zwei Reihen hoher, mit Colonaden versehener Häuser an den beiden
übrigen Seiten, bilden ein Viereck, wie ich kein größeres in irgend
einer Stadt von Europa gesehen habe, und dieser Platz, wo bei großen
Feierlichkeiten die militairischen Revüen, wie auch geistliche
Processionen u. dgl. m. gehalten werden, würde in der That +ungemein+
groß seyn, wenn ihm nicht an einer Seite, durch eine Reihe von
Kaufmanns-Buden, welche der Parian genannt sind, und durch die vor
einigen Jahren stattgehabte Plünderung derselben eine traurige
Celebrität erlangt haben, ein beträchtliches Stück abgewonnen wäre.
-- Die Cathedrale ist zwar im Innern bei weitem nicht so reich
ausgeschmückt, wie jene von Puebla, aber dennoch schön und viel größer
als jene; von Außen ist das Gebäude imponirend, symetrisch und zum
Theil im gothischen Styl ausgeführt, namentlich die an der linken
Seite unter Cortes selbst erbaute Capelle; an der entgegengesetzten
Seite ist der etwa 10 Fuß im ☐ große Stein mit dem berühmten
altmexicanischen, hieroglyphischen, von den Europäern aber nicht
entzifferten, Sonnen-Kreis eingemauert. -- Die Cathedrale, so wie sie
ist, muß man schön nennen. Dies kann man aber von dem erstgenannten
National-Pallast nicht sagen! Dieser ist zwar lang -- (er nimmt die
ganze eine Seite des Vierecks ein) aber nur zwei Stock hoch, mit einem
~entresuelo~, oder einer ~Mansarde~. Das Gebäude imponirt deshalb nicht
genug, und ich wundere mich in der That, daß die vormaligen Vice-Könige
Spaniens sich keine prachtvollere Residenzen erbaut haben, da es ihnen
doch an Vorbildern dazu -- in der Stadt Mexico selbst nicht mangelte
und noch weniger an dem dazu erforderlichen Gelde. -- Den linken Flügel
des Pallastes, dessen Salons geräumig, und wenn auch einfach, doch ganz
geschmackvoll meublirt sind, bewohnt jetzt der Präsident der Republik.
Der übrige Raum ist durch die verschiedenen Bureaus aller
Administrationszweige occupirt, und der Präsident hat es in dieser
Hinsicht ganz bequem, denn während der Geschäftsstunden sind ihm
die Herren Minister immer zur Hand, was er denn auch, wie man sagt,
benutzt, indem er sie häufig zu sich berufen läßt. Auch die Säle
für die Deputirten-Kammer und den Senat sind durch einen Anbau in
den Höfen des Pallastes so angebracht, daß der Präsident aus seinen
Zimmern über die Hof-Gallerie dahin gehen kann. Sie zeichnen sich
durch Zweckmäßigkeit und Eleganz aus. -- Das Local des Senats ist zwar
etwas klein, aber jenes für die Deputirten läßt in der That nichts
zu wünschen übrig. Der Saal ist groß, geräumig, hell und so hoch,
daß ringsum zwei Reihen Gallerien für die Zuhörer angebracht werden
konnten. (Die Sitzungen werden hier öffentlich gehalten, und nur bei
geheimen Beratungen geschlossen). Die Bänke sind amphitheatralisch
gestellt und haben Raum für mehrere Hunderte. Dem diplomatischen Corps
ist eine eigene Loge eingerichtet. Die Sitze der Deputirten gehen
in einem Halbzirkel um den Thron herum, unter dessen Baldachin zwei
gepolsterte Armstühle stehen, wovon, bei Eröffnung und Schließung des
Congresses, der zur +Rechten+ von dem Präsidenten der Kammer, der zur
+Linken+ von dem Präsidenten der Republik eingenommen wird. In den
gewöhnlichen Sitzungen nimmt der Präsident der Kammer seinen Platz
neben den Secretairen, an der, vor dem Throne stehenden, großen Tafel.
