Sage Mathilden, daß ich so eben Abends 10 Uhr eine wunderschöne weiße

+Nacht+-Cactusblume in unserm Gallerie-Gärtchen bewundert, und mich an

dem köstlichen Gewürzgeruch derselben gelabt habe. -- Es ist dieselbe

Blume, welche ihre selige Mutter einst in London noch spät in der Nacht

abzeichnete, als wir aus der Oper zurückkamen und unser freundlicher

Nachbar, der Kunstgärtner, uns wissen ließ, daß der ~Cactus grandi

florus~ in seinem Treibhause blühe! -- Du wirst Dich der Zeichnung

gewiß noch erinnern. Die jetzt neben mir stehende Blume hat aber den

Vorzug vor jener in London, daß sie weit stärker und wirklich ganz

köstlich riecht. Die Blätter bilden, in dreifacher Reihe, einen ganz

offenen Stern und nur die über alle Maßen schönen Staubfasern, weiß mit

gelben Glöckchen, den Kelch! Die Pracht der Cactus-Blüthen beschränkt

sich aber nicht auf diese schöne nächtliche Blume, sondern bietet am

Tage eine große Mannigfaltigkeit dar, an welchen die kleinen lieblichen

Kolibri’s nicht wenig schwelgen. -- Vor einigen Tagen verirrte sich

einer derselben in mein Zimmer, ich fing ihn ein, um ihn in einen Käfig

aufzubewahren, aber die flinken, bienenartig umherschwärmenden, kleinen

Honigsauger ertragen kein Gefängniß, schon am zweiten Tage war das

Thierchen todt! und es ergeht allen so, die eingefangen werden.

Nun denke Dir aber, zum Schluß, die höchst unangenehme Lage, in der

ich mich hinsichtlich Deiner Briefe befinde! Ich habe bis zu dieser

Stunde noch nichts Späteres von Dir erhalten, als Dein Schreiben vom

2. Januar. Hierbei kann mich in der That nur der Gedanke trösten,

daß Briefe von Dir an mich in Vera-Cruz liegen müssen, und daß ich

diese nunmehr -- bei der Wendung, welche der Gang der politischen

Ereignisse in diesem Lande genommen hat -- bald zu erhalten hoffen

darf. Die Belagerung von Vera-Cruz ist nämlich, wie voraus zu sehen

war, endlich aufgehoben worden. Die Krankheiten und Todesfälle unter

den Belagerern nahmen überhand und Calderon war genöthigt, nachdem er

Vera-Cruz wirklich während mehreren Tagen nutzlos beschossen hatte,

unverrichteter Sache wieder abzuziehen. -- Santa Anna folgt ihm auf dem

Fuße, und soll nicht mehr weit von Jalapa stehen! Die Minister haben

abgedankt und wir wollen nun sehen was es weiter giebt.

Hier ist übrigens alles fortwährend in tiefster Ruhe, nur ist es leider

der Handel auch! -- Lebe wohl.

[1] Die gewöhnliche Erkundigung, welche die sich auf der hohen

See begegnenden Schiffe von einander einziehen, indem, von allen

Berechnungen zur See, die der +Länge+ die unsicherste ist.

[2] Theilweise hat sich leider diese Befürchtung verwirklicht, und

mehrere meiner Freunde, welche Mexico nur wenige Wochen nach mir

verließen, sind auf der kurzen Fahrt von Tampico nach New-Orleans im

April 1833, wie man allgemein glaubt, von Seeräubern genommen worden.

Man hat wenigstens nie wieder etwas von ihnen erfahren.

[3] So genannt -- von den Menschenopfern, welche die Mexicaner, vor der

spanischen Eroberung, dort ihren Götzen brachten.

[4] Nach Humboldt ist in den Monaten Mai bis October der mittlere

Thermometerstand in Vera-Cruz 27½°, in der Hauptstadt Mexico nur 17°

Reaumur.

