder nicht mit der Schande der beiden andern erkaufen+,”

und sah nun den unglücklichen Sohn mit unnennbarem Schmerz, aber mit

heldenmüthiger Fassung, vor ihren Augen hinrichten!

Mexico, den 30. September 1832.

Der Sturm, von dem ich neulich sagte, daß er der politischen Stille

folgen würde, ist nicht ausgeblieben. Bustamante hat bei +Gallinero+,

in der Nähe von Dolores, den General Moctezuma auf’s Haupt geschlagen,

wobei nicht weniger als 2000 Mann das Leben verloren haben sollen!

Man hat also “das köstliche mexikanische Blut” (~la sangre preciosa

mejicana~) diesmal nicht geschont! Bustamante rückt nun mit Eilmärschen

auf St. Luis los und will sich insbesondere des Hafens von Tampico

zu bemächtigen suchen. Dieser Sieg hat, wie Du denken kannst, hier

große Sensation gemacht. Die Gegner der Regierung ließen es nun an

Gerüchten zum Nachtheil derselben nicht fehlen, und machten sogar

Versuche, den Pöbel aufzuwiegeln, was ihnen jedoch glücklicherweise

nicht gelang. Unterdessen hatte sich die Volksaufregung schon bis in

die Gefängnisse verbreitet, und da in dem größten derselben, Accordada

genannt, unter den vielen Hundert dort Verhafteten sich eine große

Anzahl +politischer+ Verbrecher befand, so war es sehr begreiflich, daß

diese einen gewaltsamen Versuch machten, sich zu befreien. Sie wurden

jedoch, nachdem sie bereits die inneren Wachen überwältigt hatten,

durch die, aus allen Theilen der Stadt herbeieilenden Truppen, mit

einem Verlust von 20 Todten und 50 Verwundeten, zurückgedrängt. Hätten

die Gefangenen die Oberhand behalten, so wären große Unordnungen,

vielleicht Plünderung eines Theils der Stadt, die unausbleibliche

Folge gewesen; so aber kamen die guten Bürger Mexico’s diesmal mit dem

Schreck davon, welchen ihnen der General-Marsch und das Schießen in den

Straßen verursacht hatte.

Dieser, obgleich unangenehme, Vorfall würde doch wahrscheinlich

schneller als es der Fall war in Vergessenheit gerathen seyn, wenn

nicht ein Engländer, Namens Short, der unglücklicherweise in der

Accordada gefangen saß, aber durchaus keinen Antheil an dem Aufstande

genommen hatte, an einer, zufällig bei dem Eindringen des Militairs in

den inneren Theil des Gefängnisses empfangenen, Wunde gestorben wäre.

Dies war um so mehr zu beklagen, als Herr Short, zwei Tage später,

seiner Haft von Gerichts wegen entlassen werden sollte, und, auf die

Verwendung des englischen ~Chargé d’affaires~ hin, das Gefängniß

schon früher hätte verlassen können, wenn er nicht geglaubt hätte,

seinem Rechte etwas dadurch zu vergeben. Er saß nämlich wegen eines

Civil-Processes ganz eigenthümlicher Art, den sein ihn verläugnender

Schwiegervater, einer der reichsten Minen-Besitzer von Sonora, gegen

ihn führte, indem er behauptete: Short habe sich seiner Tochter

widerrechtlicher Weise bemächtigt, und sich ungesetzlich mit ihr

verheirathet! -- Ungeachtet nun die Tochter das Gegentheil aussagte und

ihrem Mann, der um ihrentwillen zur katholischen Kirche übergegangen

war, zu folgen sich bereit erklärte, und überhaupt viel Zuneigung für

ihn zu haben schien; so konnte doch der Vater seinen einmal gefaßten

Haß und Widerwillen gegen diese Verbindung nicht unterdrücken, und

benutzte den Einfluß seines ungeheuren Reichthums dazu, Short verhaften

zu lassen und den Proceß gegen ihn Jahre lang hinzuziehen, wiewohl er

wußte, daß er ihn am Ende verlieren mußte. Herr Short hatte nun auch

wirklich seine Sache gewonnen, wollte aber, wie schon gesagt, um seine

Rechte auf Schaden-Ersatz nicht zu schwächen, das Gefängniß nicht eher

verlassen, bis ihm dessen Thore durch die Gerichte geöffnet wurden.

Diese an sich lobenswerthe Beharrlichkeit hat der arme Mann leider

mit dem Leben büßen müssen. -- Er ward allgemein bedauert und in der

Kirche St. Francisco beigesetzt, und seine, von dem brittischen Consul

veranstaltete ~honras~ (kirchliche Todtenfeier) ward von Fremden und

Einheimischen, zahlreich und mit allen gebührenden Ehren, begangen.

