Auch hier ist’s ein fröhliches Fest und wird überall auf dem Lande

und im Freien begangen. -- Wie es in andern Theilen der Republik

gefeiert wird, weiß ich nicht, aber in der Hauptstadt zieht, wer es

nur einigermaßen kann, auf Pfingsten hinaus nach +St. Augustin+,

einem hübschen Landstädtchen, etwa 2 Meilen von hier am südwestlichen

Gebirge. Die Gegend ist dort weit schöner und fruchtbarer als um Mexico

herum, und auch gewiß gesünder, da der Boden höher gelegen und nicht

sumpfig ist. Aus diesem Grunde ist es wohl zu beklagen, daß Cortes

seinen ursprünglichen Plan nicht ausgeführt hat, das neue Mexico, --

statt theils an die Seite, theils an die Stelle der alten Stadt, --

da zu erbauen, wo jetzt +St. Augustin+ steht. Begreiflicher ist, daß

in neuerer Zeit die Idee, St. Augustin zur Föderativ-Stadt zu machen,

und den Sitz des Congresses dahin zu verlegen, nicht durchging, denn

Mexico hat jetzt, als Mittelpunkt der Republik, zu viele Resourcen,

welche der Regierung unentbehrlich sind. St. Augustin ist somit ein

kleines, aber wie gesagt ein freundliches Landstädtchen geblieben, mit

vielen hübschen Häusern und Gärten und schöner Umgebung; -- und dahin

zieht alle Welt auf Pfingsten, um den dortigen Volksfesten beizuwohnen.

Hahnen-Gefechte, Buden aller Art, Messe auf dem Marktplatz, Tanz am

Tage im Freien und ~bal paré~ am Abend, alles ist dort zu sehen und

zu finden, und das ganze Fest in der That ein schönes und heiteres zu

nennen. -- Aber, aber, -- ist nicht der alleinige Magnet, der in diesen

Tagen die zahlreiche Menge zu Wagen, zu Pferd und zu Fuß von Mexico

nach St. Augustin zieht! Es ist die +Spielsucht+, vielleicht mehr als

alles andere, denn dieser wird nirgends und zu keiner Zeit ein größeres

Feld gegeben, als gerade hier. -- Die Regierung beobachtet nämlich das

äußere Decorum hinsichtlich des Spiels, wenigstens in so weit, daß sie

die Hazardspiele verbietet, und deren Oeffentlichkeit, namentlich in

der Hauptstadt, nicht duldet. Die nichts desto weniger gekannten und

stark besuchten Monte-Banken werden in Mexico nur heimlich aufgelegt.

Zu Pfingsten aber hat St. Augustin ein Privilegium, (gleich wie unsere

in dieser Hinsicht berüchtigten Bade-Orte den ganzen Sommer über)

während fünf Tagen öffentlich Bank auflegen zu dürfen, und Du kannst

denken, daß dies nicht unbenutzt bleibt. In nicht weniger als 20

verschiedenen Häusern wird zu St. Augustin auf Pfingsten Monte-Bank

gehalten, in 15 derselben nur mit Gold pointirt, in den übrigen mit

Gold und Silber.