[5] Seitdem dieser Brief geschrieben wurde, ist der erwähnte Fall

wirklich eingetreten; -- im J. 1833 nämlich erschien das schwarze

Erbrechen in Vera-Cruz stärker, als seit vielen Jahren, und ein von

Mexico nach Europa zurückkehrender Freund von mir, der es gewagt hatte,

im Monat Juni (wenige Monate später als ich) die Küste zu bereisen,

mußte den drei- oder viertägigen Aufenthalt in Vera-Cruz mit dem Leben

büßen; er nahm das unglückliche Vomito-Miasma in sich auf und starb

daran, auf der Reise nach Nordamerika, am Bord des Schiffes, den 8ten

Tag nach der Einschiffung.

[6] Die Hauptvorwürfe, welche den Ministern gemacht werden, sind:

erstens, daß sie den vorigen Präsidenten Guerrero auf verrätherische

Weise hätten gefangen nehmen und erschießen lassen; zweitens, daß sie,

ohne dafür von dem Papst die Anerkennung der Republik zu erlangen,

Bischöfe von Rom angenommen hätten; drittens, daß sie die Rückkehr

der, durch ein Gesetz des Congresses, landesverwiesenen Altspanier

begünstigten, und, vereint mit diesen und der Geistlichkeit, zu Gunsten

des ehemaligen Mutterlandes intriguirten! -- (~Audiatur et altera

pars!~)

[7] Also genannt, weil, ~mirabile dictu~, die Engel die Cathedrale

erbauen halfen. Sie stiegen am Abend vom Himmel herab, und fügten

in der Nacht bis zum andern Morgen gerade so viele Arbeit dem Bau

der Kirche hinzu, als die Indianer den Tag über, unter Aufsicht der

spanischen Geistlichen, vollendet hatten.

[8] Die Zeit des Abend-Gebets, welche nach Sonnenuntergang, vom Thurm

herab, durch Glocken-Anschlag angekündigt wird, wobei jeder gute

Katholik den Hut abnimmt und den Segen spricht.

[9] Daß die Deutschen in Mexico und namentlich vom mexicanischen

Gouvernement vorzugsweise wohlgelitten sind, ist übrigens nicht zu

leugnen; die Engländer sind ihnen zu anmaßend, die Franzosen zu

lärmend, und den Nordamerikanern trauen sie nicht -- und das mit

Recht, denn diese sind ihnen (in der Nähe von Texas) gefährliche

Nachbaren. -- Einen Theil der Achtung, die wir Deutsche als Nation in

Mexico genießen, verdanken wir aber doch unstreitig unserm berühmten

Landsmanne Humboldt, der bei allen gebildeten Mexicanern im höchsten

Ansehen steht. Der Minister Alaman hat mir zu wiederholten Malen

versichert, daß ihnen die Werke des Hrn. v. Humboldt gleich nach der

Revolution von der größten Wichtigkeit und der einzige Leitfaden

gewesen wären, nach welchem die am Ruder stehenden Männer etwas Ordnung

in das Chaos der Verwaltung hatten bringen können.

Beilage.

Ausflucht nach dem Eisenwerk Sitio, am Fuße des Vulkans Popocatepetl,

unweit des +Plan de Amilpas+ gelegen.

So viel Gold und Silber Mexico von jeher auch geliefert haben mag, so

mangelte ihm doch stets das wichtigste aller Metalle, das +Eisen+, und

man war und ist bis zu dieser Stunde genöthigt, dasselbe von Europa zu

beziehen, und, hier oben in der Hauptstadt, mit 15, 16, ja oft mit 20

Pesos und mehr den Centner zu bezahlen. Einem deutschen Geologen[10]