Die Fußböden sind mit Teppichen belegt und die ganze Decoration ist
geschmackvoll. An beiden Seiten des Saales sind Zimmer angebracht, in
welchen sich die Deputirten, unter sich oder mit Andern, die sie etwa
herausrufen lassen, besprechen können.
Wenn ich nun dieser etwas weitläufigen Beschreibung des Pallastes noch
hinzufüge, daß die Parthie gleicher Erde in Hauptwachen, Magazine
für Pulver und Kriegsvorräthe und in Gefängnisse vertheilt, und daß
über dem Haupt-Eingange in der Mitte ein Thürmchen angebracht ist,
auf welchem die National-Flagge (grün, roth und weiß mit dem Adler im
weißen Felde) weht; so habe ich in der That alles gesagt, was darüber
zu sagen ist und hoffe, Du wirst Dir ein ziemlich richtiges Bild davon
machen können. -- Die Münze, das Museum und einige andere öffentliche
Gebäude habe ich noch nicht besucht und berichte darüber ein andermal.
Die Beschreibung meiner eigenen Wohnung interessirt Dich ja wohl
ohnehin mehr, als alle andern und ich gehe daher zu dieser über.
Die Mehrzahl der gewöhnlichen Häuser und namentlich das, welches wir
bewohnen, haben einen viereckten Hofraum (~Patio~) in der Mitte, in
welchem auch die Stallung für die Pferde angebracht ist. -- Der untere
Theil des Hauses ist, in der Regel, Geschäfts-Local, Waaren-Magazin
u. s. w. Keller hat man hier nicht, da der Boden, auf welchem Mexico
steht, einem der früher hier gewesenen Seen abgewonnen ist und da, in
der Regenzeit, das Wasser von unten herauf bis an die Fußböden der
Magazine steigt. -- Die Wohnung ist im zweiten Stock. Die Zimmer sind
luftig, freundlich, oft groß und schön; die Fenster reichen bis zum
steinernen Fußboden herab und öffnen sich häufig auf einen Balcon nach
der Straße hin; über dem Patio, ringsum, läuft eine Gallerie, die nach
den Zimmern führt und gewöhnlich mit schönen Cactus-Pflanzen und andern
Blumen besetzt ist und statt des Gartens dient. Dieser Gebrauch macht
das Innere des Hauses sehr freundlich, denn die Gewächse blühen das
ganze Jahr hindurch; unser Gärtchen ist z. B. jetzt mit allem versehen,
was Auge und Nase erquicken kann. -- Das Ameublement richtet sich ja
überall, und somit auch hier, nach den Umständen des Bewohners. Einige
Häuser sind sehr elegant meublirt und decorirt; das unsrige ist recht
gemüthlich und ich vermisse in demselben nichts, als das wohlthätige
“Schalten und Walten der Hausfrau.” Ich arbeite in meinem hübschen
Zimmer, vorne heraus, und empfange die formelleren Besuche in einem
daran stoßenden Salon, wie z. B. gestern den Minister Alaman, dem ich
mein Empfehlungsschreiben von Herrn v. Humboldt eingesandt hatte und
der darauf hin zuvorkommend genug war, mir den ersten Besuch zu machen.
Oben auf der ~Azotea~ (dem flachen Dache, welches hier alle Häuser
haben) hält man sich denn wohl, -- wie z. B. ich -- zum freundlichen
Andenken an deine Liebhaberei -- Hühner, Kalkuten und Tauben die
Menge, und wir freuen uns beim Frühstück der frischen Eier von der
eignen Zucht! -- Das werdet Ihr zu Hause wohl recht nett und auch
ganz begreiflich finden, gewiß aber minder so, daß +hier oben+ auch
der Kettenhund liegt, der “Haus und Hof getreu bewacht,” und doch ist
es so. Dies geschieht nämlich um der flachen Dächer willen, welche das
Uebersteigen von einem Hause ins andre, und somit das Berauben von
+oben herab+ sehr leicht macht, während man von +unten+ her, wo der
Eingang wohl verwahrt ist, und der Pförtner neben der Pforte seine
Wohnung hat, nichts befürchtet.
Mexico, den 29. Januar 1832.
