Weise in Anspruch genommen! Man hielt mich nämlich für den preußischen
Consul, und brachte daher einen Indianer zu mir, der eine schriftliche
Autorisation von allen Fremden in Vera-Cruz bei sich führte, den
Mörder eines unserer Landsleute auszuforschen und zur Haft zu
bringen, wofür ihm eine angemessene Belohnung versprochen war. Dieser
Mann behauptete nun den Delinquenten hier in Jalapa ausgefunden
zu haben und bat, ich möchte dessen Verhaftung bewirken! Dies fand
denn auch keine Schwierigkeit, Camacho und alle übrige Authoritäten
bezeigten im Gegentheil die größte Bereitwilligkeit, den Thäter zur
Verantwortung zu ziehen, und auf meine Anerkennung der schriftlichen
Beweisstücke, welche der Indianer vorzeigte, ward die Gefangennehmung
des bezeichneten Individuums sofort verfügt; leider aber wurde dasselbe
nur +vorläufig auf die Wache+ gebracht, um den nächsten Morgen verhört
zu werden. In der Nacht entfloh der Mann, und bestärkte dadurch den
Verdacht, daß er wirklich der gesuchte Mörder gewesen; es ist daher
wohl Schade, daß er seinen verdienten Lohn nicht davon getragen hat.
Mit dieser Mordthat verhält es sich aber folgendermaaßen. Ein Herr
W., einer unserer geachteten Landsleute in Vera-Cruz, dessen Associé
gerade auf Reisen in Nordamerika war, hatte allen übrigen Hausgenossen
Erlaubniß gegeben, in den Pfingstfeiertagen aufs Land zu gehen und
war dergestalt ganz allein zu Hause, wo er grade eine starke Casse
hatte. Seinem Domestiken blieb dies natürlich nicht verborgen, und
dieser, von der Begierde nach Geld gereizt, war niederträchtig genug,
mit einem andern die Verabredung zum Diebstahl zu treffen. Herr W. kam
unglücklicher Weise dazu, ehe die That vollendet war, und ward nun,
wahrscheinlich aus Furcht vor Entdeckung, von dem entfliehenden Dieb
ermordet! Ein politischer oder fanatischer Grund war dabei durchaus
nicht vorhanden. So schrecklich dieser Vorfall auch ist, so läßt sich
doch nicht läugnen, daß wir Aehnliches auch bei uns erlebt haben, und
schon die allgemeine Entrüstung über diese That liefert den Beweis, daß
es auch hier zu Lande eine seltene ist.
Der Staat von Vera-Cruz zeichnet sich namentlich dadurch aus, daß
äußerst selten Mordthaten und größere Räubereien in demselben begangen
werden; man erinnert sich z. B. nicht, daß so etwas auf dem Wege von
hier nach Vera-Cruz vorgefallen wäre, was man von dem zwischen hier und
der Hauptstadt, den ich morgen wieder antreten soll, leider nicht sagen
kann. Ich hoffe indessen, ihn auch diesmal ohne Unfall zurückzulegen
und Dir bald wieder von Mexico aus schreiben zu können. Lebe wohl.
Mexico, den 13. August 1832.