war es vorbehalten die Entdeckung zu machen, daß nur wenige Tagereisen

von Mexico, und nicht weiter von Puebla (den beiden wichtigsten

Städten der Republik) in der Nähe des Popocatepetl, sehr leicht

flüssiger Eisenstein in großer Menge zu finden sei, dessen innerer

Gehalt die Güte des hier so hoch geschätzten biscayschen Eisens noch

übertrifft. Es gelang ihm nicht allein, einige einflußreiche Mexicaner

von der Wichtigkeit seiner Entdeckung zu überzeugen, und ein äußerst

vortheilhaftes Terrain in Gemeinschaft mit denselben zu acquiriren,

sondern auch den ihm befreundeten Minister Alaman, als Chef der ~Banco

de Avio~ (einer Staats-Anleihe-Bank zur Beförderung der Industrie) zu

vermögen, der Gesellschaft 40,000 Pesos, auf eine Reihe von Jahren, zu

dem in Mexico ganz außerordentlich billigen Zinsfuß von 5 pCt. ~pro

Anno~, aus dem Fonds dieser Bank vorzuschießen.

Hiermit hat nun die Gesellschaft den Bau eines +Hochofens+ zur

Schmelzung jenes Eisensteins begonnen und verspricht sich davon die

glänzendsten Resultate. Der Hochofen ist beinahe vollendet und das

ganze Werk weit genug vorgerückt, um es mit Fug und Recht zu einem

Gegenstande der Beschauung und näheren Beleuchtung zu machen. Wir

beschlossen daher, unserer fünf an der Zahl, eine Reise nach dem Sitio

zu unternehmen, und verfuhren dabei wie folgt. Wir mietheten eine der

amerikanischen Diligencen, um uns früh Morgens nach Chalco zu fahren,

wohin wir unsere Pferde Tags zuvor vorausgesandt hatten. Chalco, ein

ziemlich großes, freundliches und, durch den Verkehr auf dem bekannten

Canal, lebhaftes Städtchen, liegt schon außerhalb dem sogenannten Thale

von Mexico, hinter der ersten Bergkette, und mithin eine gute Strecke

vorwärts auf unserem Wege; -- nachdem wir nun dort ein Frühstück

eingenommen hatten, setzten wir uns weiter in Marsch und bildeten einen

Zug von nicht weniger als 27 Pferden und Maulthieren! Du staunst wohl

über einen solchen Train bei nur 5 Caballeros, aber das ist hier zu

Lande keinesweges übertrieben und wird auch Dir nicht so erscheinen,

wenn Du bedenkst, daß man hier, wegen der schlechten Bewirthung

auf dem Lande, nicht allein seinen Diener bei sich haben, sondern

auch Bett und Lebensmittel mit sich führen muß, wenn es einem nur

einigermaßen erträglich gehen soll. Auch müssen, bei langen Tagereisen

auf diesen beschwerlichen Wegen, gewichtige Personen, wie z. B. +nicht

ich+, wohl aber unser stattlicher Freund S., zwei Reitpferde oder

Maulthiere zum Wechseln haben! Da unsere Pferde alle frisch waren,

ritten wir desselben Tages noch 12 bis 14 Leguas weiter, nach dem an

Zucker-Plantagen (~haciendas~) so reichen, Plan de Amilpas, 2000 Fuß

tiefer gelegen als Mexico. -- Der natürlich stets abwärts gehende Weg

führte uns zuvörderst durch einen Wald von herrlichem Baumwuchse und

nächstdem am Eingang der Ebene, durch einige große, schöne indianische

Dörfer.

In Totolapan, dem größten derselben, hätte ich gerne übernachtet, um

mehr davon zu sehen. -- Es war äußerst freundlich und reinlich, hatte

einen großen Marktplatz und eine hübsche, mit schönen Bäumen und andern

Gewächsen umpflanzte Kirche. Da es aber noch zu früh am Tage war,

so mußten wir weiter. In einem andern Dorfe sahen wir einen guten,

alten Indianer, mit einer kleinen Geige, etwa einem Dutzend Kinder,

im Freien, Unterricht im Tanzen geben, wobei es sehr monoton herging.