Durch die vielen Expressen, welche von dem Gouvernement nach der Küste
gesandt werden, mehren sich die Schreib-Gelegenheiten nach Europa und
ich benutze sie, um mit Dir zu plaudern und Dich von allem was vorfällt
unterrichtet zu halten.
Die Regierung will nun sehr strenge Maaßregeln gegen die Vera-Cruzaner
Revolution nehmen, wird sie aber, nach meiner Meinung, nicht
durchsetzen können; denn während z. B. der Congreß den Hafen von
Vera-Cruz für geschlossen, also in Blokadestand erklärt, ermangelt
die Regierung aller Marine, um einem solchen Beschlusse Folge zu
geben, und Schiffe kommen und gehen somit, nach wie vor. -- Man will
sodann Vera-Cruz von der Landseite belagern, beschießen, mit Sturm
nehmen u. s. w.; aber das ist alles leichter gesagt als gethan, und
ich bin überzeugt, das Gouvernement überschätzt +seine+ Kräfte und
unterschätzt jedenfalls die des Feindes. Da ich noch kürzlich die
Vertheidigungsmittel der Vera-Cruzaner an Ort und Stelle selbst gesehen
habe, so kann ich mich oft nicht genug wundern über die Verachtung,
mit der man hier davon spricht; man scheint sich vorsätzlich darüber
täuschen und selbst Augenzeugen nicht glauben zu wollen. Was nun
aber die übrigen Ressourcen Santa Anna’s betrifft, so vergißt man,
wie mich dünkt, daß er sich nicht allein im Besitz der bedeutendsten
Douanencasse der Republik, sondern auch in dem des wichtigsten Hafens
derselben befindet, und von dort aus mit Europa und den vereinigten
Staaten von Nordamerika communiciren und von diesen letzten schnell
alle seine Bedürfnisse beziehen kann. Beschränkt er sich also auf die
Defensive, so wird es schwer halten ihm etwas anzuhaben, besonders
da zu seiner Bezwingung nur noch wenige Monate übrig sind; im Monat
Mai können die Truppen vom Hochlande das Küsten-Clima schon nicht
mehr vertragen. Inzwischen -- die Zeit wird es lehren! -- Hier
aber, in der Hauptstadt, ist mittlerweile Alles ruhig, man geht und
fährt spatzieren, und besucht Theater, Stiergefechte und Tertullas
(Gesellschaften) als ob von keiner Revolution die Rede wäre. Daß ich
das Alles ~cum grano salis~ mitmache, kannst Du denken, denn das ist ja
nun einmal so der Lauf der Welt, daß man thut wie Andre thun!
Der gewöhnliche Spatziergang hier ist nach der, an dem nördlichen Ende
der Stadt gelegenen Alameda, wohin ich des Morgens vor dem Frühstück
gehe und einen oder den andern Bekannten treffe (Friedrich reitet dann
wohl eine Strecke Weges außerhalb der Stadt) und ich wiederhole die
Promenade am Abend, wo es oft sehr voll und belebt ist. Diese Alameda
ist ein großer, von einer niedrigen Mauer umzäunter, mit Gitterthoren
versehener, aber für jedermann offener, viereckter Platz, der im
Innern für Fußgänger park- und gartenartig, im alten Styl, angelegt
ist. Der Baumwuchs ist hier schön, mitunter sehr hoch, und das Laub
muß im Sommer einen angenehmen Schatten verbreiten; grade jetzt ist
alles wieder im frischen Ausschlagen, wie bei uns im Mai. In der Mitte
des Gartens ist ein großer, hier und da ein kleinerer Springbrunnen
angebracht, welche ihr Wasser von der berühmten, hier vorbeilaufenden
Wasserleitung empfangen, von der ich ein andermal sprechen werde. --
Die große Fontaine bildet das Centrum, von wo aus sich die hinlänglich
breiten Gänge nach allen Richtungen ziehen, und das ganze Viereck
umgiebt ein schöner Fahrweg für die Equipagen und Reiter. Hier nun
bewegt sich, etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang, die Beaumonde von
Mexico und fährt oder geht dann um die Zeit der Oracion[8] zurück, um
für den übrigen Theil des Abends, nach eingenommener Tasse Chocolade
(oder, wie bei uns der Fall, einer Tasse Thee) Theater, Oper oder
Gesellschaft zu besuchen.