Um Dir einen Begriff von der hiesigen Spielwuth zu geben, darf ich Dir

nur bemerken, daß diese Banken, welche ihr eigentliches Etablissement

alle in der Hauptstadt haben, bei dieser Gelegenheit, das Silber

ungerechnet, nicht weniger als 58000 Stück Doublonen oder Unzen (also

einen Werth von beinahe 1½ Millionen preußischer Thaler in Gold

allein) hinausgeschleppt und in St. Augustin auf den grünen Teppigen

aufgelegt haben! Gold steigt in dieser Zeit zu einem Agio von 5 bis 7½

vom Hundert, denn es wird nicht nur für die Banken, sondern auch von

den Mitspielern, an denen es in diesen Tagen natürlich hier weniger

als je mangelt, gesucht und aufgekauft. Wie viel die Mitspieler

davon hinbrachten, läßt sich nicht berechnen; eher vielleicht, was

die +meisten+ derselben wieder mit +zurücknahmen+; denn das wird

nicht viel gewesen seyn! Nur von Wenigen hörte ich, daß sie glücklich

gespielt hätten! +Eine+ Bank ist freilich gesprengt worden und hat

3000 Unzen verloren, aber die meisten prosperirten, obgleich Monte

anerkanntermaßen dasjenige Hazardspiel ist, welches die Bank am

wenigsten begünstigt! -- Ich versuche es nicht, Dir ein Bild von

der Leidenschaftlichkeit zu entwerfen, mit welcher gespielt ward,

oder den Ausdruck zu beschreiben, der sich bei den Wechselfällen des

Glücks auf den verschiedenen, männlichen und weiblichen Gesichtern

(auch hier spielt, wie bei uns, das schöne Geschlecht mit) kund gab!

-- Es übersteigt die Kraft meines Pinsels, und Du liest es anderswo

besser. Aber +eine+ Merkwürdigkeit ans diesen Scenen muß ich Dir

doch noch berichten. An einer der Goldbanken nämlich sah ich, in

einiger Entfernung vom Tische, nahe am Eingang des Zimmers, einen Mann

stehen, der mit gespannter Aufmerksamkeit zusah und fortwährend etwas

anzumerken schien! Auf mein Befragen erfuhr ich, daß es der Comte de

*** sei, der stets mitspiele, aber nie pointire, sondern dem Spiel aus

der Ferne in Gedanken folge, und nachher an die Casse gehe, um dort

abzurechnen, wo man ihn denn eben so oft große Summen habe zahlen als

empfangen sehen! Von einem ähnlichen Vertrauen zwischen Banquier und

Pointier habe ich in Europa nicht gehört.

Doch genug vom Hazardspiel, und nun zu dem, wie man sonst die Festtage

hinbrachte! -- Daß diese mit der Messe (~Misa~) und einer Procession

in den Kirchen anfingen, versteht sich von selbst. Hierauf besucht man

wohl den Markt, wo das Volk sich den ganzen Tag über aufhält, und am

Abend in noch größerer Menge sich mit Trinken und Spielen erlustigt.

Die Hahnengefechte, welche bei den Mexicanern im Allgemeinen sehr

beliebt sind, gehören hier zu den Vormittags-Vergnügungen, und werden

in einem recht hübschen, runden Local gegeben, woselbst Sitze und

Logen amphitheatralisch für die Zuschauer angebracht sind, welche aber

hier nicht so zahlreich, wenn auch eben so gemischt waren, wie bei den

Stiergefechten. Der Vice-Präsident Bustamante kam auf kurze Zeit in

eine der Logen, mit einem seiner Adjutanten, ohne daß jedoch irgend

eine Notiz von ihm genommen ward. Wie wäre dies aber auch von einem

Publicum zu erwarten, welches einem Hahnengefechte zusieht? Nimm des

unsterblichen Hogarths Kupferstiche zur Hand und Du wirst es besser

sehen und begreifen, als ich es Dir zu schildern vermag, wie dieser

scheinbar unbedeutende Kampf die Aufmerksamkeit, ja die Leidenschaften

aller Umstehenden erregt und fesselt! -- und auch dies ist ja hier

~tout comme chez nous~! -- Die mexicanischen Kampfhähne sind übrigens

groß, stark und hochbeinig, und der Sieger macht jedesmal, mit Hülfe

der scharfen, langen, stählernen Bewaffnung am Sporn, mit seinem Gegner

kurzen Proceß.

Die Wetten waren diesmal nicht so hoch und allgemein, wie wohl bei

andern Gelegenheiten, was dem Umstande zuzuschreiben seyn mag, daß die

größten Spieler bereits an der Monte-Bank saßen.