Der Tanz bestand aus einem kurzen, trippelnden Hüpfen, und schien bloß

auf kirchliche Processionen berechnet zu seyn. Ich habe schon früher

bemerkt, daß die lautere Fröhlichkeit des Europäers dem mexicanischen

Indier nicht eigen ist. Da wir uns, wegen der vielen Landschluchten

(~Barancas~), die man auf den freien Feldern gar nicht eher bemerkt,

bis man davor steht, im Wege etwas geirrt hatten, so kamen wir erst

spät am Abend in unser Nachtquartier Ayacapistla, und fanden dort wenig

Trost; es war herzlich schlecht, sowohl das Essen und Trinken wie die

Schlafstelle, doch fehlte es nicht an Raum für unsere Pferde in dem

großen, eingemauerten, des Nachts verschlossenen Hofe.

Am andern Morgen brachen wir früh auf und nachdem wir das Thal

durchschnitten hatten, ging unser Weg durch viele, oft sehr tiefe und

steile Barancas aufwärts dem Popocatepetl zu, und zeigte nach einigen

Stunden unsern forschenden Blicken, in nicht weiter Ferne, eine sich

recht malerisch ausnehmende Wasserleitung, auf hohen Pfeilern und

Bogen, nebst mehreren stattlichen Gebäuden! Dies war der Sitio, wo

wir denn um die Mittagsstunde anlangten, und von dem, die dortigen

Werke dirigirenden Herrn M., einem Landsmanne von uns, sehr freundlich

aufgenommen und gut bewirthet wurden. -- Wir fanden den Hoch-Ofen schon

über Zweidrittel fertig, die äußere Mauer ganz, und für den innern

Mantel wurden feuerfeste Steine behauen, die sich glücklicherweise ganz

in der Nähe des Sitio finden. -- Die Wasserleitung führt dem Werke,

von einem nahe vorbeiströmenden Felsbache, eine so große Masse Wassers

zu, daß das Gebläse von 4 Hochöfen damit versorgt werden könnte; die

Urwälder des nur 8 Leguas von hier entfernten Popocatepetl’s liefern

die Holzkohlen, in unerschöpflichen Massen, zu sehr billigen Preisen,

und um alle diese Vortheile zu krönen, liegen die Eisenstein-Lager

so nahe, daß die Erze mit sehr geringen Kosten nach dem Schmelzofen

geschafft werden können. -- Die Unternehmer schmeicheln sich, auf

diese Weise den Centner Eisen, sowohl nach Mexico wie nach Puebla, von

welchen Städten der Sitio gleich weit entfernt ist, zu 5 Pesos liefern

zu können. Sie mögen daher schon einen bedeutenden Nutzen nehmen, und

werden dem Hochlande dennoch weit wohlfeileres Eisen liefern, als es

bis jetzt von irgend woher hat beziehen können. Da sich der völlige

Ausbau des Hochofens noch einige Zeit verzögern dürfte, so sind kleine

Oefen errichtet worden, in welchen der Versuch der Eisen-Schmelzung

unverzüglich gemacht werden soll. -- Gelingt er[11] und realisiren

sich die jetzt von der Sache gehegten Hoffnungen, so ist der Vortheil

für das Land unberechenbar, denn der Mangel dieses wichtigsten aller

Metalle geht hier so weit, daß man die Kanonenkugeln, statt aus Eisen,

der +Oeconomie+ wegen aus +Kupfer+ gießt! -- Ob man es aber alsdann

auch genügend erkennen wird, daß man diesen National-Gewinn +deutschem

Geiste+ und +deutscher Betriebsamkeit+ und +Ausdauer+ verdankt? --

Ich möchte es bezweifeln, denn man ist nun einmal hier zu Lande dem

Ausländer nicht sehr hold.