Das Schauspiel und die italienische Oper sind hier nicht schlecht;
die spanische Declamation gefällt mir sehr wohl und es wird mit
vieler Decenz gespielt. Garderobe und Decorationen sind reich
und geschmackvoll und das Costüm meist richtig gewählt. Bei der
italienischen Oper sind einige Künstler des ersten Ranges angestellt,
die man von Europa hat kommen lassen, und die sehr hoch salarirt
werden, was deshalb geschehen kann, weil das Gouvernement die Oper
jährlich mit 20,000 Pesos unterstützt! Etwas zu viel für eine Republik,
die noch so manches Nothwendigere zum Wohl des Landes zu thun und
zu unterstützen hat! Das Ballet ist das mindest Vollkommene ans der
hiesigen Bühne; inzwischen geht es doch noch, was aber das wenigst
Gute von allem ist und weder von außen noch innen den Erwartungen
entspricht, die man davon in einer großen Hauptstadt zu hegen
berechtigt ist, das ist +das Haus selbst+! Die Logen haben übrigens
nichts desto weniger oft ein ganz brillantes Ansehen, wenn viele Damen
gegenwärtig sind, denn diese kleiden sich geschmackvoll und reich;
-- Eheherren und Papas wollen behaupten +zu reich+! Hieran sind denn
aber die Herren selbst schuld; denn nirgends in der Welt zieht man die
Kinder der besseren Gesellschaft wohl systematischer zur Putzsucht
heran als hier, wo ich sie im Alter, in welchem sie eben erst gehen und
stehen gelernt, nach allen Regeln des Pariser Mode-Journals aufgeputzt
gesehen habe!
Ein wahrer Greuel im hiesigen Theater ist aber doch das Rauchen von
Cigarren, welches im Parterre und Parket von fast Jedermann geschieht,
was für Nichtraucher, wie mich, höchst unangenehm ist. Früher
schmauchten die Damen in den Logen ihre Papier-Cigarren nicht minder;
jetzt nimmt diese fatale Sitte doch etwas ab und man sieht es nur noch
ausnahmsweise -- aber man sieht es doch noch!
Beim Stiergefechte, nun ja, da laß ich mir das Rauchen noch gefallen;
da sitzt man doch im Freien; hier ist’s sogar vielleicht gut
angebracht, denn hier ist, wie Du denken kannst, die Gesellschaft sehr
gemischt! Es gewährte mir übrigens eine angenehme Ueberraschung, als
ich zum erstenmale eintrat in jenen großen Circus, das rege Gewühl
der Tausende von Zuschauern aller Farben zu sehen, wie sie, in ihrer
bunten, den Regenbogen an Farbenmischung überbietenden, aber nicht
ungefälligen Nationaltracht, in vier bis fünf übereinanderlaufenden
Reihen von Logen da saßen, in gespannter Erwartung der Dinge, die
da kommen sollten! Diese Spannung theilte denn auch ich sehr bald
mit allen Uebrigen und freute mich, als die anwesende Militairmusik,
durch das Aufspielen eines Marsches, die Ankunft der Kampfrichter kund
that. Es dauerte nun nicht lange, so rief die Trompete, auf Befehl
der Richter, zwei Caballeros zu Pferde, mit Lanzen bewaffnet, auf den
Kampfplatz! Ein zweiter Trompetenstoß öffnet das Thor, aus welchem der
bereits gereizte Stier wüthend hervorstürzt.