Nach einem frühen, nicht sehr delicaten, aber desto theurern

Mittagessen an ~Table d’hôte~ (man zahlt für’s Essen und eine Flasche

französischen Weins 4 bis 5 Pesos) ging oder fuhr man nach dem schönen

Calvario-Berg, wo sich viel Volks und viel ~beau monde~, mitunter sehr

reich in französischem Geschmack gekleidete Damen, auf dem schönen

grünen Rasen, über welchen hin und wieder Matten ausgebreitet waren,

gelagert hatte, und sich theils an der schönen Natur und einer

reizenden Aussicht, bei dem herrlichsten Wetter, ergötzte, theils

sich, bei guter militärischer Musik, mit Tanzen erlustigte. Auch hier

erschien Bustamante in dunkelgrüner Husaren-Uniform, aber auch hier

ging er überall unbemerkt vorüber, und nur selten ward hier und da

ein Hut vor ihm gezogen. Er schien mir durchaus nicht die öffentliche

Achtung zu genießen, welche nach meinen Begriffen der ersten

Magistrats-Person eines Landes gebührt. --

Da, wie schon öfter bemerkt, unter diesem Himmelsstrich die Nacht

früh und schnell hereinbricht, so dauerte dies ländliche Vergnügen

hier nicht so lange, als es in dieser Jahrszeit wohl bei uns der Fall

gewesen seyn würde, und Jedermann zog sich bei Zeiten zurück nach dem

Städtchen, die Einen um sich wieder an den Spieltisch zu setzen, die

Andern um für den Ball Toilette zu machen. -- Mittlerweile will ich

Dich noch ein wenig weiter den Berg hinanführen, und Dir dort eine

optische Täuschung zeigen, die Dich überraschen wird, -- nämlich nichts

mehr und nichts weniger als einen +bergauf strömenden Bach+. Diese

Täuschung beruht ja wohl auf demselben Princip wie jene, die uns eine

Haide als See erscheinen macht; sie ist aber in der That so groß, daß

man Mühe hat, wenn auch noch so nahe stehend und dem Bache folgend,

sich vom Gegentheil zu überzeugen!

Für den ~bal paré~ am Abend ward das Local des Hahnengefechts

recht hübsch und sinnreich eingerichtet; ein schön meublirtes

Eintritts-Zimmer für die Damen an der einen, und gute Restauration an

der andern Seite; und in der Arena, wo am Morgen die Hähne gekämpft

hatten, waren jetzt große schöne Teppige ausgebreitet und so ein

recht geräumiger Tanzplatz geschaffen, um welchen herum, außer den

schon früher erwähnten Logen, drei Reihen von Stühlen und Bänken

angebracht waren, um die schönen Tänzerinnen in der Nähe bewundern

zu können. Diese ermangelten denn nicht, am Abend zwischen 9 und 10

Uhr, unter dem Schutz ihrer respectiven Familien (von den ersten

Mexicos) sich einzustellen, und ich muß gestehen, daß sich die nunmehr

hier versammelte Gesellschaft, bei der guten Beleuchtung durch schöne

Lüstres und Lampen, recht brillant ausnahm. Der Anzug der Damen war

geschmackvoll und reich, und der Tanz -- Quadrillen und Ecossaisen --

ward mit sehr viel Decenz, sehr viel Grazie, und nur in einem etwas

allzulangsamen Takt, bei guter militärischer Musik, aufgeführt. Der

Ball würde einer jeden großen Stadt in Europa Ehre gemacht haben, und

nur die Zuschauer waren hier etwas mehr +abwärts+ gemischt, als sie es

bei einer ähnlichen Gelegenheit wohl bei uns gewesen seyn würden.

Wir hielten aus bis Mitternacht, ließen die Fröhlichen auch dann noch

“~on the light fantastic toe~,” und fuhren bei schönem Mondschein

nach Mexico zurück, wo ich mich heute gesund und wohl befinde, aber

ungeduldig im höchsten Grade, wieder einmal von Dir zu hören. Lebe wohl.

Jalapa, den 25. Juni 1832.

Du staunst ja wohl, mich mit einemmale wieder in diesem freundlichen

Städtchen zu sehen? Dies hängt aber folgendermaßen zusammen! --

Kaum war mein letztes Schreiben vom 17ten ans Mexico abgegangen,

als wir die Nachricht erhielten, daß zwischen Santa Anna und den

Gouvernements-Truppen in der Nähe dieser Stadt ein Waffenstillstand

abgeschlossen sei. Hierdurch eröffnete sich uns die Aussicht,

wenigstens von hier aus mit Vera-Cruz communiciren, und Briefe u. s. w.

