gehen! Nun haben wir aber gerade jetzt das köstlichste Wetter, das Du
Dir denken kannst! Ich möchte daher auch vor Ungeduld aus der Haut
fliegen, es nicht auf dem Lande genießen zu können. Zum wahren Trost
gereicht mir unter diesen Umständen unser, gerade an mein Arbeitszimmer
stoßendes, Gallerie-Gärtchen, dessen Reichthum an wunderschönen
Cactus-Blumen, Amarillen und andern, in Europa theils seltenen, theils
unbekannten Pflanzen und Blüthen mir großen Genuß gewährt, obwohl ich,
wie Du weißt, kein so unterrichteter Botaniker bin, wie Du.
Ich kann jedoch auch in anderer Hinsicht nicht über Langeweile klagen,
denn ich bekomme täglich viel Besuch von meinen hiesigen Bekannten,
worunter manche mir sehr liebe Freunde, und so erfahre ich Alles, was
in der Außenwelt vorgeht. Auch ist Friedrich, dessen Gegenwart mir
allein +Euren+ Umgang einigermaßen ersetzen kann, von Vera-Cruz ganz
hergestellt zurückgekehrt, und hat mir, unter anderm, auch spätere
Briefe von Dir gebracht, aus denen ich mit Freuden Euer allerseitiges
Wohlseyn erfahre. -- Er hat eine ereignißvolle Zeit unten an der Küste
verlebt. Dem General Santa Anna nämlich war, während Fr.’s Aufenthalt
in Vera-Cruz, bei einem Ausfall mit nur einer Hand voll Leuten, ein
brillanter Coup gegen die Regierungs-Truppen unter Calderon gelungen;
er überrumpelte sie in Santa-Fé bei Nachtzeit und nahm ihnen die
Kriegscasse mitten aus dem Lager heraus, mit welcher er sodann im
Triumph nach der Festung zurückkehrte. Hiedurch noch kühner gemacht,
beschloß er einen weit stärkern Ausfall und förmlichen Angriff auf das
Belagerungs-Corps zu machen. Dies ist ihm aber schlecht bekommen, denn
als er Calderon, der wirklich schon auf Puente zurückfiel, durch einen
Seitenmarsch überflügeln und in den Rücken nehmen wollte, stieß er auf
dessen ganzes Corps, und mußte sich, ~bon gré mal gré~, am 3ten dieses
bei Tolome schlagen, wobei denn seine, den Gegnern weder an Zahl noch
Tactik gewachsene, kleine Armee fast gänzlich aufgerieben ward.
Obrist Landero blieb todt auf dem Schlachtfelde -- und Santa Anna
verließ es am Abend von nur zwei seiner Reiter begleitet, um schnell
die Stadt Vera-Cruz wieder zu erreichen! Dort kam er des Morgens um
4 Uhr an und hielt diesmal keinen +Triumph-Einzug+! -- So groß sind
aber sein Einfluß und seine günstigen Resourcen, daß es ihm schnell
gelang, ein kleines Corps wieder zu organisiren und seiner Parthei
neuen Muth einzuflößen, -- während Calderon, der, wenn er mit Energie
vom Schlachtfelde aus nur eine einzige Compagnie seiner Dragoner
nach Vera-Cruz detaschirt hätte, die von allen Truppen entblößte
Stadt genommen haben würde, keinen der errungenen Vortheile benutzte,
vielmehr seinen Truppen einen Rasttag gab und, mit der Schnelligkeit
einer deutschen Reichsarmee zu Friedrichs des Großen Zeiten, abermals
gegen die Mauern von Vera-Cruz anrückte, die er diesmal zu bombardiren
gedenkt.
Bei Tolome ward denn auch -- denke Dir! -- ein Landsmann von uns (der
Bruder unserer Freundin H.) gefangen genommen. Er war thörigter Weise
mit Santa Anna, mit dem er persönlich befreundet ist, als Volontair
ausgezogen, und commandirte eine Brigade Artillerie; er focht tapfer
genug und ergab sich erst nach verzweifelter Gegenwehr gegen drei
Dragoner, nachdem er am rechten Arm so verwundet war, daß er den
Degen nicht mehr halten konnte. -- Calderon ließ ihn vorführen und
wollte ihn erschießen lassen, weil, nach seiner Meinung, Fremde sich
in den +häuslichen Bruderzwist der Mexicaner+ nicht mischen sollten!