Beim Anblick der beiden Reiter stutzt derselbe und wählt sich einen
aus, dem er sich muthig entgegenstellt. Der Reiter darf ihn nur von
vorne angreifen, und darf ihm keinen Stoß beibringen wenn der Stier
ihm den Rücken wendet, oder ausweicht. Dies thut das Thier aber nur
selten, öfter faßt es das Pferd von der Seite und streckt es sammt
dem Reuter in den Sand, wobei denn nicht selten dem Pferde die ganze
Seite durch die Hörner des Stiers aufgerissen wird. Der zweite Kämpe
rettet nun den gefallenen Cameraden vor der Wuth des Stiers dadurch,
daß +er+ den Kampf aufnimmt. Nachdem sich das Thier auch mit diesem
herumgequält und mehrere Lanzenstiche empfangen hat, wird es durch
einen Trompetenstoß von +diesen+ Feinden erlös’t, und einer Anzahl
Kämpfer zu Fuß überliefert, welche den Stier auf alle Weise, durch
Vorhalten rother Tücher u. dgl., necken und reizen und ihm dabei
Widerhaken mit bunten Bändern, oder auch mit Feuerwerken, in den
dicken, vor Wuth angeschwollenen, Nacken stecken, deren Abbrennen ihn
oft so betäubt, daß er zuletzt ganz stille steht und den Ausgang ruhig
abwartet! Ein abermaliger Trompetenstoß macht auch dieser Quälerei ein
Ende -- und bringt den Hauptmann, den +Matador+ (Todtschläger) auf den
Kampfplatz. Dieser, in phantastisch-eleganter Kleidung, in seidenen
Strümpfen und Schuhen, mit einem rothen Tuch und einem langen, graden
Schwerdte versehen, reizt nun mit ersterem den Stier, sucht grade auf
ihn einzudringen und versetzt ihm dann den Stich in den Nacken, der
ihn fast augenblicklich zusammenstürzen macht. Zeigt das Thier noch
einiges Leben, so giebt ihm der beistehende Schlächter den Gnadenstoß
mit einem kurzen Messer, und er wird nun von seltsam aufgestutzten,
bebänderten Pferden, unter frohlockender Musik und Volksjubel, von dem
Platze hinweggezogen! Hanswürste, die bei solchem Specktakel ja nie
und nirgends fehlen, eilen herbei, bedecken die blutigen Stellen mit
frischer Erde und bereiten die Scene für den nächsten Stier, dem ebenso
mitgespielt wird! Dies wiederholt sich an demselben Nachmittage fünf
bis sechsmal. Endlich wird zum Schluß ein Stier, mit Kugeln auf den
Hörnern, dem Volke preisgegeben, und von einer Masse von Knaben und
Burschen, die nun in den Circus springen, zu Tode gehetzt, obwohl nicht
ohne Gefahr, daß einige von ihnen, wie oft geschieht, von dem wüthenden
Thiere in die Luft geschleudert werden und einige Rippen zerbrechen.
Da ich diesem Schauspiel mehr als einmal beigewohnt habe, so finde ich
für nöthig, hinzuzufügen (um nicht in den Verdacht einer blutdürstigen
Natur bei dir zu kommen) daß die Beschreibung grausamer klingt, als die
Sache selbst erscheint! Das Recht der Selbstverteidigung, welches dem
Stier gelassen wird, und dessen er sich in vollem Maaße bedient, nimmt
der Scene das Ansehen der Grausamkeit. Stiergefechte sind übrigens
hier, wie in Spanien, Volkssitte, und diese heiligt Alles!
Mexico, den 21. Februar 1832.