von daher erhalten zu können. Ich zögerte keinen Augenblick mit der

Hierherreise, um nichts unversucht zu lassen, diesem peinigenden

Zustande der Unterbrechung meiner Correspondenz endlich einmal ein

Ende zu machen, und hier bin ich nun seit einigen Tagen; ich habe

bereits einen Expressen nach Vera-Cruz gesandt und bin in stündlicher

Erwartung seiner Rückkehr -- mit vielen, vielen Briefschaften --

auch von Dir. Mittlerweile setze ich mich hin, Dir ein paar Worte

über die herrlichen Spaziergänge zu sagen, die ich gestern und heute

in dieser bezaubernden Gegend gemacht habe. War es schon schön, als

ich im vorigen Januar hier durchkam, so ist es jetzt, in dieser

Sommer-Jahrszeit, über alle Beschreibung reizend. Nirgends in der

Welt habe ich noch den aromatischen Duft der Vegetation so genossen

wie hier, wo die Natur im höchsten Grade üppig ist und wo sich die

heiße und die gemäßigte Zone auf eine wunderbar eigenthümliche

Weise vereinigen! -- Ich war heute in einem großen Garten, wo die

Zuckerstaude und der Caffeebaum neben dem braunen Kohl blühen, der bei

uns nur im Winter, und gleichsam unterm Schnee, zur Vollkommenheit

reift; wo deutscher Thymian[13] neben Artischoken, die Melone neben

der gemeinen Zwiebel wächst, und der Apfelbaum neben der palmenartigen

Bannana steht. Ich könnte diese Gegensätze in der Vegetation, wie

Kürbisse neben den saftigsten Melonen, neun Fuß hoher Mais neben

üppigem Weizen, die fremdartigsten Cactus-Pflanzen neben der deutschen

Nelke, Rosenbäume von ungemeiner Größe, Fülle und Verschiedenheit

u. s. w. noch ins Unendliche fortführen, und sollte besonders die

schönen Orangenbäume, welche hier wild wachsen, und die wohlduftenden,

lilienartigen Liquidambar-Stauden nicht unerwähnt lassen; doch mag es

an dem Gesagten genügen und der Rest Deiner Einbildungskraft überlassen

bleiben. -- Regnete es in Jalapa nicht fast +täglich+ am Nachmittage

(es liegt, wie schon gesagt, gleichsam in der Wolken-Region) so wäre es

ein Paradies und man dürfte mit Recht Göthe’s Lied: “dahin, dahin will

ich mit Dir, o Du Geliebte! ziehn,” darauf anwenden. Die Feuchtigkeit,

welche in der Regenzeit allerdings hier so groß ist, daß sowohl die

Kleidungsstücke wie die Betten nicht ganz frei davon bleiben, ist

jedoch keineswegs der Gesundheit nachtheilig, indem jeder schädliche

Einfluß desselben durch eine, die ganze Atmosphäre durchströmende,

wohlthätige Wärme neutralisirt wird. Jeder Morgen bringt einen schönen

heitern Sonnenschein und am Mittage ist’s heiß; auch fehlt es an

schönen Abenden nicht, die man zu Spaziergängen benutzen kann, obgleich

die frühe Nacht sie, gegen die unsrigen in Europa, sehr abkürzt. -- Die

schönen Abende Europa’s, die uns so oft bis 10 Uhr im Freien halten,

kennt man hier nicht.

Den 26sten.