Ich bin nun seit ein paar Wochen wieder hier, und habe die Reise von
Jalapa hierher ohne Unfall gemacht, kann Dir von derselben aber auch
nichts weiter berichten, als etwa, daß wir uns in Perote, bei dem
warmen Wetter, an köstlicher gefrorner Sane labten, die hier in den
Straßen zum Verkauf ausgeboten wird, und deshalb so allgemein ist,
weil täglich durch die Indianer viel Eis angebracht wird, welches
sie von der Schneekuppe des nahen Orizabas auf ihrem Rücken nach der
Stadt schleppen. Ich muß bei dieser Gelegenheit doch auch einmal des
ganz eigenthümlichen Ganges der Indianer, oder eingebornen Mexicaner,
Erwähnung thun; sie +gehen+ nämlich nicht, wie bei uns die Landleute,
sondern +laufen+ stets in einem kleinen Trabe, der sie ungemein schnell
vorwärts bringt; der +Mann+ zieht alsdann, halb nackt und barfuß wie
sie alle sind, mit einem langen Stab oder Sprungstock voran, nun folgt
das +Weib+, mit einem Paar, auf dem Rücken und nach vorne aufgepackten,
eben so nackten Kindern, und endlich die schon herangewachsene liebe
Jugend, so daß stets eine ganze Familie beisammen ist. Sie tragen dann
in Körben auf dem Rücken, was sie zum Verkauf nach der Stadt bringen,
betrinken sich dort für einen Theil des gelöseten Geldes, und kehren
dann, so gut es in diesem Zustande gehen will, gegen Abend wieder nach
Hause zurück. Dies Schauspiel sehen wir denn hier in der Hauptstadt
täglich, da der Markt durch die Indianer von allen Seiten her reichlich
versorgt wird, wobei ich aber zur Steuer der Wahrheit hinzufügen muß,
daß die Landleute nicht grade alle betrunken wieder abziehen! Immerhin
bleiben aber doch diese Indianer eine ganz eigene Race von Menschen,
die sich nur schwer und langsam, wenn überhaupt je, zu dem Grade von
Cultur und Erkenntniß, auf welchem z. B. unsere Landbewohner stehen,
werden erheben lassen, und selbst der dreihundertjährigen, spanischen
Zwing-Priester-Herrschaft ist es nicht gelungen, den Götzendienst unter
ihnen ganz zu vertilgen, ja, man mußte ihnen, wie es scheint, einen
Theil ihrer heidnischen Gebräuche lassen, um sie nur in der Hauptsache
zu der katholischen Kirche heran zu ziehen. Ich sah davon gestern ein
merkwürdiges Beispiel in St. Angel, einem kleinen Städtchen unweit
hier, wo ein großes Kirchenfest gefeiert ward, dem ich mit einigen
Freunden beiwohnte. Die Procession war die größte, die ich hier im
Lande gesehen habe, aber zwischen jedem Heiligen, der, umgeben von
katholischen Geistlichen, getragen ward, (und es waren deren, von
der heiligen +Mutter Gottes+ an, bis zum ungläubigen +Thomas+ herab,
in der That nicht wenige) kam stets eine Gruppe Indianer, die, mit
pferdeartigen Götzenbildern auf dem Kopf, einen heidnischen Tanz, mit
fast unglaublicher Muskelkraft in den Beinen, aufführten, und, mit nach
der Erde gerichtetem Murmeln und dem Durchschneiden der Luft mit langen
Messern, dem Vizlipuzli die alten Opfer und Beschwörungen darbrachten.
Die Procession hielt jedesmal stille, bis diese heidnischen Priester
mit ihren Ceremonien fertig waren, und doch stand der ganze Zug
+unter der Leitung römisch-katholischer Geistlichen und ging von
einem christlichen Tempel aus und kehrte dahin zurück+!! Wahrlich,
ich konnte kaum meinen Augen trauen, und weit weniger wunderte mich
der mir verbürgte Umstand, daß die Indianer noch immer, alljährliche,
nächtliche Zusammenkünfte haben, wo sie, in seltsamer Vermummung,
an Orten, die noch kein Europäer ausgeforscht hat, ihren alten
Götzen opfern sollen; dort thun sie es aber unter sich, allein und
verstohlen, und nicht, wie hier, unter der Aufsicht und Anleitung einer
christlichen Geistlichkeit.
Das Fest in St. Angel ward übrigens mit großem Pomp gefeiert, und
zeichnete sich besonders durch die Menge und Pracht seiner überaus
künstlichen +Feuerwerke+ aus, die bei der großen Hitze einer tropischen
August-Sonne +am hohen Mittag+ abgebrannt wurden, sich aber, was
Dir fast unglaublich erscheinen wird, dennoch sehr gut ausnahmen.
Ich hatte es auch nicht für möglich gehalten, daß die Wirkung eines
Feuerwerks im Sonnenschein, eine schöne seyn könnte, dennoch habe ich
es so gefunden! Sie verstehen sich aber auch hier ganz vortrefflich
auf Feuerwerke, und die Indianer bereiten sie mit Kunst und Präcision.