Ich habe Dir zwar in den letzten drei Wochen nicht geschrieben, aber
Deiner darum nicht weniger in Liebe und Sehnsucht gedacht! Wann thäte
ich das auch nicht? -- Ich hatte diesmal aber noch eine besondere
Veranlassung dazu; denn nie sehnt man sich ja mehr nach den entfernten
Lieben, als vom Schmerzenslager aus; und auf diesem habe ich leider
gelegen, und bin noch immer nicht ganz davon erstanden. Kaum war
nämlich mein letzter Brief an Dich gesiegelt und expedirt, so sollte
(es war ein schöner heiterer Sonntag) ein Spazierritt aufs Land gemacht
werden, die Pferde waren gesattelt und warteten unserer im Hofe, der
leider nicht gepflastert, sondern mit steinernen Platten (Fliesen)
belegt ist. Ich bestieg mein Pferd zuerst, griff den Zügel etwas
kurz, das Thier bäumte sich, glitschte mit beiden Hinterfüßen auf den
glatten Steinen aus, und fiel um! Leider kam ich dabei nicht aus dem
Sattel, sondern fiel mit dem Pferde, welches mit seiner ganzen Schwere
auf mein linkes Bein zu liegen kam, und es nicht wenig quetschte. Als
ich nun unter dem Pferde hervorgezogen ward, konnte ich nicht stehen
noch gehen, sondern mußte hinauf getragen werden, nach einem Wundarzte
schicken, mir Aufschläge und Bandagen anlegen, und mich vorläufig aus
der Cavallerie ausstreichen lassen. -- Gebrochen scheint nichts zu
seyn, aber die Knöchel sind stark gedrückt und das Fußgelenk ist ganz
steif und geschwollen. Ich fürchte daher, es wird eine langwierigere
Sache werden, als der Arzt anfangs glaubte, der mir nach den ersten
acht Tagen erlaubte, ja mich sogar aufmunterte, nach dem Pferderennen
zu fahren. Ich hätte wohl besser gethan, das zu unterlassen; indessen,
da ich nun einmal dort war, so will ich Dir auch ein paar Worte davon
sagen.
Dies Pferderennen ist, nicht ohne große Kosten, durch einen Verein von
Ausländern (hauptsächlich Engländern) und Mexicanern in Gang gebracht
worden, und wird etwa eine Meile von hier aus einer Haide gehalten. Der
Weg dahin führt an der berühmten, auf einem hohen Felsen romantisch
gelegenen, Capelle ~de nuestra Señora de Gouadaloupe~, (wovon ich
später, wenn ich einmal da gewesen bin, wohl auch etwas zu erzählen
haben werde) vorbei. Die Rennbahn ist in gerader Linie abgesteckt, und
am Ende derselben sind Buden mit erhöhten Sitzen für die Zuschauer
angebracht. Die Bahn ist nicht über 3 bis 400 Schritte lang, denn man
behauptet, daß hier oben, (der feinen, dünnen Luft wegen) kein Pferd
einen Wettlauf von mehr als 500 Schritt würde aushalten können (?).
-- Die bei dem hiesigen Rennen concurrirenden Pferde sind alle von
mexicanischer Zucht, stark und schnellfüßig, aber ohne Schönheit und
Grazie, und mit den edelgeformten englischen Wettrennern (~racehorses~)
eben so wenig zu vergleichen, als das Wettrennen selbst mit denen
in England, wo es Nationalsitte ist und Tausende von Zuschauern
heranzieht, während sich hier nur eine sehr mäßige Zahl von Menschen zu
Pferde und zu Wagen versammelt, um das Schauspiel mit anzusehen. Unter
denen, die da waren, ward jedoch auf gut mexicanisch stark gewettet.
Leider bildeten sich dabei zwei Partheien, eine englische und eine
mexicanische, und da die erstere gewann, so machte dies übles Blut bei
den Eingebornen, was gerade jetzt um so mehr zu bedauern ist, als die
Politik ohnehin schon von Seiten der theokratisch-altspanisch gesinnten
Gouvernements-Parthei, eine Spannung gegen die +Fremden+ hervorbringt.