Er unterließ es jedoch, wahrscheinlich weil ihm einfiel, daß er
gleichfalls +Fremde+ in seiner Armee habe! -- Es dienen deren nämlich
mehrere von allen Nationen (obwohl nicht viele) in der mexicanischen
Armee. Der Ausgezeichnetste davon ist wohl unstreitig ein gewisser
Arago, ein französischer Artillerie- und Ingenieur-Officier, aber
auch er ist mit Santa Anna, und diesem eine große Stütze. -- H. ward
also, wie gesagt, nicht erschossen, sondern vorläufig in das Depot zu
Jalapa abgeführt, wo ihn Friedrich besuchte und nach besten Kräften
mit dem für den Augenblick Nothwendigsten unterstützte. -- Der Vorfall
ist uns Deutschen hier in der Hauptstadt sehr unangenehm; was ist aber
zu machen? -- Wir bemühen uns nun, gegen das Versprechen ihn aus der
Republik zu schaffen, seine Freiheit zu erlangen.
Die Täuschung des Gouvernements, welches bei der ersten Nachricht der
Schlacht von Tolome, in dem Glauben einen entscheidenden Sieg errungen
und die Revolution unterdrückt zu haben, bereits an alle Staaten des
Innern in diesem Sinne geschrieben hatte, war groß, -- das kannst Du
Dir denken, -- aber sie sollte noch größer werden. Tampico, der zweite
Hafen von Wichtigkeit an der Ostseite, hatte sich gleichfalls für Santa
Anna und gegen das Gouvernement erklärt. Dieses befahl nun sofort
dem, in St. Luis Potosi commandirenden, der Regierungspartei gänzlich
ergeben geglaubten, General Moctezuma, unverzüglich an die Küste zu
marschiren und Tampico zu nehmen, und was geschieht? -- Er kommt
wirklich mit seinen Truppen vor dem Hafen an, parlamentirt mit der
Garnison, empfängt eine von dieser und dem Magistrat an ihn abgesandte
Deputation und -- +geht zu der Gegenparthei über+, obgleich ihm der
Ausgang der Schlacht bei Tolome bereits bekannt war!
Wenn man solche Dinge sieht und bedenkt, daß die Regierung die beiden
wichtigsten Finanz-Resourcen, die Douanen von Vera-Cruz und von Tampico
verloren hat, so kann man ja bei dem besten Willen nicht anders als
glauben, daß die revolutionaire Parthei endlich die Oberhand behalten
muß und wird. -- Man scheint indessen im Minister-Conseil noch
keinesweges nachgeben zu wollen. Vera-Cruz soll durchaus beschossen
werden. Beide Häfen sind in Blockadestand erklärt, und um das Maaß
der Chicanen und Hindernisse für den Handel voll zu machen, giebt der
Congreß so eben das unsinnige Gesetz, allen Briefwechsel mit Vera-Cruz
und Tampico zu verbieten. Ich nenne das Gesetz deshalb ein unsinniges,
weil es nicht durchzuführen ist, da auf Umwegen, freilich mit nicht
unbedeutenden Extra-Kosten, immer Briefe abgesandt und erhalten werden
können. Es erschwert indessen den Handel und schadet ihm, ohne dem
Gouvernement auch nur im mindesten zu nutzen.
Durch diese sich täglich häufenden Erschwernisse der Geschäfte sehe ich
mich leider an der Ausführung meiner Lieblingsidee, schon in diesem
Frühjahr wieder zu Euch zurückzukehren, verhindert, und muß Dich jetzt
schon darauf vorbereiten, daß ich vor November an die Rückreise nach
Europa nicht werde denken können. -- Deine Täuschung hierüber kann
nicht größer seyn, als die meinige! Aber -- die +Pflicht+ gebeut, und
da müssen die +Wünsche+ schweigen; -- sie waren sonst heute lebhafter
als je! Habe ich nöthig Dir zu sagen warum? Ich feierte +Deinen
Geburtstag+ still und einsam -- aber in treuer inniger Liebe!
Mexico, den 11. April 1832.