Uebung macht eben überall den Meister, und, da kein Kirchenfest ohne
Feuerwerk und Raketen gefeiert wird, und, bei der großen Anzahl von
Kirchen und Capellen (es sind deren in der Hauptstadt allein über
300) fast kein Tag vergeht, wo nicht so ein Fest zu feiern wäre, so
ist es kein Wunder, daß die Indianer darin eingeübt sind. Es scheint
mir, daß die Spanier den Mexicanern die Furcht vor dem, ihnen früher
so verderblichen, Schießpulver dadurch zu benehmen gesucht haben,
daß sie dessen Gebrauch bei ihren religiösen Festen einführten, und
so die Indianer damit vertraut machten. Man will behaupten, daß in
Mexico weit mehr Pulver bei den Kirchenfesten verbraucht wird, als in
allen Militair-Uebungen und Gefechten zusammengenommen. Ein solches
Kirchenfest kündigt sich schon des Morgens um 4 Uhr mit dem Abbrennen
von Raketen und Feuerwerken in den Straßen an, und dauert bis am Abend,
wo es mit Feuerwerken und Illuminationen endet, während im Innern
der Kirchen, beim Scheine zahlloser Wachskerzen, Messe gelesen wird.
Die Tempel sind alsdann von Menschen aller Classen gefüllt, und daß
es dabei auch an Taschendieben nicht fehlt, kann ich Dir leider aus
Erfahrung versichern. Ich habe das Glück gehabt, daß mir weder in
London noch in Paris, je etwas aus den Taschen entwendet worden ist,
aber +hier+ habe ich bereits eine Menge seidner Tücher eingebüßt, die
mir theils in den Kirchen, theils auf der Promenade mit unglaublicher
Geschicklichkeit von diesen gelehrigen Abkömmlingen Montezumas aus
der Tasche practisirt worden sind! Sogar ein Opernglas haben sie mir
neulich bei den Augustinern aus der Rocktasche geholt; ich sah es,
als ich mich umdrehte, im Halbdunkel des Kirchengangs, von einem
zum andern fliegen, damit der mir zunächst stehende Lépero, den ich
gleichsam auf der That ergriff, mit destomehr Effronterie behaupten
konnte, er habe es nicht gethan, und man solle ihn nur immerhin
visitiren, man werde nichts finden! Allerdings wäre dies denn auch
eine überflüssige Mühe gewesen; mein Opernglas war fort, und ich sah
es nie wieder. Glücklicher in dieser Hinsicht war vor einigen Tagen
ein Freund von mir, der, als er von der Promenade zurück kam, seinen
Voltaire, in welchem er gelesen, in die Tasche gesteckt, aber kaum
die erste Straße der Stadt zurück gelegt hatte, als er gewahrte, daß
ihm das Buch gestohlen war; sein Weg führte ihn an der Boutique eines
ihm befreundeten Buchhändlers vorbei, bei dem er einsprach und ihm
sein Leid klagte. Es dauerte aber nicht lange, so kam einer der mehr
erwähnten, kupferfarbigen Naturmenschen und bot ein Buch zum Verkauf
an. Mein Freund erkannte sofort seine Henriade, und erstand sie mit
Freuden um den billigen Preis von 2 Reales. Er zog dies dem Festhalten
und polizeilichen Verfahren gegen den Indianer vor, und hatte recht,
denn er würde außer dem Zeitverluste wahrscheinlich ein Bedeutendes
mehr als 2 Reales für Gerichtskosten haben zahlen müssen, ja vielleicht
gar in Strafe verfallen seyn, daß er den Unschuldigen angehalten habe,
denn wahrscheinlich war es der eigentliche Dieb nicht, der das Buch zum
Verkauf anbot.
* * * * *
Da ich oben doch von Festen geredet habe, so will ich auch noch eines
anderen gedenken, welches wir in diesen Tagen begangen haben. Zwar
still und unter uns, weder mit geistlichem noch weltlichem Pomp,
aber um desto angenehmer und vergnügter; ich meine nämlich das Fest
unseres guten Königs, am 3. August! Wir luden dazu einen kleinen Kreis
von deutschen Landsleuten (versteht sich den preußischen Consul oben
an), und ließen den in allen Welttheilen verehrten, gerechten und
gütigen Monarchen hoch leben, unter dessen weiser Regierung sich 12
Millionen Deutscher, in dieser bewegten Zeit, einer fast beispiellosen,
glücklichen Ruhe, Zufriedenheit und +bürgerlichen Freiheit+ erfreuen.