Da diese nämlich der Meinung sind und sie ohne Rückhalt äußern, daß
die Mittel, welche der Regierung zu Gebote stehen, nicht hinreichend
seien die Revolution in Vera-Cruz zu unterdrücken, und daß somit
Santa Anna siegen werde, so wirft man ihnen vor, daß sie es mit den
Insurgenten halten, ohne einzusehen, daß dafür kein vernünftiger Grund
vorhanden ist, da den handeltreibenden Fremden (und andere giebt es
hier nicht) mit dem Bestehen der einmal eingeführten Ordnung der Dinge
weit mehr gedient ist, als mit Revolution und Bürgerkrieg. -- Es
handelt sich hier aber nicht um das was man wünscht, sondern um das
was wahrscheinlich der Fall seyn wird, und da kann man denn doch nicht
blind gegen das Factum seyn, daß die Regierung, trotz aller Anstrengung
des Kriegsministers Facio, nicht mehr als drei tausend Mann hat
zusammen bringen können, um gegen Vera-Cruz anzurücken! -- Damit nimmt
man aber, nach meiner Meinung, keine Stadt, welche Hafen und Festung
zugleich ist, an Nichts Mangel leidet und von 1500 Mann unter einem
Chef vertheidigt wird, der den anderen Generalen an Talent überlegen
ist, und dessen Truppen gut genährt und unter Obdach einquartirt sind,
während die Gegenpartei, wenn sie Vera-Cruz belagern will, in einer
Sandwüste bivuakiren muß, und in der bereits so weit vorgerückten
Jahreszeit dem Einfluß der climatischen Fieber preisgegeben ist. --
Trotz alle dem will man’s versuchen und am 10. März einen Angriff
auf Vera-Cruz wagen! -- ich glaube aber an keinen Erfolg und bin
der Meinung, daß man unverrichteter Sache wird abziehen müssen.
Mittlerweile häufen sich die Schwierigkeiten der Communication zwischen
hier und Vera-Cruz gar sehr, und +Friedrich+ ist daher eigens dahin
gereis’t, um sich mit unsern Freunden an der Küste über die Maaßregeln
zu besprechen, die im Interesse des Geschäfts genommen werden müssen,
falls sich die Verhältnisse noch mehr verwickeln sollten. Er ist
Courier geritten, was hier zu Lande von jüngeren Männern häufig
geschieht, hat aber leider einige Stationen vor Jalapa einen Unfall
gehabt, der ihm leicht das Leben hätte kosten können; das Pferd rannte
nämlich mit ihm durch eine enge und niedrige Hofthür, wodurch er sich
an Kopf und Knie sehr stark verletzte. Ich habe jedoch -- Gottlob --
Nachricht, daß er, nach einigen Tagen Ruhe in Jalapa, die Reise von
dort nach Vera-Cruz per Litera fortgesetzt hat, wo ihn denn das, in
solchen Fällen sehr heilsame, heiße Clima bald wieder ganz herstellen
wird.
Hier hast Du denn einen Brief, der mit Reiter-Unfällen von Vater und
Sohn anfängt und schließt. Gebe der Himmel, daß ich Dir deren keine
ähnliche mehr zu schreiben haben möge. Lebe wohl.
~P. S.~ So eben erhalten wir Briefe von der Küste und ich damit, zu
meiner großen Freude, auch die Deinigen, wenn gleich nur bis zum
7. November reichend, aus R.. -- Gottlob, daß ihr alle wohl und so
vergnügt seid, als es die herbe Trennung zuläßt. Du sagst mir, daß
die Ankunft meiner Briefe jedesmal ein Fest für Euch sei, schließe
denn daraus auf meine Freude beim Empfang der Deinigen! Es findet
übrigens jetzt doch eine ganz eigentümliche Correspondenz zwischen uns
statt! -- Die Briefe vom 7. November, die Du, in Deinem europäischen
Norden, gewiß schon unter dem Einfluß bedeutender Kälte geschrieben
hast, eröffne ich bei dem schönsten Frühlingswetter, wo mir Veilchen,
Reseda und Rosen entgegen duften. Meine heutige Antwort darauf erhältst
Du, wenn die Natur bei Euch erst höchstens Aehnliches hervorbringt,
und doch werden dann wieder gut zwei Monate verflossen seyn! Aber --
die Welt ist groß und die climatischen Verhältnisse sind sonderbar
gemischt; die hiesigen sind indessen gut, und so weit ich es bis jetzt
beurtheilen kann, würden sie +Dir+, da Du, obgleich ein Kind des
Nordens, doch weit mehr dem Süden angehörst, sehr behagen. Mir ist das
Clima überall so ziemlich Nebensache. Dennoch fange ich schon an die
Luftwärme, besonders diejenige Temperatur, die sich der +Hitze nähert+,
ohne sie +zu seyn+, der kalten und frostigen Atmosphäre bei uns weit
vorzuziehen.
Mexico, den 21. März 1832.