Der Expresse ist zurück und bringt mir eine Masse von Briefen, die

sich während der Belagerung in Vera-Cruz dort angehäuft hatten; ich

habe deren nun von allen Freunden in Europa erhalten und besitze die

Deinigen bis zum 16. März. Ich versuche es nicht Dir meine Freude zu

schildern! -- Gott lob! daß Ihr alle wohl waret! -- Könnte ich meinem

Gefühle folgen, ich ginge jetzt gleich nach Vera-Cruz, schiffte mich

ein und eilte zu Euch, Ihr Lieben, zurück! -- aber das kann und darf

ich nicht; ich muß leider noch einige Zeit hier aushalten, und das

Ende der Revolution abwarten, um so mehr als es nun nicht mehr ferne

zu seyn scheint, und hoffentlich durch die Unterhandlungen, welche

jetzt unverzüglich in Puente stattfinden sollen, herbeigeführt werden

wird. -- Santa Anna war nämlich, nachdem die Belagerung von Vera-Cruz

aufgehoben und er durch Truppen-Abtheilungen von seinem Verbündeten

in Tampico, dem General Moctezuma, verstärkt worden, ausmarschirt

und dem General Calderon, der sich hieher zurückgezogen hatte,

gefolgt. -- Er hatte Puente, wo noch einige Gouvernements-Truppen zur

Benützung eines Lazareths lagen, umgangen, und stand mit einem Male

diesseits Encero! Die beiden Generäle, Calderon und Facio, welcher

letztere, nachdem er als Kriegs-Minister abgedankt, hierher gesandt

ward, um das Commando zu übernehmen, rückten nun mit etwa 1600 Mann

(mehr waren nicht disponibel, der Rest in den Lazarethen) Santa Anna

entgegen, dessen Corps übrigens auch nicht stärker, oder wie wir,

mit unsern Begriffen von Armeen in Europa sagen würden, +eben so

schwach+ war! Beide Partheien stoßen nicht weit von hier auf einander

und machten Anstalt zur Schlacht; man erwartete eine entscheidende,

statt dessen aber ward unterhandelt, und, ohne daß ein Schuß fiel,

ein Waffenstillstand abgeschlossen. Die Gouvernements-Partei hier war

darüber sehr entrüstet und warf Calderon und Facio vor, daß sie sich

von Santa Anna, der sich in einer sehr mißlichen Lage befunden, hätten

überlisten lassen u. s. w.; wenn man aber bedenkt, daß das, mehrere 100

Kranke enthaltende, Lazareth in Puente durch Santa Anna abgeschnitten

und von allen Lebensmitteln so entblößt war, daß schon wenige Stunden

nach Abschluß des Waffenstillstandes ein Transport dahin abgefertigt

werden mußte, daß ferner der wichtige Paß von Puente an Santa Anna

übergeben und die Demarcations-Linie hierher verlegt worden ist, so muß

man nothgedrungen glauben, daß nicht sowohl die Lage des Generals Santa

Anna, als die der Regierungs-Truppen eine mißliche gewesen seyn müsse!

Dem sei aber wie ihm wolle, der Waffenstillstand ist abgeschlossen,

und es sollen sofort Unterhandlungen in Puente angeknüpft werden; von

Seite Santa Anna’s durch ihn selbst und einige seiner Generäle, und

von Seite der Regierung durch den früheren Präsidenten, Vittoria (den

Veteranen der Republik) und Camacho, den Gouverneur des Staats. -- Man

hofft, daß dem Lande Friede daraus entspringen werde, die Wahl der

Regierungs-Unterhändler deutet wenigstens darauf hin, und so will ich

denn vor der Hand auch an diesem Glauben festhalten und Dir in meinem

Nächsten mehr darüber berichten. -- Adieu.

Jalapa, den 9. Juli 1832.

Seit ich Dir zuletzt geschrieben, es war am 26. Juni, haben sich die

Aussichten zum Frieden wieder sehr getrübt! In Vera-Cruz hat nämlich

ein neues “~pronunciamento~” statt gefunden, welches die Sache mehr als

je verwickelt. Die dortige heroische Garnison (heroisch nennen sich,

nach spanischer Sitte, hier alle Garnisonen, Armeecorps, ja Festungen

und Städte, die etwa einmal eine Belagerung ausgehalten haben, ~par

excellence~,) hat sich nämlich jetzt zu Gunsten des Präsidenten

+Pedraza+ erklärt; d. h. sie verlangt, daß derselbe, welcher sich

dermalen im Exil befindet und zu Philadelphia aufhält, zurückberufen

und, bis zum Ablauf der gesetzlichen Frist seiner Präsidentur, mithin

bis zum April des nächsten Jahrs, an die Spitze der Regierung gestellt

werden soll. -- Dies zu fordern ist nunmehr Santa Anna von seinen

Truppen instruirt falls er es nicht, wie wahrscheinlich, selbst

veranlaßt hat, und kommt nun jedenfalls zur Conferenz nach Puente

mit Propositionen, auf welche das Gouvernement nicht eingehen wird,

ja nicht eingehen +kann+, ohne geradezu abzudanken. Was ist also nun

leider anders zu erwarten, als fortgesetzte Feindseligkeiten, deren

Ende, bei der Langsamkeit, womit in diesem Lande alles geschieht,

und die nichts zur Entscheidung kommen läßt, gar nicht abzusehen ist!