Freue Dich mit mir, ich bin von den Krücken zum Stock avancirt und kann
und darf wieder ausgehen; auch habe ich es bereits benutzt und bin auf
dem Paseo (Promenade) den man Las Vigas nennt, gewesen. Hier ist in
dieser Jahrszeit die modische Zuflucht der ~beau monde~ von Mexico, sie
wechselt dreimal im Jahre, im +sogenannten+ Winter (einen eigentlichen
hat man hier nicht) ist es die Alameda; im Frühjahr ist’s der Paseo
Las-Vigas, und im Sommer der eigentliche große Paseo. Die Alameda habe
ich Dir bereits beschrieben, und von Las-Vigas habe ich nur zu sagen,
daß es eine, etwa eine englische Meile lange, Allee ist, welche längs
des Canals von Chalco hinführt. Die angränzende Gegend bietet, wie
überhaupt die unmittelbare Umgebung von Mexico, keine Naturschönheiten
dar, man hat an beiden Seiten flaches Land, ohne Baum- und Buschwerk.
Der, von langen, breiten Böten oft stark befahrene, Canal auf der
einen Seite, und die zahlreichen Equipagen, Reiter und Fußgänger auf
dem Paseo selbst, geben der Scene aber doch ein heiteres Leben; -- die
Böte auf dem Canal insbesondere gewähren oft einen recht amüsanten
Anblick, wenn sie, gefüllt mit Landleuten, welche Blumen nach der Stadt
bringen und nun auch ihre Häupter damit bekränzen, einher fahren, oder
wenn von der niedern Classe der Städter Spazierfahrten auf dem Canal
veranstaltet werden, bei welchen hier und da, in den Böten, ein junges
Paar einen National-Tanz nach der Guitarre abhüpft und der Rest darüber
herzlich lacht. -- Solche Volksvergnügungen sind aber hier zu Lande
weit minder lärmend, als bei uns; das liegt im Charakter der Mexicaner,
der, so weit ich ihn habe kennen lernen, ein +stiller+ und +milder+ ist.
Der Baumwuchs auf diesem Paseo ist nicht so schön wie der in der
Alameda, aber die Berggruppen im Hintergrunde, mit den über alles
emporragenden Schneekuppeln der beiden Vulcane, geben der Aussicht hier
etwas eigenthümlich pittoreskes, wovon ich aber keine Beschreibung zu
unternehmen wage. -- Du mußt Deine Einbildungskraft dabei zu Hülfe
nehmen!
Eine andere Spazierfahrt, welche ich seit meiner Erlösung vom
Hausarrest gemacht habe, war nach Chapultepec und Tacubaya, ungefähr
eine deutsche Meile von der Stadt. --Ersteres ist ein nördlich von
Mexico gelegenes Schloß, welches auf einem ziemlich hohen, aber einzeln
in der Ebene sich erhebenden, Felsen gebaut ist, und den ehemaligen
Vicekönigen zur Sommer-Residenz diente. Obgleich jetzt, wie die
meisten Monumente aus jener Zeit, im Verfall, nimmt es sich doch noch
immer sehr gut aus. An der einen Seite, am Fuß des Felsens, ist ein
~soit-disant~ botanischer Garten angelegt, in halb maurischem, halb
altholländischem Style, terrassenförmig, mit engen Treppen und schmalen
Wegen, die mit blau und weißen Porcellanplatten belegt sind u. dgl.