Um nun wieder auf den Sitio zurückzukommen, so ist dessen Lage äußerst

romantisch. Auf der einen Seite der Vulkan, der fast die ganze Gegend

beschattet, auf der andern die sehr fruchtbaren Thäler des Plan de

Amilpas; in der Nähe mehrere reiche Haciendas, und das große Dorf

Zacualpan, von woher die Eisenwerke, deren Aufseher und Mechaniker

+Deutsche+ sind, mit gewöhnlichen Arbeitern versorgt werden. -- Ein

anstoßender Teich, den der oben erwähnte Felsbach stets gefüllt erhält,

vollendet das wirklich schöne Bild dieser in ihrem Ursprung +ganz

deutschen Anlage+. Hoch über derselben in der Nähe der Wasserleitung

fand ich auf den Feldern sehr vielen Obsidian, (bekanntlich eine

harte, schneidende, aber sehr spröde Lava-Verglasung) dessen sich die

Mexicaner vor der Eroberung, in Ermangelung des Eisens, zu ihren Waffen

sowohl, wie zu ihren Werkzeugen bedienten, und mit welchen letztern

sie Arbeiten in Stein ausführten, die uns jetzt, bei so unvollkommenen

Utensilien, unbegreiflich erscheinen. -- Da es auf dem Sitio am Tage

sehr heiß ist, so gewährt der stark abwärts strömende Felsbach, durch

die vielen Badestellen, die er bildet, oft eine große Erquickung, die

ich in jenen Tagen denn auch wahrhaft genoß. -- Die Nächte sind hier

aber kalt, und da wir unsere Schlafstellen, in einem noch unvollendeten

Gebäude, fast unter freiem Himmel hatten, so verursachte mir das eine

tüchtige Erkältung; sie dauerte aber nur so lange, bis wir in ~Tierra

caliente~ ankamen, wo sie, noch ehe die Sonne in der Mittagsstunde

alle ihre Rechte ausgeübt hatte, völlig weggeschwitzt war. Wir machten

uns nämlich am frühen Morgen auf den Weg, um eins der entfernteren,

in ~Tierra caliente~ gelegenen Eisen-Bergwerke zu besehen; wir kamen

dabei durch ein sehr schönes, großes Dorf, von ganz indianischem

Zuschnitt. Der dortige Geistliche, der uns gastfreundlich aufnahm, war

ein unterrichteter Mann und hatte eine recht hübsche Bibliothek, die

er, +so aufgeklärt+, vor dem Abfall vom Mutterlande wohl nicht hätte

besitzen dürfen! Ich fand darin unter andern auch Humboldts Werke,

in spanischer Uebersetzung, und als ich ihm meine Freude darüber

äußerte, daß er unsern großen Landsmann kenne, versicherte er, daß er

Niemanden höher schätze, und daß +er+ es gewesen sei, der in dem ersten

constituirenden Congresse darauf angetragen habe, +dem Baron Alexander

v. Humboldt das mexicanische Bürgerrecht zu decretiren+, was dann auch

geschehen sei!

Von hier ging es nun weiter durch fruchtbare Felder und freundliche

Indianer-Dörfer, deren zahlreiche Bewohner fröhlich und guter Dinge,

und gegen uns freundlich und gefällig waren;[12] die Hitze war sehr

groß und brachte, wie es schien, alles zur Reife und ins Leben. Der

unzähligen, kriechenden und fliegenden Insecten nicht zu gedenken,

sahen wir unter andern Tausende von Eidechsen an den Seiten des Weges

und Myriaden von Heimchen, deren Zirpen so laut ward, daß es die

Conversation übertäubte; auf den Räumen Kolibris aller Art, auch die

schönen, ganz weißen, und unter andern eine Gattung Singvögel, deren

schrillen Gesang ich nicht allein nie vorher gehört hatte, sondern auch

mit keinem andern zu vergleichen wußte. Einer aus unserer Gesellschaft

bemerkte scherzend, daß er diese Töne dem Klange des Zerschellens

dünner Glasflaschen, die einen Steindamm hinabgerollt würden, ähnlich

fände, und so seltsam es auch klingen mag, wir fanden, daß er nicht

ganz Unrecht hatte; wir nannten den Sänger nun den +Bouteillen-Vogel+,

und so oft ich ihn nachher wieder gehört habe, erschien mir der

Vergleich stets ein sehr passender.