Nach meiner Meinung ist übrigens in der jetzigen Proposition der

Vera-Cruzaner Partei das einzige Mittel zu finden, den gordischen

Knoten zu zerhauen; denn ohne die Dazwischenkunft eines Dritten, wie

z. B. Pedraza, der ein kluger und gemäßigter Mann seyn soll, sehe ich

gar nicht ein, wie der Streit zwischen den, gleich starken oder gleich

schwachen Chefs, Bustamante und Santa Anna, geschlichtet werden kann!

General Vittoria ist mittlerweile von seinem Landsitz (im Süden dieses

Staats) hier angekommen, und will in einigen Tagen mit Camacho nach

Puente zur Conferenz abgehen; er hat gestern Revue über die hiesigen

Gouvernements-Truppen gehalten; es waren, von allen Waffengattungen und

bei einer unmäßigen Anzahl von Officieren, 1500 an der Zahl! mit Musik

für eben so viele Tausende, damit es an kriegerischem Getöse nicht

fehle! Und dies ist die ganze Kraft, welche die Regierung auf einem

so wichtigen Punkte, und in einem so kritischen Momente conzentriren

kann, während die Republik nicht weniger als 11 Divisions-Generale und

18 Brigade-Generale besoldet, und für das Kriegs-Departement überhaupt

nicht weniger als 16 Millionen Pesos (24 Millionen preußische Thaler)

im jährlichen Budget aufführt!! dies ist denn doch noch ärger als ~chez

nous~; doch lassen wir das! Wenn nur die Unterhandlung in Puente den

Frieden des Landes herbeiführt, so will ich mich mit allem Uebrigen

schon zufrieden geben.

Mittlerweile suche ich mich hier so gut zu amusiren wie ich kann, und

gehe viel spazieren. Die besuchteste Promenade und diejenige, wo man

die meiste ~beau monde~ antrifft, ist jetzt der neue Weg nach Cordova,

zu welchem, nahe bei der Stadt, eine hübsche Brücke über einen kleinen

Wasserfall führt! Alles mit Geschmack und kunstgerecht angelegt. Es

ist erfreulich, zu sehen, daß, selbst in diesen unruhigen Zeiten,

hier doch auch einiges dieser Art geschieht; freilich bleibt in der

Hinsicht noch unendlich viel zu thun übrig, aber es wird auch gewiß

viel geschehen, wenn einmal das Land zur Ruhe gekommen ist. Auf dem

eben erwähnten Spaziergang kommt man, etwa eine Meile von der Stadt, an

eine Meierei (nach dem spanischen ~leche~, Milch, ~lecheria~ genannt),

wo man sehr gute Milch von allen Arten, wie bei uns, bekommen kann, was

ich mir, bei meiner großen Vorliebe für dieses Getränk, denn sehr zu

Nutze mache. Es wird hier viel Rindvieh gehalten, und für den Gebrauch

der Stadt viel Milch gewonnen; aber die Euter der Kühe sind hier

unverhältnißmäßig kleiner als in Europa, und man scheint sich auf das

Melken schlecht zu verstehen, denn die Kühe müssen, wie es scheint,

jedesmal erst durch das Kalb angesaugt werden, ehe die Milch in Fluß

kommt!