* * * * *
Welch ein Gegensatz zu dem Zustande der Dinge in diesem gelobten
Lande, wo sich Religions- und Bürgerkrieg täglich mehr verbreitet! Das
braucht Dich jedoch, in Bezug aus mich, weiter nicht zu beunruhigen,
denn so etwas läuft hier alles weit ruhiger ab, als bei uns, indem der
Charakter des Volks im Allgemeinen ein milder und phlegmatischer ist.
Die wichtigsten Ereignisse gehen ganz ruhig an uns vorüber, und die
~Paseos~, ~torros~ (Stiergefechte) und Theater werden, nach wie vor,
besucht! Auf die Geschäfte aber hat es einen gar üblen Einfluß und ich
hätte es, in +der+ Beziehung, mit meiner Reise nicht leicht schlechter
treffen können.
In meinem Nächsten will ich Dir wieder einmal die, leider zur
Tagesordnung gehörige, Politik recapituliren; für heute muß ich
schließen. Ich umarme Dich.
Mexico, den 30. August 1832.
Ich versprach Dir in meinem Letzten einen Bericht über die jetzige
politische Lage dieses Landes, und will Dir heute um so mehr Wort
halten, als in der letzten Zeit doch gar manches vorgefallen ist,
was uns einer Entscheidung näher bringen muß, und was in den magern
Correspondenz-Artikeln, welche die deutschen Zeitungen über Mexico
enthalten, doch nur sehr unvollständig seyn dürfte.
Ehe ich aber zur Politik übergehe, muß ich Dir ein paar Worte über
einen Gegenstand sagen, der Dich hoffentlich noch mehr interessirt,
nämlich über mein Befinden; und da freut es mich denn, Dir wiederholt
die Versicherung geben zu können, daß es fortwährend ein gutes und
erwünschtes ist. Mein Fuß ist so viel besser, daß ich beinahe die
Erinnerung an den Unfall verloren habe, und, statt der +heißen+ Bäder,
jetzt nur noch die +warmen+ gebrauche, deren man hier in der Stadt, in
zweckmäßigen und reinlichen Anstalten, sehr gute hat. Bei dem letzten
heißen Bade, welches ich in Peñon nahm, hatte ich übrigens keinen
kleinen Schreck, durch den folgenden Vorfall mit unserm guten, 81
jährigen Freund S. -- Dieser, noch immer kräftige und lebendige, Greis
bestand darauf, mich in’s Bad zu begleiten, und fand sich in demselben,
trotz der 42° Reaumur Hitze, so behaglich, daß er eine Cigarre dabei
anzündete und noch in dem Bade sitzen blieb, als ich schon heraus, und
auf der hölzernen Ruhe-Bank halb eingeschlummert war. Nach einiger Zeit
hörte ich aber ein seltsames Geräusch, ein Sprudeln in dem Wasser
mit dem Munde u. s. w.; erschrocken sprang ich auf, und -- denke Dir
mein Entsetzen -- sah den alten Mann, den Kopf unter dem Wasser und
nur noch mit der Oberfläche des Rückens sich nach oben drängend. Er
mußte im Bade eingeschlafen und umgefallen seyn. Zum Glück war mein
Bedienter im Nebenzimmer, mit dessen Hülfe es denn gelang, den alten
Herrn aus dem Wasser zu ziehen, auf die Bank zu legen, und ihn in’s
Leben zurückzurufen; er schien aber sehr schwach und konnte nicht
sprechen; ich ließ ihn nun reiben und auf alle Weise erwärmen, warf
mich selbst aber in die Kleider und fuhr ~pleine carriere~ nach der
Stadt, um den Arzt zu holen. Glücklicherweise fand ich denselben zu
Hause, und eilte mit ihm zurück, in großem Zweifel, ob wir den Alten
noch am Leben finden würden. Aber wir hatten uns in der Lebenskraft
dieses merkwürdigen Greises geirrt; wir fanden ihn, völlig angekleidet,
mit einem Glase Madeira in der Hand, uns bewillkommend und versichernd,
daß ihm gar nichts fehle, als etwa ein gutes Frühstück! Und er befindet
sich auch heute noch vollkommen wohl! Wo ist aber, frage ich nun, der
zweite 80jährige Greis, der, gute 10 Minuten in heißem Wasser gesotten,
mit dem Leben davon kommt? -- Ich möchte wenigstens an mir die Probe
nicht machen, trotz dem daß ich noch keine 80 zähle.