Wir kamen jetzt nach einer Zucker-Hacienda, deren Eigenthümer uns

sehr zuvorkommend aufnahm, und uns ein gutes Frühstück bereiten ließ.

Das Wohnhaus war geräumig und in seiner inneren Einrichtung den

climatischen Verhältnissen angepaßt. Die Capelle (welche gesetzlich

auf jeder Hacienda seyn +muß+) war klein. Wir besahen nunmehr die

Zuckerfabrication, wobei für mich das Interessanteste war, daß

überall nur +freie Arbeiter+ zu sehen waren, und daß es mithin sich

als +unwahr+ ergiebt, wenn die Nordamerikaner der der südlichen

Provinzen und die englisch-, spanisch-und französisch-westindischen

Pflanzer behaupten, der Anbau der sogenannten Colonial-Producte, und

namentlich die Zucker-Fabrication, +könne nicht ohne Sclaven betrieben

werden+! -- +Mexico+ liefert den praktischen und faktischen Beweis des

Gegentheils. Hier ist z. B. eine Zucker-Plantage, die jährlich ungefähr

Eine Million Pfund Zucker in Broden durch freie Arbeiter liefert, und

es sind solcher Anlagen in diesen und anderen Gegenden der Republik

+noch viele+; nicht nur hinlänglich, um dem großen Bedarf an Zucker für

die eigene Bevölkerung zu genügen, sondern auch von den Häfen San Blas

und Acapulco aus, nach Chile große Quantitäten davon auszuführen, ohne

daß von Sclaven-Arbeit die Rede seyn +dürfte+. Denn was auch sonst die

Fehler der +mexicanischen+ Constitution seyn mögen, in +einem+ Stücke

ist sie der gepriesenen +nordamerikanischen+ weit überlegen, nämlich

darin, +daß sie die Menschenrechte ehrt -- und keine Sclaverei duldet+!

Es that meinem Herzen wohl, zu sehen, wie die Arbeiter auf jener

Hacienda (es war grade Zahltag) nach Hunderten als +freie+ Menschen

abgelöhnt wurden, -- und ich sagte mir: was in diesem Lande möglich

ist, ist es auch in andern, und es +muß+ daher auch in Westindien und

in Nordamerika dahin kommen, daß der Sclave zum freien Tagelöhner wird.

Das Zuckerrohr gewährt auf dem Felde, durch seinen blätterreichen,

üppigen Wuchs, einen schönen Anblick; wenn hinlänglich reif, wird es

abgehauen, auf kleinen Karren nach der Hacienda gefahren und in die

Mühle gebracht, woselbst drei aufrecht stehende Cylinder von Kupfer

das Rohr fassen und ihm einen Saft auspressen, der von da aus in große

Kessel läuft, wo er gekocht, geschäumt und in kegelförmige, irdene

Formen gegossen wird, in denen sich der Zucker krystallisirt. So kommt

er zum Verkauf und eine weitere Raffinirung findet in Mexico nicht

Statt. -- Der hiesige Zucker ist übrigens sehr stark von Korn und sehr

süß.

Die von der Hacienda nicht weit entfernten +Eisen-Bergwerke+ boten als

Merkwürdigkeit nur den auf den ersten Blick in die Augen springenden

Beweis dar, daß sie unerschöpflich sind, was das Erstaunen, daß sie so

lange unbeachtet geblieben, nur erhöhen kann. -- Einer der Aufseher,

ein Deutscher, hatte sich am Fuß des Berges, in der Nähe schattiger

Bäume und eines rieselnden Baches, eine aus zwei Abtheilungen

bestehende Hütte erbaut, deren Wände nur von Rohr waren, in welcher

er sich aber sehr behaglich zu fühlen versicherte; seine Flinte

brauchte er, trotz der isolirten Lage seiner Wohnung, nicht als

Vertheidigungs-Waffe, sondern bloß zur Jagd. Die Temperatur ist hier

äußerst angenehm, gemäßigt und gesund. -- Der Rückweg führte uns wieder

durch einige freundliche Dörfer, wo wir die Bewohner in friedlichen und

fröhlichen Gruppen den schönen Abend genießen sahen. Die Weiber saßen

dabei vor den Thüren, und beschäftigten sich mit häuslichen Arbeiten,

besonders mit Nähen, was die Mexicanerinnen viel und fleißig treiben.