m. Es ist aber alles in einem so vernachlässigten Zustande, daß es
jetzt sehr wenig Interesse mehr darbietet. An der andern Seite ist
ein ziemlich großer Raum, innerhalb der das Ganze umgebenden Mauer,
als Park ausgelegt, in welchem sich einige der schönsten Bäume und
namentlich der stärksten Cypressen befinden, die ich je gesehen habe;
eine, welche jetzt noch den Namen der Montezuma-Cypresse führt, und
also jetzt wohl 400 Jahre alt seyn muß, besteht aus drei Stämmen, die
an der Wurzel über der Erde nur +einen+ bilden, der Stamm hat hier 41
Fuß im Umfang! Der Baum ist sehr hoch und noch in voller Kraft; eine
andere ganz einstämmige Cypresse mißt 38 Fuß im Umfang! Durch diese
Baumgruppen bildet sich denn manches liebliche, Schatten gewährende
Plätzchen, an deren einem wir, im traulichen Cirkel mehrerer Freunde
und Freundinnen, ein recht gemüthliches Stündchen zubrachten. -- Von
hier fuhren wir nach dem kleinen Flecken oder Städtchen Tacubaya, am
Fuß des hohen Gebirges, über welches der Weg nach Toluca und dem Norden
führt. In dem, abermals ~Fonda francesa~ benannten, Wirthshause fanden
und genossen wir ein gutes Frühstück und ergingen uns nachher ein wenig
mit den Damen in dem anstoßenden, mit Rosen gleichsam überschütteten,
Gärtchen, dessen Anlage übrigens wenig Geschmack verrieth. Unter
Deiner Anleitung wäre, bei dieser Vegetation, etwas ganz anderes daraus
geworden.
An dem einen Ende des Orts steht der erzbischöfliche Pallast, der
aber jetzt unbewohnt und mithin, wie bei solchen Gelegenheiten
immer, vernachlässigt und im Verfall ist. -- Es ist sonst ein recht
stattliches Gebäude, liegt auf einer kleinen Anhöhe und hat von dem
Altane des Saals aus eine reizend schöne Aussicht auf die Stadt Mexico.
Der sehr große Garten dieses Pallastes ist übrigens, trotz dem, daß
hier ein Gärtner wohnt, der die Aufsicht darüber hat, eben so sehr
vernachlässigt wie das Gebäude. Es ist ein wahrer Jammer, da Unkraut
und Verfall zu sehen, wo mit geringer Sorgfalt ein kleines Eden
stehen könnte, ehedem vielleicht stand, wenigstens nach den damaligen
Begriffen von der Schönheit der Garten-Anlagen.
Hier muß ich Dir doch eine Anekdote erzählen, die als Beleg der schon
mehrmals gerügten Spielsucht des mexicanischen Volks dienen kann.
Während wir nämlich im erzbischöflichen Garten waren, überfiel uns
ein ziemlich starker Regenschauer, wir flüchteten ins Haus und da
wir voraussahen, etwa eine Stunde warten zu müssen, ehe das Wetter
vorüberzöge, schlug einer aus der Gesellschaft vor, des Spaßes wegen,
eine Monte-Bank (das hier zu Lande übliche Hazardspiel) aufzulegen;
wir frugen den Gärtner, ob er Karten im Hause habe, und die fehlten
auch wirklich nicht. Als wir uns nun so die Zeit vertrieben und mit
Realen (dem achten Theil eines Peso oder Dollars) pointirten, kam der
Gärtner, der natürlich wußte, daß wir Karten spielten, mit Weib und
Kindern, (letztere wie gewöhnlich halb nackt) zu uns heraus und warf,
~sans façon~ sich in die Gesellschaft drängend, einen Peso zum Einsatz
hin. Um den Mann nicht zu beleidigen hielten wir ihm denselben; als
er aber, nachdem er den Dollar verloren hatte, eine Unze (Goldstück
von 16 Dollars Gehalt) auf den Tisch warf, gaben wir es ihm zurück und
verbaten uns seine Gesellschaft ~in toto~, was er auch weiter nicht
übel zu nehmen schien, indem er mit Frau und Kind wieder abtrollte,
wahrscheinlich mit herzlicher Verachtung der +Fremden+ (dies waren die
meisten von uns), die nicht einmal den Muth hatten mit seiner Unze in
die Schranken zu treten!
Das Wetter klärte sich sehr bald wieder auf und wir machten uns, theils
zu Pferde theils zu Wagen, auf den Rückweg nach der Stadt, wo wir,
zufrieden mit unserer heutigen Landparthie, gegen Abend wohlbehalten
anlangten.
Der Weg von Chapultepec nach Mexico führt längs der großen und
wichtigen Wasserleitung, welche die Stadt mit dem schönsten, reinsten
Trinkwasser versorgt, und auch die vielen Springbrunnen in der Alameda
und auf dem großen Paseo mit dem nöthigen Wasser versieht. -- Dieser
Aquaduct wird von dem Fuß der nahen Gebirge hergeleitet, ist sehr
solide gebaut, und hat über 900 stark gemauerte, breite Bogen, von
häufig 10 bis 12 Fuß Höhe, über welche das Wasser offen, d. h. ohne
Bedeckung, hinfließt und sich dann in der Stadt in Reservoirs ergießt,
woselbst es von einer eignen Classe von Indianern, die man Aquadores
nennt, in steinernen Krügen geschöpft und nach den Wohnhäusern gebracht
wird.