Nun aber auch zur Politik! -- Wie ich Dir neulich schon sagte, so
greift die Revolution immer mehr um sich. Acapulco und der ganze Süden
haben sich nun auch gegen die Regierung pronuncirt, und der bekannte
Alvarez ist mit 600 Mann in jenem Hafen eingerückt, und hat die
Gouvernements-Besatzung daraus vertrieben. Auch Saltilla in Texas hat
sich pronuncirt; nach dem St. Louis Potosi, gedrängt durch Moctezuma
und den Staat von Zaccatecas, ein Gleiches thun mußte; dergestalt,
daß das dermalige Gouvernement sich bald auf die Föderativ-+Stadt+
eingeengt sehen wird. Alle ~pronunciamentos~ werden übrigens jetzt
zu Gunsten Pedrazas gemacht, den man von allen Seiten zurück wünscht.
Santa Anna hat ihm von Vera-Cruz aus eine Einladung und ein Schiff zu
seiner Disposition gesandt, da er aber erklärte, auf den Ruf eines
einzelnen Generals nicht kommen zu wollen, so hat ihm nunmehr der
Staat von Zaccatecas eine zweite Einladung, durch eine Deputation von
Tampico aus, zugefertigt. Ich kann nicht umhin, zu wünschen, daß er dem
Rufe Folge leisten und kommen möge, indem ich in ihm den einzigen Mann
erblicke, der den Vermittler machen kann. Ohne einen solchen wird die
Lage der Dinge jeden Tag verwickelter werden, und eine völlige Anarchie
die unausbleibliche Folge seyn.
Seit General +Teran+, der geschickteste und zuverlässigste
Feldherr, welchen die Regierung im Norden der Republik hatte, sich
(aus Privat-Motiven heißt es) das Leben genommen hat, ist das
Gouvernements-Heer bei St. Louis-Potosi, durch Moctezuma geschlagen,
und die Stadt besetzt worden. Dieses Vorrücken der Revolutions-Partei
auf hier, hat dergestalt auf Bustamante eingewirkt, daß er sich
entschloß, das Comando selbst zu übernehmen, und, mit einer für
dieses Land bedeutenden Macht von 3 bis 4000 Mann, Moctezuma entgegen
zu gehen. Es bedurfte dazu der Erlaubniß des Congresses, sie ward
ihm ertheilt, und er steht nun bereits mit mehreren 1000 Mann bei
Gueretaro, wo er Verstärkungen an sich ziehen und dann den Insurgenten
eine Schlacht liefern will.
Er würde, nach meiner Ansicht, besser gethan haben, das Corps von Facio
zu verstärken und Santa Anna anzugreifen, denn so lange +dieser+ nicht
besiegt ist, kann die Revolution nicht als beendigt betrachtet werden.
Da Bustamante ein guter Soldat ist, so wäre es ihm vielleicht gelungen
Santa Anna zu überwinden, was Facio nie zu Wege bringen wird. Dieser
steht noch immer, bei Orizaba, dem Revolutions-Chef gegenüber, ohne,
wie es scheint, den Muth zu haben ihn anzugreifen.
In Folge des Ausmarsches von Bustamante (der, vor Niederlegung
seiner Vice-Präsidentur in Eile, wahrscheinlich um sich Freunde und
Anhänger in der Armee zu machen, 12 Obriste zu Generalen ernannte),
mußte natürlich ein Interims-Präsident ernannt werden; die Wahl des
Congresses fiel auf den General Musquiz, den Gouverneur des Staats von
Mexico, und dieser hat bereits den Eid geleistet, und seine Functionen
als Präsident der Republik angetreten. Daß es dabei, nach hiesiger
Sitte, an militairischen Feierlichkeiten, wie z. B. Parade-Marsch vom
Pallast nach der Cathedrale, unter Gewehrfeuer und Kanonendonner,
Eröffnung der Kammern u. dgl. m., nicht fehlte, ist selbstverstanden;
dergleichen fällt aber hier so häufig vor, daß man alles Interesse
daran verliert. Musquiz hat nun neue Minister ernannt, und diese
versuchen mit Santa Anna Friedens-Unterhandlungen anzuknüpfen; bis
jetzt ist aber noch kein Erfolg sichtbar, und wir werden uns noch
längere Zeit in Geduld fassen müssen, die um so mehr Noth thut, als
das Gouvernement, in seinen großen Geldverlegenheiten, das auswärtige
Commerzium beständig für neue Anleihen in Anspruch nimmt, und auf der
andern Seite dennoch die Fremden, durch Chicanen aller Art, gleichsam
mit Füßen tritt.