Wir kamen erst spät am Abend auf den Sitio zurück, und traten schon

den nächsten Morgen unsere Rückreise nach Mexico an. Um diese etwas zu

variiren, hielten wir uns mehr in der Nähe des Gebirges, und sahen auf

diesem Wege manche fruchtbare Gegend und manches schöne, volkreiche

Dorf, mit stattlicher Kirche, die hier nie und nirgends fehlt. Zu dem

größten Flecken gelangten wir am zweiten Tage des Morgens, es war

Sonntag und, wie hier zu Lande üblich, deshalb +Markttag+, der, sehr

stark besucht, eine äußerst lebendige Scene darbot. Mais, Früchte

und Blumen aller Art, Baumwollen-Gewebe der eigenen Fabrication und

Nürnberger Spiegel, -- kurz +Alles+, selbst das heterogenste, ward zum

Verkaufe ausgeboten, und die Verkäufer, Landleute aus der Umgegend,

meist weiblichen Geschlechts, von allen Farben-Abstufungen und eben

nicht schön zu nennen. Der Marktplatz war sehr groß, wie ich ihn denn

überhaupt in allen Städten, Dörfern und Flecken, durch die ich in

diesem Lande gekommen bin, gefunden habe. -- Es mangelt eben hier noch

nicht an Platz, und man findet deshalb überall breite Straßen, große

Plätze und weitläuftige Anlagen, was der Gesundheit im Allgemeinen

gewiß sehr zuträglich ist.

Wir erreichten nun, auf unserer fortgesetzten Rückreise, Chalco, bei

guter Zeit am Nachmittage, und mietheten uns dort, um den andern Morgen

ganz früh in Mexico seyn zu können, ein Nachtboot aus dem Canale.

Die Pferde ließen wir uns nachbringen, fuhren des Abends um 7 Uhr

von Chalco ab und kamen, langsam genug, den nächsten Morgen um 8 Uhr

in Mexico an! -- Der Canal führt durch viel Moor- und Sumpfland, mit

hohem Schilf bewachsen und von unzähligen, geschwätzigen Wasservögeln

bewohnt, aber er führt auch bei der Annäherung an Mexico an mehreren

hübschen Dörfern und den viel besprochenen, +schwimmenden Gärten+

vorbei. Diese letzteren sind übrigens, was sie auch früher gewesen

seyn mögen, +jetzt nicht schwimmend+, sondern große, viereckige, den

Sümpfen gleichsam abgewonnene Stücke Landes, von Wasser umgeben und

durch kleine Zugbrücken unter einander und mit dem übrigen Lande

in Verbindung gesetzt, wie man sie in Holland gleichfalls häufig

antrifft. In kleinen darauf angebrachten Hütten wohnen Indianer, welche

in dem durch die Feuchtigkeit sehr fruchtbaren Boden, Gemüse und

Blumen ziehen, und auf dem Canal nach Mexico zum Verkauf bringen. Die

natürliche Beweglichkeit solcher Erdstücke im sumpfigen Boden mag wohl

die erste Veranlassung zu der allzu feenartig klingenden Benennung von

“+schwimmenden Gärten+” gegeben haben!

Der Canal geht durch mitunter enge Straßen, wo viele Gärber wohnen und

ihr nicht sonderlich wohlriechendes Gewerbe treiben, bis in die Mitte

der Stadt, woselbst wir landeten und so unsere Ausflucht nach dem Sitio

beendigten.

Mexico, den 17. Juni 1832.

“+Pfingsten+, das liebliche Fest war gekommen!”

Mexico in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833 · 第 7 / 19 段