Mexico, den 24. April 1832.
Es geht mir zwar fortwährend besser mit meinem Fuß, aber doch langsamer
als ich gedacht und, noch vor Kurzem, gehofft hatte. Ich brauche nun
heiße Bäder, die zwar sehr angreifend sind, von denen ich aber doch
eine gute Wirkung verspüre. Man hat diese nämlich hier ganz in der
Nähe, etwa eine halbe deutsche Meile von der Stadt, und was das Wasser
betrifft, in großer Vollkommenheit; es strömt aus heißer Quelle,
armdick, mit 42 Grad Reaumur Wärme in’s Bad und ist mithin anfänglich
abschreckend heiß, man gewöhnt sich jedoch bald daran und ich habe
es bereits so weit gebracht, daß ich die Strömung ¼ Stunde lang auf
den leidenden Theil des Fußes aushalten und eine ganze Stunde im Bade
verweilen kann. Die Empfindung, welche man gleich darauf beim Ausruhen,
auf der hölzernen Ruhebank schlummernd, fühlt, ist unbeschreiblich
angenehm und behaglich. Die Einrichtung der Badstuben ist übrigens
herzlich schlecht, d. h. verfallen und vernachlässigt; Tisch, Bank und
Ruhebett, alles vom gemeinsten Holz zusammengefügt; das Bad selbst in
Stein +ausgemauert+ und die Zellen klosterartig und dunkel! Sicherlich
haben Mönche den Bau dirigirt. Das Gebäude bildet ein ziemlich großes
Viereck und hat in der Mitte des Hofes eine Capelle. Man nennt es
Peñon, nach dem daranstoßenden Hügel dieses Namens, und liegt hart
an dem bekannten großen See Tescuco, dessen Ufer flach, seicht und
nichts weniger als schön sind. Er ist aber reich an kleinen Fischen,
von deren Fang und Verkauf in der Stadt sich eine Menge Indianer
ernähren, die ihre Wohnung in den Höhlen des besagten Hügels haben.
Ich bin in einer derselben gewesen, und werde das Bild, ich darf sagen
das +gräßliche Bild+, welches ich hier sah, gewiß in meinem Leben
nicht vergessen. Die Höhle war zwar ziemlich geräumig und der Eingang
groß und offen, aber es waren auch nicht weniger als 15 Familien, aus
mehr als 50 Individuen, vom Greis bis zum Säugling, bestehend, darin
gelagert, alle im Stande der Natur und beschäftigt, den Bedürfnissen
derselben in jeder Weise zu genügen. Hier und da brannte ein Feuer,
an welchem einige der rohesten Nahrungsmittel bereitet wurden, auf
welche die rundum liegenden Erwachsenen und Kinder mit gierigem
Heißhunger zu warten schienen. Man konnte deutlich bemerken, daß
hier zwar ein Zusammenwohnen vieler Menschen, aber keine Gemeinschaft
der Güter stattfand. -- Außer den kärglichsten Nahrungsmitteln und
einigen Fischernetzen war freilich auch nichts vorhanden, was eine
Gütergemeinschaft hätte bilden können, denn fast Alle gingen ganz nackt
und hatten auch nicht die mindeste Bekleidung um und an sich, was bei
der schmutz-kupferfarbigen Hautfarbe für ein europäisches Auge kein
sehr appetitlicher Anblick war. Alle schienen jedoch, obgleich auf der
untersten Stufe der menschlichen Bildung, fröhlich und guter Dinge zu
seyn. -- Meine Erscheinung in der Höhle brachte die ganze Masse in
Bewegung; alle drängten auf mich ein, sich etwas zu erbetteln, ich gab
was ich bei mir hatte, es reichte aber nicht aus und ich hatte viele
Mühe, mir die schmutzigen Gestalten vom Leibe zu halten und meinen
Rückzug zu bewerkstelligen!