Mögte ich Dir doch bald das Ende dieser Qualen zu berichten haben. Lebe
wohl.
Mexico, den 17. September 1832.
Seit meinem Letzten vom 30. August hat sich in der politischen Lage
des Landes nichts Bemerkenswertes zugetragen, es ist vielmehr ein
peinlicher Stillstand eingetreten, der um so mehr mit der Stille vor
dem Sturm verglichen werden kann, als der Sturm gewiß nicht ausbleiben
wird. Mittlerweile macht man hier gute Miene zum bösen Spiel, und läßt
sich durch die mißliche und precaire Lage des jetzigen Gouvernements
nicht abhalten, die Feste zu feiern, welche im Kalender stehen!
und dahin gehört denn natürlich der gestrige Tag vor allen andern,
als der Jahrestag der Unabhängigkeit von Mexico (~el aniversario
de la independencia Mexicana!~). Schon am Abend vorher ward, bei
Fackelschein, auf der Plaza, vor dem National-Pallaste, Musik gemacht,
und manches schöne Stück aus dem Freischütz, dem Don Juan und andern
deutschen Opern, sehr gut ausgeführt, wie ich Dir denn schon früher
bemerkt zu haben glaube, daß einige der hiesigen Regimenter, namentlich
die Artilleristen, eine sehr schöne und gut eingespielte Musik-Bande
besitzen.[14] Gestern nun, als am 16., wurden wir um 4 Uhr Morgens mit
50 Kanonenschüssen geweckt, und alle Glocken, deren bei den hunderten
von Kirchen, welche Mexico zählt, nicht wenige sind, wurden ½ Stunde
geläutet. Um 9 Uhr ging der Präsident mit seinen Ministern und den
Volks-Repräsentanten durch Militair-Spalire von dem Pallast nach der
Cathedrale, um Messe zu hören, und ward auf dem Hin- und Herzuge mit
Kanonendonner, Gewehrfeuer und türkischer Musik begrüßt. Hierauf war
Lever bei dem Präsidenten im Pallast, und diesem Ceremoniel folgte ein
Zug von der Magistratur und den Civil-Behörden aus dem Pallast nach
dem Universitäts-Gebäude, woselbst der frühere Justiz-Minister, Don
José Dominguez, eine gehaltvolle Rede hielt über den Ursprung und den
Gang der Revolution, welcher Mexico seine Unabhängigkeit verdankt.
Der Saal war zwar für die zahlreiche Versammlung der Zuhörer kaum groß
genug, für seinen eigentlichen Zweck aber doch sehr gut eingerichtet
und passend decorirt. Das Gebäude enthält mehrere Lehr-Säle und auch
ein Museum, worin zwar manche Seltenheiten aufbewahrt sind, jedoch
nichts, was nicht auch in den zahlreichen Museen in Europa zu finden
wäre, weshalb denn jede Beschreibung von mir nur überflüssig seyn würde.
Das Bemerkenswertheste in diesem Universitäts-Gebäude ist die, in
dem geräumigen Hofe aufgestellte, in der That +colossale+ Statue
von Carl dem Fünften zu Pferde, in Bronze, hier in Mexico (versteht
sich von spanischen Künstlern in früherer Zeit) sehr kunstreich und
gelungen ausgeführt. Ferner sieht man hier viele große Götzenbilder der
Ureinwohner von Mexico, deren mitunter noch ganz gut erhaltene Formen,
an Häßlichkeit und Scheußlichkeit, den egyptischen nicht nachstehen!