-- Schwiegervater und Frau fehlten aber bei dieser Feier, letztere

wohl nur durch die Gewalt des Vaters gezwungen, der selbst durch diese

traurige Katastrophe nicht versöhnt ward, aber, seltsam genug, wenige

Tage nachher plötzlich auch gestorben ist und mithin den Triumph seiner

Verfolgung nicht lange genossen hat! -- Er war übrigens Besitzer der

reichsten Minen von ganz Mexico gewesen, die er immer nur, von Zeit

zu Zeit, ein paar Wochen lang bearbeiten ließ, um eine Summe von

etwa hunderttausend Pesos herausschlagen zu lassen, und dann wieder

verschloß, bis zum nächsten Bedürfniß!

Schade, daß unsere Landsleute nicht auf ein solches Bergwerk gestoßen

sind! Diese finden sich aber auch nur in dem Staate von Sonora, und

nicht in dem Theile der Republik worin wir arbeiten und wo es leider

nur arme Erze giebt.

Gestern erlebten wir auch einmal die selbst hier selten gewordene

Feier der Einkleidung einer Nonne, -- wie ich höre reicher Eltern

Kind, -- aber so systematisch für ihren jetzigen Beruf erzogen, daß

es ihr wohl nicht schwer geworden seyn wird eine Welt zu verlassen,

die sie eigentlich nie gekannt, in der sie nie gelebt hatte. Wir armen

Layen bekamen indessen von dem Feste weiter nichts zu sehen, als die

Illumination des Klosters nach der Straße hin, und das Aufsteigen eines

Luftballons von der Alameda aus. -- Dieser war ziemlich groß, durch

mexicanische Arbeiter sehr kunstgerecht aus Papier verfertigt und mit

der, durch untergelegtes Feuer bereiteten warmen Luft gefüllt; er stieg

ungemein hoch und ließ, in der schönen, sternhellen Nacht, auf eine

ungeheure Entfernung hin sein Licht zu uns hernieder leuchten.

Da ich lange nicht im Theater gewesen, so beschloß ich den Tag damit

zu enden, daß ich dem Schauspiel “~El ministro~” beiwohnte. Das Stück

spielt die bekannte Geschichte von Struensee und Brandt am dänischen

Hofe und ward sehr gut gegeben. Die Declamation der Actrice, welche die

Königin Mutter spielte (eine Castilianerin) war ganz vortrefflich, und

ich habe, seit den Zeiten der berühmten Mrs. Siddons, keinen höheren

Genuß +der+ Art gehabt. Es fehlte mir dabei nichts, als daß ich ihn in

Deiner Gesellschaft hätte haben können! Doch das wird ja auch wieder

einmal der Fall werden. -- Adieu.

Mexico, den 4. October 1832.

Wir haben in diesen Tagen, und heute noch, einen solchen Stillstand in

den kriegerischen Vorfällen gehabt, daß wir wie im tiefsten Frieden

leben, und das Land wieder besuchen können. Dies that ich denn auch

wieder einmal, seit ich Dir zuletzt schrieb, bei dem schönsten

Wetter, das Du Dir denken kannst, aber diesmal nicht zu Pferde. Wenn

man nicht reiten will, und keine eigne Equipage hat, so bedient man

sich der Miethkutschen, die hier wie in den großen Städten Europa’s,

in mehreren Theilen der Stadt, stets mit 2 Pferden oder Maulthieren

bespannt, fertig stehen, von dem Kutscher aber nicht vom Bock, deren

diese Fahrzeuge, als die Aussicht hemmend, keine haben, sondern vom

Sattel, jockeyartig gefahren werden. Diese Wagen sind noch ganz in

dem Geschmack der Zeiten Ludwigs des XIV. gebaut! große schwere, auf

breiten, ledernen Riemen befestigte, viersitzige Kasten mit großen

Glasfenstern an den Seiten und nach vorne, in denen man übrigens

doch nicht unbequem fährt. Die Privat-Equipagen, an denen es hier

nicht mangelt, sind genau von derselben Form, nur begreiflichermaßen

im Innern reicher verziert, und äußerlich schön lackirt, gemalt

und vergoldet. Seit so viele Ausländer hier wohnen, sind aber auch

mehrere moderne und elegante Equipagen von England und vornemlich von

Nord-Amerika hierhergekommen, die sich jetzt auf dem Paseo auszeichnen,

und Nachahmung hervorrufen werden, dergestalt, daß voraus zu sehen ist,

daß, besonders da die Unternehmer der nordamerikanischen Diligencen

eine Wagenfabrik hier angelegt haben, die Wagenformen einer Revolution

unterliegen werden, und man bald die verschiedenartigsten Barouchen,

Landaus u. s. w. hier sehen wird, wie bei uns! Bis jetzt bleibt

es aber bei der beschriebenen altfränkischen Form, wenigstens der

Miethkutschen, und in einer solchen fuhren wir nach einer Gegend, wo

viel Maguay (Aloe) für die Pulque-Gewinnung gezogen wird. Ich habe,

wie ich glaube, von diesen Pflanzungen schon früher etwas gegen Dich

erwähnt, nicht aber, wie dies so beliebte National-Getränk, welches wir

in Europa gar nicht kennen, bereitet wird. Es geschieht dies auf so

eigenthümliche Art, daß ich Dir doch wenigstens etwas darüber sagen muß.

Mexico in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833 · 第 10 / 19 段