* * * * *
So wären wir denn nun schon bis zu den Ostertagen vorgerückt, die
ja auch bei Euch in die bessere Jahreszeit fallen und in so vieler
Hinsicht ein fröhliches Fest bilden. Hier begeht man dasselbe freilich
sehr verschieden. Am Donnerstage schon beginnt die kirchliche Feier
und von des Morgens 10 Uhr an darf, während zweimal 24 Stunden, weder
Wagen noch Pferd in den Straßen seyn, damit ja nichts die stille Feier
des Charfreitags unterbreche. An diesem Tage nun strömt Alles nach
den Kirchen, die Menge des Volks in denselben ist ungemein groß, und
es macht einen sehr seltsamen Eindruck, die Masse von halbnackten
Indianern, Léperos u. s. w., gleichzeitig neben den reich gekleideten
Herren und Damen, in dem Tempel auf den Knien liegen zu sehen. Am
Abend sind ganze Reihen von Buden und Hütten auf dem großen Platz
vor der Cathedrale aufgeschlagen, die, mit vielem Reichthum von
Laubwerk und Blumen ausgeschmückt, sich bei der Beleuchtung zahlreicher
bunter Lampen, recht schön ausnehmen; sie werden von den mittleren
Volksclassen, zu ganzen Familien gemeinschaftlich, besucht, die es
sich dort, oft den ganzen Abend über, wohl seyn lassen, obgleich an
diesem Tage +keine andere als kühlende Getränke, wie z. B. +Limonade+
u. dgl. verabfolgt werden dürfen+. -- Früher lustwandelten hier auch
die Damen in großem Staat; dies war aber diesmal nur sehr spärlich
der Fall. Ob das nun Folge der politischen Unruhen des Landes ist,
oder ob, wie einige wollen, der Gebrauch aus der Mode kommt, wage ich
nicht zu entscheiden! Am Sonnabend Morgen wird dann in der Cathedrale
die sogenannte Gloria mit schöner Kirchen-Musik begangen, worauf, mit
dem Schlage 10 Uhr, Lärm und Getöse in allen Straßen losbricht; die
Equipagen, als ob sie sich für den langen Stillstand entschädigen
wollten, stürzen hervor und galloppiren nach allen Richtungen der
Stadt, Feuerwerke werden losgebrannt und der arme +Judas+ muß, in
unzähligen Formen und Gestalten mitten in den Straßen aufgehängt, den
Feuertod erleiden, wobei denn die guten Bürger Mexicos nicht ermangeln,
hie und da, statt eines Judas, die unverkennbare Figur irgend eines
ihnen verhaßten Mannes im Amte, zu hängen und zu verbrennen. Ein
Pariser könnte hier auch ausrufen: ~tout comme chez nous!~ was aber
nicht ~comme chez nous~, doch komisch genug ist, das ist der Spaß, den
sich die Léperos bei dieser Gelegenheit mit den Hunden machen, die sie
auf folgende Weise in die Luft schnellen. Je zwei und zwei stellen sich
an die Straßen-Ecken und legen ein Seil quer über, welches sie mit
solcher Geschicklichkeit anzuziehen verstehen, daß kein Hund, sei er
auch noch so schnell und behende, ungeschnellt darüber wegkommt. Die
Thiere scheinen dies zu ahnen und flüchten unter allgemeinem Geheul in
die Häuser, bis die Zeit ihrer Quälerei vorüber ist.
Von dem Kirchenfeste auf Ostern schweige ich, denn es ist eben so
wie in andern katholischen Ländern, nur daß in beiden Ostertagen die
Paseos besonders elegant und stark besucht sind, versteht sich von
selbst. Am ersten Feiertage ward aber die Auffahrt durch eins jener
starken Gewitter auseinander gesprengt, die sich hier, in dieser
Jahrszeit, oft sehr schnell und unerwartet, einstellen und von heftigen
Regengüssen begleitet sind. Der Donner ist dabei lauter, als ich mich
je erinnere ihn in Europa gehört zu haben; ein Schlag insbesondere war
am vorigen Sonntag fast betäubend, und blieb auch nicht ohne betrübende
Folgen; einer der ersten Zollbeamten ward auf seinem Posten vom Blitz
erschlagen!