und auch einen der Opfersteine, auf welchen die Priester der Asteken
ihren Götzen Menschen opferten.[15] Nun sind wir aber auch mit den
Raritäten des Universitäts-Gebäudes fertig, und ich kehre zum Fest der
Unabhängigkeit zurück, für dessen fernere Feier große Präparationen zu
Feuerwerken und Illuminationen am Abend getroffen waren. Diese wurden
leider durch einen jener heftigen Regengüsse, welche hier oft in einer
Stunde alle Straßen unter Wasser setzen, unterbrochen und vereitelt;
das Gewitter ward zum heftigsten Hagelsturme, den ich hier noch erlebt
habe, er war von fortwährend rollendem Donner und Blitz begleitet, und
erwischte mich auf der Promenade am Nachmittag, so daß ich, durchnäßt
bis auf die Haut, nach Hanse kam! Ich ließ mich aber dadurch nicht
abhalten, des Abends, wie ich mir vorgenommen, in das Theater zu gehen,
um die auch dort veranstalteten Festlichkeiten zu sehen. Ich kleidete
mich um und ließ mich, da kein Wagen zu haben war, wie hier bei solchen
Gelegenheiten üblich ist, auf dem Rücken eines Indianers hin- und
zurück tragen, hätte aber, was den davon gehabten Genuß betrifft, eben
so gut zu Hause bleiben können, indem mich das, aus Schauspiel, Oper
und Ballet zusammengestoppelte Gelegenheitsstück in keiner Hinsicht
befriedigte.
Da ich Dir diese detaillirte Beschreibung zum Theil mit um des jüngern
Theils der Familie willen gegeben habe, so füge ich, ~pro beneficio~
desselben, auch noch einige Worte als Beitrag zur neuesten Geschichte
Mexico’s bei, und schließe damit meine heutige Depesche.
[10] Jetzigen Verweser des Königl. preußischen General-Consulats in
Mexico, Hrn. von Geroldt.
[11] Der Versuch +ist gelungen+, und ich habe noch vor meiner Abreise
von Mexico die Proben von Eisen gesehen, welche in den kleinen
Interims-Oefen geschmolzen waren. Die Qualität ist die beste, die man
wünschen kann. Es ist sehr schade, daß die Belagerung von Mexico den
Ausbau des Hochofens ins Stocken gebracht hat! Da aber Sta. Anna, von
der Wichtigkeit des Unternehmens durchdrungen, sogleich eine Sauvegarde
nach dem Sitio sandte, um das Werk gegen Streifparthien zu schützen,
so ist nicht zu bezweifeln, daß er, als nunmehriger Präsident, es auch
ferner protegiren und zur gänzlichen Ausführung selbst Hülfe vom Staat
gewähren werde.
[12] Um nicht mißverstanden zu werden, bemerke ich hier, daß wenn ich
von indianischen Dörfern spreche, ich damit nicht gesagt haben will,
daß sie ausschließlich von Ureinwohnern, d. h. von +Asteken+ u. s. w.
bewohnt seyen, sondern nur, daß +diese+ die Mehrzahl bilden. In einem
solchen Dorfe, und mehr noch in Flecken und kleinen Städten, wohnen
stets auch Creolen (Eingeborne von spanischer Abkunft) entweder rein
oder mit indischem Blute gemischt, welche theils Gewerbe treiben,
theils Boutiquen (~tiendas~) halten. Die Magistrats-Personen sind fast
immer Creolen. Die +Masse+ der Landbewohner sind aber +Indianer+, wie
man hier die eigentlichen Mexicaner nennt.
[13] Diesen Thymian zieht der Eigentümer des Gartens um der Bienenzucht
willen, welche er gleichfalls hier angelegt hat, und die man überhaupt
im Lande zu vermehren und zu verbreiten sucht, um Wachs zu gewinnen,
welches Mexico jetzt, in so großen Massen, von Außen einführt.
[14] Dadurch, daß die deutsche Musik hier sehr beliebt, die deutsche
Sprache aber fast gar nicht gekannt ist, fanden oft große Mißgriffe in
der Anwendung einzelner Melodien statt. So spielte man unter anderen
kürzlich in einer Kirche, zum Ausgang des Gottesdienstes, mit großem
Pathos, den bei uns so bekannten Gassenhauer: “Es ritten drei Schneider
zum Thore hinaus” und jedermann schien sich daran zu erbauen.