Ein anderer Spaziergang führte mich heute an einer Natur-Scene

vorüber, die ich früher noch nirgends gesehen habe, nämlich an einen

“+Spinnen-Staaten-Bund+,” von ungeheurer Größe! Das Gewebe dehnte

sich zwischen zwei Bäumen aus, und nahm einen Raum von wenigstens 15

Quadrat-Fuß ein! In demselben haus’ten aber mehr als 12 verschiedene

Spinnen-Republiken, die alle abgesondert ihr Wesen für sich zu treiben

schienen und ihre Gränzen gegen einander so scharf bewachten, daß es

oft zu heftigen Gefechten zwischen ihnen kam! Und doch muß das Ganze

ein gemeinschaftliches Werk gewesen seyn, denn die Bäume standen weit

auseinander und das Netz war dennoch zusammenhängend! Die Abtheilungen

in dem großen Gewebe waren von sehr ungleicher Größe, und die Gattungen

der Spinnen eben so sehr von einander verschieden. Ich habe wie gesagt,

nie etwas Aehnliches gesehen. Bei den Abend-Promenaden, die mitunter an

den vielen Wasserströmungen dieser Stadt vorbeiführen, an welchen eine

Menge hübscher und häßlicher Wäscherinnen im Freien, wie hier üblich,

ihr munteres Gewerbe treiben, werden wir denn auch oft durch die

wirklich gute Militair-Musik der hier liegenden +Armee+ erfreut, und

an Sonn- und Festtagen, an welchen letzteren hier zu Lande kein Mangel

ist, läßt sie sich auch bei der Hochmesse in der Cathedrale hören.

Diese Kirche ist nun zwar weder sehr schön noch reich ausgeschmückt,

hat aber die Eigenthümlichkeit, daß sie, wie fast ganz Jalapa, an einem

Hügel angebaut ist, und selbst in ihrem Hauptgange zum Chor bergauf

geht, so daß der am Ende stehende +Hoch+altar diese Benennung im wahren

Sinne des Worts verdient.

Damit es nun aber an nichts mangele, was Jalapa zur Stadt stempelt,

so hat man auch ein Theater hier, was jedoch so unter aller Critik

schlecht ist, daß es darin nur von der Erbärmlichkeit der jetzt hier

spielenden, herumziehenden Bande übertroffen wird! Ich sah gestern zu

meinem Jammer Othello, nach Shakespeare bearbeitet, und ein sogenanntes

Ballet, und habe daran mehr als genug für die ganze Zeit meines

hiesigen Aufenthalts. Das Vergnügen muß man in Jalapa nicht im Theater,

sondern in der reizend schönen Natur seiner Umgebungen suchen! dann und

nur dann wird man sich nicht getäuscht finden. Adieu für heute.

Jalapa, den 24. Juli 1832.

Meines Bleibens ist hier nicht länger, und ich reise morgen nach

Mexico zurück. Die Friedens-Unterhandlungen in Puente sind leider

abgebrochen, und die Feindseligkeiten haben bereits wieder begonnen.

Santa Anna aber, anstatt auf hier zu kommen, hat Cordova und Orizaba

besetzt, und will von dort aus nach Puebla vordringen, wodurch die

Verbindung zwischen hier und Mexico abgeschnitten wäre, was mir

natürlich schlecht zusagen würde; ich eile daher nach der Hauptstadt

zurück, indem ich nicht zu denen gehöre, die daran glauben, daß Facio,

der gen Orizaba aufgebrochen ist, den General Santa Anna schlagen,

fangen und hangen werde! Die Herren von der Gouvernements-Partei

nehmen den Mund etwas zu voll, und lassen ihrem Gegner kein gutes

Haar. Nach ihnen wäre der Held, der noch vor wenig Jahren, durch seine

rasche Entschlossenheit und die kühnsten Märsche durch unwegsame

Wälder und Gebirge, die Spanier, welche unter Baradas in Tampico

gelandet waren, besiegt und vertrieben hatte, und dem dafür unter

andern auf dem hiesigen Marktplatze eine Ehren-Säule errichtet ward,

+die noch steht+! dieser nämliche Santa Anna, sage ich, wäre jetzt,

nach ihnen, ein Poltron, ein unbedeutender Mensch, ohne alles Genie

und ohne Kenntnisse!! Mit solchen Großsprechereien gewinnt man aber

keine Schlachten, und der +Anfang+ der Feindseligkeiten ist denn auch

bereits gegen die Regierungs-Partei ausgefallen; es war zwar nur ein

Vorposten-Gefecht, indessen verlor dabei doch der Obrist Merino,

ein geschickter Ingenieur-Officier, mit dem ich noch ehegestern

frühstückte, sein Leben. Hieraus kannst Du denn auch abnehmen, wie nahe

von hier die Parteien sich gegenüber stehen, und daß es Zeit für mich

ist aufzubrechen, wenn ich Mexico noch erreichen will.

Mexico in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833 · 第 8 / 19 段