Nun habe ich Dir wieder so viel und so vielerlei erzählt, daß ich fast
befürchte Dich damit zu ermüden; ich kann Dir aber nur von nur und
meinem Thun und Lassen sprechen, so lange ich keine Briefe von Dir
zu beantworten habe, und dies ist leider noch immer der Fall, denn
die Unterbrechung der Communication mit der Küste hält alle Briefe
von Europa, die wie die meinigen nach Vera-Cruz addressirt sind,
zurück. Wir haben schon mehrere Male das Gouvernement petitionirt,
doch bis jetzt ohne Erfolg. Noch gestern sprach ich darüber mit dem
Vice-Präsidenten (Bustamante) dem ich vorgestellt ward, und obgleich
er mir Hoffnung machte, daß das Gesetz, welches die Correspondenz mit
Vera-Cruz verbietet, bald zurückgenommen werden würde, so glaube ich
doch nicht daran; es hängt nicht einmal von ihm ab, sondern muß von dem
Congreß ausgehen, und dort sitzen gar viele eigensinnige Ultras. Der
Herr Präsident empfing mich übrigens sehr höflich und war artig genug,
mir zu sagen, “daß man in Mexico die Deutschen allen anderen Nationen
vorzöge, daß er sehr bedaure, daß der würdige preußische Generalkonsul
(Geh. Rath Koppe) die Republik jetzt verlasse,” und mehreres andere,
worauf man bei meinen Erfahrungen keinen zu hohen Werth mehr legt.[9]
Bustamante ist ein Mann von 40 Jahren, von kurzer untersetzter
Statur und hierin, so wie in Wesen und Manieren, von Santa Anna sehr
verschieden, auch glaube ich nicht, daß er die zum Staats-Oberhaupte
erforderlichen Eigenschaften besitzt, obwohl er ein guter Soldat seyn
soll.
Und nun genug für heute, ich sende Dir dies Schreiben durch einen
Freund, der uns morgen verläßt, um nach Europa zurückzukehren. -- O
daß ich ihn begleiten und Dir das Körbchen, welches ich ihm für Dich
mitgebe, selbst überbringen könnte. Ich hoffe, es soll Dir Freude
machen, obwohl es keinen anderen Werth hat, als daß es ans einer
Cocusnuß verfertigt ist, die ich für Dich mit eigenen hohen Händen auf
der Insel Hayti vom Baume brach; den etwas plumpen silbernen Reif und
Henkel hat ein +mexicanischer+ Silberschmidt gemacht. Doch ich muß
endlich einmal schließen. Lebe wohl.
Mexico, den 31. Mai 1832.
Ich kann ja wohl mein heutiges Schreiben mit keiner Dir lieberen
Nachricht anfangen, als damit, daß ich Dir sage, wie ich gestern
von einer Reise zurückgekehrt bin, auf welcher ich 5 bis 6 Tage
hintereinander, täglich 8 bis 10 Stunden, zu Pferde gesessen, und
daß ich mich trotz dem so wohl befinde, wie man es nur thun kann! Du
siehst also, daß mein Beinbruch als geheilt zu betrachten ist, und
daß Du Dir darüber weiter keine Sorge zu machen brauchst. Die kleine
Reise, von der ich rede, war übrigens sehr interessant, ich bin auf
der entgegengesetzten Route von Vera-Cruz abwärts in ~Tierra caliente~
(heiße Zone) und ~Tierra templada~ (gemäßigte, aber doch wärmer, als
das Thal von Mexico) gewesen und habe manches Merkwürdige gesehen
und mich gut unterhalten. Wir kamen bis in die schauerliche Nähe des
ungeheuren Berges Popocatepetl! Aber auch hier dachte ich an Euch
und stellte Vergleiche an mit dem disseits und jenseits, die alle zu
Gunsten des Letzteren ausfielen!
Ich lege Dir eine kleine Relation dieser Ausflucht bei und hoffe,
daß sie Dich amüsiren wird; was Dir darin allenfalls zu trocken und
geschäftlich erscheint, interessirt vielleicht einen oder den andern
von den Freunden, denen Du sie zu lesen giebst.
~P. S.~ vom 4. Juni 1832.